Hauptschulen

»Ein Auslaufmodell«

Der Dortmunder Bildungsforscher Ernst Rösner, der einen Nachruf auf die Hauptschule geschrieben hat, über die Flucht der Eltern und einen möglichen Neuanfang

DIE ZEIT: In diesen Tagen erscheint Ihr Buch Hauptschule am Ende – ein Nachruf. Was versprechen Sie sich von dieser Abrechnung mit der Hauptschule?

Ernst Rösner: Die Hauptschule ist ein Auslaufmodell. Ihre Akzeptanz in der Gesellschaft tendiert gen null, so gut wie niemand wählt diese Schule freiwillig für sein Kind. Trotzdem erwarte ich nicht zu viel. Wenn es gut läuft, werden ein paar mehr Politiker einsichtig und sagen: Das können wir nicht mehr verantworten; wir müssen uns über Alternativen verständigen. Es ist inzwischen allen klar, dass unser gegliedertes Schulsystem leistungsschwach und sozial ungerecht ist. Die Lehrerschaft ist mehrheitlich der Meinung, dass Kinder länger gemeinsam lernen sollten als nur vier Jahre. Außerdem erleben wir einen erheblichen Rückgang der Schülerzahlen, von dem vor allem die Hauptschulen betroffen sind. Das gefährdet viele Standorte. Das alles zusammengenommen müsste doch eigentlich ausreichen, um zu sagen: Höchste Zeit für etwas Besseres!

ZEIT: Sie behaupten in Ihrem Buch, »die Hauptschule ist als Hauptschule nicht mehr zu retten«. Warum nicht?

Rösner: Es ist eine Abstimmung mit den Füßen. Das heißt, die Eltern versuchen nach Möglichkeit, diese Schulform zu meiden, und das gelingt ihnen auch dort, wo sie kein Recht haben, die Wahl der weiterführenden Schule selbst zu bestimmen. Das entscheidende Kriterium bei der Schulformwahl sind die Schulabschlüsse. Die Kinder müssen heute bessere Abschlüsse als ihre Eltern haben, um die gleichen Berufspositionen wie sie zu bekommen. Das lässt sich an den meisten Berufen nachweisen, fast alle haben die Zugangsvoraussetzungen erhöht. Wir hatten aber auch noch nie so viele Abiturienten in der Elternschaft, dazu kommen immer mehr Mütter und Väter mit mittleren Schulabschlüssen. Diese Eltern sind für die Hauptschulen komplett verloren. Die Spirale dreht sich immer weiter in die Richtung anspruchsvollerer Bildungsgänge, das ist politisch nicht zu verhindern. Dabei ist es kein falscher Ehrgeiz der Eltern, sondern eine kühl kalkulierte Einschätzung der beruflichen Chancen ihrer Kinder. Da kann man die Hauptschule noch so schön schminken, die Eltern entscheiden sich trotzdem dagegen, weil sie darin keine Perspektive für ihre Kinder sehen.

ZEIT: Apropos Schminken: Kaum eine andere Schulform wird mit so vielen Auszeichnungen, Preisen, Projekten und jeder Menge Engagement bedacht wie die Hauptschule. Trotzdem schreiben Sie: Alles vergeudete Mühe. Es hilft nichts. Ist denn wirklich jegliche Mühe vergeblich?

Rösner: Ja, es ist sinnlos. Das ist keine freche These, sondern abgeleitet aus der Analyse der vierzigjährigen Bemühungen um eine attraktivere Hauptschule. Alle Bundesländer haben das versucht, nirgendwo ist es gelungen. Ich verstehe nicht, warum die Politik nicht endlich die Lehre daraus zieht und sagt: Auf diesen Bildungsgang müssen wir verzichten. Die Lehrer, vor deren Arbeit ich höchsten Respekt habe, sind teilweise hochgradig frustriert. Irgendwann ist auch deren Schmerzgrenze erreicht, zumal ihre Klientel von Jahr zu Jahr schwieriger wird.

ZEIT: Was machen Sie für den Niedergang der Hauptschule verantwortlich?

Rösner: Es war bereits 1968 die falsche Entscheidung, als man die Hauptschule einführte. Die Experten empfahlen schon damals eine Art Gemeinschaftsschule, aber die Kultusministerkonferenz ersetzte die Volksschule durch Grund- und Hauptschulen. Dieses ursprünglich ständische dreigliedrige Schulsystem wird seit den fünfziger Jahren begabungstheoretisch begründet – es wurden drei Begabungstypen identifiziert, auf die die drei Bildungsgänge zugeschnitten sind. Zufällig benötigte auch die aufkeimende Wirtschaft exakt diese Begabungen. Das war also ein erstaunliches Zusammentreffen von Eignung und Bedarf. Lehrer und Eltern haben das geglaubt und glauben es bis heute, obwohl es wissenschaftlich gesehen blanker Unfug ist.

ZEIT: Ihre Forderung nach der Abschaffung der Hauptschule zielt in letzter Konsequenz auf ein Ende des dreigliedrigen Schulsystems. Wo sehen Sie realisierbare Alternativen?

Rösner: Ich habe kein Patentrezept. Ich sage nur: Schafft keine Exotenschulen an ausgewählten Orten, sondern Reformschulen in erreichbarer Nähe, damit Eltern sich ein Bild machen können. Wir brauchen im Wortsinn begehbare neue Schulen. Keine Konzepte, sondern schulische Wirklichkeit. Natürlich brauchen neue Schulen Zeit und Chancen, um das zu erreichen, was von ihnen erwartet wird, nämlich mehr Kinder zu besseren Schulabschlüssen zu führen. Ich bin davon überzeugt, dass dies in einer gemeinsamen Schule besser geht, vorausgesetzt, man denkt auch über eine andere Lehrerausbildung und neuen Unterricht nach. Mit einer Strukturreform allein ist es nicht getan.

ZEIT: Sie haben selbst an der Entstehung der Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein mitgewirkt. Ist das der richtige Weg?

Rösner: Das hoffe ich. Die ersten Erfahrungen jedenfalls sind sehr erfreulich. Da geht es ja nicht um die plumpe Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems. Da wird kein Schalter umgelegt, sondern es entstehen neue Schulformen, mit denen sich Eltern vertraut machen können. Aber immerhin wird es in Schleswig-Holstein künftig keine eigenständigen Hauptschulen mehr geben. Und so etwas lässt sich nicht mehr rückgängig machen.

ZEIT: Seit Pisa hat sich nicht nur bei den Lehrern herumgesprochen, dass es besser ist, Kinder möglichst lange gemeinsam lernen zu lassen. Inzwischen sind auch immer mehr Eltern dieser Meinung.

Rösner: Ja, wir haben schon 2004 in einer deutschlandweiten Elternbefragung eine rund fünfzigprozentige Zustimmung zum längeren gemeinsamen Lernen bekommen. Durch Pisa sind die Alternativen, die das Ausland vorlebt, viel stärker ins Bewusstsein gerückt. Vielen wurde klar: Wir gehen mit unserer Sortierpraxis den falschen Weg. Andere Länder machen es anders und sind damit viel erfolgreicher.

ZEIT: In vielen Bundesländern gibt es immer noch getrennte Ausbildungen für Lehrer von Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Da scheint ein Ende des dreigliedrigen Schulsystems noch weit.

Rösner: Es gibt da eine beliebte Zirkelargumentation: Wir brauchen keine andere Lehrerausbildung, weil wir die entsprechenden Schulen nicht haben. Und umgekehrt: Weil wir die entsprechenden Lehrer nicht haben, können wir auch keine neuen Schulen gründen. Auf solche Rhetorik sollten wir uns nicht weiter einlassen. Wir brauchen eine veränderte Lehrerausbildung mit höheren Praxisanteilen; eine Ausbildung, die sehr stark darauf setzt, in leistungsgemischten Gruppen erfolgreich zu arbeiten.

ZEIT: Bis diese Reformen in 16 Bundesländern durchgesetzt sind, wird es dauern.

Rösner: Sie können in Deutschland keinem Vater und keiner Mutter erklären, warum wir 16 verschiedene Schulsysteme haben, das sind Auswüchse des deutschen Bildungsföderalismus, für die hat kein Mensch Verständnis. Besucher aus dem Ausland schlagen da die Hände über dem Kopf zusammen und sagen: Welch ein Chaos! Recht haben sie. Ich rechne damit, dass die Länder künftig unterschiedlich schnell in der Entwicklung neuer Angebotsformen voranschreiten. Das kann bedeuten, dass die Differenzen zwischen den Ländern noch größer werden. Aber wir werden eine Entwicklung bekommen hin zu längerem gemeinsamen Lernen. Das ist ein Megathema in allen Bundesländern.

ZEIT: Wer zögert denn das Ganze hinaus: Eltern, Lehrer oder Politiker?

Rösner: Die Probleme liegen vor allem in der Landespolitik – und in den Verbänden. Einige haben ein starkes Interesse daran, dass sich gar nichts ändert. Viele Realschullehrer haben einfach Angst davor, in Zukunft in Schulen zu unterrichten, in denen auch leistungsschwache Schüler sitzen. Mit der Hauptschule fusioniert zu werden betrachten sie als Statusverlust.

ZEIT: Trotz aller Befunde wird es die Hauptschule noch eine Weile geben. Wie geht es also weiter?

Rösner: Wir schicken immer noch rund 150.000 Schüler pro Jahr in die rund 5.000 Hauptschulen in Deutschland. Es werden jedes Jahr zwar weniger, aber es ist immer noch die am meisten vorkommende Schulform. Hauptschüler kann man nicht verantwortlich machen für die Mängel des traditionellen Schulsystems, deshalb muss auch weiterhin versucht werden, ihre Situation mit allen erdenklichen Mitteln erträglich zu machen und ihnen eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Aber muss man denn jedes Jahr eine neue Generation von Schülern in diese Schule hineinschicken? Ich plädiere dafür, diesen Bildungsgang geordnet auslaufen zu lassen und ihn Jahrgang für Jahrgang durch etwas Besseres zu ersetzen.

ZEIT: Wenn Sie eine Vision äußern dürften, die sich trotz des föderalen Bildungssystems durchsetzen ließe, wie sähe die aus?

Rösner: Mein Wunsch wäre, dass alle Kinder auch nach der Jahrgangsstufe vier ihre Schulzeit gemeinsam bis zur zehnten Klasse fortsetzen könnten. Und dass diese gemeinsamen Schulen eine Vielfalt von Organisationsformen repräsentieren dürfen. Dabei sollte man sich auch an den Kompetenzen der Lehrkräfte orientieren, denn nicht jedes Kollegium kann alles. Meine Vision wäre also eine schrittweise Überwindung unserer fatalen Dreigliedrigkeit. Meine Erwartung ist, dass es in den nächsten Jahren in einer wachsenden Zahl von Bundesländern zu Strukturveränderungen kommen wird, aber zu unterschiedlichen. Das ist leider der Preis des Föderalismus.

ZEIT: Glauben Sie, dass unser Bildungssystem trotz dieser föderalen Kleinstaaterei die Chance hat, wieder international wettbewerbsfähig zu werden?

Rösner: Das kann ich mir nur schwer vorstellen, dazu brauchten wir einen länderübergreifenden gesellschaftlichen Konsens. Stattdessen verzetteln wir uns in Kleinkriegen und kommen nicht aus den Startlöchern, während das Ausland enorme Fortschritte bei seinen Bildungsreformen gemacht hat. Wenn wir aber erfolgreich in eine Wissensgesellschaft hineinsteuern wollen, können wir uns so was überhaupt nicht leisten. Derzeit vergeuden wir Potenziale ohne Ende.

Das Gespräch führte Jeannette Otto

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Leser-Kommentare

    • 07.10.2007 um 18:48 Uhr
    • Isaidy

    ich teile Ihre Meinung zu 100 %. Letztendlich werden für mich nur Schulen eine Zukunft haben, die alle drei Abschlüsse unter einem Dach anbieten. Ich selbst bin auch aus Schleswig-Holstein und beschäftige mich seit geraumer Zeit mit den Bildungsplänen der Landesregierung. Mein Junge wird 2009 umgeschult und man muss ja schließlich wissen, was da so kommt. Die Regionalschulen (zusammengelegte Haupt- und Realschulen), von der CDU ins Leben gerufen, weil sie vom Gymnasium nicht lassen will, haben für mich keine Zukunft und die Abstimmung mit den Füßen wird sie mittelfristig in die Bedeutungslosigkeit treiben. Mittlerweile läuft bei uns das Gymnasium in den fünften Klassen bereits fünfzügig und die Gesamtschulen (mit integrierter Oberstufe) können sich vor Anmeldungen kaum retten. Auch ich tendiere zur Gesamtschule, um meinen Jungen einen demütigenden Schulwechsel bei "Versagen" zu ersparen. An der Gesamtschule (zukünftig Gemeinschaftschule) kann er alle drei Abschlüsse erwerben, vorausgesetzt, man lässt den heutigen Gesamtschulen ihre Oberstufe. Man gibt ihm 9 Jahre Zeit fürs Abi und solange das Abi gleichviel wert ist das des Gymnasiums, klingt für mich das mittlerweile bewährte Konzept der hiesigen Gesamtschulen durchaus akzeptabel. Für mich ist die Gesamtschule keine Gleichmacherei, vorausgesetzt - und das kam ja in Ihrem Interview auch zum Ausdruck - es wird in die Lehrerschaft quantitativ wie auch qualitativ investiert. Eine Schulformänderung auf dem Papier bringt überhaupt gar nichts, der Lehrkörper, die Lehrmethoden und das Lernmaterial müssen überarbeitet und angepasst werden, um Schülern unterschiedlicher Begabung gerecht zu werden.

  1. Ich schrieb es woanders schon mal: Warum sollte ab der 5. Klasse plötzlich nicht mehr funktionieren, was vorher vier Jahre lang prima geklappt hat? Das gemeinsame Lernen von starken und schwachen Schülern. Nach mehreren Jahren im Dienst komme ich immer mehr zur Erkenntnis wie im Interview: Das dreigliedrige System ist dummes Zeug.
    Ich bin übrigens selbst Realschullehrer und hätte keine Angst vor einem "Statusverlust", wie es im Interview unterstellt wird. Angst hätte ich bei der Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen davor, dass exakt der gleiche Trend einsetzt, der derzeit bei der Hauptschule zu erkennen ist. Nein, eigentlich falsch. Ich habe nicht Angst davor, sondern weiß es, denn hier in Niedersachsen ist der Trend seit Abschaffung der Gymnasien eindeutig: Alles muss auf's Gymnasium. Für Realschulen bleibt der Unterbau (schon heute hat ein großer Teil unserer Schüler Hauptschulempfehlungen), für Hauptschulen der Rest. Die Schaffung einer "Gemeinschaftsschule" ohne die Starken wäre fatal. In 10-20 Jahren, so denke ich, hätten wir dann allerdings sowieso die Gesamtschule. Die hieße dann nur anders: Gymnasium. Aber gut, vielleicht wäre dann auch endlich Schluss mit den schwachsinnigen Besoldungsunterschieden und (Nicht-)Aufstiegsmöglichkeiten zwischen den einzelnen Lehrämtern. Auch so ein Anachronismus, den keiner mehr wirklich versteht.

  2. @Isaidy:
    Es ist natürlich immer wohlfeil, den Lehrerinnen und Lehrern die Last der Änderung aufzuhalsen. Aber auch Lehrer brauchen Rahmenbedingungen, unter denen sie arbeiten können. Wenn ich z.B. eine finnische Schule mit einer deutschen vergleiche, fällt mir als erstes auf, dass die finnische Schule Bedingungen bietet, von denen wir nur träumen können: Übersichtlichkeit, jede Menge Mitarbeiter abseits der Lehrbetriebs und - schlicht und einfach - Gebäude, in denen Arbeiten Spaß machen kann. So wenig wäre manchmal nötig. Bei uns allerdings reicht es ja nicht mal mehr dazu, die tropfenden Decken unserer 70er-Jahre-Funktionsbauten zu flicken. Dass Menschen diese Gebäude schnellstmöglich flüchten, wird jeder verstehen, der dort einen beträchtlichen Teil seines Arbeitstages verbringt. Material- und Methodenschlachten sind von vornherein verloren, wenn das Schlachtfeld nicht geeignet ist (um es mal martialisch auszudrücken).

    • 08.10.2007 um 9:11 Uhr
    • dojon

    Die Trennung der Kinder im 10 Lebensjahr hat vor allem den Sinn, eine soziale und in den Ballungsräumen auch ethnische Apartheid zu gewährleisten. (Wohlgemerkt, ich heiße diese Apartheid nicht für gut aber sie ist einfach ein Fakt) Sollte der Staat diese Apartheid nicht mehr weiter gewährleisten wollen, dann wird eine rapid beschleunigte Abwanderung in den Privatschulsektor einsetzen. Am Ende wird eine noch viel schärfere Trennung stehen. Derzeit gehen die Kinder der unteren und oberen Mittelschicht meist noch in einen Schultyp. Mit der Einführung der Gesamtschule wird das Geschichte sein. Die Kinder der unteren Mittelschicht, deren Wohlstand ohnehin seit vielen Jahren erodiert, werden sich dann in der Gesamtschule (= Restschule) wiederfinden. Die Schule nimmt hier eigentlich nur Entwicklungen vorweg, die sich seit Jahren gesamtgesellschaftlich deutlich abzeichnen.

    • 08.10.2007 um 9:36 Uhr
    • Isaidy

    Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe ausdrücklich nicht nur die Lehrerfortbildung gemeint und es ist auch nicht so, dass alles auf den Schultern der Lehrer ausgetragen werden soll. Sie haben recht, viele Schulen in Deutschland sind in einem katastrophalen Zustand und es ist eine Schande für dieses Land, dass es Schülern und Lehrern einen solchen Arbeitsplatz zumutet. Ich selbst habe mit anderen Eltern den Klassenraum unserer Kinder zur Einschulung streichen und säubern müssen, weil die Stadt/das Land dafür kein Geld mehr hat. Aber ganz klar müssen für eine Bildungsreform auch die Lehrer als Bildungsvermittler das ihrige dazu beitragen und offen sein für neue Lehrmethoden und eine andere Form der Pädagogik, die sich durch die Integration von Schülern unterschiedlicher Fähigkeiten ergibt. Bessere Rahmenbedingungen wären schon alleine dadurch geschaffen, wenn mehr Lehrerstellen geschaffen würden. Das würde den Unterricht entzerren und Raum schaffen, sich einzelnen Schülern ausgiebiger zu widmen. Zugeben müssen Sie aber auch, dass in anderen Ländern die Lehrer zum Teil "rund um die Uhr" als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und ein kameradschaftliches Verhältnis zu ihren Schülern pflegen. Viele Lehrer in Deutschland sind von dem ständigen Hickhack der Verordnungen und dem Kampf mit den Schülern aber bereits derart abgestumpft, dass sie Dienst nach Vorschrift machen und ihren Stoff durchziehen. In vielen Schulen Deutschlands sehen sich Lehrer und Schüler gegenseitig als Feinde. Es wird auch Aufgabe der Politik sein, zu fragen, wieso dies so ist, möchte sie das bestehende System wirklich verändern. Meines Erachtens trug und trägt dazu entscheidend bei, dass man in Deutschland viel zu sehr versucht, die Kinder an das bestehende System Schule anzupassen, statt die Schule an die Kinder. Mit Letzterem meine ich eine Schule, die sich den Kindern und ihren unterschiedlichen Begabungen individueller widmen kann und nicht abstraft und demütigt, wenn sie das Klassensoll nicht erreichen. Letzteres ist eine Methodik, die bisher von oben vorgegeben wurde und in der Lehrer und Schüler gleichsam Opfer sind und sich gegenseitig aneinander aufreiben. Denn für die Schüler sind die Lehrer an diesem Druck Schuld und für die Lehrer die Schüler, die sich diesem System bald innerlich verweigern. Dies ist kein Plädoyer für Kuschelpädagogik. Aber: Nehmen Sie z.B. einen Schüler, der in Mathe und Werken überdurchschnittlich gut ist, aber seine Defizite in Deutsch und Englisch hat, der fällt heutzutage automatisch durchs Plansoll am Ende des Schuljahres und ihm wird signalisiert, dass er nicht gut genug ist zum Weiterkommen. Lässt man ihn mit diesen Defiziten alleine und schiebt ihn ab, dann wird er bald auch keine Lust mehr haben in Mathe und Werken sein Bestes zu geben. Wozu auch? Und das ist dann wieder einer, der verloren ist. Hier kann eine Schule mit individueller Förderung (Binnendifferenzierung) das entscheidende Quäntchen Motivation am ehesten herausholen und den Schüler auffangen. Dazu bedarf es auch (und ich sage ausdrücklich neben anderen Faktoren) der Fortbildungswilligkeit des Lehrkörpers.

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    @Isaidy   mietek1

    Haben Sie auch Lust Ihrem Arbeitgeber rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen? Können Sie sich vorstellen, dass ein Lehrer, der in 5 Klassen Mathe den 150 Kindern beibringt, sich darauf einlassen würde um jeder Zeit zu Hause angerufen zu werden um die privat Nachhilfestunde kostenlos zu erteilen. Abgesehen von den genervten Familienangehörigen eines Lehrers, die rund um die Uhr die Telefonate von Schülern und deren Eltern entgegen nehmen muessen.

    Mein Frau ist auch Realschullehrerin in Niedersachsen, wie Herr Praenki. Sie hatte vor Jahren während des Elternabends unsere Telefonnummer bekannt gegeben. Seit dem rufen die Schüler und die Eltern wann es ihnen passt - auch während des Tatorts am Sonntag abend- um die Probleme zu besprechen. Auch wenn sie nicht zu hause ist, muss ich die Telefonate entgegennehmen und sich vor den Eltern rechtfertigen, dass meine Frau nicht zu Hause zu erreichen ist.
    In den Ferien rufen die Eltern an um sich zu erkundigen wann fängt die Schule an. In der Schulzeit rufen abends die Schüler an um sich zu erkundigen was für eine Hausaufgabe es gab.

    Weil ich zu Hause arbeite bin ich immer als Telefonmädchen erreichbar. Das wünsche ich niemanden und finde ich Idee, dass ein Lehrer immer erreichbar sein sollte einfach schwachsinnig. Ein Lehrer ist kein Notarzt und kein Feuerwehrman. Ein Lehrer hat auch ein Recht auf sein Privatleben.
    Inzwischen habe ich meine Frau dazu überreden können ihren "Dienstnummer" auf zweiter ISDN Leitung zu errichten mit einem anderen Klingelnton. Und unsere neue "private" Telefonnummer halten wir inzwischen so geheim, dass sogar die Schulleiterin sie nicht weiss.
    Somit nimmt nur meine Frau die "Diensttelefonate" entgegen wenn Sie gerade in ihrem Arbeitszimmer sitzt. Sonst laufen sie in die Leere oder auf AB.
    Man kann sich nicht vorstellen wieviel Schwachsinn fällt den Eltern ein, wenn sie Möglichkeit haben abends den Lehrer mit ihren Erziehungsproblemen voll zu quatschen.

  3. Haben Sie auch Lust Ihrem Arbeitgeber rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen? Können Sie sich vorstellen, dass ein Lehrer, der in 5 Klassen Mathe den 150 Kindern beibringt, sich darauf einlassen würde um jeder Zeit zu Hause angerufen zu werden um die privat Nachhilfestunde kostenlos zu erteilen. Abgesehen von den genervten Familienangehörigen eines Lehrers, die rund um die Uhr die Telefonate von Schülern und deren Eltern entgegen nehmen muessen.

    Mein Frau ist auch Realschullehrerin in Niedersachsen, wie Herr Praenki. Sie hatte vor Jahren während des Elternabends unsere Telefonnummer bekannt gegeben. Seit dem rufen die Schüler und die Eltern wann es ihnen passt - auch während des Tatorts am Sonntag abend- um die Probleme zu besprechen. Auch wenn sie nicht zu hause ist, muss ich die Telefonate entgegennehmen und sich vor den Eltern rechtfertigen, dass meine Frau nicht zu Hause zu erreichen ist.
    In den Ferien rufen die Eltern an um sich zu erkundigen wann fängt die Schule an. In der Schulzeit rufen abends die Schüler an um sich zu erkundigen was für eine Hausaufgabe es gab.

    Weil ich zu Hause arbeite bin ich immer als Telefonmädchen erreichbar. Das wünsche ich niemanden und finde ich Idee, dass ein Lehrer immer erreichbar sein sollte einfach schwachsinnig. Ein Lehrer ist kein Notarzt und kein Feuerwehrman. Ein Lehrer hat auch ein Recht auf sein Privatleben.
    Inzwischen habe ich meine Frau dazu überreden können ihren "Dienstnummer" auf zweiter ISDN Leitung zu errichten mit einem anderen Klingelnton. Und unsere neue "private" Telefonnummer halten wir inzwischen so geheim, dass sogar die Schulleiterin sie nicht weiss.
    Somit nimmt nur meine Frau die "Diensttelefonate" entgegen wenn Sie gerade in ihrem Arbeitszimmer sitzt. Sonst laufen sie in die Leere oder auf AB.
    Man kann sich nicht vorstellen wieviel Schwachsinn fällt den Eltern ein, wenn sie Möglichkeit haben abends den Lehrer mit ihren Erziehungsproblemen voll zu quatschen.

    Antwort auf "@praenki,....."
    • 08.10.2007 um 11:59 Uhr
    • Isaidy

    Sie haben Recht, das ist in der Tat eine enervierende Angelegenheit. Die Ansprechbarkeit der Lehrer in anderen Ländern ergibt sich wahrscheinlich einfach aus dem Umstand, dass die Lehrer dort an den Schulen länger zur Verfügung stehen, weil mittags noch nicht Feierabend ist. Ich kann sehr gut verstehen, dass ein Lehrer innerhalb seiner Freizeit nur sehr bedingt für Schüler und Eltern zur Verfügung stehen will. Allerdings gehe ich auch davon aus, dass nicht der komplette Nachmittag stets und ständig für einen Lehrer in Deutschland Freizeit ist und man als Lehrer schon in der Lage sein kann, den Eltern/Schülern bestimmte Sprechzeiten am Nachmittag einzuräumen, in denen sie sich mit ihren Belangen melden können. Ist es eine Zumutung, wenn ich den Eltern am Elternabend mitteile, dass sie mich am z.B. Dienstag- und Donnerstagnachmittag unter einer entsprechenden "Elternhotline", sprich: einer Extratelefonnummer von ... bis ... Uhr erreichen können? Ich weiß, dass ich mich jetzt mit Tausenden von Lehrern anlege, weil ich in ihre frei zu gestaltende Zeit eindringe, aber Verfügbarkeiten (von zum Teil wesentlich strengerer Art) werden in anderen Berufen auch erwartet und ich kann sie nicht als Zumutung empfinden. Lehrer erwarten von den Eltern doch auch Mithilfe bei der Edukation, dann muss man ihnen aber auch entgegenkommen und Zusammenarbeit ermöglichen. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Eltern sich mit "Pipifax" in den Augen der Lehrer an diese wenden. Wird dieser "Pipifax" aber von vornherein abgelehnt und ignoriert, gibt man den Eltern, die überhaupt ein Interesse an dem Werdegang ihrer Kinder an der Schule haben, das Gefühl hier nicht gefragt zu sein. Umso eher gehen sie dann auf die Barrikaden und schießen mit Granaten auf Spatzen, sprich: schalten Direktion oder gar Anwalt ein, weil dieses oder jenes nicht verständlich ist oder unfair erscheint. Ich bin kein Lehrer, wohl aber in Vollzeit arbeitender Elternteil. Ich habe ein Interesse daran, dass mein Junge in der Schule voran und mit den Lehrern klar kommt. Oft gibt es Verständigungsprobleme zwischen ihm und mir, weil er mir gar nicht oder völlig verdreht berichtet. Oft stand ich auf dem Elternabend schon völlig blöd dar, weil ich mich über Dinge erregt habe, die sich dann im Nachhinein ganz anders darstellten und mein Sohn "getütelt" hatte. Bisher habe ich mich tatsächlich nicht getraut, seine Lehrerin anzurufen, weil ich Privatsphäre respektiere, aber gewünscht hätte ich mir schon des öfteren, einen Zeitpunkt zu haben, von dem ich weiß, dass ich sie nicht bei irgendetwas störe und meine Fragen unter vier Augen loswerden kann. Wie gesagt, ich bin voll berufstätig und kann nicht mittags mal eben in der Schule auf der Matte stehen.

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    @Isady   mietek1

    Viele Leher würden gern in der Schule länger bleiben und auch nachmittags (was ist schon Nachmittag in einer Ganztagschule? Ab 16 Uhr?) in der Schule arbeiten, wenn man ihnen einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen würde. Auf jeden Fall würde das meine Frau gern machen. Leider in ihrer Realschule muss sie sich einen Tisch (1M x 1M ) in dem Lehrerzimmer mit drei Kolleginnen teilen und in dem Lehrerzimmer gibt es nur zwei Computerarbeitsplätze für die 28 Lehrer. Eine vernünftige Arbeitsklima ist damit nicht gegeben und meine Frau muss nach der Schule zu Hause die Arbeiten korrigieren und den Unterricht vorbereitet.
    Weil das häusliche Arbeitszimmer nicht mehr vom Steuer absetztbar ist, ist dem Lehrer eine zusätzliche Belastung auferlegt.

    Sie schreiben:
    "Lehrer erwarten von den Eltern doch auch Mithilfe bei der Edukation, dann muss man ihnen aber auch entgegenkommen und Zusammenarbeit ermöglichen."

    Lehrer erwarten vor allem, dass die Eltern den Kindern gutes Benehmen beibringen, ihnen das Frühstück geben, ihre Hausaufgabe kontrollieren, und darauf aufpassen, dass die Kinder nicht bis morgens an den Computern heurmballern.
    Ich dachte immer, dass es die Aufgabe der Eltern ist sich um die Zukunft ihrer Kindern zu kümmern.

    Ich bin der Meinung, dass man die Schulpflicht in Deutschland ab der 5. Klasse abschaffen sollt Dann kommen wirklich nur diese Kinder in die Schule, deren Eltern sich noch Gedanken um die Bildung ihrer Kinder machen. Dann wird auf einen Schlag die Klassengröße um die Hälfte schrumpfen wenn die türkischen Mädchen und Jungen zu Hause bleiben. Die haben meistens kein Interesse an einer Schule und kommen nur hin, weil sie es müssen.

  4. 8. @Isady

    Viele Leher würden gern in der Schule länger bleiben und auch nachmittags (was ist schon Nachmittag in einer Ganztagschule? Ab 16 Uhr?) in der Schule arbeiten, wenn man ihnen einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen würde. Auf jeden Fall würde das meine Frau gern machen. Leider in ihrer Realschule muss sie sich einen Tisch (1M x 1M ) in dem Lehrerzimmer mit drei Kolleginnen teilen und in dem Lehrerzimmer gibt es nur zwei Computerarbeitsplätze für die 28 Lehrer. Eine vernünftige Arbeitsklima ist damit nicht gegeben und meine Frau muss nach der Schule zu Hause die Arbeiten korrigieren und den Unterricht vorbereitet.
    Weil das häusliche Arbeitszimmer nicht mehr vom Steuer absetztbar ist, ist dem Lehrer eine zusätzliche Belastung auferlegt.

    Sie schreiben:
    "Lehrer erwarten von den Eltern doch auch Mithilfe bei der Edukation, dann muss man ihnen aber auch entgegenkommen und Zusammenarbeit ermöglichen."

    Lehrer erwarten vor allem, dass die Eltern den Kindern gutes Benehmen beibringen, ihnen das Frühstück geben, ihre Hausaufgabe kontrollieren, und darauf aufpassen, dass die Kinder nicht bis morgens an den Computern heurmballern.
    Ich dachte immer, dass es die Aufgabe der Eltern ist sich um die Zukunft ihrer Kindern zu kümmern.

    Ich bin der Meinung, dass man die Schulpflicht in Deutschland ab der 5. Klasse abschaffen sollt Dann kommen wirklich nur diese Kinder in die Schule, deren Eltern sich noch Gedanken um die Bildung ihrer Kinder machen. Dann wird auf einen Schlag die Klassengröße um die Hälfte schrumpfen wenn die türkischen Mädchen und Jungen zu Hause bleiben. Die haben meistens kein Interesse an einer Schule und kommen nur hin, weil sie es müssen.

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  • Von Jeannette Otto
  • Datum 15.11.2007 - 06:09 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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