Ich habe einen Traum Millennium

Prinz Asfa-Wossen Asserate wünscht sich, dass Angela Merkel während ihres Besuchs in Äthiopien den Mächtigen die Leviten liest

Der 11. September 2007 ist ein Gedenktag des Terrors, aber für uns Äthiopier hat er eine andere Bedeutung. Er leitet nach dem alexandrinischen Kalender unser Millennium ein, das Jahr 2000 nach Christus. Ich träume vom Aufbruch in eine neue Zeit, von einer Wende in meiner Heimat. Ich träume von einem demokratischen, föderalistischen, multiethnischen Äthiopien, von einem Land, das alle Bruderkämpfe überwunden hat und selbstbewusst in sich ruht.

Von der Verwirklichung dieses Traums sind wir weit entfernt, Äthiopien ist arm und rückständig, und es wird von einem undemokratischen Regime regiert. Ich wünsche mir, dass Bundeskanzlerin Merkel bei ihrem Besuch in Addis Abeba nächste Woche den Mächtigen die Leviten liest. Dass sie nicht nur die hundertjährigen deutsch-äthiopischen Beziehungen preist, sondern mit Ministerpräsident Meles Zenawi Tacheles redet. Mich hat es sehr erzürnt, dass er 2005, kurz nachdem er Demonstranten niederschießen und die gesamte äthiopische Opposition ins Gefängnis werfen ließ, von Bundespräsident Köhler nach Deutschland eingeladen wurde.

Ich träume davon, dass wir das Wort „Gegner“ in unseren Sprachschatz aufnehmen. Denn diese Vokabel kennen wir im Amharischen nicht. Sie existiert in keiner der 2000 afrikanischen Sprachen! Wir haben nur ein Wort für „Freund“ und eines für „Feind“, dazwischen gibt es nichts. Opposition ist also gleichbedeutend mit Feindschaft.

Ein friedlicher, geeinter, prosperierender Kontinent – das ist mein panafrikanischer Traum. Aber oft bereitet mir Afrika Albträume. Das Elend, die Gewalt, all die gescheiterten Staaten. Wenn das so weitergeht, werden Millionen von Afrikanern an den Toren Europas rütteln. Wenn meine europäischen Freunde beunruhigt sind, weil wieder einmal 200 Bootsflüchtlinge vor einer italienischen Insel stranden, kann ich nur lächeln. Ich sage ihnen dann: Kinder, das ist erst der Anfang. Und ich sage ihnen auch, dass die Festung Europa nicht zu halten ist. Wenn die Europäer eines Morgens aufwachen und hören, dass sieben Millionen Afrikaner auf dem Weg zu ihnen sind, dann werden sie das glauben. Deshalb hoffe ich, dass die Europäer aus eigenem Interesse ihren Nachbarkontinent mehr unterstützen. Sonst wird das afrikanische Problem ein europäisches werden.

Äthiopien ist in Afrika der wichtigste Verbündete des Westens im Kampf gegen den Terror, man betrachtet es als Bollwerk gegen den Islamismus. Aber das kann nicht die Bestimmung eines Landes sein, in dem 45 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Ich träume davon, dass Äthiopien Brücken zwischen den Kulturen und Religionen schlägt, wir sind prädestiniert dazu. Das Christentum ist bei uns seit dem vierten Jahrhundert verbreitet, und unsere muslimische Gemeinde gehört zu den ältesten der Welt. Wir müssen die Rolle des Vermittlers zwischen Okzident und Orient, Christentum und Islam übernehmen.

Natürlich sehne ich mich manchmal ins alte Äthiopien zurück, in die Welt meiner Kindheit. Aber ich vermisse nicht den Pomp und die Privilegien am Kaiserhof, sondern das ländliche Leben, die einfachen Menschen, die Berge, die Pflanzen, die Stille, den Klang der Steinglocken. Diese versunkene biblische Welt, durch die die Apostel wandelten. Lalibela mit seinen legendären Felsenkirchen hat noch etwas von dieser Aura bewahrt, und ich träume davon, eines Tages Oberbürgermeister dieser Stadt zu sein. Aber das nimmt mir leider niemand ab. Wie gerne würde ich Lalibela wieder zum Blühen bringen und ein Zeichen setzen. Denn wir Äthiopier haben seit Jahrzehnten versäumt, die wahren Probleme unseres Landes anzugehen: Bevölkerungsexplosion, Analphabetismus, Hunger, HIV/Aids, Malaria.

Meine Kritiker unterstellen gerne, dass ich mir die alte Kaiserkrone zurückwünsche. Ich bin zwar ein Mitglied des Hauses David, aber ich bin auch Realist. Äthiopien hat genauso viele Einwohner wie Deutschland, 80 Millionen. Aber drei Viertel sind unter 25 Jahre alt, die haben in ihrem Leben noch nie einen Kaiser gesehen und wünschen sich auch keinen. Und für mich ist das auch keine Priorität.

Aufgezeichnet von Bartholomäus Grill

Prinz Asfa-Wossen Asserate, 59, ist ein Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Sein Vater, Vizekönig von Eritrea, wurde nach dem Sturz der Monarchie hingerichtet. Asserate floh, heute ist er deutscher Staatsbürger. Er ist Unternehmensberater in Frankfurt am Main und schrieb den Besteller „Manieren“

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    • Quelle DIE ZEIT, 27.09.2007 Nr. 40
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