Weil es eben so ist, dass an der Zeugungskraft der Kunst kein Zweifel sein kann, vergeht auch bald kein Tag mehr, an dem nicht irgendwo ein neues Museum eröffnet wird. Nur am Bahnhof Rolandseck gab es noch kein neues Museum. Nun aber gibt es am Bahnhof Rolandseck ein neues Museum. Und es ist eine erhabene Empfindung, wenn man auf dem Balkon des erhabenen Museums steht und der Nebel über dem Rheinfluss wallt und man sich vorstellt, wie sie früher Kaiser und Kanzler in der Sänfte hergetragen haben.

Nonnenwerth, Königswinter, Drachenfels. Rhöndorf hinter den Pappeln. Gediegene Wohngegend hüben und drüben. Wer hier über Bungalow und Aussicht verfügt, lässt sich die Kurparkstimmung von keinem neuen Museum verderben. Weshalb es galt, die statistischen Besucherströme an Bungalow und Aussicht vorbeizudirigieren. Man verlässt also die Sänfte oder steigt aus dem Zug aus, betritt das neue Museum unter der Bahnhofsterrasse, folgt einem Tunnel, der sich in den Berghang bohrt, erreicht einen schmalen Pavillon, macht auf der Treppe eine scharfe Rechtskurve, durchschreitet hallenden Schritts eine röhrenartige Schleuse, schwebt im verglasten Lift vierzig Meter himmelwärts, verlässt den Erlebnisstollen, steht endlich im Licht, wo oben auf des Hügels Scheitel das dreigeschossige Museum thront.

Warum es jetzt dieses Museum gibt, weiß keiner mehr genau zu sagen

Eine kathartische Reise, nichts weniger, bevor man der Kunst ins Auge sieht. Mit den Kindern muss der geregelte Museumslandgewinn das reinste pädagogische Vergnügen sein. Aber auch die Jauchzer der Kolleginnen und Kollegen beim Wiederaustritt aus den architektonischen Gedärmen haben als Zeichen dafür zu gelten, dass der amerikanische Architekt Richard Meier seine Aufgabe zu aller Zufriedenheit gemeistert hat.

Er hat ja doch einige Erfahrungen mit deutschen Promenaden und Kurparks. Museum für angewandte Kunst in Frankfurt, Museum Frieder Burda in Baden-Baden, Arp Museum Bahnhof Rolandseck: Da kann es nicht ausbleiben, dass sich allmählich ein gewisses Heimatgefühl in den Meierschen Kunsthäusern einstellt und die strahlend weiße Alt- und Ewigmoderne, für die der gefeierte Baumeister steht, wie ein gut sortierter Baukasten erscheint. Vor allem aber ist der Architekt dafür bekannt, dass er gerne viel umbauten Raum für komplizierte Treppenrampen und haushohe Galerievorhallen nutzt, was in Museumstypen mit ausgeprägtem Kunstzeigedrang mitunter Probleme schafft, hier oben auf dem Berg über dem Bahnhof Rolandseck aber kaum ins Gewicht fällt. Lange verweilt man auf dem kleinen Freibalkon, versinkt im Nebel, der über dem Rheinfluss wallt, und hätte Arp und Nicht-Arp fast vergessen.

Warum es jetzt ein Arp-Museum gibt, weiß keiner mehr genau zu sagen. Tatsächlich ist der Geschichtsweg entschieden schwieriger zu beschreiben als die ordentliche Führungslinie hin zum Haus. Kürzen wir ab. Begonnen hat alles mit Johannes Wasmuth, den die Altvordern als begnadete Betriebsnudel überliefern, charmant, unverschämt, unwiderstehlich. Der Mann hatte in den sechziger Jahren erst einmal sein Notlager im verfallenen Bahnhof aufgeschlagen, dann in Tateinheit mit der bundesdeutschen Nachkriegsavantgarde die Kulturzentrumsflagge gehisst und irgendwann und irgendwie den Maler, Dichter und Bildhauer Hans Arp kennengelernt. Wie aus der Bekanntschaft ein Sitzrecht am Tisch der Nachlassverwalter werden konnte, hat auch die knallharte Recherche nie vollends zu rekonstruieren vermocht. Jedenfalls gibt es seit gut dreißig Jahren einen Arp-Verein, der äußerst kämpferisch die rheinische Erblinie verteidigt und die Planungen des Museums vorantrieb. Dass die Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber Arp e.V. mit den angeblich von der Arp-Witwe zugesicherten Guss- und Verwertungsrechten des bildhauerischen Werks, gelinde gesagt, großzügig umgegangen sein soll, ist immer wieder Gegenstand juristischer Bewertungen gewesen.

Von den 404 Arp-(Spät)Werken, die das Land Rheinland-Pfalz 1996 in der Hoffnung auf ein Museum auf »Bundesliga-Niveau« (Kulturstaatssekretar Hofmann-Göttig) für über 10 Millionen Euro angekauft hat, hat der Verein eine ganze Anzahl Marmorskulpturen wieder zurücknehmen müssen, die nachweislich posthum gefertigt worden sind.