Vor 25 Jahren, in der Nacht des 23. September 1982, ereignete sich in einer dunklen Straße in Moskau ein »Verkehrsunfall«. Es war etwa 23 Uhr, die Straße war einsam und verlassen; kaum ein Fahrzeug war zu dieser späten Stunde unterwegs. Eine Frau befand sich auf dem Heimweg. Sie hatte ihre Mutter besucht und ging die Straße entlang, als plötzlich ein Lastwagen heranbrauste, sie rammte und, ohne anzuhalten, mit hoher Geschwindigkeit weiterfuhr. Kurz darauf bog ein weiteres Fahrzeug in die Straße ein, blieb einen Moment lang neben dem am Boden liegenden Opfer stehen und fuhr dann ebenfalls weiter.

Ein Krankenwagen erschien – wer hatte ihn gerufen? – und brachte die tote Frau direkt in eine Leichenhalle. Am nächsten Tag fand das Begräbnis statt. Es war eine sehr zurückhaltende Zeremonie, keine Totenrede wurde gehalten. Freunde und Familienmitglieder wechselten bloß einige gedämpfte Worte, beobachtet von beamtenhaft wirkenden Unbekannten. Nach einer Weile zerstreute sich die Trauergemeinde.

Der Unfall wies alle Anzeichen eines KGB-Attentats auf. Das Opfer war die 44-jährige Mathematikern Bella Abramowna Subbotowskaja. In den Tagen vor ihrem Tod war sie vom KGB zum Verhör vorgeladen worden. Das »Verbrechen«, für das sie offenbar verhört wurde – Anklagepunkte wurden ihr nie mitgeteilt –, war die Gründung einer »Universität des jüdischen Volkes«.

Mit dem Untergang der Sowjetunion ist auch das Wissen über den dort herrschenden Antisemitismus verblasst. Juden war bis in die achtziger Jahre hinein der Zugang zu renommierten höheren Lehranstalten verwehrt. In der Mathematik, einem Wissenszweig, zu dem sich jüdische Intellektuelle traditionell sehr hingezogen fühlten, war die Diskriminierung besonders eklatant. Die Absolventen der auf Mathematik und Physik spezialisierten Mittelschulen waren zu 25 bis 30 Prozent jüdischer Herkunft, aber nur eine Handvoll von ihnen wurde zum Studium zugelassen. Das angesehenste Institut war das MechMat, die Abteilung für Mechanik und Mathematik der Staatlichen Universität von Moskau. In den siebziger und achtziger Jahren, bis zu Beginn der Perestrojka, blieben seine Tore jüdischen Studenten bis auf wenige Ausnahmen verschlossen.

Das MechMat fügte sich in die von oben verordnete antisemitische Aufnahmepolitik; treibende Kräfte waren dabei Wiktor Sadownitschij, der jetzige Rektor der Universität, Oleg Lupanow, MechMat-Dekan von 1980 bis zu seinem Tod 2006, und Aleksandr Mischtschenko, Professor und ranghohes Mitglied der Prüfungskommission. Übrigens beschränkte sich der Antisemitismus in der sowjetischen Mathematik keineswegs auf unbedeutende, kleinmütige Apparatschiks. Drei einflussreiche sowjetische Mathematiker galten als pathologische Antisemiten: Lew Pontrjagin und Iwan Winogradow, die fast vollständige Macht über die Karrieren ihrer Kollegen besaßen, aber auch der Menschenrechtsaktivist Igor Schafarewitsch.

Die absurde Rechtfertigung, die sie manchmal für ihre wüsten antijüdischen Ansichten gaben: Juden seien genetisch so programmiert, dass sie ihre mathematischen Fähigkeiten in jungem Alter entwickelten. Bis ethnische Russen ihre Reife erreicht hätten – so lautete die These –, wären alle Studienplätze und Lehrstellen von Juden besetzt. Um einer solchen Situation vorzubeugen, müssten Letztere gleich nach der Mittelschule von höheren Lehranstalten ferngehalten werden.

Bei den Aufnahmeprüfungen des MechMat erfuhren Juden und Kandidaten mit jüdisch klingenden Namen eine spezielle Behandlung. Die für alle Kandidaten identische schriftliche Prüfung stellte für begabte und gut vorbereitete Kandidaten normalerweise kein Problem dar. Die Hürden kamen in der mündlichen Prüfung. Unliebsamen Kandidaten wurden Fragen gestellt, die oft unlösbar oder zweideutig waren oder überhaupt keine richtige Antwort besaßen. Andere Probleme setzten langwierige Berechnungen voraus oder verlangten komplizierte Beweisführungen. Die mündliche Prüfung war offensichtlich nicht darauf angelegt, die Eignung junger Mittelschulabgänger zu prüfen. Sie diente dazu, ungewollte Kandidaten auszusondern.