RomanEin Jahr in der Vorhölle

David Mitchell ist einer der besten englischen Romanciers, aber sein neuer Roman erreicht nicht ganz die Höhe der vorigen. von Hubert Winkels

David Mitchell ist einer der erfolgreichsten und, um es gleich vorweg zu sagen, einer der besten englischen Romanautoren der Gegenwart. Der Mann kann einfach alles, denkt man schon nach der Lektüre seines ersten Romans Chaos. Er umfasst neun kurze Romane, die in acht verschiedenen Ländern spielen und sich in den Motiven kreuzen und spiegeln. In Mitchells drittem Roman Wolkenatlas (nach seinem zweiten bis heute nicht übersetzten number9dream, der nur einer Figur durch ein fantastisches, an Murakami erinnerndes Tokyo folgt) hat Mitchell sein Prinzip der Vervielfältigung auf die Zeitachse ausgedehnt. Sechs ganz verschiedene Geschichten vom historischen Seefahrerabenteuer in der Südsee (19. Jahrhundert) über den politischen Thriller um ein Atomkraftwerk an der amerikanischen Westküste (20. Jahrhundert) bis in die postapokalyptische ferne Zukunft. Sechs Geschichten, sechs Genres, sechs Helden, sechs Länder, sechs Zeiten, und von der Mitte des Buches an das Ganze wieder in die Gegenrichtung: von der Zukunft zurück ins 19. Jahrhundert. Aufbau und Struktur sind genuin modern, die Erzählweise der einzelnen Teile genrespezifisch konventionell, das Gesamtbild wirkt entsprechend postmodern.

Das Phänomenale bei dieser Versuchsanordnung ist die mitreißende Kraft der sprachlich jeweils ganz verschieden erzählten Einzelstücke. Wie kann einer das können, ein Dutzend Figuren in ihrer Weltsicht, in Dialogen und zudem in tausend Details ihrer Zeit und ihres Milieus so lebensecht zu inszenieren, dass wir sie glauben, auch wenn die Machart immer erkennbar gehalten wird? So gab es denn auch kaum einen Kommentar zu David Mitchells Romankunst, der nicht von »Bauchrednerei« handelte, von der speziellen Fähigkeit, die (Erzähl-)Stimme zu vervielfältigen und immer neu zu intensivieren. Und es fiel, durchaus anerkennend, das heikle Wort vom »globalen Roman«. Doch was ist das?

David Mitchell ist 1969 in der englischen Provinz geboren, lehrte an einer japanischen Universität, zog für ein Jahr nach Irland und lebt heute wieder in Hiroshima. Seine Romansujets verteilen sich über den Globus, und er wird inzwischen weltweit gelesen. So weit, so gut, doch »globales Schreiben«, das klingt so ambivalent wie der Begriff »global« generell. Er beinhaltet neben Vielfalt eben auch eine gewisse Indifferenz, Verflachung, beziehungsloses Nebeneinander und schwach profilierte Gemeinsamkeit. David Mitchell spielt mit dieser Gefahr und begegnet ihr mit starkem Genrebezug. Er verwandelt Geografie und Geschichte vornehmlich in literarische Tradition, also Melville und Conrad statt Südsee und 19. Jahrhundert. Im englischen Titel seines ersten Romans klingt all das sehr schön an: Ghostwritten.

Und nun Der dreizehnte Monat. Ein gutes Jahr im Leben eines dreizehnjährigen Jungen in der englischen Provinz, den südlichen Midlands, vor kurzem wegen der katastrophalen Überschwemmungen in allen Nachrichten. Mitchell hat also die Enge gewählt, Zeit und Ort klar abgesteckt, als ob er sich eine Antiglobalisierungskur hätte verordnen wollen: das Jahr 1982, die durchgehende Perspektive des frühpubertären Jason Taylor, Ortswechsel maximal bis Celtenham oder Oxford, Familie, Nachbarn, Schule, Straße, überschaubares Personal, bekannte Konflikte, ungemischte Gefühle. Selbst der Wald, für Kinder ein Ort fantastischer Weitungen, entpuppt sich schließlich als grüne Grundstückstrennungszone. Ein Terrain, wie ausgeschnitten dafür, die eigene Stimme zu suchen, die durchgehende, die Originalstimme des begnadeten Bauchredners?

Tatsächlich wählt das Stimmengenie David Mitchell zumindest thematisch gegenläufig einen sprachbehinderten Jungen zum Helden seiner Geschichte, einen Stotterer. Und mehr als das, dieser jugendjargonpflegende Jason Taylor ist auch noch ein verkappter Lyrik-Schwerenöter; er veröffentlicht heimlich und unter Pseudonym Gedichte im Kirchengemeindeblättchen. Wenn er nämlich mit sich selber spricht, vorliest und dichtet, dann stottert er nicht mehr. Allerdings ist Dichten neben Stottern ein weiterer schwerer Makel im Milieu halbstarker Teenager, brutaler Schläger und gemeiner Opportunisten, eine »schwule« Angelegenheit, und sie käme bei Entdeckung einem sozialen Todesurteil gleich. Jason Taylor lebt also eine Art Doppelleben als Dichter und schwach nur toleriertes Mitglied einer dorfjugendlichen Kriegsgemeinschaft.

Und weiter noch führt uns Mitchell in die Urgründe des wahrhaftigen Sprechens. Eins von dreizehn Kapiteln gehört nämlich einer alten belgischen Exilantin namens Eva de Crommelynck (die wir als jugendliche Schönheit schon aus Wolkenatlas kennen), die im Pfarrhaus wohnt und Jasons Gedichte ans Pfarrblättchen weitergegeben hat. Als er sie eines Tages besucht, geraten sie in ein tiefes Gespräch über die Wahrheit des Schreibens, die Wahrheit in der Kunst. Definieren lasse sie sich nicht, aber aufrichtig und ohne Formeln zu sagen, was man leidet, ist ihre Voraussetzung. Womit der Grundstock gelegt ist für eine autobiografische Geschichte, die aus dem Dichter einen Erzähler macht. Am Ende schreibt Jason Taylor den Anfang des Kapitels, das wir soeben gelesen haben. Er ist in einer selbstreflexiven Romanschleife zum Schriftsteller geworden.

Damit hätte David Mitchell also in seinem vierten Roman den Weg beschrieben zu jener Stimme, die das Stottern überwunden hat, aber noch nicht beim versierten Bauchreden angekommen ist. Eine schöne logik- und harmoniesuchende Lesart des Romans im Kontext des gesamten Mitchell-Universums. Doch das ist noch nicht die ganze Wahrheit. Tatsächlich lässt sich David Mitchell wiederum von seinem vielfältigen Talent verführen und zeigt uns in einer Serie von dramatisch zugespitzten Anekdoten das ganze Spektrum von pubertären Verwirrungen, Existenzängsten, moralischer Orientierungssuche, erwachenden Lüsten, Feigheit, Mut und schlussendlicher Belohnung. Er zeigt es in jedem Einzelbild nahezu perfekt, er findet die Klammern, er gibt kein Motiv verloren, er bindet jeden losen Faden wieder ein ins Ganze.

Die Scheidung der Eltern bildet eine Art Rahmen des Romans. Eingelagert sind traumhafte Passagen, in denen Jason die irre Rede einer alten Frau weiterspinnt. Merke: Die Trennung von Fantastischem und Realem ist noch nicht stabil. Oder der atemlos erzählte Initiationsritus der geheimen Spooksbande, die wie manches andere an die deutschen Wilden Kerle- Bücher erinnert. Oder die Begegnung mit der vielfach geächteten Zigeunergruppe, die die scheinheiligen Bürger auf die Palme bringt und Jason etwas über Außenseiter lehrt. Oder die heftige Kirmesepisode, bei der Jasons grobschlächtiger Feind zum Krüppel wird: ein Tribut an die Idee der höheren Gerechtigkeit …kurz, Mitchells Roman zerfällt wiederum in eine Vielzahl von Einzelerzählungen, deren jede so perfekt durchgeformt, sprachlich glänzend und moralisch lehrstückhaft daherkommt, dass man ihnen die Bewunderung nicht versagen kann. Das geht so weit, dass sogar einzelne der dreizehn Kapitel in sich selbst wiederum nach dem Reihenmuster der perfekt inszenierten Episoden aufgebaut sind.

Im Kleinen also wiederholen sich die Stärke, aber auch die mitlaufende Schwäche der Mitchellschen Schreibweise. Perfekt trifft er die Rhetorik rotziger Teenager, den schmutzigen Ton. Und dem Übersetzer Volker Oldenburg gelingt dies meist ebenfalls, wenn auch das Deutsche oft umständlicher wirkt. Mitchell verstärkt den mündlichen Duktus durch ständige Kursivierungen, gestattet sich aphoristische Weisheiten nur, wenn sie den poetischen Geschmack jugendlicher Übertreibungen haben, und vor allem fährt er das ganze aufs Jahr 1982 bezogene politische (Thatcher und Falklandkrieg), popkulturelle (Duran Duran, Talking Heads) und sportliche (John McEnroe gegen Jimmy Connors) Inventar auf, das Dreizehnjährige erstmals als Teil ihrer quasinatürlichen Umwelt wahrnehmen.

Und doch wird man bei all dem Beeindrucktsein das Gefühl nicht los, ein grandioser Bänkelsänger zeige uns auf einer Reihe wunderbar gefühlsecht gemalter Tafeln, wie das so war, das Leben der Jugend von gestern. Und genau dieses Gefühl von Übersicht über eine herrlich ausstaffierte Zeit- und Seelenlandschaft hindert uns daran, tatsächlich in die Haut jenes Stotterers Jason zu schlüpfen und seine Not von innen zu spüren. Verkürzt gesagt: Die Mitchellsche Romanmaschine selbst ist nicht in der Lage, ein Stottern zu inszenieren. Die Konversion von Schwäche in Stärke kann ihr nicht gelingen, weil sie auch instrumentell jede Schwäche meidet. Deshalb ist Der dreizehnte Monat ein guter, aber kein überragender Roman. Er ist kein Gegenstück zur muskulösen Alleskönner-Prosa Mitchells, er ist deren Fortsetzung am anderen Sujet. Hoch anzurechnen ist Mitchell indes der Verzicht auf jegliche Fänger im Roggen- Teenager-Psychedelik. Es ist eben 1982!

Der dreizehnte Monat ist mit seiner hintergründigen moralischen Botschaft auch ein gutes Jugendbuch. Wirklich ungerecht ist das Schicksal nie. Die Bösen sind am Ende verletzt, bestraft oder von der Schule geflogen, der Stotterer ist akzeptiert bis hin zum ersten Zungenkuss (die Überwindung der mündlichen Hemmung), und dass sich die Eltern scheiden lassen, setzt andererseits den Emanzipationsprozess erst richtig in Gang. Ein starkes Stück zweifellos, Der dreizehnte Monat, aber eben nur das.

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    • Schlagworte Literatur | Roman
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