Technik persönlich Navi mit Klavierlackoptik

Die Oberklasse unter den mobilen Wegweisern: Das 7110 von Navigon

Wer sich einmal von dem Prinzip verabschiedet hat, dass man Städte erst kennt, wenn man sich in ihnen auskennt, kauft sich irgendwann ein Navigationsgerät. Die Schlichtversion gibt es schon für 199 Euro bei Aldi. Warum soll man 499 Euro für das Navigon 7110 bezahlen?

Optik ist immer ein Argument. Da mühen sich Heerscharen gut bezahlter Designer, das Interieur des Automobils schön, elegant und »wertig« zu gestalten – und dann klebt der Kunde einen fiesen Kasten aufs Armaturenbrett. Das 7110 prunkt mit »Klavierlackoptik« und einer hübsch geschwungenen Saugnapfhalterung. Menüs und Karten erinnern an Apple und daran, dass der Hersteller bisher für seine Software gerühmt wurde. Die tat übrigens auch mal in Aldi-Navis Dienst; erst seit Kurzem baut Navigon eigene Geräte.

Die virtuellen Tasten, die man mit dem Finger oder einem Stylus (Stift ohne Mine) drückt, sind groß. Zieleingabe H drücken, schon erscheint Hamburg, »Spee« liefert die Adresse der ZEIT. Alles für Doofe. Hat Aldi auch. Das 7110 kennt allerdings auch die Straßen in Portugal und Rumänien. Und: Wer sich Autobahnkreuzen nähert, erlebt einen Moduswechsel in der Darstellung. Plötzlich sieht man die Abbiegespuren geradezu live vor sich und sogar die Beschilderung. Nur bei Regenwetter merkt man, dass dies ein Fake ist: Navigon kennt bloß blauen Himmel. Aber diese Darstellung hilft den zahllosen Ängstlichen, die unübersichtliche Autobahnkreuze hassen.

Unaufgeregt dirigiert eine Frauenstimme durchs Gewühl der Städte. Früher waren die Damen penetrant und wollten Eigensinnige partout zum Umkehren zwingen. Heute berechnen sie kurzerhand und flott eine Alternative. Die alte Schärfe kommt aber wieder durch, wenn man zu schnell fährt. Das System kennt die Tempolimits überraschend gut, und bei Überschreitung schnarrt es im Ton einer strengen Domina: »Achtung!«

Freundlicherweise kennt Navigon auch die Standorte von Blitzern und Starenkästen. Mit dem Codewort »Gefahrenstelle« warnt es recht zuverlässig vor fest installierten Radargeräten. Das Betreiben eines solchen Radarwarners ist allerdings in Deutschland illegal; wenn der Schutzmann das mitbekommt, sind 75 Euro und 4 Flensburgpunkte fällig. Navigon ist sich keiner Schuld bewusst: Die Funktion ist ab Werk deaktiviert. Wer die Einstellung verändert, muss wissen, was er tut.

Der Profi wühlt sich durch die vielen Features. Er startet das elektronische Fahrtenbuch, dessen Daten sich von der Wiso-Steuersoftware verarbeiten lassen. Oder er koppelt das Gerät mit seinem Handy und hat eine Freisprecheinrichtung. Mit Betriebsanleitung ist es nicht viel Arbeit, die Bluetooth-Verbindung herzustellen. Wer aber einfach ein bisschen herumprobiert, den bestraft das Betriebssytem. Im Navigon arbeitet Windows Mobile, und das reagiert gern mit Systemabsturz.

Der technische Laie wird das Gerät schnell ins Herz schließen (und stets beim Verlassen des Autos mit sich nehmen, weil Einbrecher auch nicht dumm sind). Den hohen Preis wird er kaum rechtfertigen können. Es muss Liebe sein.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
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