Klassiker der Moderne (80) Gegen die Wand

Als sein Feel Trio 1989 in Berlin spielte, hielt die Mauer nur noch sieben Tage stand: Der Klavier-Berserker Cecil Taylor in einer historischen Aufnahme

Unter den großen Pianisten des Jazz ist er der Schwierigste. Cecil Taylor kann man als Kritiker einem breiten Publikum kaum empfehlen. Wer Keith Jarrett mag, Dave Brubeck, Herbie Hancock, das Lyrische, das Pointierte, den Funk, der wird vor diesem Klassiker stehen wie vor einer undurchdringlichen Wand. Ebendeshalb sei von seinen 90 Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten dieses Album herausgegriffen, das eine Mauer auf dem Cover zeigt, die Mauer.

Looking (Berlin Version) ist der Mitschnitt eines Konzertes vom Herbst 1989. Es spielt Taylors Feel Trio mit William Parker, Kontrabass, und Tony Oxley, Schlagzeug. Taylor startet mit einem ostinaten Motiv der linken Hand; Parker nimmt es auf, grummelnd, beharrend. Taylor tastet sich in ein höheres Register vor; da setzt Oxley ein mit scheppernd heller Perkussion auf Trömmelchen und Schellen, und spätestens jetzt, nach kaum einer Minute, ist klar, dass hier nichts Normales mehr folgen wird.

Der Kontrabass tritt unermüdlich auf der Stelle in tiefsten Tiefen; das Schlagzeug irrlichtert zischend in der Höhe; dazwischen der Pianist, dessen Rechte und Linke austeilen und abblocken wie bei einem Boxkampf Cecil gegen Taylor. Es schwillt an ein 72 Minuten währendes Toben und Tosen, das sich nur zur Mitte hin eine kurze Verschnaufpause gönnt.

Scharenweise haben Zuschauer Taylors Konzerte verlassen; ihn ließ das immer kalt. Er spiele nicht für jene, die gingen. Er spiele für jene, die blieben. Wer sich dem Sturm und Drang des heute bald Achtzigjährigen aussetzt, mutet sich einiges zu, wird aber belohnt durch eine Musik, die mit konventionellen Instrumenten alle Konventionen überwindet.

Undurchdringlich? Seine Ästhetik, die zunächst so hermetisch scheint, orientiert sich an Tanz und Architektur. Die Bewegung in ihr kommt nicht fließend daher, sondern als gequanteltes Stakkato, und die Form spannt sich nicht über die berühmten drei Minuten, sondern zwischen mikroskopisch-kristallinen Motiven in stundenlangen Bögen. Durch die braunschwarzen Klavierlinien schimmert von fern der Ruf-und-Antwort-Gesang der Baumwollfelder, in den blitzartigen Gegenangriffen schlägt die europäische Kunstmusik zu. All das ist schwungvoll ohne jeden Swing, ist streng in allem Durcheinander.

Dass der schwarzindianische Taylor aus New York nach Berlin kam, den brillanten Afroamerikaner Parker im Schlepp, und dort auf Europäer wie den englischen Stahlarbeiter Oxley traf, das ist einem deutschen Produzenten in Berlin zu verdanken: Jost Gebers, der 1969 die Free Music Production mitbegründet hatte und – neben seinem Job als Leiter eines Charlottenburger Jugendheims – an manchem Abend verwegene Musik aufnahm. So wie diese, am 2. November 1989. Sieben Tage danach war die undurchdringliche Wand in Berlin plötzlich porös.

The Feel Trio: Looking (Berlin Version), FMP

DIE ZEIT über Cecil Taylor, Free Jazz und FMP. Lesen Sie:

Cecil Taylor und Tony Oxley – als Teilchenbeschleuniger in der Berlinischen Galerie, 2005

Konrad Heidkamp über Cecil Taylor und die Fantasie Gottes, 2004

Milde, nicht müde – C.T. solo in Willisau, 2002

Michael Naura über FMP, den spitzen Stein im Schuh der Spießer, 1999

Ulrich Stock über den Derwisch in Angora, 1996 in Berlin

Peter Niklas Wilson über das Proben mit Cecil Taylor in New York City, 1995

Ein Gedicht von Joe McPhee für die Cecil Taylor Unit, 1979

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    • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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    • Schlagworte Jazz | Pianist
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