Dieses Buch ist ein Schock. Es erzählt von einer blutigen Tragödie, deren Dimensionen wir bislang nur erahnen konnten: Amerikas Krieg in Vietnam.

Der Autor, Bernd Greiner, ist Professor für Neuere Geschichte und Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung – jener von Jan Philipp Reemtsma gegründeten Forschungsstätte, die mit ihren beiden Ausstellungen zu den Verbrechen der Hitler-Armeen im Zweiten Weltkrieg dafür gesorgt hat, dass der Legende von der »sauberen Wehrmacht« endgültig der Boden entzogen wurde. Der Vietnamkrieg war kein Vernichtungskrieg; er war nicht auf Völkermord angelegt. Und doch wird Bernd Greiners Buch unseren Blick auf diesen Krieg verändern. Denn noch nie zuvor ist so eindringlich und materialreich geschildert worden, wie ein militärischer Konflikt, der mit dem Vorsatz begann, einen »Eckpfeiler der freien Welt« in Südostasien zu verteidigen, zu einem Gewaltexzess eskalierte, der alle westlichen Werte und Errungenschaften infrage stellte.

»There was more of it in Vietnam« (»In Vietnam hat es von allem etwas mehr gegeben«) – dieses geflügelte Wort unter amerikanischen Soldaten macht Greiner zum Leitmotiv seiner Darstellung. Tatsächlich war der Vietnamkrieg nicht nur der längste heiße Krieg im Kalten Krieg. Nirgendwo sonst wurden so viele Zerstörungsmittel eingesetzt. Über Vietnam und den angrenzenden Gebieten von Laos und Kambodscha warfen US-Kampfflugzeuge mehr Bomben ab als auf allen Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs zusammen. Millionen Hektar Land wurden durch Herbizide vergiftet, riesige Waldgebiete durch das Entlaubungsmittel Agent Orange vernichtet, Tausende von Dörfern dem Erdboden gleichgemacht. Der Anteil der Zivilisten unter den Kriegsopfern war extrem hoch – er lag bei über 40 Prozent. Hunderttausende Vietnamesen wurden überdies zwangsumgesiedelt und mussten jahrelang in Lagern vegetieren.

Die Geschichtsschreibung hat sich vor allem mit den politisch-militärischen Entscheidungsprozessen und den globalstrategischen Aspekten des Krieges beschäftigt. Oder sie ist, dem cultural turn der internationalen Geschichtswissenschaft folgend, den Erinnerungen an den Krieg, den Traumata der Veteranen und den Darstellungen in Medien, Literatur und Film nachgegangen. »Gemeinhin«, kritisiert Greiner, »wird über den Krieg geschrieben, ohne dass der Krieg als solcher beschrieben wird.«

Das Massaker von My Lai war, wie nun deutlich wird, kein Einzelfall

Freilich schildert der Autor nicht alle Seiten des Krieges, nicht die verheerende Wirkung der B52-Bombardements, auch nicht den rücksichtslosen Einsatz chemischer Kampfstoffe. Im Mittelpunkt seines Buches stehen die von amerikanischen Bodentruppen verübten Gräuel und Kriegsverbrechen. Der Name eines vietnamesischen Dorfes, My Lai, in dem eine US-Einheit am 16. März 1968 fast die gesamte Bevölkerung, über 400 Männer, Frauen und Kinder, ermordete, ist zum Symbol geworden. Doch My Lai war, wie wir nun erfahren, kein Einzelfall; es gab viele kleine und größere Massaker.

Bernd Greiner hatte die Möglichkeit, in den National Archives, College Park (Maryland) zwei Quellenbestände einzusehen, die unter dem Eindruck der Enthüllungen über My Lai seit Ende 1969 angelegt und die von den Historikern bis heute kaum genutzt wurden, obwohl sie eine wahre Fundgrube für das Verständnis der amerikanischen Kriegführung in Vietnam darstellen. Zum einen handelt es sich um das Archiv der Vietnam War Crimes Working Group – einer von der Armeeführung eingesetzten Arbeitsgruppe, die zwischen 1970 und 1974 alles einschlägige Material über amerikanische Kriegsverbrechen zusammentrug – außer My Lai sind 246 weitere Fälle dokumentiert. Ein Teil der Akten, die Greiner noch vollständig auswerten konnte, ist seit 2004, dem zweiten Jahr des Irakkrieges, wieder gesperrt.