Die »Barschel-Affäre«, so viel steht längst fest, zählt zu den »großen« Affären der alten Bundesrepublik-West, vergleichbar der » Spiegel- Affäre« und dem Skandal um die gewerkschaftseigene Neue Heimat. Sie fand am 2. Oktober vor 20 Jahren ihren politischen Höhepunkt mit dem Rücktritt des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel, ihren makabren Tiefpunkt mit Barschels Tod neun Tage darauf in einem Genfer Hotel. Ebenso deutlich steht aber inzwischen auch dieses fest: Eine Sternstunde des investigativen Journalismus war die Sache nicht. Vielleicht werden spätere Generationen darin sogar eine umgekehrte Spiegel - Affäre erkennen – also eine Affäre des Nachrichtenmagazins selber; und all derer, die ihm gläubig gefolgt sind.

Zur Erinnerung: Am 14. September 1987, einen Tag nach der Landtagswahl im nördlichsten Bundesland – aber durch Vorabmeldungen rechtzeitig in die letzten Stunden des Wahlkampfes gestreut –, kommt der Spiegel mit einer sensationellen Titelgeschichte (Watergate in Kiel, Barschels schmutzige Tricks) heraus, in der Barschels damaliger Medienreferent Reiner Pfeiffer »auspackt« über allerlei kriminelle Aktivitäten, die er gegen Björn Engholm, den Oppositionsführer der SPD und Konkurrenten Barschels, entfaltet habe – und zwar jeweils auf direkte Anweisung des Ministerpräsidenten. So habe er, dies die wichtigsten Beispiele, anonym eine Anzeige gegen Engholm wegen angeblicher Steuerhinterziehung erstattet. Außerdem habe er eine Detektei beauftragt, Engholms Privatleben nach angeblichen sexuellen Ausschweifungen auszuforschen. Wie gesagt: alles auf direkte Anweisung Barschels. Diese Geschichte erzeugte eine so ungeheure Wucht, dass ihr praktisch niemand mehr eine kritische Energie entgegensetzte – weder in den Medien noch in der Politik.

Worin aber hatte damals die »investigative« Leistung bestanden? Zwar hatte das Magazin Spiegel bereits eine Woche vor der »großen« Enthüllung schon über Merkwürdigkeiten im Wahlkampf der CDU berichtet – Aspekte freilich, die hernach schnell in den Hintergrund traten. Die eigentliche Geschichte beruhte dann zunächst auf nichts anderem als auf einer sogenannten eidesstattlichen Versicherung im Umfang von 22 DIN-A4-Seiten, die Reiner Pfeiffer vor einem Hamburger Notar abgab. Darin plauderte er gewissermaßen aus dem tiefschwarzen Nähkästchen. Der Spiegel – und ihm nachfolgend das Heer der Journalisten, auch bei der ZEIT – glaubte Pfeiffers Worten willig, was gewiss auch dadurch erleichtert wurde, dass einige der Aktionen, deren Pfeiffer sich bezichtigte, tatsächlich stattgefunden und Spuren hinterlassen hatten. Doch für die Hauptfrage, ob er tatsächlich im vollen Wissen und auf direkte und detaillierte Weisung Barschels gehandelt hatte, lieferte Pfeiffer weder einen Beweis – noch wurde einer von ihm gefordert.

Dass Misstrauen angebracht gewesen wäre, ließ der Spiegel in seiner Geschichte anklingen, als er schrieb: »Kein Zweifel: So massiv wie Barschel ist nie zuvor ein bundesdeutscher Politiker von einem Mitarbeiter aus seiner engsten Umgebung belastet worden. Allerdings: Wenn sämtliche Pfeiffer-Vorwürfe zutreffen, hat kein anderer Ministerpräsident je…« Der erste der beiden Sätze trifft zwar exakt zu, besagt aber nichts über Barschels Beteiligung. Der zweite Satz ist nichts als ein leerlaufender Konditionalsatz: Wenn, ja wenn … Misstrauen wäre zudem auch angebracht gewesen, weil eine eidesstattliche Versicherung, so hochtrabend das Wort klingt, in Wirklichkeit das Papier nicht wert ist, auf dem sie steht, solange sie nicht vor einer sachlich zuständigen Behörde oder vor Gericht abgegeben wurde. Und schließlich sagte Pfeiffer selber auch noch: »Wie vom Blitz getroffen« werde Barschel reagieren, wenn er von Pfeiffers Enthüllungen hören werde. Vielleicht einfach deshalb, weil Pfeiffer Barschels direkte Verwicklung frei erfunden hatte?

Einige Jahre und zwei Untersuchungsausschüsse später zeigt sich ein anderes Bild: Was immer gegen Barschel sonst politisch und persönlich vorzubringen war (nicht wenig!), wie immer er tatsächlich ums Leben kam, vor allem ungeachtet des Umstandes, dass er verantwortlich dafür war, diesen Reiner Pfeiffer zu Zwecken eines robusten Wahlkampfes engagiert zu haben – von den eigentlichen kriminellen Aktivitäten des Mannes hatte er nach menschlichem Ermessen keine Ahnung. Sehr wohl aber wusste die Wahlkampfmannschaft Engholms sehr früh – nämlich lange vor der Landtagswahl 1987 – davon. Man ließ den Mann gewähren, ermutigte ihn gar, statt ihm beizeiten das Handwerk zu legen; man hielt eine politische Ausbeutung dieser Vorgänge über die Medien, kurz vor dem Wahltag, offenbar für nützlicher als eine beschleunigte justizielle Aufklärung.

Dennoch, fast sechs Jahre nach der Affäre wurde die SPD von ihr eingeholt. Der damalige SPD-Sprecher Nilius musste einräumen, dass er einen Untersuchungsausschuss belogen hatte. Der Sozialminister Jansen (SPD) musste zugeben, dass er Pfeiffer 1988 und 1989 jeweils mehr als 20.000 Mark übergeben ließ – angeblich in der Schublade angespartes privates Geld. Für einen solchen Übeltäter? Jansen musste zurücktreten, Engholm wenig später.

All dieses kann man inzwischen in den Zeitungsarchiven nachlesen, aber nirgendwo findet man bisher eine selbstkritische Auseinandersetzung der Journalisten mit ihrer Rolle in dieser Affäre, in der politische Einstellungen und schlichte Leichtgläubigkeit zunächst eine stärkere Wirkung entfalteten als wirklich nach jeder Seite hin kritische Ermittlungen. Und das betrifft nicht nur den Spiegel, sondern viele andere Zeitungen, in Teilen auch die ZEIT.