Finanzmärkte Das neue Empire
London ist das Finanzzentrum der Welt, weit vor New York und Frankfurt. Daran ändert auch die jüngste Krise nichts.
Peter Mullen liebt die Zeremonie. Nachdem der letzte Orgelakkord verhallt ist, steht er auf und besteigt seine Kanzel. Mit Bedacht wirft er einen abschließenden ernsthaften Blick auf seine kleine Gemeinde, die hinter den Gläsern seiner Lesebrille verschwimmt. Es sei eine besonders christliche Woche gewesen, beginnt er seine Predigt, gerade hier in der City of London. »Tausende von Menschen haben um ihre Ersparnisse gebangt und sich geduldig in die langen Schlangen eingereiht. Sie fühlten sich machtlos und ausgeliefert«, und das seien sie auch gewesen, meint Peter Mullen.
»Wir alle sind dem internationalen Finanzsystem ausgeliefert, das wir selbst mit unserem Vertrauen geschaffen haben«, ruft er mit dunkler Stimme in das Kirchenschiff. »Und wir haben uns daran gewöhnt, dass dieses System Jobs und Wohlstand schafft, dass wir uns neue Stereoanlagen kaufen können und verreisen können, und dann erleben wir auf einmal, wie es Unsicherheit und Not schafft.« Peter Mullen spricht von dem Run auf die Northern-Rock-Bank, einen britischen Baufinanzierer. Dem liefen in der vergangenen Woche die Kunden mit ihren Ersparnissen davon. Für den Pfarrer der St.-Michaels-Kirche ist der Run ein Ausdruck der Erbsünde. »Der menschliche Instinkt ist es, selbstsüchtig zu sein«, doziert er ruhig von der Kanzel herab. Er macht niemandem einen Vorwurf. »Die vergangene Woche hat uns gezeigt, was für einen Preis wir manchmal dafür bezahlen müssen. Deswegen müssen wir beten und die Liebe Gottes annehmen, sonst sind wir verloren!« Dann setzt der Kirchenchor ein. Mozart.
Für die anglikanische Kirche hütet Peter Mullen quasi das Geld. Seine St.-Michaels-Kirche steht mitten in der City of London – dem wichtigsten Finanzplatz der Welt. Wenn er also von Fehlbarkeit und Selbstsucht spricht, dann meint er Eigenschaften, die ihm von seinen »Schäfchen« nur allzu vertraut sind. Sie prägen seine Gemeinde vermutlich mehr als jede andere auf der Welt.
Die City ist nicht größer als ein Dorf. Nicht einmal 10.000 Menschen wohnen hier. Aber mehr als 200.000 arbeiten in dieser Zentrifuge des Geldes, deren Kräfte die entlegensten Winkel der Erde erreichen. Rund ein Viertel des gesamten internationalen Devisenhandels wird hier abgewickelt, 2006 waren es mehr als 800 Milliarden Dollar. Jeden Tag werden außerbörsliche Derivate im Wert von 643 Milliarden Dollar gehandelt, jedes Jahr Rohmetalle im Wert von 3.000 Milliarden Dollar verkauft. London ist der am stärksten globalisierte Handelsplatz der Welt.
Ganz konnte der Sturm auf den Finanzmärkten nicht an der City vorbeigehen. Bislang traf er aber nur eine unbedeutende Hypothekenbank, ebenjene Northern Rock. Andere Banken werden ihren Sturmschaden später melden, spätestens die Bilanzen fürs dritte Quartal werden das zeigen. Trotzdem ist eines gewiss: Wenn der Wind, der aus faulen amerikanischen Immobilienkrediten aufstob, endgültig abgezogen ist, wird sich an der Stellung der City in der globalen Finanzwelt nichts geändert haben. Sie ist und bleibt die Nummer eins.
Der Aufstieg der City of London in den vergangenen 25 Jahren hat die britische Volkswirtschaft grundlegend verändert. Als er begann, war Großbritannien der »kranke Mann Europas«. In den siebziger Jahren lag das Bruttoinlandsprodukt unter dem der DDR, und die Maschinen in den Fabriken liefen nur an drei Tagen in der Woche, weil die Kumpels in den Kohlegruben streikten und es nicht genug Kohle gab, um Strom zu erzeugen. Dann kamen Margaret Thatcher und eine Wirtschaftspolitik, die zwei Leitmotive hatte: Privatisierung und Deregulierung.
Im Jahr 1986 erreichte Thatchers Politik die City. Zunächst wurde der Parketthandel an der Londoner Börse elektronisiert. Die Provisionen der Makler werden seither im freien Wettbewerb bestimmt. Auch ausländische Banken durften fortan nahezu alles in der City. Von denen gab es in London schon damals viele, vor allem japanische und amerikanische, nur waren sie vom lukrativsten Geschäft, dem Handel mit Eurobonds, ausgeschlossen – bis zum Big Bang im Jahr 1986. Mit ihm wurde der Welt über Nacht das Tor zum europäischen Kapitalmarkt geöffnet. In kürzester Zeit war nichts mehr wie früher. Feine englische Handelsbanken, Familienunternehmen mit traditionsgeladenen Namen wie Warburg, Fleming, Kleinwort Benson wurden von amerikanischen und europäischen Großbanken übernommen. Statt mit der Finanzierung des Handels verdienten sie das meiste Geld nun mit Kapital. Das Investmentbanking schaffte den Durchbruch.
Inzwischen lässt die Londoner Börse sogar den Erzrivalen, die Wall Street, jedes Jahr ein Stückchen weiter hinter sich. 2005 wurden an der London Stock Exchange (LSE) 43 Prozent des internationalen Aktienhandels abgewickelt, in New York 31 Prozent. Auch bei den Neunotierungen liegt die LSE vorn. 17,2 Prozent aller Börsengänge fanden im Jahr 2006 in London statt, 16,8 Prozent an der Wall Street. In London gibt es mehr ausländische Banken als in New York, der Versicherungsmarkt ist mittlerweise fast doppelt so groß.
Dem Land tut das gut. Denn der Big Bang hat die ganze Wirtschaft durchgerüttelt. Noch Mitte der achtziger Jahre erwirtschaftete die Industrie mehr als 25 Prozent des britischen Bruttosozialprodukts und stand für mehr als 30 Prozent aller Jobs. Heute arbeiten in Industrie und Baugewerbe nur noch knapp 15 Prozent der Briten, aber mehr als 20 Prozent im Finanzsektor und mehr als ein Drittel in anderen Branchen des Dienstleistungssektors, die direkt von der City abhängen.
Während Großbritanniens Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen 20 Jahren um 66 Prozent wuchs, legte die City um 158 Prozent zu. 2006 erwirtschaftete sie sogar schon zwölf Prozent des Bruttosozialprodukts. Wenn also vom britischen Wirtschaftswunder die Rede ist, müsste man eigentlich vom Wunder der City sprechen.
Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Im Jahr 2020 könnte die City bereits für ein Fünftel der britischen Wirtschaftsleistung sorgen, schätzen Volkswirtschaftler vom Institute for Fiscal Studies. Die Frage ist: Stützt sich das Land zu sehr auf einen Pfeiler, dessen Stabilität von London aus kaum noch zu garantieren ist?
»Es stimmt, in der Welt des globalen Kapitals gibt es immer mehr unsichere Mitspieler, deren Entscheidungen fatale Folgen haben können«, sagt Saskia Sassen. »Aber«, gibt die Soziologin aus Chicago zu bedenken, »die globalisierte Welt wird sich eigene Gesetze schaffen, die außerhalb der Gerüste von Nationalstaaten Gültigkeit besitzen.« London sei auf diese neue Form internationaler Autorität bestens vorbereitet. »Nirgends gibt es dieselbe globalisierte Kultur und das Talent, diese Gesetze zu bestimmen und aus verschiedenen nationalen Geschäftspraktiken heraus neue globale Praktiken zu definieren.«
Wer das Foyer der Deutschen Bank in London betritt, sieht eine extreme Vision des 21. Jahrhunderts. Denn im Winchester House hängt eine monumentale Arbeit des US-Künstlers James Rosenquist. The Swimmer in the Econo-mist (»Der Schwimmer im Ökonomen-Nebel«) ist 20 Meter lang. Eine knallbunte Darstellung der nächsten 90 Jahre ist das, in denen der physische Raum virtualisiert wird und sich die Menschen dem halsbrecherischen Tempo ständiger wirtschaftlicher Veränderung unterwerfen müssen. In seiner monströsen Farbenpracht lässt Rosenquist die Frage offen, ob wir uns auf diese Welt freuen oder sie fürchten sollten. Lord Aldington, Chef der Deutschen Bank in London, sagt: »Es gibt keinen besseren Ort für dieses Gemälde.«
Die Deutsche Bank beschäftigt fast 8.000 Menschen in London. Und für die Bilanz des Konzerns ist es mit Abstand der wichtigste Standort. Allein im zweiten Quartal wies das von London aus gesteuerte Investmentbanking Erträge in Höhe von 3,1 Milliarden Euro aus und war wieder einmal die treibende Kraft für das gute Konzernergebnis.
In seinem Büro im siebten Stock erklärt Charles Aldington dann, warum die City so gut für das 21. Jahrhundert gerüstet sei. Warum es keinen besseren Ort auf der Welt gebe, um globale Finanzgeschäfte zu machen. »Mit dem Wachstum des britischen Welthandels wurde London auch das Zentrum eines internationalen Kapitalmarktes. Die Geldströme gingen von hier aus in die ganze Welt. In New York dagegen wurde immer in erster Linie amerikanisches Kapital verarbeitet. Bis heute hängt die Bedeutung der Wall Street an der Größe der amerikanischen Wirtschaft.« Außerdem liege London in einer günstigeren Zeitzone. »Von hier aus können die Märkte in Asien, Europa und Amerika am selben Tag bedient werden.«
Daher sieht man auch die derzeitige Krise gelassen. »Die City ist flexibel genug, um solche Erscheinungen rasch zu verdauen«, meint Aldington. Dann spricht er nachdrücklich von Traditionen: »Die City konnte sich immer auf die Unterstützung von Westminster verlassen. Dort, in den Regierungspalästen, wurde für politischen Frieden gesorgt, hier wurde Geld verdient. An keinem anderen Ort der Welt hat Laisser-faire eine größere Tradition als hier.« Die Briten formulieren nur Rahmenbedingungen, die im Einzelfall angepasst und spezifiziert werden. »In einer solchen Umwelt sind die Möglichkeiten endlos, neue Produkte für den Finanzmarkt zu entwickeln«, sagt der Lord. Der Satz erfüllt ihn sichtlich mit Freude.
Niemand verkörpert die Tradition heute besser als John Stuttard. Er ist Bürgermeister nicht von London, sondern von der City of London, ein Amtsinhaber mit 678 Vorgängern. Seit dem Jahr 886 verwaltet sich die City selbst, und seit dem Jahr 1189 gibt es das Amt des Lord Mayor. Jedes Jahr im November wählen die Banker, Versicherungskaufleute, Wirtschaftsprüfer, Anwälte, Fondsmanager und Börsenhändler einen Mann aus ihrer Mitte. Mit altertümlicher Robe bekleidet, rollt der neu gewählte Lord Mayor dann in einer goldenen Kutsche zum königlichen Gerichtshof, um seinen Eid auf die Monarchie zu schwören. Modern ist an dem Amt nichts.
In seinem Palast gleich gegenüber der Bank of England sitzt der Lord Mayor auf jahrhundertealtem Mahagonimobiliar in seinem riesigen Esszimmer, isst Sandwichhappen von einem Silbertablett und erzählt von Zukunft und Fortschritt. Von neuen hochspekulativen Papieren, dem letzten Schrei in der Transportfinanzierung. Mit zunfttypischer Sachlichkeit äußert sich Stuttard, der ehemalige Wirtschaftsprüfer, zu amerikanischen Hypothekenkrediten und der Northern Rock. Zwei Wochen nach der hastigen Rettungsaktion für den britischen Baufinanzierer steht vor allem der englische Zentralbankchef Mervyn King angeschlagen da, weil er zu spät an den Märkten intervenierte.
John Stuttard sagt, für ihn sei alles, was in britischen Pfund geschehe, »ein Nebenschauplatz«. Die Bank of England spiele natürlich eine wichtige Rolle für die Briten, aber am Ende sei das Pfund für die City of London »weniger bedeutend als der Euro und der Dollar«. Dann spricht er wieder von der Zukunft. »Der Erfolg der City hängt davon ab, dass wir die richtigen Büroflächen anbieten.« Schließlich sollen sich die Verwalter des Geldes zu Hause fühlen.
Bisher ist die City mit einer vergleichsweise bescheidenen Architektur ausgekommen. Im Wesentlichen ist London eine Stadt aus der Ära vor dem Fahrstuhl. Gläserne Wolkenkratzer, die typische amerikanische Architektur des großen Geldes, gibt es hier kaum – noch. Doch in den nächsten fünf Jahren sollen mehr als 2,5 Millionen Quadratmeter Bürofläche in neuen Hochhäusern entstehen. Nach der »Gurke« aus der Werkstatt des Architekten Norman Foster haben Projektentwickler jetzt den »Käsehobel«, das »Walkie-Talkie« und das höchste Gebäude Europas, die »Glasscherbe« von Renzo Piano, in Auftrag gegeben. Diese Türme werden bald ebenso zu den Wahrzeichen der Stadt gehören wie Big Ben oder die St. Paul’s Cathedral. Gleichzeitig werden sie zum Symbol eines globalen Finanznetzwerkes werden, das London enger mit Shanghai oder Tokyo verbindet als mit Birmingham oder Glasgow.
Damit wird London wohl auch äußerlich zu dem werden, was es im Alltag längst ist: die globale Metropole. Von keinem Ort werden täglich so viele internationale Telefongespräche geführt, und an Londoner Schulen ertönen über 300 verschiedene Sprachen und Dialekte. Schon seit Jahrhunderten hat die liberale Staatstradition die Stadt zu einem Magneten für Zuwanderer gemacht. Für Dominic Casserley, den Chefberater von McKinsey UK, ist das einer der wichtigsten Gründe für Londons Erfolg. »Nicht nur die City, London insgesamt ist die vielseitigste Stadt, die ich kenne«, sagt er und schaut auf den Piccadilly Circus herab, auf dem sich der Verkehr in einem hoffnungslosen Chaos mit den Touristenströmen verknäuelt. »Und das macht sie so lebenswert. Für den amerikanischen Banker, der mit seiner Familie hierherkommt, wie für den koreanischen Studenten.« Wer Hollywood-Stars auf der Bühne sehen will, wer sich für florentinische Flötenmusik des Mittelalters begeistert oder ein Liebhaber frühsowjetischer Frauenpoesie ist – London bietet für den Globalbürger nahezu alles.
Gleichzeitig hat die Kombination aus kultureller Vielfalt und ungehemmter finanzieller Schubkraft auch zahlreiche Verlierer hervorgebracht. Die britische Geografieprofessorin Doreen Massey spricht von »Spannungen im Herzen der Stadt« und fragt, wie hoch man den »sogenannten Erfolg Londons« einschätzen könne, »wenn die Stadt gleichzeitig durch Armut und Ungleichheit« geteilt sei.
»Hier arm zu sein ist schlimmer als in jeder anderen Stadt«, sagt selbst Londons Bürgermeister Ken Livingstone. Beim Wohnen fängt es an. Der Durchschnittspreis für eine Wohnung in London liegt derzeit bei 341.000 Pfund, das sind über eine halbe Million Euro. Für viele Banker, Anwälte und Hedgefonds-Manager mag da schon das Einstiegsgehalt ausreichen, und wenn nicht, können sie auf ihren Bonus hoffen. Am Ende des vergangenen Jahres wurden 4,2 Milliarden Pfund ausgeschüttet. Und auch deshalb ist die Stadt für Lehrer, Polizisten, Krankenschwestern und Feuerwehrleute längst zu teuer geworden.
Am U-Bahnhof Aldgate East endet die Erfolgswelt abrupt, hier beginnt Tower Hamlets, eine der ärmsten Kommunen des Landes. Hier wachsen 35 Prozent aller Kinder in einem Haushalt mit mindestens einem Arbeitslosen auf und besuchen Schulen, an denen die Zahl der Analphabeten auf dem Niveau eines Schwellenlandes liegt. Wer hier ausgebildet wird, hat kaum eine Chance, viel im Leben zu erreichen. Die City hat diese Chancenlosigkeit sogar noch vergrößert, weil Jobs für einfache Arbeiter rarer geworden sind. »Der angehäufte Wohlstand muss die Möglichkeit für weitgehende Umverteilung bieten«, fordert die Forscherin Massey, und der wichtigste Mann im Land stimmt ihr im Prinzip zu: Gordon Brown. Während er in seiner Zeit als Schatzkanzler alles für die City tat, hat er in seinen ersten Wochen als Premierminister die Ungleichheit mehrfach als »absolut inakzeptabel« kritisiert und das Thema zur »großen Herausforderung« seiner Amtszeit gemacht. Derzeit wird ein Gesetzentwurf durch die Mühlen des Parlaments gedreht, der die Wohnungsnot für arme Londoner mindern soll. 30 Prozent aller neu gebauten Wohnungen müssten demnach für Mieten weit unter dem Marktpreis an Krankenschwestern, Busfahrer, Polizisten und andere Geringverdiener vergeben werden.
Wenn Brown aber etwas für die Schwachen tut, heißt das noch lange nicht, dass er die Freiheit der City und die Privilegien ihrer Leistungsträger beschneiden will. »Das Problem der sozialen Ungleichheit darf und kann man nicht unterschätzen«, sagt Browns engster Berater, Ed Balls, während eines gehetzten Interviews auf dem Weg zum Unterhaus. »Aber die City zu verteufeln hilft nicht weiter. All das Geld, das im Finanzsektor verdient wird, macht die britische Wirtschaft robuster und zukunftsfähiger als die Wirtschaft der meisten unserer Partnerländer.« Sagt’s und rennt zur Abstimmung.
Menschen wie Dominic Casserley gilt es als britisch, wenn er und andere freiwillig geben. Der McKinsey-Chef spricht von dem »sozialen Gewissen des Geldes« und weist darauf hin, dass die soziale Verantwortung von Unternehmen und Unternehmern längst »keine schmückende Feder« mehr sei, »sondern integraler Bestandteil ihres Selbstverständnisses«. Die Gilden der City of London haben im vergangenen Jahr mehr als 200 Millionen Pfund für soziale Projekte in den ärmsten Stadtteilen von London ausgegeben, und die 30 reichsten Briten überwiesen insgesamt 1,2 Milliarden Pfund an wohltätige Organisationen.
Alle private Großzügigkeit wird das Problem der Ungleichheit aber nicht lösen. Genauso wenig will daraus heute jemand den Versuch ableiten, den Finanzsektor zu regulieren oder dessen Angestellte deutlich höher zu besteuern: An der Ausnahmestellung der City will niemand rühren, ihrem weiteren Aufstieg mag sich keiner in den Weg stellen. »Die City wird weiter wachsen, gar keine Frage«, sagt der Ökonom Desmond Peston von der Universität Oxford. Er befürchtet auch keine Schieflage der britischen Wirtschaftsstruktur. »Der Aufstieg des Finanzsektors war die Starthilfe für eine ganze Reihe von anderen Dienstleistern, die sich aber unabhängig von der City entwickeln, und zwar prächtig«, sagt er und nennt als Beispiel den Bildungsexport. Und selbst das schottische Dundee sei zu einem Zentrum für die Entwicklung von Computerspielen geworden. Peston ist überzeugt: »Die Welt wird immer mehr Dienstleistungen made in UK brauchen.«
Das Biest in der Quadratmeile, wie die City genannt wird, dürfte London allein in den kommenden zehn Jahren einen Bevölkerungszuwachs von 600.000 Menschen bescheren. 80 Prozent von ihnen werden direkt oder mittelbar im Finanz- oder Dienstleistungssektor arbeiten, und weil sie in London keinen Platz mehr finden, dehnt sich die Stadt aus. Östlich von Stratford, wo bis zum Jahr 2012 das olympische Dorf entstehen soll, wird eine komplette neue Stadt geplant, um die Menschenmassen unterzubringen. Damit werden der Finanzsektor und die zahllosen Dienstleistungen, die er beansprucht, die Großstadt London künftig noch mehr dominieren. Und die Verantwortlichen in der City können es gar nicht erwarten. Sogar sechs Milliarden Pfund wollen sie der Regierung vorschießen, damit diese endlich die lang geplante unterirdische Bahnverbindung von Heathrow im Westen bis weit über Stratford hinaus in die Grafschaft Essex im Osten baut.
So wird sich die City in das ländliche Idyll des alten Englands ausbreiten, und es gibt wohl kein besseres Zeichen für einen Wandel, der gleichzeitig die britische Tradition wiederbelebt: Als in der City of London zu Beginn des 17. Jahrhunderts die East India Company entstand, war das der Grundstein für den Aufstieg des britischen Empires und für die wirtschaftliche Vormachtstellung der englischsprachigen Welt. Die britische Politik folgte immer in erster Linie den Interessen der Kaufleute und Banker. Das wahre Machtzentrum lag hier, nicht in den Königspalästen in Westminster. Nach allerhand Wirren im 20. Jahrhundert und nach dem wirtschaftlichen Niedergang Großbritanniens hat die City wieder die Führung übernommen – in britischer Tradition.
- Datum 01.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
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