Architektur Die Welt ist hart und urgemütlich

In München hat sich BMW einen kühnen Showroom errichtet. Das Auto wird darin als Herz der Gesellschaft gefeiert.

Ebenso gut hätte Kardinal Meisner einen Moscheebaumeister damit beauftragen können, ihm eine neue Kirche zu errichten, mit vielen Kuppeln und spitzem Minarett. Das wäre jedenfalls nicht seltsamer gewesen als das, was BMW sich gerade in München leistet. Denn BMW baut auf Coop Himmelblau.

Coop Himmelblau aus Wien, das waren immer die Aufrührer unter den Architekten. Schon in den Sechzigern wollte das Büro die Bauwelt ins Taumeln bringen und die Verhältnisse natürlich ebenfalls. »Architektur, die blutet, die sticht, die fetzt und unter Dehnung reißt«, das war ihr revolutionärer Traum. »Architektur muss brennen.«

Bislang war BMW solch lodernder Expressionismus eher fremd. Man baute auf gediegene Rasanz, auf eine sportliche Form von Verlässlichkeit, auf elegante Autos für elegante Menschen, die längst angekommen sind, auch wenn sie gerade mit 220 durch die Lande rasen.

Warum also? Warum investiert ein Konzern rund 500 Millionen Euro in Architektur und vergibt den Auftrag an ein Büro, das sich auf eindrückliche Wortflammen bestens versteht, doch bislang vor allem halb missratene Häuser abgeliefert hat? Selbst die nicht missratenen erzeugen in manchen Menschen ein mittelschweres Unwohlsein: räudiger Beton, stürzende Wände, Räume ohne Halt.

Noch nicht einmal der eigentliche Zweck des neuen Baus ist leicht zu entschlüsseln. Ein Auslieferungszentrum, wie die Manager sagen? Eine Erlebniswelt, wie die Werbeleute glauben? Zumindest wirkt das Gebäude so gedrungen und gestaucht, als würde es unter der schweren Last ächzen, möglichst viel Aufsehen, möglichst viel Bedeutung erzeugen zu müssen. Es soll eine Art gebautes Logo sein, so viel steht fest. Es soll aller Welt vor Augen führen, wie wagemutig man bei BMW denkt. So wagemutig, dass man selbst vor einer recht ungelenken Großarchitektur nicht zurückschreckt.

Doch man soll sich nicht täuschen lassen. Das Gebäude hat durchaus große Stärken, nur liegen sie verborgen, im Inneren. Dort gerät der Besucher, ob er will oder nicht, in einen ungeahnten Sog, er spürt den Rausch der Architekten, ihre Lust an überbordenden Raumfantasien. Die Architektur so »leicht und veränderbar wie Wolken zu machen«, das war lange das utopische Ziel von Coop Himmelblau – nun scheint sich etwas von ihrer Utopie zu erfüllen. Auch wenn es kein leichter, sondern ein stürmischer Bau geworden ist, keine sanfte Frühlingswolke, sondern eine dräuende Gewitterfront.

Nichts soll hier zweckhaft oder gar funktional sein

Das Auge des Architektursturms ist ein spindelförmiger Pavillon, der wie ein Ableger außerhalb der großen Glashalle liegt. Hier strudelt und kreist der Raum so heftig, als sollte gleich ein stahlbewehrter Tornado über München hinwegfegen. Und tatsächlich scheint ihm jene Wolkendecke zu entweichen, die sich als Dach über die gesamte Glashalle erstreckt. Der wirbelnde Pavillon ist das Kraftzentrum, aus dem sich die Architektur der BMW-Welt in einer großen, gleitenden Bewegung selbst zu erschaffen scheint.

Um diese Geste der Selbsterschaffung geht es den Architekten: Sie wollen nicht der Tradition gehorchen, nicht dem üblichen Bild eines Hauses, in dem alles gerade und geordnet sein soll. Schon gar nicht wollen sie sich dem Diktat des Zweckhaften und Funktionalen unterwerfen. Ihre Freiheit ist die der Kunst – und ebendieser Freiheit verdanken sie wohl den Auftrag. Denn Freiheit will auch BMW verheißen.

Natürlich, Autos müssen funktionieren, aber Funktion allein, die reine Zweckdienlichkeit, wäre der Tod alles Überflüssigen. Und erst die Überflüssigkeit – eine PS-Zahl, die nie ausgefahren wird, oder eine Geländegängigkeit, die es auf deutschen Straßen nicht braucht – macht aus einem normalen Auto ein BMW-Auto. Es gehorcht der Rationalität und lebt doch vom Irrationalen, von der Himmelblau-Freiheit, etwas zu tun, einfach weil man es tun kann – unbegründet, unhinterfragbar.

Dieses Unbegründbare bestimmt denn auch die große Haupthalle des neuen Gebäudes, in der sich Treppen, Brücken, Rampen in wilder Komplexität überlagern. Über allem wogt und wölbt sich fast stützenlos die stahlgraue Decke und bringt damit den Raum in eine Bewegung, die den Besucher verführt, sich selbst zu bewegen und das Haus in seiner ganzen Zwittrigkeit zu erkunden. Obwohl hier natürlich viele hochpolierte Autos zu besichtigen sind, kreist die BMW-Welt doch keineswegs nur um BMW. Sie will über sich selbst hinausweisen, will ein Ort der Vielfalt und Abwechselung sein, offen für alle und alles.

Anders als in der Autostadt von VW in Wolfsburg oder im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart muss hier niemand Eintritt zahlen. Die Menschen dürfen, ja sie sollen frei hineinströmen, so als wäre das Gebäude eine öffentliche Passage. Sogar in der Nacht werde man die Hauptwege offen halten, heißt es bei BMW. Kein Museum und kein steriles Erlebniszentrum möchte man sein, sondern ein städtischer Raum. Deswegen gibt es hier mehrere Restaurants, Bistros, Läden, dazu Konferenzsäle und Vortragsräume und sogar ein Theater mit 800 Plätzen. Auch die Architektur passt zu dieser Inszenierung des Urbanen: Obwohl der Bau für Coop-Himmelblau-Verhältnisse geradezu weich gespült und blank gewienert wirkt, ist er doch keineswegs so aseptisch wie die üblichen Messe- oder Autohallen. Zumindest für ein wenig Babylon, ein wenig Unruhe und Ungeklärtheit, für Großstadtflair also, vermag die Architektur noch einzustehen.

In der großen Glashalle darf man sogar Auto fahren

Deshalb scheint auch alles an diesem Bau vorläufig und beweglich zu sein, sogar die Autos sind oft in Bewegung. Sie werden in Fahrstühlen hinaufgefahren auf ein asphaltiertes Plateau, kreisen dort auf drehenden Scheiben um sich selbst, bis schließlich die stolzen neuen Besitzer einsteigen dürfen, den Motor anlassen und in weitem Schwung aus der Halle fahren. Ganz als wäre der Innenraum ein Außenraum.

Anderswo, etwa in der Gläsernen Manufaktur von VW in Dresden, wird diese Übergabe des Neuwagens als eine Art heiliger Moment inszeniert, als ein Augenblick größter Intimität. Hier hingegen ist es ein öffentlicher Akt – von einer Brücke aus können alle Besucher der Jungfernfahrt zusehen. Natürlich gibt es für die Käufer auch Orte des Rückzugs. Für die hohe Abholer-Gebühr, die sie zahlen müssen, stehen ihnen exklusive Lounges offen, von denen aus sie das neue Gebäude überblicken. Dennoch: Die BMW-Welt will sich vor allem als ein selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens inszenieren, als eine Art Marktplatz. Und die Architektur verstärkt die Inszenierung noch, denn durch das Strömen und Gleiten des Raums scheinen sich die Grenzen zwischen innen und außen fast aufzulösen. Hinter den riesigen Glaswänden leuchtet grün der Olympiapark, in der Ferne die Zipfel des Stadions. Auf der anderen Seite braust der Verkehr, und das BMW-Werk mit seinem Museum liegt zum Greifen nah. Zwischen diesen Polen, der Freizeit- und der Arbeitssphäre, liegt das neue Gebäude – ganz so, als sollten sich in ihm die Gegensätze begegnen und produktiv werden.

Tatsächlich gehört diese Begegnung zum Wesenskern der BMW-Welt: Es geht ihr um Ausgleich, um die Harmonisierung einer konfliktreichen Gegenwart. Und just die Architekten des Knallens und Brechens liefern dafür das Sinnbild: das himmelweite Dach. Es überfängt alle Baukörper der BMW-Welt, ganz gleich ob Theater oder Restaurant. Sie tragen das Dach nicht, sondern stellen sich unter seinen Schutz. Und diesen Schutz scheint es allen anbieten zu wollen, als wäre es eine Einladung, sich unter ihm zu versammeln, sich auszutauschen.

Am Ende ist natürlich auch das nur eine Form von Vermarktungspropaganda. Im Zeichen des Autos, so will uns BMW suggerieren, wird das Unvereinbare vereinbar. Galt lange die Motorisierung als Feind des städtischen Lebens und das Automobil als Inbegriff der Individualisierung, so scheint nun das Gegenteil zu stimmen. Denn hier, in dieser zeichenhaften Inszenierung, zerstört das Auto nicht, hier stiftet es Urbanität und Zusammenhalt. Der Konzern wird zum Hüter des Gemeinwesens.

Am liebsten wäre die BMW-Welt so etwas wie ein allumfassender Verträglichkeitsnachweis: In größter Selbstverständlichkeit werden im Hochparterre die Motoren angelassen, während gleich darunter in einer gläsernen Backstube demonstrativ das Brot gebacken wird. Und gleich dahinter spielen sie Theater, oder es gibt ein Konzert oder einen debattenreichen Kongress. Mögen sich die Weltkonflikte zuspitzen und die Klimakatastrophen überschlagen – in dieser Idealstadt herrscht eitel Einvernehmlichkeit.

Dazu gehört logischerweise auch, dass man der Avantgarde ihren Auftritt gönnt. Sie darf ihre architektonischen Stahlgewitter aufziehen lassen, darf Widerständigkeit und Rebellion demonstrieren. Denn erst damit ist ja bewiesen, dass auch ihre Träume vom anderen Leben längst eingemeindet sind, gut behütet unter dem großen Dach von BMW. Alles ist besänftigt, ist angekommen. Und so rollen die Innenarchitekten mitten im Wirbelsturm der Architektur ihre Flokatiteppiche aus und stellen grüne Bambusbündel vor die weißen Lounge-Sofalandschaften. Die Welt ist hart – und urgemütlich.

 
Leser-Kommentare
  1. Man bekommt immer mehr das Gefühl, dass die Autoproduzenten sich in Selbstverwirklichungsräuschen ergehen.
    Komisch das oder ganz einfach, phallisch flach.

    • Anonym
    • 10.10.2007 um 18:10 Uhr

    Es ist nichts Neues, dass der Mensch sich im Denken verirrt. Denn Geld verdienen kann man nur durch Anbetung des goldenen Kalbes.

    • hagego
    • 16.10.2007 um 13:17 Uhr

    Architekturkritiker zeigen ja gern ihr avantgardistisches Gedankengut gegenüber konservativen Baumeistern. Da wird dann "von einer Chance, die vertan wurde" geschrieben. Hier, am Beispiel des neuen BMW-Showrooms, hat sich die Achse wohl leicht verschoben. Wie können denn gediegene Autobauer - noch dazu in Bayern - ausgerechnet Coop Himmelblau beauftragen, eine Auto-gene Schaubühne zu entwerfen!
    Aber gerade diese Wahl des Architekturbüros zeigt doch zweifelsfrei eines: Die Entscheider bei BMW sind über ihren Schatten gesprungen, sie haben keine (oder nur geringe) Kompromisse gemacht und - sie haben diese, wenn man so will, Hybrid-Architektur auch durchgesetzt. Kompliment! Kreisförmige Hundertmetertürme gibt es inzwischen genügend.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
  • Kommentare 3
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Auto | BMW | Architektur
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service