Am Ende steht, keiner von beiden wolle den Tod des anderen überleben. Und ein Wunsch: »Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten.« Das ist der letzte Satz des kleinen Buchs Brief an D., das der französische Philosoph André Gorz verfasst hat, auf Deutsch ist es erst frisch erschienen – ein Brief an seine Frau Dorine, eine Liebeserklärung an die seit Langem schwer kranke Gefährtin. Die beiden hatten, seit sich die junge Engländerin und der österreichische Jude im Herbst 1947 in Lausanne trafen, 60 Jahre des Lebens miteinander verbracht. Nun haben sie sich, 84 und 83 Jahre alt, auch zusammen das Leben genommen.

Es gilt also, das philosophische, journalistische und politische Werk eines der bedeutendsten Sozialtheoretikers und ökologischen Denkers des vergangenen Jahrhunderts zu würdigen. Aber vor allem nimmt doch jeder wahr, was auch die Nachrichten zuerst mitteilen: Ein altes, kluges Paar hat sich umgebracht und nicht demütig gewartet, bis der Tod einen nach dem anderen holt und sie also scheidet. Der Tod und die Liebe seien einander in ihrer Absolutheit verwandt, hat André Gorz unlängst gesagt, damit war kein postmodernes Wortspiel gemeint, das sich am Klang von lamour und la mort delektiert. Der Tod sollte diese Liebe nicht scheiden: In ihrem Haus, im Dörfchen Vosnon in der französischen Aube, wurden die beiden alten Menschen tot, Seite an Seite liegend, gefunden. Das Paar hatte keine Kinder, sie hinterließen Briefe an Freunde. An der Tür des Hauses hing ein Zettel, wer ihn lese, möge die Polizei verständigen. Diese Umsicht passt zu dem Paar: Kein Besuch, der in das gastfreundliche Haus käme, sollte dem Tod überraschend begegnen.

Als das Büchlein Brief an D. vor einem Jahr in Frankreich erschien, hat ein Journalist von Le Monde die beiden Alten direkt gefragt, ob sie daran dächten, dem Leben gemeinsam ein Ende zu machen, wie der Schriftsteller Arthur Koestler und seine Frau Cynthia es 1983 getan haben. Damals hat André Gorz geantwortet: »Dorine und ich haben miteinander über diesen Selbstmord gesprochen, als wir von ihm erfuhren. Aber das war deren Geschichte, ja deren Kampf. Wir denken beide nicht daran. Wir leben im ewigen Augenblick, die Gegenwart ist uns genug.« Umso merkwürdiger kommt es einem nun vor, dass auch an der Tür der Koestlers damals, vergleichbar höflich und rücksichtsvoll, ein Zettel hing: Man möge die Polizei verständigen.

Das Leben ist kein Buch und der Tod also nicht das letzte Kapitel desselben. Aber in diesem Fall gleichen sie einander doch. Das veröffentlichte Wort des denkenden, schreibenden, freien Menschen hat für André Gorz und seine Frau Dorine eine vitale Rolle, die Hauptrolle des gemeinsamen Lebens gespielt, aus dem das Werk des Philosophen hervorging. Das geschriebene Wort, hat Gorz gesagt, sollte der Wirklichkeit ihre Macht nehmen. Und so passt es zu dieser gemeinsamen Existenz, dass nach dem Tod ein Buch zurückbleiben sollte, das ausdrücklich letzte des Autors. Lesbarer kann die Entscheidung, als Liebende und als Schreibende frei zu sein bis zuletzt, nicht sein, dieser Tod muss niemanden überraschen. Aber zugleich hat der Mann auch eine Leseanleitung hinterlassen: Es sollte keine Würdigung dieses Lebens geben, die nicht Werk, Liebe und Tod zusammendenkt.

Als müsse man sich nun auch für das Privateste interessieren, wenn man Gorz bisher als Sozialphilosophen interessant fand. Ein paar Tage nur vor dem Tod hat sich die zerbrechliche alte Dame gewundert, als ihr die deutsche Journalistin gestand, leicht fiele ihr das nicht, mit zwei hochbetagten, fremden Respektspersonen beruflich für ein paar Stunden über das Allerpersönlichste, die Liebe und das Lebensende, zu sprechen. Keine Sorge, hat da die alte Dame gesagt, Journalisten waren wir selbst lang genug, die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information, und wer als Intellektueller ein solches Buch schreibt, muss öffentlich erklären, was er will. Auf dem Tisch der beiden lagen an dem Septembertag deutsche Zeitungsausschnitte, auch eine eben erschienene Besprechung des Buchs. Und André Gorz, der mit seiner Frau englisch sprach und öffentlich fast immer französisch, erkundigte sich beinahe kollegial nach dem Ergehen der ZEIT. Aber die Öffentlichkeit hat am wirklich Privaten auch strenge Grenzen: So wenig, wie der Brief an D. Intimitäten preisgibt, so wenig hat das Paar bei diesem Besuch über den bevorstehenden Tod preisgegeben. Die letzten warmen Stunden, hatte die alte Dame gesagt, wolle sie im Garten verbringen. Aber damit hatte sie doch den nahenden Herbst gemeint.

Die Liebe zu D. konstituierte die Existenz von André Gorz wie sein Werk. Jene Engländerin Dorine damals zu treffen, nach dem Krieg, in seinem Exilland, der Schweiz, kam für ihn, den entwurzelten Wiener Juden, der Entscheidung gleich, die Existenz nicht länger zu verweigern und sich aus einer umfassenden Erfahrung der Nichtigkeit, der Identitätslosigkeit heraus neu zu erschaffen.

Die Geschichte seiner Namen erzählt viel: Als Gerhard Hirsch, Sohn eines jüdischen Holzhändlers und einer katholischen Mutter, war er 1923 in Wien geboren worden, bevor der Vater den Familiennamen 1930 mit seiner Konversion zum Katholizismus in Horst umänderte. In den Schweizer Internaten, in die der Junge zu Beginn des Krieges mit 16 geschickt wurde, hieß er Gérard Horst. Nach dem Krieg beschloss der junge Mann, Franzose zu werden, ging 1949 nach Paris, benannte sich nach einem multiidentitären europäischen Städtchen, dem slowenisch-italienisch-deutschen Gorizia, in André Gorz um und wurde unter diesem Namen Mitarbeiter von Jean-Paul Sartre bei der Zeitschrift Les Temps Modernes. Als Journalist nannte er sich, nachdem er 1964 mit dem legendären Jean Daniel die linke Wochenzeitung Le Nouvel Observateur gegründet hatte, Michel Bosquet, das heißt Wäldchen, eine Übertragung von Horst. Es wundert einen nicht, dass er 1982 im Gespräch mit dem Politologen Claus Leggewie festhielt, nationale Identität sei nicht seine Sache: »Ich habe vier tschechische Großeltern, davon waren zwei jüdisch. Ich bin nicht mehr Franzose als Wittgenstein Engländer, Feyerabend Kalifornier und Ivan Illich Mexikaner. Die sind alle drei Wiener, die im Ausland leben. … Ich habe keine nationale Identität.«