Birma Die meditierende Revolution

In Rangun treten Hunderte Mönche in den Hungerstreik. Der Funke der Revolte erreicht Birmas Provinz. Eine Begegnung mit Aufständischen im Grenzgebiet

Der Geistliche in dunkelroter Robe hockt im Schneidersitz auf einem Holzstuhl. Neben ihm die goldene Kanzel, auf der er eben eine Stunde lang meditiert hat. Hinter ihm der goldene Buddha, über dessen Haupt rot und blau blinkende Lampen einen Heiligenschein erstrahlen lassen. Dort draußen aber, wohin jetzt seine Augen durch eine altmodisch große Brille starren, glänzen die steilen, grünen Berge des Dschungels im Morgenlicht. In ihnen leben noch Tiger und Elefanten.

Der Mönch steht einem Kloster der birmanischen Grenzstadt Myawaddi vor. Er ist vielleicht 60 Jahre alt. Der Reporter hat ihn gerade gefragt, ob er heute schon für seine von der Armee festgesetzten Mitmönche in der 500 Kilometer fernen ehemaligen Hauptstadt Rangun gebetet habe, die gegen Birmas Militärjunta auf die Straße gingen und riskierten, erschossen zu werden. Der Abt schweigt und schaut lieber zu den Bergen.

William, dessen Vater für die britische Kolonialarmee dolmetschte, hat die Frage des Reporters aus dem Englischen ins Birmanische übersetzt. William – 48, arbeitslos, zwei Kinder – hat Respekt vor dem Mönch. Jetzt wird er nervös. »Bitte stell nicht so eine Frage«, zischt er. Unwillkürlich senkt er vor dem über ihm Thronenden das Haupt. Da lacht der Klostervorsteher und sagt auf Englisch: »Ich will mich gerne unterhalten. Haben Sie noch andere Fragen?«

Worauf sich William schnell bis zur Erde verneigt – und ebenfalls lacht. Willkommen beim birmanischen Widerstand! Mit dem Reporter zu sprechen ist für die Mönche in Myawaddi nicht ohne Risiko. Westliche Journalisten sind Regimefeinde. Sie dürfen nicht ins Land. Die Regierungspresse beschuldigt sie derzeit in großen Titelzeilen – weiß auf schwarzem Feld – der Lügen über das Massaker der vergangenen Woche.

Doch die Mönche in Myawaddi ignorieren das. Sie zeigen geduldig ihr Kloster, schildern den Tagesablauf, erklären ihren Glauben. Kein Wort über Politik. Doch sie demonstrieren, was sie mit ihren Glaubensgenossen in Rangun gemeinsam haben – und was sie dieser Tage zu Revolutionären macht. Als die Junta vorige Woche in Rangun in die Menge schießen ließ, als vermutlich Hunderte starben, darunter viele demonstrierende Mönche, da schienen die Wege zum friedlichen Wandel in Birma erneut zerstört. Bald hatte die Armee Tempel und Klöster umstellt, von denen der Protest ausgegangen war. Bald war in Rangun wieder die Ruhe der Diktatur eingekehrt. Wirklich?

Je länger man bei den Mönchen in Myawaddi verweilt, desto größer werden die Zweifel. Daran, dass diese Geistlichen mit Revolution nichts zu tun haben. Und daran, dass alle Wege zum friedlichen Wechsel versperrt sind. In Wahrheit sind sich die Mönche ihrer politischen Macht und ihrer gewaltfreien Mittel sehr bewusst.

»Buddha sagt: Wenn du mich tötest, tötet dich ein anderer.« Die Antwort des Abtes auf die Frage, wie sie es mit Mördern hielten, klingt nicht belehrend, eher bedrohlich. Sie enthält die Antwort der Mönche an die Generäle: Mord kann uns nicht einschüchtern. Vom Sterben verstehen wir mehr als ihr.

Im Kloster zwischen den Reisfeldern am Stadtrand von Myawaddi leben 40 Robenträger. Die Kleinstadt zählt 66000 Einwohner, 72 Klöster und 1500 Mönche. Sie ist übersät mit goldenen Pagoden und Buddhastatuen. Das ist typisch. Unter 52 Millionen Birmanen leben 500000 Mönche in 50000 Klöstern. Das Land hat mehr Mönche als Soldaten. Sie stehen jeden Morgen um vier Uhr auf, meditieren und nehmen nach zwölf Uhr bis zum nächsten Morgen kein Essen zu sich. Sie verdienen kein Geld und ernähren sich von den Spenden der Bewohner, die zum Beten und Meditieren in ihr Kloster kommen.

Sie gehen manchmal mit der Schale Spenden sammeln. Doch sie machen nicht den Eindruck von Bettelmönchen. Im Gegenteil, wenn der Klostervorsteher um acht Uhr den schweren Eisengong zur zweiten Morgenmeditation läuten lässt, dann wirkt es, als versammle sich eine hartgesottene, zum Wettkampf entschlossene Mannschaft in der Meditationshalle.

Die Mönche müssten nur ihre roten Roben gegen Markensporthemden tauschen – es wäre eine tolle Reklame. Sie treten in Sechserreihen auf ihre Meditationskissen, jeder Körper bis in die letzte Sehne durchtrainiert. Sie schlagen ihre Umhänge zurück, geben ihre nackten muskulösen Schultern preis – auf den meisten prangen markante Tattoos von Tigern, Drachen, Kobras. Meditierende stellt man sich im Westen sanfter vor. Diese hier wirken zu allem bereit.

Erst singen sie die alten Sutras. Dann dehnen sie sich, bevor jeder die kerzengerade Haltung einnimmt. Eine Stunde lang passiert jetzt nichts. Nichts, was sichtbar wäre. Keine Bewegung, kein Geräusch. Warum? »Weil alle Birmanen auf Buddha hören und alle – nach dem ersten, zweiten oder dritten Leben – das Nirwana erreichen«, sagt der Abt. Nirwana, der Zustand völliger Auslöschung, ist das Ziel. Nach dem birmanischen Theravada-Buddhismus muss jeder aus eigener Kraft dorthin finden. Das ist der tief individualistische, freiheitskompatible Kern des Glaubens.

Dennoch spricht der Abt für »alle Birmanen«. Die Mönche verstehen sich als Vorbilder für die Laien, schon immer. Sie führten mit ihren Protesten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Land in die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht. Schon damals definierte der birmanische Mönch U Ottama den Weg der Erleuchtung als politischen Weg zur Unabhängigkeit. Er gilt als Vordenker der Demokratiebewegung. Buddhismus und Nationalismus gingen damals in Birma Hand in Hand. Gewaltlos. Die Briten waren irgendwann verständig. Doch was hilft das Meditieren gegen eine mordende Militärjunta?

In Rangun und anderen Großstädten sind die Mönche eingesperrt. Sie dürfen die Klöster nicht verlassen. Im Westen zeigen die Fernsehanstalten keine neuen Bilder mit den roten Kutten mehr. Doch die Bewegung, sagen die Beteiligten, sei nicht am Ende. Sie habe jetzt eine neue, dem Klosterleben angepasste Strategie: den Hungerstreik. Eine Waffe, wie gemacht für Männer, die das tägliche Meditieren und Fasten beherrschen.

Der Streik hat bereits begonnen. Nach Informationen der ZEIT aus zwei voneinander unabhängigen Quellen in Birma sind seit Wochenbeginn 300 religiöse Protestführer im General Technology Institute (GTI) von Rangun, einer beruflichen Ausbildungsstätte, zusammengepfercht. Die Regierung kann die Mönche nicht ins Gefängnis sperren, um nicht noch mehr Respekt unter den Gläubigen zu verlieren. Sie lässt in dem Institut nun winzige Hütten errichten, die Bautoiletten gleichen, um die Mönche in Einzelhaft zu nehmen. Sie will so den Hungerstreik schwächen, der im Institut zuerst aufgenommen wurde. Der Streik soll ein Signal an alle Klöster im Land geben.

Zugleich haben zahlreiche Klöster aufgehört, Spenden von Regierungsbehörden entgegenzunehmen. Diese Gelder waren der Kitt zwischen Geistlichen und Generälen. Sie finanzierten einen Großteil der vielen prächtigen Tempelbauten in dem armen Land. Die Verweigerung von Spenden aber ist für die Mönche ein Mittel des religiösen Ausschlusses. Wen man nicht spenden lässt, der erhält auch keinen Segen. Genau das ist die Waffe, die die Mönche in der Hand halten: Sie könnten die Junta exkommunizieren.

Die politische Entscheidung über den Fortgang der Bewegung wird wohl im Rat des sogenannten Sangha fallen. Der Sangha ist die Gemeinschaft aller 500000 birmanischen Mönche. Sein Rat hat 47 Mitglieder und ist gespalten. Er hat nach dem Massaker von der Regierung eine Entschuldigung verlangt, die diese nicht gegeben hat. Er hat sich seither nicht mehr geäußert. Einige seiner Vertreter sind unter lautstarker Propaganda mit hohen Regierungsmitgliedern zusammengetroffen. Doch solange der Sangha nicht öffentlich zu Ruhe und Ordnung aufruft, genießt die Protestbewegung seinen Schutz.

Andersherum kann er sie durch ein Machtwort vermutlich schnell beenden. Unklar ist, wie stark der Einfluss der Generäle im Rat des Sangha noch ist. Klar ist, dass sie Einfluss verloren haben.

Was die innere Stärke der Mönche begründet, ist auch ihre Schwäche: materielle Mittellosigkeit. Nur wenige besitzen ein Handy, die wenigsten Klöster verfügen über Computer mit Internetanschluss. Ihre Aktionen können die Geistlichen oft nur von Mund zu Mund koordinieren. Das reicht nicht für langatmigen Widerstand. Ohne Zusammenarbeit mit der birmanischen Demokratiebewegung im Untergrund läuft deshalb nichts.

Sie ist klein, aber der organisatorisch entscheidende Faktor. Sie zettelte die Bewegung nach den drastischen Preiserhöhungen für Benzin im August an. Sie übergab die Führung an die Mönche. Ihr Netzwerk muss jetzt gewährleisten, dass der Kontakt unter den Gefangenen im GTI und den bestreikten Klöstern nicht abreißt. Sie hat dafür ein geheimes Steuerungskomitee in Rangun gebildet, das aus drei Klostervertretern und sechs ihrer Aktivisten besteht.

Nthin Mying war bis Mai einer der wichtigsten Führer der Demokraten im Untergrund in Rangun. Doch er wurde entdeckt und musste, mit Bart und langen Haaren getarnt, über die Grenze nach Thailand fliehen. Jetzt arbeitet Mying in einem Verbindungsbüro der Exilbewegung in der thailändischen Grenzstadt Maesot unweit von Myawaddi. Das Büro wird versteckt gehalten. Mying empfängt in einem kleinen Reihenhaus in Maesot, in dem er als illegaler Einwanderer in ständiger Sorge vor der thailändischen Polizei wohnt.

Das Haus hat keine Möbel. Es gibt nur eine Schlafmatte, ein Kissen, eine Decke und ein Poster von Aung San Suu Kyi an der Wand. Nach der Büroarbeit zieht Mying seine Jeans aus und legt einen dunkelgrün karierten Longyi an, den traditionellen wadenlangen Wickelrock, den in Birma auch heute noch fast alle Männer im Alltag tragen.

Mying ist 40, auffallend gut aussehend und wirkt genauso fit wie die Mönche im Kloster. Dabei hat er von 1989 bis 2005 im Gefängnis gesessen, davon sieben Jahre in Einzelhaft. Er zählte 1988/89 ein Jahr lang zur Hausgarde von Suu Kyi. Es war die Zeit der letzten demokratischen Revolte in Birma, die nicht von Mönchen, sondern von jungen, radikalen Studenten wie ihm geführt wurde. Mutmaßlich 3000 Demonstranten wurden 1988 auf offener Straße erschossen. Suu Kyi, die wunderbare Sätze sagte wie »Ich kann euch nur helfen, euch selbst zu befreien«, ganz im Sinne des Theravada-Buddhismus, wurde damals für Mying zu einer zweiten Mutter.

Als er, wie alle jungen Männer in Birma, für einen Monat ins Kloster ging, um danach seine erste Mönchsrobe zu erhalten, war es Suu Kyi, die ihm die Kutte bei sich zu Hause überreichte. Das tun nach altem Brauch die Eltern. Mying war damit adoptiert, hielt politische Reden und wurde für die Bewegung immer wichtiger. Deshalb nahm man ihn fest. Er erzählt von seinen Folterungen, von Elektroschocks, nach denen er bewusstlos umkippte, von Nahrungsentzug und ständigen Schlägen. Und von der Einzelhaft in Eisenketten, wo er neben seinen Exkrementen einschlafen musste.

»Glücklicherweise hatte ich vorher die Gesetze Buddhas gelernt.« Im Gefängnis habe er dreimal am Tag meditiert. Freunde seien dort in Depressionen verfallen und hätten Selbstmord begangen. »Ich habe im Gefängnis meinen geistigen Frieden bewahren können.«

Internationale Appelle für ihn halfen 2005, seine Entlassung zu erwirken. Danach sei er sofort wieder politisch aktiv geworden, sagt Mying. Er gründete noch im selben Jahr mit alten Weggefährten die Gruppe »Generation 1988« im Untergrund. Sie organisierten 2006 eine Gebetskampagne für die Befreiung von Suu Kyi und sammelten heimlich eine halbe Million Unterschriften: für den Dialog mit der Junta, für nationale Versöhnung und Demokratie. »Ich hatte keine Angst. Ich zitterte bei keiner Aktion«, sagt Mying.

Sein Standvermögen schützte die Bewegung in Rangun vor einer Radikalisierung. Während andere seiner Generation mit dem gewaltsamen Widerstand flirteten, sich mit Guerillas nationaler Minderheiten verbündeten, die in den Bergen gegen die Junta kämpfen, blieb Mying bei der von Suu Kyi gepredigten Gewaltfreiheit. »Die Generäle sind nicht meine Feinde, ich hasse sie nicht, ich will den Dialog mit ihnen.«

Mying und ein Dutzend Gleichgesinnter, die im August alle festgenommen wurden, bewahrten so die Bündnisfähigkeit des demokratischen Untergrunds mit den Klöstern. Das zahlte sich jetzt aus. Die Mönche schlossen sich ihrer Bewegung an. Der Sangha forderte zuletzt auch die Freilassung der politischen Gefangenen.

Mying bleibt zuversichtlich. Er spricht von den vielen E-Mails aus Rangun, die er erhalte. Täglich schmuggele man Kameras, Batterien und andere Ausrüstung über die Grenze nach Birma. »Tag für Tag, Schritt für Schritt kommt die Bewegung vorwärts«, sagt Mying. »Wir sind bereit, für Demokratie und Freiheit zu sterben. Und ich glaube, dass wir eines Tages siegen werden.« Nach dem Gespräch meditiert Mying. Wieder passiert eine Stunde lang nichts. Dann geht er mit Freunden zum Essen aus.

Der oft sehr primitive birmanische Widerstand fasziniert westliche Medienprofis. Nicht nur wegen seiner Gewaltlosigkeit. Die jetzt aus Maesot berichtenden Journalisten von Newsweek und Washington Post loben die sorgfältige Informationspolitik der Exilbewegung. Keine Übertreibungen, alles unter genauer Quellenangabe. Die Aktivisten sagten sogar, wenn sie einer Quelle nicht trauten. Dennoch, die amerikanischen Kollegen treten bereits am Dienstag die Heimreise nach Peking und Tokyo in ihre Büros an. Das australische Fernsehen baut zugleich seine Kameras ab, die es für einige Tage am Grenzübergang von Maesot nach Myawaddi stationiert hatte – in Erwartung birmanischer Militäreinheiten auf der anderen Seite, die sich nie zeigten. Alle sagen, es gebe keine neue Story und erst recht keine neuen Bilder mehr.

Dabei geht der Terror des Regimes in Birma jetzt erst richtig los. Keiner weiß das besser als William, der Dolmetscher im Kloster auf der birmanischen Seite der Grenze. William ist nicht sein richtiger Name. Er stammt aus der Provinz Rakhaing an der Grenze zu Bangladesch, ist Angehöriger der Arakan-Minderheit und sieht aus wie ein Bengale. Nach der Unabhängigkeit 1948 mussten Mitglieder seiner Familie untertauchen, um sich vor Vorwürfen der Kollaboration mit den Briten zu schützen. Ständig zogen sie um. Er war Fischer, später Rikschafahrer. Vor sechs Jahren verschlug es ihn mit Frau und Tochter nach Myawaddi, sein Sohn blieb an einem anderen Ort. »Wir wurden schon immer politisch diskriminiert.«

Umso mehr ist er jetzt, nach dem Massaker in Rangun, auf der Hut. Myawaddi sei voller Spitzel, bemerkt er, Repression und Razzien seien zu erwarten. In einem Teehaus schlägt er die Zeitung auf, verweist auf die gedruckten Angriffe der Regierung auf die »Terroristen der NLD«. NLD, National League for Democracy, die Partei von Suu Kyi, die 1990 die letzten freien Wahlen mit deutlicher Mehrheit der Stimmen gewann und nie an die Regierung kam. Dieser Tage darf man den Namen der Partei in Birma nicht mehr aussprechen, ohne eine Verhaftung zu riskieren. Als der Reporter es tut, befiehlt William, still zu sein. Man sei im Teehaus schließlich nicht allein.

Nur unter vier Augen lasse sich in Birma frei reden. »Am besten mit einem Ausländer, der am nächsten Tag verschwunden ist.« Er nimmt einen Weg in Richtung der Dschungelberge. Die Hütten am Wegesrand sind jetzt aus dünnem Bambus, ihre Dächer aus Teakblättern. Sie verraten bittere Armut. Die Birmanen haben pro Kopf ein durchschnittliches Jahreseinkommen von nur 220 Dollar, ihr Land zählt zu den ärmsten der Welt.

Nur Schmuggler, Händler, Generäle könnten in Birma reich werden, sagt William und erzählt von den jüngsten Preiserhöhungen, die die Revolte in Rangun auslösten. Nicht nur die Benzinpreise hätten sich verdoppelt, auch die für Reis. Das Handy, das er sich wünsche, koste jetzt umgerechnet 700 statt bisher 500 Euro. Unerschwinglich. Als Rikschafahrer verdiene er am Tag 1,50 Euro.

Trotzdem nuanciert er seine Kritik.

Birma sei mit seinen 135 ethnischen Gruppen ein schwer zu regierendes Land. Pogrome wie gegen die indische Minderheit nach der Unabhängigkeit habe die Junta bislang verhindert. Ein anderer Pluspunkt sei die Schule, die Alphabetisierungsrate liege bei über 80 Prozent. Sein Sohn studiere, seine Tochter absolviere die Oberstufe. Und wer das staatliche Schulgeld von umgerechnet 50 Euro im Jahr nicht zahlen könne, dem blieben immer noch die gebührenfreien Klosterschulen. Zu einer solchen Schule führt William den Reporter.

Unter einem Wellblechdach im Freien werden Grundschüler von unbezahlten Mönchen und Freiwilligen unterrichtet. Es gibt zehn Lehrer für 560 Schüler. Die Hälfte der Schüler kommt von sieben bis zwölf, die andere Hälfte von zwölf bis 16.30 Uhr. »Wir singen erst die Sutras, dann bringen wir den Kindern Lesen und Schreiben bei«, sagt der Schulleiter in der orangefarbenen Kutte.

Beim Unterricht schauen alle Schüler auf eine kleine Anhöhe inmitten des Klostergeländes. Dort steht ein gewaltiger Nachbau der goldenen Shwedagon-Pagode von Rangun. Man nennt die Pagode die »Seele der Birmanen«, sie ist das bedeutendste Heiligtum des Landes, aber auch zentraler Ort der politischen Geschichte. Vor ihr hielt Suu Kyi ihre berühmteste Rede – an ihrem Nordtor liegt ihr Vater begraben. Ihren Schutz suchten vergangene Woche die vor der Armee fliehenden Demonstranten.

Die berühmte Pagode aber gibt es überall im Land als Replik, tausendfach. Das schafft vielerorts eine spürbare Nähe zu den Ereignissen in Rangun. Ist die Shwedagon-Pagode in Rangun von Soldaten umstellt, fühlen sich auch die Mönche unter ihrer Kopie in Myawaddi bedroht. Der Funke des buddhistischen Widerstands springt durch das ganze Land. Fragt sich nur, ob er zündet oder ob die Mönche am Ende doch lieber meditieren.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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    • Schlagworte Birma | Buddhismus
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