LebenszeichenTeamwork

Harald Martenstein über einen Mythos des 21. Jahrhunderts von 

In den Stellenanzeigen heißt es, man soll „teamfähig“ sein. Ich bin nicht teamfähig. Diese Kolumne im Team zu schreiben wäre mir unmöglich. Das Wort Teamfähigkeit halte ich für Bullshit, den Inhalt des Wortes für einen historischen Irrtum. Ich kenne Teamarbeit von der Uni. Später habe ich zwei- oder dreimal Artikel zu zweit verfasst. Dies waren anstrengende psychodynamische Prozesse mit belanglosem Ergebnis.

Teamwork ist Ausbeutung der Gutmütigen durch Ungutmütige. Es gibt in der Gruppe nämlich immer Leute, die arbeiten, und andere, die sich schmarotzerhaft dranhängen. Ich habe, nur, damit das klar ist, an der Uni zur zweiten Kategorie gehört. Teamwork ist Vergeudung von Arbeitskraft. Bei der Bewältigung der unvermeidlichen psychologischen Verwerfungen, bei der Verteilung der Aufgaben in der Gruppe und beim Austausch von Informationen, kurz, mit diesem ganzen Organisationsscheiß geht eine Menge Zeit, Energie und geistige Kraft verloren, die ansonsten der eigentlichen Arbeit zugutekäme. Teamwork zerstört Originalität, Kreativität und Qualität. In der Gruppe führen nämlich immer die Labertaschen das Wort. Dies sind aber nicht unbedingt diejenigen, die von der zu lösenden Aufgabe am meisten verstehen. Die sind vielleicht schüchtern und schweigen. Teamwork heißt: Alle Macht den Labertaschen. Teamwork heißt, dass soziale Kompetenz die Fachkompetenz unterdrückt. Neue Ideen klingen immer seltsam oder sogar verboten, es erfordert Mut, sie beim ersten Mal auch nur zu denken. Die Gruppe übt aber eine nivellierende Wirkung aus, ein Ergebnis, auf das eine ganze Gruppe sich einigen kann, wird immer Mainstream sein. Kein Team der Welt könnte im Teamwork die Relativitätstheorie erfinden, Amerika entdecken oder die Buddenbrooks schreiben. Dass man sich austauscht, die Ergebnisse der eigenen Arbeit mit anderen diskutiert oder in einer Gruppe mit klaren Zuständigkeiten eine Teilarbeit übernimmt, verstehe ich natürlich nicht unter „Teamwork“. Unter Teamwork verstehe ich, dass es keine klare Verantwortlichkeit gibt.

Teamwork – der Mythos des 21. Jahrhunderts. Dann ist mir beim Nachdenken aufgefallen, dass es im Nationalsozialismus meines Wissens kein Teamwork gegeben hat. Hitler war, als Person, gewiss nur begrenzt teamfähig, auch in der Theorie war er kein Freund des Teamworks. Mehr noch, er war eher ein Gegner davon. Mit anderen Worten, ich könnte jetzt ohne Weiteres den Satz schreiben: „Im Nationalsozialismus ist vieles sehr schlecht gewesen, aber einiges auch sehr gut, zum Beispiel die Ablehnung des Teamworks.“ Dies gäbe aber in sämtlichen Medien eine große Aufregung, die ich den Redakteuren, zu denen ich im Laufe der Zeit doch eine Art väterliche Zuneigung entwickelt habe, ersparen möchte.

In der Zeitschrift Merkur habe ich einen Aufsatz des Medientheoretikers Norbert Bolz gefunden. Er enthält den Satz: „Teamwork ist ein Euphemismus dafür, dass die anderen die Arbeit tun.“ Die 1933 aus Deutschland vertriebene Denkerin Hannah Arendt hat geschrieben: „There can be hardly anything more alien or destructive to workmanship than teamwork“ , das heißt: Teamwork macht alles Gute kaputt. Die Tatsache, dass so unterschiedliche Personen wie Hannah Arendt, Norbert Bolz, Adolf Hitler und ich in der Frage des Teamworks exakt einer Ansicht zu sein scheinen, hat mich in einer solchen Weise erschreckt, dass ich das Ende der mir zugemessenen Zeilenzahl mit großer Erleichterung zur Kenntnis nehme.

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Leserkommentare
  1. Das stimmt wircklich! Während meiner Ausbildung zur Fotografin wurde ich zur Berufsschulzeit immer mit den Typen von der Bundeswehr zusammengesteckt. Meine Lehrerin war, glaube ich, leicht sadistisch veranlagt. Es war die Hölle.
    Entweder haben sie einen dumpf angebaggert, dauernd saublöde Witze gerissen, aber am schlimmsten war, daß ich nie wircklich "zum Zug kam ".
    Auch beim fotografieren ist Teamwork absolut überflüssig.

    Ganz viele Grüße aus Schleswig-Holstein

    • Mayfair
    • 01. Oktober 2007 16:20 Uhr

    Es gibt ja auch nicht umsonst das Akrystichon TEAM (Toll, Ein Anderer Machts). Ich konnte dieser Methode im schulischen Leben nichts abgewinnen, und ich glaube auch, dass ich mich deswegen nicht so stark eingesetzt habe. Leider wird es immer noch als innovative Arbeitsaufgabe angewendet.

  2. Herr Martenstein scheint sich nicht im Klaren über den Begriff des Teams zu sein.  "Ich kenne Teamarbeit von der Uni. Später habe ich zwei- oder dreimal einen Artikel zu zweit verfasst." Üblicherweise findet in der Uni kein Methodentraining statt und so unterliegt Herr Martenstein der irrigen Annahme, dass zwei Leute, die die gleiche Aufgabe bearbeiten, sofort ein Team bilden - dies wäre schön, würde mir meinen Beruf als Lehrer deutlich erleichtern, geht aber tatsächlich an der Realität vorbei. Die Fähigkeit zur Teamarbeit muss, wie so viele andere Fähigkeiten, zuerst erworben werden - erst dann ist man in der Lage die vielen positiven Aspekte, die diese Sozialform bietet, sinnvoll zu nutzen.Besonders offensichtlich wird Herr Martensteins Fehlinterpretation des Begriffs Team, wenn er schreibt: "Dass man sich austauscht, die Ergebnisse der eigenen Arbeit mit anderen diskutiert oder in einer Gruppe mit klaren Zuständigkeiten eine Teilarbeit übernimmt, verstehe ich natürlich nicht unter 'Teamwork'. Unter Teamwork verstehe ich, dass es keine klare Verantwortlichkeit gibt." Diese Aussagen sind schlichtweg falsch. Jeder Grundschüler lernt heute, dass der erste Handlungsschritt der Gruppenarbeit darin besteht, einen Gruppensprecher zu wählen und klare Zuständigkeiten zuzuweisen. "[K]eine Klaren Verantwortlichkeiten" gibt es vielleicht bei den Zuschauern eines Fußballspiels - lediglich ihr gemeinsames Interesse an einer Sache treibt sie zusammen. Die spielende Mannschaft jedoch arbeitet als Team und zwar mit "klaren Verantwortlichkeit[en]" als Stürmer, Libero, Torwart etc.Eines sollte jedoch im Sinne eines abgewogenen Urteils noch gesagt werden: Teamarbeit ist kein Allheilmittel. Es gibt sicherlich unzählige Arbeitsbereiche, in denen die Merkmale des Einzelkämpfers gefordert sind. Dennoch benötigt man für jede Aufgabe das richtige Werkzeug und in vielen Fällen ist dies die Arbeit im Team. Eine wichtige Sozialform allgemein zu verwerfen, weil man sie selbst nicht braucht, macht wenig Sinn - in meinem Beruf benötige ich keinen Hammer, andere mögen ihn als brauchbares Werkzeug nicht missen wollen.

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