Bildungspolitik Bildungspartei ohne Ideen
Die SPD wiederholt in ihrer Schulpolitik alte Fehler und drückt sich vor neuen Fragen.
Nichts demonstriert die Hilflosigkeit der SPD-Bildungspolitik klarer als dieser Seufzer: »Das Problem sind ja die Eltern!« Und, schlimmer noch: »Auch die Genossen Eltern.« Der Seufzer entfuhr einer schulkampferprobten Sozialdemokratin am Ende einer parteiinternen Tagung, die kürzlich in Berlin stattfand.
Stundenlang hatte man sich dort gegenseitig bestätigt, wie wunderbar die Gesamtschule (neuer Kampfname: Gemeinschaftsschule) sei. Nur kurz lugte die Wirklichkeit ins Willy-Brandt-Haus. Ja, die Eltern; schicken ihre Kinder einfach aufs Gymnasium statt auf die Gesamtschule, wenn sie die Wahl haben.
Aber von der Wirklichkeit lassen sich die Sozialdemokraten in ihrer Bildungspolitik nicht nachhaltig beeindrucken. Davon zeugt auch der jetzt vorgelegte Entwurf für ein neues SPD-Programm, das der Parteitag Ende Oktober beschließen soll.
Dort werden gleiche Bildungschancen für alle Kinder gefordert, unabhängig von ihrer Herkunft. Völlig zu Recht, denn die soziale Ungerechtigkeit ist der Makel unseres Bildungssystems, vom Übergang der Schüler auf die weiterführenden Schulen bis zum Hochschulzugang.
Doch eine unangenehme Wahrheit blenden die Sozialdemokraten aus: dass sie sich beim Thema Bildungsgerechtigkeit selbst blamiert haben. Die Pisa-Studie hat im Jahr 2002 nicht nur zutage gebracht, dass die Schüler in unionsregierten Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg mehr lernen als ihre Mitschüler in Hessen und Nordrhein-Westfalen, den einstigen Experimentierfeldern sozialdemokratischer Schulpolitik. Die Untersuchung hat auch gezeigt, dass in den ehemaligen roten Hochburgen die Schülerleistung sogar noch stärker an die soziale Herkunft gekoppelt ist als in den Stammländern der Union (siehe Kasten unten). Auch Arbeiter- und Einwandererkinder, dies ist die bitterste Pisa-Lektion für die Sozialdemokraten, lernen bei den Schwarzen mehr als bei den Roten.
Damals hat sich die SPD-Führung verständlicherweise darüber hinweggemogelt, um sich die Bundestagswahl nicht verhageln zu lassen. Doch das Verdrängen hält bis heute an. Ein fataler Fehler, der den Weg zu einer ehrlichen Analyse verbaut – und damit zu neuen Antworten.
Zu einer ehrlichen Analyse gehört die Erkenntnis, dass Bildungsgerechtigkeit nur zu erreichen ist, wenn die Schüler zu Leistung und Anstrengung angehalten werden. Und dass dieser Gedanke in der sozialdemokratisch geprägten Bildungsszene jahrelang verpönt war. Im wohlmeinenden Bestreben, die Kinder aus schwächeren Sozialmilieus nicht zu überfordern, wurden sie – unterfordert. Das Wort Leistung tauchte nur beim Anprangern des »Leistungsdrucks« auf. Inzwischen belegen mehrere Schulstudien, dass das Fordern von Leistung mehr zur Gerechtigkeit beiträgt als der Verzicht auf sie.
Im SPD-Programmentwurf hat das keinen Niederschlag gefunden.
Nun gibt es allerdings eine Spezies von Genossinnen und Genossen, die unter dem Druck der Praxis schon vor einer Weile die Bedeutung der Leistung für die Schule wiederentdeckt hat: die sozialdemokratischen Kultusminister. Eine neue »Kultur der Anstrengung« forderten sie schon in den neunziger Jahren. Hamburg und Rheinland-Pfalz waren unter SPD-Ägide bundesweit sogar Vorreiter beim Einsatz von Leistungsstudien für die Schulentwicklung.
Die Partei als Ganzes hat diese Kurskorrektur aber nicht mitvollzogen. Da kann Doris Ahnen, die angesehene sozialdemokratische Kultusministerin von Rheinland-Pfalz, ihre Genossen zwar daran erinnern, dass Leistungsorientierung eine »zutiefst sozialdemokratische Forderung« sei. »Chancengleichheit und Leistungsorientierung«, schreibt sie in einem Beitrag zur aktuellen Programmdiskussion, »sind die beiden Seiten einer Medaille.« Doch Kraft genug, diese Erkenntnis ins Programm zu drücken und damit zur offiziellen Politik der SPD zu machen, haben sie und andere erfahrene Praktiker offenbar nicht.
Dieses Auseinanderklaffen von Parteilinie und praktischer Politik hat zur Folge, dass die SPD in einem zentralen Politikfeld keine Strahlkraft entwickeln kann. In der Praxis setzen sich sozialdemokratische Kultusminister gemeinsam mit ihren Unionskollegen für Bildungsstandards, für zentrale Prüfungen und Leistungstests ein. In den Wahlkämpfen aber, wie in Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, wird die Folklore der siebziger Jahre geboten. Die SPD trommelt für die Gemeinschaftsschule, eine Schule für alle Kinder bis zur zehnten Klasse. Und provoziert die CDU zur rituellen Verteidigung des gegliederten Schulsystems (ZEIT Nr. 38/07). Dass diese Kämpfe die Schulen lähmen, ist in der Pisa-Studie zu besichtigen.
In Hamburg bauen die wahlkämpfenden Genossen auf Bewegung statt auf Symbolik. Gemeinsam mit der CDU, die auch über ihren Schatten gesprungen ist, werben sie für den Kompromiss eines Zweisäulenmodells: Neben das Gymnasium tritt die sogenannte Stadtteilschule, die auch den Weg zum Abitur öffnet. Doch damit stehen die Hamburger in der Bundespartei allein da.
Die Chance zu einem neuen Aufbruch in der Bildungspolitik lässt die SPD mit ihrem Programmentwurf auch vorüberziehen, weil sie interessante neue Fragen ausklammert:
In den Großstadtghettos etwa ist es wurscht, ob die Kinder dort in einer Hauptschule, einer Gesamtschule oder einer Stadtteilschule unter sich bleiben. Wie bringt man die Kinder im Wortsinn in Bewegung? Was kann, was darf der Staat tun?
Die angesehene deutsche Berufsausbildung wirkt paradoxerweise als Karrierebremse für Arbeiterkinder. Vielen fehlt im Unterschied zu Akademikerkindern der familiäre Antrieb, nach der Lehre noch zu studieren. Wie weckt man den Bildungshunger der Unterprivilegierten?
Schließlich muss die Sozialdemokratie die Basis ihrer Bildungspolitik überdenken. Bildung wurde immer als Schlüssel für den sozialen Aufstieg gesehen. Viele Studien, etwa die des Elitenforschers Michael Hartmann, zeigen jedoch, dass auf dem Weg nach oben oft nicht die Bildungsleistung zählt, sondern der Habitus. Trotz der Bildungsexpansion reproduziert sich in Deutschland die Oberschicht aus sich selbst heraus. Wie also, und diese Frage weist über die Bildungspolitik hinaus, kann dem Leistungsprinzip auch nach der Schule und der Universität zum Durchbruch verholfen werden?
Das sind knifflige, intellektuell reizvolle Fragen. Der »Partei der Bildung« (Wilhelm Liebknecht) stünde eine Diskussion darüber gut zu Gesicht.
- Datum 04.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
- Kommentare 7
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Das ist ja köstlich. War übrigens zu Zeiten Wilhelm Liebknechts (Gestorben 1900) auch schon reine Phantasie.
Die Frage, ob die SPD jemals eine Bildungspartei war oder sein wird, ist schwerwiegend, denn soweit ich das überblicke, hat es bisher noch keine Partei geschafft, sich als wirkliche Partei der gleichberechtigten Bildung zu etablieren. Unser Bildungssystem ist durch alle Regierungen hindurch gleich selektiv und ungerecht geblieben.
Die Gemeinschaftsschule als Feindbild der schwarzen Bildungspolitik ist ja schon Tradition. Was allerdings daran liegt, dass die Unions-Parteien Bildungstechnisch irgendwie eher auf Mittelstand und aufwärts abzielen. Und die schicken ihre Kinder eben aufs Gymnasium, weil da das Abitur eben besser aussieht, obwohl auch auf der Gesamtschule das gleiche drin ist.
Die Frage bleibt allerdings, wie oft die ganze Diskussion über die zu frühe Selektion und die Benachteiligung von Arbeiter-Kindern und Kindern von ausländischen Mitbürgern noch durch die Medien rollen wird - wahrscheinlich mit jeder neuen Pisa-Studie, in der Deutschland weiter nach unten und vielleicht irgendwann mal aus dem Mittelfeld rutscht - und dann geht es wieder los mit dem Schuldtransfer in und zwischen den Parteien.
Es wird Zeit, dass es in der Bildungspolitik mal aus der Schuldzuschiebung von schwarz zu rot und zurück herausgeht und sich die Damen und Herren in der KMK sich an verbindliche, parteiunabhängige Projekte wagen.
Dass dies jedoch bei der SPD nicht zu machen ist, ist eine allgemeine Erkrankung, die auch mit Kurt Beck als Kanzler-Kandidat nicht geheilt werden wird. Die SPD schafft es nicht, ihrem Anspruch an sich selbst gerecht zu werden und ihre Politik mal auf die Realität anzusetzen. Sie verharrt nicht nur in der Bildungspolitik in der Vergangenheit, wie man auf anderen Feldern sieht, die sie sich wünscht niemals bestellt oder umgepflügt zu haben.
Bildungspartei, hm. Wer etwas für die Bildung tun will, muss vermutlich in erster Linie eines sein: gebildet. Nein, nicht eingebildet. Wirklich klug. Und neben der Klugheit und der Bildung kann eine bestimmte Intelligenz gewiss nicht schaden. Von der Moral mal ganz abgesehen. Es ist schließlich schon schwer genug, gute Ideen in geltendes Recht zu verwandeln. Wenn ein Politiker gute und schlechte Ideen gar nicht auseinander halten kann, weil er weder gebildet noch intelligent und auch nicht klug genug ist, den Erklärungen der Fachleute zu folgen, wird Bildungspolitik zum Glücksspiel. Ich fürchte, die SPD (und hier kann ersatzweise natürlich auch jedes andere Parteienkürzel stehen) hat tatsächlich ein ernst zu nehmendes Bildungs-Problem. Und zwar in den eigenen, verdammt löchrigen Reihen. Vielleicht sollte sie es mal an einer Abendschule versuchen...
Da sitzt man abends am Computer, liest zur Entspannung die Zeit und wundert sich sehr über diesen bildungspolitischen Artikel. Die Kinder würden unterfordert und (in meinen Worten), wenn in der Schule erstmal richtig rangeklotzt werde, dann werde die aktuelle Bildungsungleichheit schnell abnehmen.
Etwas verschwommen erinnert man sich an die neuen Nachmittage der 10-jährigen Tochter: Mit Wahlfach täglich 7 - 8 Stunden auf dem Gymnasium, Heimkehr um halb vier, dann noch Hausarbeiten. Wenig Zeit für Freundinnen und Hobbys, abends unruhige Träume. Mit ein wenig Übersicht erkennt man: Das kommt davon, wenn man aus 13 Schuljahren 12 macht. Das Nachbargymnasium wirbt jetzt schon mit der Superschnellläufervariante von 11 Jahren. Wer will denn 17-Jährige Superstreber auf der Universität?
Das alles reicht dem Autor offensichtlich nicht, der wahrscheinlich seine vergangene Schulzeit, wie ich auch, in angenehmerer Form in Erinnerung hat, weil unserer Eltern es nicht so eilig mit uns hatten. Und so soll - frei nach Hartz 4 - die SPD mal wieder Unangenehmes gegenüber den eigenen Wählern durchsetzen, das dann doch nicht hilft. Wollen wir hoffen, dass Kurt Beck die richtige Lösung zur Abwechselung vor der nächsten Agenda einfällt.
meiner meinung nach ist der leistungsgedanke durchaus berechtigt, unabhängig von der stundenzahl war es zumindest bis vor kurzem so, dass die schüler (habe dieses jahr in hannover mein abitur gemacht) in den klassen saßen und eigentlich NICHTS gemacht haben. ich weiß nicht inwiefern sich das verändert hat, jedoch sollte hier angesetzt werden und nicht an der puren stundenzahl. dazu gehört eigentlich auch, dass man mittags eine richtige pause macht, schließlich hat man schon bei 6-stundentagen deutlich gemerkt, wie die leistungsfähigkeit und auch -bereitschaft in der 5. oder 6. stunde nachgelassen hat.
ich halte die bisherigen schulreformen, vor allem in niedersachsen (man denke an den bildungsminister: "es gibt in ns 100 prozent unterrichtsversorgung" - der blanke hohn) für aktionismus, vielfach geschieht praktisch NICHTS.
Dass die SPD immer wieder zu alten Rezepten greift, die schon in der Vergangenheit nicht gewirkt haben, ist ein traditioneller Charakterzug dieser Partei und das nicht nur in der Bildungspolitik.
Wenn man selber an der Regierung ist, muss man unter dem Druck der Verhältnisse schnell Lösungen herbeizaubern, die mit genuin sozialdemokratischer Politik wenig zu tun haben. Verliert man die Macht, gibt es Absetzungsbewegungen und man will von seiner alten Politik nicht mehr wissen.
So entsteht dann bei mir der Eindruck, dass die SPD gleichzeitig für alles und gar nichts steht. Eine Partei ohne Gesicht. Reines Juste-Milieu.
werden sich nur jene Schulformen durchsetzen, die unter einem Dach alle Abschlüsse einschließlich Abitur anbieten. Ich selbst bin bei meinem Kind schon sehr stark am überlegen, ob ich es bei entsprechender Empfehlung auf das Gymmasium gebe mit dem Risiko, dass es vielleicht "versagt" und auf eine andere Schulform wechseln muss, oder ob ich ihm die Möglichkeit gebe, dass Abi in 9 Jahren zu machen oder eben einen anderen Abschluss, aber dann an der gleichen Schule. Eigentlich ziehe ich die Gesamtschule vor. Dort kann mein Kind sich in Ruhe entwickeln und den Talenten entsprechend gefördert werden. Solange in einem Abi drin ist, was drauf steht, egal an welcher Schule es erworben wurde, ist mir zur Zeit die Gesamtschulvariante die liebste. Man kann nur hoffen, dass die geplante Umwandlung der Gesamtschulen in Gemeinschaftschulen in Schleswig-Holstein nicht zur Folge hat, dass diese die Oberstufe verlieren. Das wäre m.E. ein fataler Rückschritt.
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