Peter Mullen liebt die Zeremonie. Nachdem der letzte Orgelakkord verhallt ist, steht er auf und besteigt seine Kanzel. Mit Bedacht wirft er einen abschließenden ernsthaften Blick auf seine kleine Gemeinde, die hinter den Gläsern seiner Lesebrille verschwimmt. Es sei eine besonders christliche Woche gewesen, beginnt er seine Predigt, gerade hier in der City of London. »Tausende von Menschen haben um ihre Ersparnisse gebangt und sich geduldig in die langen Schlangen eingereiht. Sie fühlten sich machtlos und ausgeliefert«, und das seien sie auch gewesen, meint Peter Mullen.

»Wir alle sind dem internationalen Finanzsystem ausgeliefert, das wir selbst mit unserem Vertrauen geschaffen haben«, ruft er mit dunkler Stimme in das Kirchenschiff. »Und wir haben uns daran gewöhnt, dass dieses System Jobs und Wohlstand schafft, dass wir uns neue Stereoanlagen kaufen können und verreisen können, und dann erleben wir auf einmal, wie es Unsicherheit und Not schafft.« Peter Mullen spricht von dem Run auf die Northern-Rock-Bank, einen britischen Baufinanzierer. Dem liefen in der vergangenen Woche die Kunden mit ihren Ersparnissen davon. Für den Pfarrer der St.-Michaels-Kirche ist der Run ein Ausdruck der Erbsünde. »Der menschliche Instinkt ist es, selbstsüchtig zu sein«, doziert er ruhig von der Kanzel herab. Er macht niemandem einen Vorwurf. »Die vergangene Woche hat uns gezeigt, was für einen Preis wir manchmal dafür bezahlen müssen. Deswegen müssen wir beten und die Liebe Gottes annehmen, sonst sind wir verloren!« Dann setzt der Kirchenchor ein. Mozart.

Für die anglikanische Kirche hütet Peter Mullen quasi das Geld. Seine St.-Michaels-Kirche steht mitten in der City of London – dem wichtigsten Finanzplatz der Welt. Wenn er also von Fehlbarkeit und Selbstsucht spricht, dann meint er Eigenschaften, die ihm von seinen »Schäfchen« nur allzu vertraut sind. Sie prägen seine Gemeinde vermutlich mehr als jede andere auf der Welt.

Die City ist nicht größer als ein Dorf. Nicht einmal 10.000 Menschen wohnen hier. Aber mehr als 200.000 arbeiten in dieser Zentrifuge des Geldes, deren Kräfte die entlegensten Winkel der Erde erreichen. Rund ein Viertel des gesamten internationalen Devisenhandels wird hier abgewickelt, 2006 waren es mehr als 800 Milliarden Dollar. Jeden Tag werden außerbörsliche Derivate im Wert von 643 Milliarden Dollar gehandelt, jedes Jahr Rohmetalle im Wert von 3.000 Milliarden Dollar verkauft. London ist der am stärksten globalisierte Handelsplatz der Welt.

Ganz konnte der Sturm auf den Finanzmärkten nicht an der City vorbeigehen. Bislang traf er aber nur eine unbedeutende Hypothekenbank, ebenjene Northern Rock. Andere Banken werden ihren Sturmschaden später melden, spätestens die Bilanzen fürs dritte Quartal werden das zeigen. Trotzdem ist eines gewiss: Wenn der Wind, der aus faulen amerikanischen Immobilienkrediten aufstob, endgültig abgezogen ist, wird sich an der Stellung der City in der globalen Finanzwelt nichts geändert haben. Sie ist und bleibt die Nummer eins.

Der Aufstieg der City of London in den vergangenen 25 Jahren hat die britische Volkswirtschaft grundlegend verändert. Als er begann, war Großbritannien der »kranke Mann Europas«. In den siebziger Jahren lag das Bruttoinlandsprodukt unter dem der DDR, und die Maschinen in den Fabriken liefen nur an drei Tagen in der Woche, weil die Kumpels in den Kohlegruben streikten und es nicht genug Kohle gab, um Strom zu erzeugen. Dann kamen Margaret Thatcher und eine Wirtschaftspolitik, die zwei Leitmotive hatte: Privatisierung und Deregulierung.

Im Jahr 1986 erreichte Thatchers Politik die City. Zunächst wurde der Parketthandel an der Londoner Börse elektronisiert. Die Provisionen der Makler werden seither im freien Wettbewerb bestimmt. Auch ausländische Banken durften fortan nahezu alles in der City. Von denen gab es in London schon damals viele, vor allem japanische und amerikanische, nur waren sie vom lukrativsten Geschäft, dem Handel mit Eurobonds, ausgeschlossen – bis zum Big Bang im Jahr 1986. Mit ihm wurde der Welt über Nacht das Tor zum europäischen Kapitalmarkt geöffnet. In kürzester Zeit war nichts mehr wie früher. Feine englische Handelsbanken, Familienunternehmen mit traditionsgeladenen Namen wie Warburg, Fleming, Kleinwort Benson wurden von amerikanischen und europäischen Großbanken übernommen. Statt mit der Finanzierung des Handels verdienten sie das meiste Geld nun mit Kapital. Das Investmentbanking schaffte den Durchbruch.