Lebensgeschichte Thérèse, Lügnerin

Ein französisches Dorfmädel foppt Generäle, Anwälte, Politiker, Bankiers – und verprasst mit ihnen ein Vermögen, das es nicht gab.

La Grande Thérèse«! Wieder so eine Trouvaille des Herrn von Berenberg. Lange Jahre hat er bei Klaus Wagenbach Bücher gemacht, nun leitet er einen eigenen, den Berenberg Verlag, und man möchte sie fast alle haben, seine schön ausgestatteten Bände in ungewöhnlichem Schreibheftformat, zwischen 100 und 200 Seiten stark. John Maynard Keynes’ Erinnerungen an Freund und Feind waren für uns eine beglückende Entdeckung; auch Cristina Peri Rossis Die Zigarette – Leben mit einer verführerischen Geliebten, ein Abgesang auf eine Lebensgefährtin und auf eine große Kultur. Oder Joachim Kalkas Phantome der Aufklärung, drei große Hochstaplerporträts, Thérèses Vorgänger gewissermaßen. Das Zeitalter der Aufklärung als Ära der schieren Vernunft? Aber nicht doch. Man ließ sich auch gerne reinlegen. Wie über hundert Jahre später, Fin de Siècle, Gründerzeit: Industrialisierung und Eisenbahnen, Innovation und Experiment, neues Geld und neue Ideen, Kapitalexpansion und überstürzte Investitionen – eine Zeit, wie gemacht für eine Illusionskünstlerin mit dem schönen Wahlspruch »Je veux, j’aurai«, was ich will, bekomme ich.

Wie erbärmlich arm war das Leben, in das Thérèse Daurignac 1856 in einem Dorf bei Toulouse hineingeboren wurde. Aber sie kam mit der göttlichen Gabe der Fantasie auf die Welt. »Schon von klein auf unterhielt sie ihre fünf Geschwister mit Märchen, in denen ihr Vater zum Comte d’Aurignac mutierte, Thérèse selbst zur Erbin eines Riesenvermögens und das bescheidene Bauernhaus der Familie zu einem Château«, erzählt Hilary Spurling, preisgekrönte britische Biografin, die Thérèse entdeckte, als sie das Leben des Malers Henri Matisse für eine große Biografie erforschte.

Ein Schloss und eine Erbschaft, der sie später die vertrauenerweckende Summe von 100 Millionen Franc (etwa 300 Millionen Euro) hinzufantasierte – beides hat sich allein in der Vorstellung ihrer Gläubiger materialisiert, so mächtig, dass ihr unglaubliche Kredite nachgeschmissen wurden, dass sich Advokaten, Spekulanten, Immobilienmakler und Großgrundbesitzer geradezu darum rissen, Geld an sie zu verleihen.

Zu einem wahren Jahrhundert-Gesamtkunstwerk indes wurde der große Betrug erst durch die glückliche Fügung, dass Thérèses angeheirateter Onkel Gustave Humbert auch ihr Schwiegervater wurde. Er war ein hoch angesehener Jurist, und er entstammte dem republikanischen Adel: Sein Vater hatte an der Revolution teilgenommen, er selbst stand 1848 auf den Barrikaden. Nur Geld hatte er nicht. Thérèse half mit ihren luftigen Millionen. Gustave Humbert wurde Justizminister und Senator auf Lebenszeit, an der neuen liberalen Verfassung hatte er mitgeschrieben.

In der prächtigen Residenz der Humberts an der Pariser Avenue de la Grande Armeé fanden sich nun Premierminister und Generäle ein, der Polizeipräsident, der oberste Staatsanwalt und der Vorsitzende der Anwaltskammer, Erzbischöfe, Botschafter, Bankiers und so weiter und so fort. »Ihre Gästelisten wurden in den Morgenausgaben der Tageszeitungen veröffentlicht.«

Wie konnte ihr das gelingen?! Ein Zeuge, der sie in Höchstform kennengelernt hatte, drückte es sehr schön aus: »Sie log, wie ein Vogel singt.« Und Hilary Spurling ist überzeugt: »Hätte sie ihre romantischen Fiktionen über verschwundene Besitzurkunden, verschlossene Tresore, überraschende Erbschaften und verschollen geglaubte Eltern nicht im wirklichen Leben inszeniert, sondern in Büchern verarbeitet, sie wäre zu einer Erfolgsautorin des 19. Jahrhunderts geworden.«

Die Geschichte der hochbegabten Lügnerin, die nicht hübsch war, aber einen unbekümmerten Charme verströmte, hatte natürlich auch dunkle Kapitel, von denen einige hinter einer Tapetentür in der Villa Humbert von Thérèses Bruder Romain, Frauenheld und Gewalttäter, geschrieben wurden. Er hat widerspenstige Gläubiger zum Schweigen gebracht, hat sie verprügelt, umgebracht oder in den Selbstmord getrieben.

Unglaubliche zwanzig Jahre konnte La Grande Thérèse ihre Rolle auf großer Bühne spielen. Dann flog sie auf. Kurzer Prozess, milde Strafen für sie, ihren Mann und ihre Brüder. Als sie 1908 aus dem Gefängnis entlassen wurde, war sie 52 Jahre alt. Man hat nie wieder etwas von ihr gehört. Die ganze Affäre wurde besser vergessen. Bankiers, Politiker, Juristen, praktisch der ganze Justizapparat, hatten keine Lust, ihre Gier, ihre Demütigung, ihre Korruptheit öffentlich zu verhandeln.

Die Geschichte, merkt Heinrich von Berenberg an, handele auch von einem nicht unaktuellen Thema. Die Zeitläufte wiederholen sich gerade ein bisschen. Nicht nur deswegen gäbe die Große Thérèse auch einen herrlichen Filmstoff her.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
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    • Schlagworte Literatur | Biographie | Betrug
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