Medien Ab durch die Mitte
Die neue Titelseite der FAZ trägt eine Uniform der Bilder. Kann sie noch auffallen?
Die FAZ verliert ihr Gesicht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung trägt von diesem Freitag an ein buntes Foto auf der Titelseite. Die Zeitung, deren Ehre 58 Jahre lang darin bestand, nur mit Buchstaben ihren Aufschlag zu gestalten, beugt das stolze Haupt unter den Zeitgeist und schminkt sich nach allgemeiner Bildermode. Die charakterstärkste der deutschen Tageszeitungen fügt sich dem Druck der Normalisierung und verzichtet sogar auf die Frakturüberschriften ihrer Kommentare.
Man muss ihren manchmal verbockten Charakter nicht durchweg bewundert haben, um Schmerz über eine Demütigung zu empfinden, die ihr der Markt oder das, was für den Markt gehalten wird, zugefügt hat. Die Auflage der FAZ sinkt seit Jahren. Die Süddeutsche Zeitung , mit der sie sich lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert hat, ist ihr weit davongeeilt. Es ist einsam geworden um die FAZ , und diese Einsamkeit wird ihr nun wohl, da der Erfolg schwand, als Makel erschienen sein. Es gibt keine Zeitung mehr, die ihr gleicht, nachdem selbst die Neue Zürcher Zeitung die bilderlose Aufmachung der Titelseite aufgegeben hat.
Die Einsamkeit, die ihr Stolz hätte sein können, hat ihr nahegelegt, zurück ins Glied der normalen Tagespresse zu treten. Jetzt wird sie zeigen müssen, ob sie dort, wo jeder die Uniform der Bilder trägt, noch auffallen und glänzen kann. Denn natürlich war es auch so, dass die FAZ, bevor sie überhaupt gelesen wurde und ihre Intelligenz überprüft werden konnte, allein schon durch Fraktur und Bilderlosigkeit eine Exklusivität vortrug, die dem Abonnenten schmeichelte. Wer das Blatt hielt, gab zu erkennen, dass man ihm nicht mit Spektakel zu kommen brauchte, um sein Interesse zu wecken.
Hinter dem Verzicht auf Titelbilder steckte nämlich auch die Einsicht, dass die üblichen Nachrichtenfotos keinen Informationswert haben, der nicht in einem Text besser vermittelt werden kann. Wenn die FAZ, selten genug, doch ein Foto brachte, war es ein Epochenbild wie das vom Fall der Mauer. Es gab in der Zeitung ein hohes medienskeptisches Bewusstsein, das ihr auch lange nahelegte, auf Interviews zu verzichten, weil deren Inhalt sich ebenso gut auf einem Bruchteil des Platzes referieren lässt. Sollte der resignatorische Befund zutreffen, dass mit solchen Einsichten heute kein Blatt mehr zu machen ist, hieße das nichts anderes, als dass die Intelligenz der Mediennutzung allgemein abnimmt – und insbesondere das bürgerlich-kritische Leserbiotop schwindet. Die Normalisierung, von der die neue Titelseite der FAZ kündet, ist eine Normalisierung nach unten. Die FAZ , wie der Spiegel höhnisch feixte, »rückt in die Mitte«. Hoffen wir, dass diese Mitte nicht der Ausguss im Spülbecken ist, in dem alles verschwindet.
So erklärt Werner D'Inka, einer der fünf Herausgeber der FAZ, die Layout-Reform: Der Souverän hat gesprochen
- Datum 05.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT
- Kommentare 4
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Ein schöner Schwanengesang. Die FAZ ist aber vor allem durch ihre hartnäckige Hartleibigkeit im Wirtschafts - und Politikteil für Junge völlig ungenießbar geworden. Serielle leitartikelnde Lobeshymnen auf Studiengebühren und Wirtschaftsfunktionäre mit dem Refrain einer absurden Gleichsetzung von Gruppenwohl gleich Gesamtwohl sind, zum Glück, nicht mehrheitsfähig; Praktiken und Mentalitäten, wie sie John K. Galbraith in seiner "Tyrannei der Umstände" so treffend analysierte, zum Glück noch weniger.
Schade, dass das weltbeste Feuilleton so unverändert irrelevant ist - in jeder Hinsicht, vor allem aber in der hausinternen.
soll nicht mit Steinen werfen!
Die ZEIT sollte sich an die eigene Nasenspitze fassen, bzw. auf ihre eigene Seite 1 sehen, bevor sie solche Tränen vergiesst. Konnte man dort früher noch zwei Artikel anlesen, so sieht man heute meist nur noch ein irrelevantes, übergroßes Bild am Kiosk und sonst gar nichts. Also fummelt man die Zeitung aus dem Zeitungsständer, dreht sie um, schlägt die letzte Seite des ersten Buches vorsichtig auf und sieht ins Inhaltsverzeichnis. Dann erst entscheidet man sich, die neue Ausgabe zu kaufen. Die FAZ hat wenigstens eine Übersicht über die wichtigsten Artikel in der linken Spalte. Außerdem: auch die NZZ ist bebildert und trotzdem die beste deutschsprachige Zeitung! Wer ein passionierter Zeitungsleser ist, dem kommt es auf die Verpackung nicht so sehr an, wie auf den Inhalt. Daher lese ich auch die neue ZEIT noch gerne!
Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Mag sein. Aber es ersetzt keine 1000 Worte! Form follows function - und das ist auch gut so!
Trotzdem ist es richtig, dass auch die ehrwürdige FAZ den bis dato so heftig bekämpften "eyecatcher" entdeckt hat. Die Leser wollen sich halt auch ein Bild machen - so ähnlich, wie sich die Personalchefs ein Bild von der Bewerberin bzw. dem Bewerber machen wollen. Es muss keinesfalls immer ein Farbfoto sein, es muss auch nicht so belanglos sein, wie auf der Titelseite mit der nord-südkoreanischen Sprudelwasser-Abbildung. Hier hätte schon ein etwas anderer Anschnitt mehr Wirkung erzielt.
Warum denn wohl haben heute - fast - alle Bücher einen sogenannten Schutzumschlag? Weil so aus der relativ anonymen Eva Herman eine visualisierte Plaudertasche wird. Das nun muss man ja gar nicht gut finden, aber es mehrt sich durch so ein Foto die Aufmerksamkeit; wahrscheinlich steigert sich dadurch sogar der Abverkauf. Ein Artikel über die Demonstration der Mönche in Burma verträgt durchaus ein Foto. Zumal die herrschende Regierung genau dies unter allen Umständen verhindern möchte!
Und über die Fraktur sollten wir wirklich nur noch mit Ärzten sprechen. Typografisch gehört sie, ähnlich der Sütterlin, der Vergangenheit an.
Ob eine Headline linksbündig anzuordnen sei, kann man diskutieren. Besonders wenn die Überschrift sehr kurz ist, der Artikel aber über drei oder vier Spalten läuft.
Nein, nein - die FAZ ist immer noch mit diesen einteiligen Männer-Badekostümen aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts schwimmen gegangen. Und dabei ist sie - so ganz allmählich - auch baden gegangen.
Die Optik einer Zeitung darf sich im Laufe der Jahre (hier wohl besser: Jahrzehnte) ändern. Aber Haltung sollte das Blatt bewahren!
Das wahre Drama der Presse ist, dass sie längst zu einem Büttel des Großkapitals verkommen ist: Praktisch jede Zeitung, jedes Magazin wäre in kürzester Zeit bankrott, wenn die Werbeanzeigen der Großkonzerne ausblieben. Das wissen die Großkonzerne, das wissen die Medienverlage und deren Redaktionen. Dem Überdruss der Leser, die es leid sind, mit gesiebten Informationen und Lügenmärchen "versorgt" zu werden, wagen die Medien nicht, durch Beseitigung der Ursache entgegenzutreten, weil sie dann dem tödlichen Werbeboykott ausgesetzt würden. So sinnt man über anderes nach, über Dinge, die man den Konsumenten als vorteilhaft verkaufen kann, ohne sich zugleich den Zorn der Großkonzerne zuzuziehen.Diese Entwicklung betrachten wir Anarchistinnen und Anarchisten seit Jahren mit allergrößter Sorge, weil nach unserer Meinung gerade die freie Information und die freie und umfassende Diskussion das höchste Rechtsgut sein sollten: Das beste Grundgesetz nützt gar nichts, wenn die Richter sich nicht daran halten, das Bundesverfassungsgericht wie der Europäische gerichtshof für Menschenrechte haben längst die gesetzliche Grundlage dafür, Eingaben ohne Angaben von Gründen abzulehnen. Doch eine offene und ehrliche Information aller über wahre Missstände hat jedenfalls immer eine zuverlässige Kontroll- und Regelungsfunktion und ist zudem die Voraussetzung für den Aufbau von Gerechtigkeits-Lobbies.Zieht man die Trendentwicklung weiter, dann werden FAZ, SZ, DIE ZEIT und so weiter eines Tages nur noch kostenlos an Leser abzugeben sein, sich also zu 100% aus Werbeeinnahmen finanzieren. Dafür bekommt man dann natürlich nur noch seichtes Wischi-Waschi, das mit lebensnotwendiger gesellschaftlicher Information absolut gar nichts mehr zu tun hat.Es wäre wohl an der Zeit (wie gut das Wort hier doch passt!), dass diejenigen Medien, die Journalismus ernsthaft, seriös und verantwortungsbewusst betreiben wollen, sich zu Kartellen zusammenschließen und mit Kreativität und Ehrgeiz zu Wegen finden, sich aus der Geiselhaft des Großkapitals zu befreien.Sehr zu loben übrigens, dass DIE ZEIT die Möglichkeit bietet, Eigenartikel von USERN online zu veröffentlichen, ein Schritt in Richtung Informationsfreiheit, den man in der aktuellen Lage nicht hoch genug loben kann!Im Namen der wundervollen Anarchistinnen und Anarchisten in Österreich und der BRD, die zusammen ein deutsches Mutterland für uns sind:Winfried Sobottka, stolz darauf, von den Anarchistinnen und Anarchisten als einer der ihren geschätzt und geliebt zu werden.
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