Deutscher Herbst Die mörderischen Kinder
1977, als der deutsche Herbst am dunkelsten war, versuchten ein paar Filmemacher, Licht ins Geschehen zu bringen. Der Regisseur Volker Schlöndorff erinnert sich an die Täter der RAF und an die Schmerzen ihrer Eltern
Im Sommer 1976 fand in unserem Landhaus bei Florenz eine Razzia statt. Es wurde aber kein versteckter Terrorist entdeckt, sondern nur das Drehbuch zu Die verlorene Ehre der Katharina Blum und eine Waffe. Die musste nun den groß angelegten Einsatz mit Hubschrauber und zwei Dutzend in brütender Hitze kugelsicher gewandeten Carabinieri rechtfertigen. Waffenlager im Haus des Regisseurs, titelte die Bild- Zeitung. Tatsächlich war die Waffe ein Geschenk meiner ersten Verlobten, aus Mexiko, als ich dort Assistent bei Louis Malles Viva Maria war. Die kleinkalibrige Pistole, als Erinnerung sentimental jahrelang in einer Schublade gehütet, löste im Nachhinein einen großen Knall aus.
Von der SPD war ich als Fachmann in den Verwaltungsrat der Filmförderanstalt (FFA) entsandt worden. Jahrelang hatten wir dort versucht, deutsche Filme überhaupt möglich zu machen. Und nun war ich plötzlich kein Aushängeschild mehr, sondern der bewaffnete Sympathisant. Ich wurde nach Bonn bestellt und sollte mich vor Herbert Wehner rechtfertigen. Egal, wie klein die Bagatelle sei, sagte er, ich müsse sofort von allen Funktionen in der FFA zurücktreten, da ich sonst der Partei und der Sache schadete. So groß war die allgemeine Hysterie, so groß die Angst der SPD, sich auf eine geistige Auseinandersetzung mit dem Linksradikalismus einzulassen und ihrerseits der Sympathie bezichtigt zu werden.
Doch ich verabschiedete mich ohne Groll. Ich konnte mich ja durch Filme äußern, und unsere kleine Firma produzierte Schlag auf Schlag Messer im Kopf, Deutschland im Herbst, Das zweite Erwachen der Christa Klages, Die bleierne Zeit, Stammheim und Der Kandidat. Die Gesellschaft verlangte uns die Filme regelrecht ab. Wie Alexander Kluge es formulierte: Wir stellten die Öffentlichkeit her, die die Öffentlich-Rechtlichen damals vernachlässigten. Derselbe WDR, der Katharina Blum mitproduziert hatte, zog sich nun von dem Projekt Messer im Kopf zurück. Es ging in dem Drehbuch von Peter Schneider indirekt um Rudi Dutschke, tatsächlich aber darum, wie ein Hirnverletzter Sprache Wort für Wort wieder erlernt und dabei entdeckt, wie viel Ideologie mit ihr transportiert wird. In der Regie von Reinhard Hauff wurde daraus, dank Bruno Ganz und Angela Winkler, einer der stärksten Filme jener Jahre. Am Tag nach der Ermordung von Schleyers belehrte uns jedoch ein Telex-Lochstreifen aus der Kölner Senderzentrale, dass ein solcher Stoff jetzt nicht mehr zumutbar sei.
Theo Hinz, mit dem Verlag der Autoren an dem Projekt beteiligt, war so empört, dass er die Münchner Regisseure in seinem Büro zusammenrief. Müsste man nicht gemeinsam etwas tun? Einen Episodenfilm über die Schleyer-Entführung, über die Toten von Stammheim, über das Klima im Land? Es kamen Alf Brustellin, Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Bernd Sinkel, Edgar Reitz, Katja Rupé und Hans-Peter Cloos vom Ensemble Rote Rübe, Margarethe von Trotta und ich. Andere waren verhindert oder glaubten nicht an Kollektive, wie Werner Herzog. Es war wohl Samstag, der 19. Oktober.
Rommel genehmigte die Beisetzung auf dem städtischen Friedhof
In Stuttgart wurde heftig diskutiert, ob die Toten aus Stammheim überhaupt auf einem städtischen Friedhof beigesetzt werden sollten. Ob es zumutbar sei, dass Angehörige neben den Gräbern ihrer Verwandten nun die sterblichen Überreste dieser RAF dulden müssten. Oberbürgermeister Rommel entschied im Alleingang und genehmigte die Beisetzung der RAFler auf dem städtischen Dornhaldenfriedhof. Für den Tag davor wurde das Staatsbegräbnis von Schleyer in der gleichen Stadt vorbereitet.
Alexander Kluge und ich wollten mit zwei Kamerateams die beiden Bestattungen dokumentieren, während andere fiktive Beiträge vorbereiten sollten. Als Arbeitstitel schlug ich Ein deutscher Herbst vor, was keine Begeisterung auslöste. Weil es Alexander Kluge wichtig war, das Patriotische nicht den »Anderen« zu überlassen, einigten wir uns als Provisorium erst mal auf Deutschland im Herbst.
Montag früh, als wir mit einem VW Bus und meinem alten Mercedes nach Stuttgart aufbrachen, erfuhren wir: Fassbinder hatte übers Wochenende seinen Beitrag bereits abgedreht, eine Szene in seiner Wohnung und eine andere in der Küche seiner Mutter. In drei Tagen sei auch der Schnitt fertig, Länge etwa 30 Minuten. Beneidenswert, dachte ich, als wir uns vor dem Friedhof aufbauten.
Es gibt nichts Langweiligeres als Begräbnisse, noch dazu, wenn man sie filmen muss: Limousinen vor grüner Wiese, die Gruppe der Trauernden unter Bäumen, Großaufnahmen der Hinterbliebenen, die Augen der Damen hinter Schleiern, ein Schuss aus dem Grab, die schwarzen Silhouetten aus Untersicht vor möglichst bewölktem Himmel, das Schäufelchen mit der Erde. Wir kennen diese Bilder zur Genüge. Diesen Teil würden wir überspringen.
Alexander Kluge wollte sich dem Staatsakt für Schleyer widmen, wobei er vor allem die Köche und die Kellner über die besonderen gastronomischen und zeremoniellen Anforderungen bei einem solchen Anlass befragte. Ich ging ins nahe gelegene Daimler-Museum, aus Langeweile, und sah dort eine schwarze Limousine stehen, auf Hochglanz poliert, den berühmten Mercedes 600, den Adenauer und der Papst so liebten. Dieses Auto war das Sinnbild deutscher Wertarbeit, das Gediegene schlechthin, ein Symbol des Erfolges, der Macht und aller in den fünfziger Jahren beschworenen Werte des Abendlandes. Ich organisierte eine Karre der Putztruppe. Mein Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein positionierte sich darin, und wir zelebrierten die Karosse in einer feierlichen 360-Grad-Rundfahrt. Schnittmaterial, etwas billig, dachte ich, zu agitatorisch. Da es aber ein starkes Bild war, setzte es sich im Schneideraum durch und gehörte am Ende zum fertigen Film.
Christiane Ensslins Kampf am Grab ihrer Schwester
Um der Ausgewogenheit willen filmten wir auch alle Würdenträger, Politiker und natürlich die Familien, die auf dem Friedhof eintrafen. Aber auch das gewaltige Polizeiaufgebot, das nur dekorative Funktion hatte, denn wer hätte hier demonstrieren sollen? Die Trauergemeinde war wie gelähmt; zum ersten Mal hatte es einen führenden Kopf der Republik getroffen, den Präsidenten des Arbeitgeberverbandes, einen mächtigen Mann bei Mercedes-Benz. Alle fühlten sich – zu Recht oder Unrecht – in Gefahr. Die Einigkeit der Demokraten wurde beschworen, auch wenn sie hier allein durch die oberen Zehntausend vertreten waren. Es war mehr Trotz und Trutz als Trauer. Auch unsere Gefühle waren in einem eigenartigen Schwebezustand. Ein erschossener Unternehmer, im Kofferraum eines Autos entsorgt – das war nun wirklich keine Großtat. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, etwa bei Heydrich in Prag wäre es vielleicht ein Akt des Widerstandes gewesen. Jetzt aber wirkten diese Bilder widerwärtig wie aus einem Mafia-Film. Auch die verkehrte Gewalt der Selbstmorde erschien selbstgefällig und sinnlos, ohne jeden Bezug zu dem Unrecht, das es auf der Welt ja im Übermaß gab, nicht nur in Palästina.
Am Dienstag fuhren wir zum Dornhaldenfriedhof, wo am nächsten Tag die Beerdigung der Toten von Stammheim stattfinden sollte. Irmgard Möller überlebte die Stiche in die Brust, die sie sich mit einem stumpfen Knastmesser zugefügt hatte. Sie bestritt, als sie wieder zu sich kam, jede Selbstbeteiligung, jede Erinnerung an die Nacht. Es könne nur ein Mordanschlag der Geheimdienste gewesen sein. Auch in den Folgejahren blieb sie bei dieser Version. Sie saß noch mindestens 20 weitere Jahre ein und beteiligte sich an zahlreichen Hungerstreiks. Mehrmals brachte sie sich dabei in Lebensgefahr und war so isoliert, auch von den Häftlingen der nächsten Generation, dass ihre Anwälte mich einmal baten, sie aufzusuchen, damals in Lübeck. Wieder befand sie sich völlig entkräftet in einem Hungerstreik.
Ich verbrachte ein Wochenende auf der Bahn zwischen München und Lübeck, präsentierte am Gefängnis meine Besuchserlaubnis – doch diesmal war sie es, die mich nicht sehen wollte. Warum verweigerte sie ein Gespräch? Aus Erschöpfung? Aus Einengung des Bewusstseins, das auch aus mir einen Agenten des Feindes machte? Aus Furcht, über diese Nacht in Stammheim zu sprechen? Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es Selbstmord war. Ein Anschlag irgendwelcher Geheimdienste wäre viel zu riskant gewesen. Wäre so etwas je publik geworden, der Schaden wäre unvorstellbar gewesen. Und wenn – was hätte man erreicht? Aus lästigen Häftlingen wären Märtyrer geworden. Das konnte der absurden RAF-Idee nur nützen. Dagegen ergab die Inszenierung eines Selbstmordes als Hinrichtung Sinn. Die Terroristen hatten sich schon zu Lebzeiten als Märtyrer gesehen. Aus Empörung über die stillschweigende Komplizenschaft der Bundesrepublik mit dem Vietnamkrieg und ganz allgemein über das Elend in der Dritten Welt bei gleichzeitigem Konsumterror hatten sie sich in eine paranoide Ideologie gesteigert, als deren Kernstück nur noch das ohnmächtige Einschlagen auf das »verbrecherische System« übrig blieb.
Gerade deshalb fand ich ihren Selbstmord so tragisch: weil sie mit so viel idealistischem Elan aufgebrochen waren. Immer wieder musste ich an ein Foto aus der Anfangszeit denken: Gudrun Ensslin mit einem Kinderwagen auf einer Anti-Vietnamkriegsdemo; dieses Bild evangelischen Protestes gegen das Böse und gegen eine Gewalt, die sie bald selbst ausüben und schließlich gegen sich selbst richten würde. Tragischer kann Idealismus nicht enden. Das war die Trauer, die wir empfanden. Sie vermischte sich mit dem unguten Gefühl, dass die Toten durch diesen letzten Gewaltakt der Geschichte diktieren wollten, mit ihnen sei der ganze Aufbruch der 68er beendet und gescheitert.
Gescheitert war aber nur der von der RAF proklamierte bewaffnete Kampf. Der Kampf für eine gerechtere Welt kann niemals aufhören. So verstand ich das berühmte »Der Kampf geht weiter«, das Rudi Dutschke am Grab von Holger Meins mit geballter Faust ausgerufen hatte. So empfand ich auch die Stimmung auf dem Dornhaldenfriedhof. Ein paar Tausend waren zur Beerdigung der Stammheimer gekommen, eigentlich ein armes Häuflein versprengter Außenseiter, Leute, die sich verweigert hatten oder durch das Raster der Marktgesellschaft gefallen waren, sympathische Aussteiger und Nichtangepasste, mehr von Schwäche als von Stärke geprägte Gestalten.
Die ehemaligen Köpfe der Apo hielten sich auf Distanz, sie hatten Angst, ihr Besuch könne in der Öffentlichkeit falsch verstanden werden, oder hatten die Gewalttäter schon immer intellektuell abgelehnt. Insofern verhielten sie sich ähnlich wie das bürgerliche Lager – vielleicht schon mit Blick auf zukünftige Regierungsverantwortung, zu der sie sich ja mit dem Marsch durch die Institutionen aufgemacht hatten. Dumpf, taub, hoffnungslos wirkte die Trauergemeinde. Es wurden keine Lieder gesungen, keine Worte gefunden bei diesem Trauermarsch durch den nebligen Herbstwald, auch nicht am Grab. Die Menge überflutete den Friedhof einfach, zunächst noch verteilt auf dem Geviert der Wege, dann über die Gräber steigend, die Sargträger fast überrollend. Mit Mühe konnten die Särge in die beiden ausgehobenen Gruben befördert werden, ohne dass festzustellen war, wer in welchem Sarg lag. Das Gedränge war so groß, dass momentweise Panik aufkam. Unsere schwere 35-Millimeter-Kamera wurde ebenso erfasst in diesem Strom wie ich selbst mit einer kleinen Handkamera. Am ausgestreckten Arm gehalten, schwamm diese wie ein Korken auf der Woge und zeichnete ein paar sehr authentisch wirkende Bilder auf.
So ging es dem Ausgang zu. Das paramilitärische Polizeiaufgebot, uniformiert und zu Pferd, von strategisch erhöhten, für ihre Videokameras günstigen Positionen filmend, lieferte einen Anlass, sich doch noch zu äußern. »Mörder, Mörder!«, skandierten einige und begannen die Polizisten, die wie Wegelagerer am Waldrand auf sie zu warten schienen, anzugreifen. Auch davon schossen wir ein paar Bilder, den Umständen entsprechend wahllos: Leute, die in Gräben stürzten, sich an den Nagelbändern verletzten, die gegen Fluchtautos quer über die Straße ausgerollt waren. Schließlich beruhigte sich alles wieder. Immer noch ohne Lieder und ohne Parolen zogen die Letzten stumm von dannen.
Wir hatten die große Kamera oben an den Gräbern gelassen, wo türkische Friedhofsarbeiter mit einem kleinen Bulldozer die Gruben zuschütteten. Irgendwo in der Menge verstreut waren andere Trauernde voll echter Erschütterung, vor allem die Familienmitglieder, die hier immerhin eine Tochter, eine Schwester, Söhne, Brüder beerdigt hatten.
Am Vorabend schon, als wir zu einer Motivbesichtigung hergekommen waren, hatten wir eine lebhafte, auf leise Art sehr erregte junge Frau kennengelernt, Gudrun Ensslins Schwester Christiane. Sie sah ihr zum Verwechseln ähnlich, ebenso abgemagert, als hätte sie die Hungerstreiks solidarisch nachvollzogen, und ebenso unerbittlich war sie im Vortrag einer Forderung, der die Friedhofsbehörde nicht stattgeben wollte: Ihre Schwester gehöre mit Andreas Baader in ein Grab, übereinander, wie sonst bei Eheleuten auch. Sie waren ein Paar gewesen, unzertrennlich seit der symbolischen Kaufhausbrandstiftung bis in den gemeinsamen Tod. Die Familien hatten zusammengelegt, um zwei Grabstätten für die Dauer von 30 Jahren zu erwerben. In jeder Grube konnten zwei Särge beerdigt werden. Die Friedhofsverwaltung bestand aber auf der Trennung nach Geschlechtern, es sei denn, ein Trauschein läge vor.
Irgendwie gelang es Alexander von Eschwege, meinem Assistenten, und mir, in die Totenhalle zu kommen. Ein Wärter öffnete die Särge, und wir schauten in drei schrecklich entstellte Gesichter. Ich bat Alexander flüsternd, Fotos zu machen, die wir aber nie veröffentlichten. Zu entsetzlich, nur Haut und Knochen, waren diese Totenköpfe. In der Tat waren sie entstellt durch die Obduktion, wie uns am Abend der Rechtsanwalt Otto Schily erklärte. Die Schädel waren aufgesägt worden, um das Hirn zu entnehmen, dann mit Stroh ausgestopft und vernäht worden. Eine Routinemaßnahme, die auf der Stirn blutige Einstiche hinterließ, wie von einer Dornenkrone.
Am Abend nach der Beerdigung im Haus des Pfarrers Ensslin
Die Verhandlung mit der Friedhofsverwaltung blieb ergebnislos. Christiane Ensslin war untröstlich. Margarethe von Trotta, die ja Gudrun Ensslins Rolle in Klaus Lemkes Film Die Brandstifter gespielt hatte, nahm sich ihrer an. Sie befreundeten sich und arbeiteten später zusammen an dem Film über ein Schwesternpaar, von dem die eine den Weg der Gewalt ging, während die andere brav blieb, sich aber allmählich solidarisierte – Die bleierne Zeit. Der Titel hat nichts mit der bleihaltigen Luft jener Jahre zu tun, sondern stammt aus Hölderlins Gedicht Der Gang aufs Land, das Hanns Eisler in seinen Gesprächen über Brecht zitiert: »und fast will mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit«. Gemeint war das lähmende Deutschland des 19. Jahrhunderts.
Am Abend nach der Beerdigung nahm Christiane uns, Alexander Kluge, Margarethe und mich, mit in ihr Elternhaus auf der Schwäbischen Alb, wo sie uns ihren Eltern vorstellte. Die Mutter – groß und weißhaarig, wie man sich eine schwäbische Pastorenfrau vorstellt – sagte mit ziemlich abgründigem Humor, dass die Toten und die ganze Republik ja jetzt ihre Ruhe hätten. Im Treppenhaus deutete sie auf ein Ölgemälde der Kreuzigung: »Sehen Sie, die Blutstropfen an den rostigen Nägeln, genau auf Augenhöhe von kleinen Kindern. Wenn die schon täglich an solchen Folterszenen vorbeigehen müssen, sollte man eigentlich nicht verwundert sein, was aus ihnen wird.«
Der Vater schwieg. Er musste die rebellische Tochter sehr geliebt haben. Als Pastor rang er noch damit, dass am Grab weder ein Gebet noch andere Worte gesprochen worden waren. Die Mutter sprach über Gudruns Kindheit, und wir fragten, ob wir das Gespräch aufzeichnen dürften. »Möge es der Sache nutzen«, sagte sie lächelnd, im heiteren schwäbischen Tonfall, in dem auch Gudrun gesprochen hatte. Die Bilder der alten Videokassetten sind nicht mehr abspielbar, die Worte aber hat Alexander Kluge transkribiert: »Sie habe, erzählte Frau Ensslin, dieses Kind, Gudrun, entgegen der Weisung ihres Mannes, schon wenige Monate nach der Geburt, das heißt noch vor der Taufe, dem Muttergestirn, der Sonne, ausgesetzt. Das Kind habe ›ungetauft in der Sonne gebadet‹. Nach protestantischer Auffassung, die sie, Frau Ensslin, nicht teile, bestehe die Gefahr, dass ein Kind, wenn man es vor der Taufe nackt der Sonne aussetze, vom Satan ergriffen werde. Es sei doch aber in Wahrheit gesund, Sonne an den Körper heranzulassen. Jetzt, nachträglich, habe sie allerdings Zweifel, ob sie nicht Unglück über ihr Kind gebracht habe. Andererseits sei aber auch zweifelhaft, ob dieser Tod, aufgrund der Entschlossenheit aller Aktionen dieses Kindes, ein ›Unglück‹ genannt werden könne, denn ein Mensch müsse seinem Willen folgen, seiner Bestimmung. Auch das gehe ihr nicht aus dem Kopf an diesem Abend, von dem sie und ihr Mann noch nicht wüssten, wie sie ihn aushalten könnten. Sie war von Trauer erfüllt. Sie hatte genug von dieser Trauer und war aufsässig; sie suchte einen Ausweg fürs Gefühl zu finden. Sie suchte nach einer Übereinstimmung mit dem Kind, das morgen begraben sein würde. Es ist nicht so, sagte sie, dass 40 weitere Jahre, die Ankunft im Greisinnenalter, Gudrun zu einem energiereicheren Menschen gemacht hätten, Jahre, die sie gleichgültig und unparteiisch hätte verbringen müssen, um zu überleben. Wieso wäre das ein größeres Glück gewesen? Umgekehrt hütete sie sich auch (um nicht in eine Auseinandersetzung mit ihrem Mann zu geraten, der ins Zimmer getreten war und stumm dabeisaß, während die Worte seiner Frau aufgezeichnet wurden), von einem ›glücklichen Tod‹ zu sprechen. Sie haderte mit sich, ob sie, die Eltern (oft getrennt handelnd oder verschieden sprechend), eine Schuld an diesem grausamen Ausgang trügen, denn grausam war er. Wäre es gewiss, dass sie überhaupt keinen Einfluss darauf gehabt hätten (obwohl sie als Eltern in der frühen Zeit des Kindes viel Einfluss besessen hatten), hätten sie mit dem Geschick Frieden schließen können. Offenbar kannte diese Mutter ihre Tochter besser, als sie vorgab, ja, ihre Seele spannte sich weit aus an diesem Abend, und in diesem Augenblick empfand sie vieles, was die Tochter motiviert haben mochte, wie etwas Eigenes. Die Dämmerung war hereingebrochen.«
Zwei Tage später war ich in Bonn, wo die SPD eine Feier für einen doppelten Geburtstag ausrichtete – Heinrich Bölls 60. und Günter Grass’ 50. Seit einem halben Jahr arbeitete ich am Drehbuch der Blechtrommel , vor drei Wochen war ich dem kleinen David Bennent, meinem Oskar Matzerath begegnet, doch Grass hatte ich erst zweimal getroffen und war noch sehr eingeschüchtert. Ich machte ein paar Fotos von ihm und Willy Brandt, setzte mich dann zu Heinrich Böll und fragte ihn, ob er bei unserem Projekt Deutschland im Herbst mitmachen wolle. Ich erzählte ihm von Christianes Kampf um die Bestattung ihrer Schwester, und er verstand sofort: Antigone. Er wolle darüber nachdenken.
Ein paar Tage später kamen per Post die schon vertrauten Schreibmaschinenseiten, auf denen die Buchstaben chaotisch herumtanzten. Es war eine kleine Satire über einen Rundfunkrat, der das Für und Wider einer Antigone- Sendung »gerade zum jetzigen Zeitpunkt« diskutierte, Ausgewogenheit einklagte und vor allem eine »deutliche, unmissverständliche Distanzierung von Gewalt, egal ob gegen Sachen oder Personen« forderte. Hier war Böll in seinem Element – es war die Rückkehr des restaurativen Geistes der fünfziger Jahre, den er so oft persifliert hatte.
Zurück in München, sahen wir Rainer Werner Fassbinders Beitrag – das war nun wirklich »Gegenöffentlichkeit«, etwas, das kein Fernsehprogramm je senden würde. Sogar uns schockierte er: Das soll wohl ein Witz sein, ein übler Kalauer, unmöglich, waren die ersten Reaktionen. Was hatte dieser dicke nackte Mann, der sich am Gemächt kratzt und seinen schwulen Freund beschimpft, mit Baader-Meinhof zu tun? Das Gespräch mit seiner Mutter in der Küche stimmte schon nachdenklicher. Hatten wir nicht alle einmal versucht, unseren Eltern diese Frage zu stellen: »Wie war das möglich?« Wollten wir nicht alle sie zu dem Geständnis zwingen, dass sie in vielem noch heute so dachten wie damals, während des »Dritten Reiches«? Nur Rainer war brutal genug, es zu tun. Und die Angst des nackten Mannes vor dem Polizeieinsatz, egal ob wegen Drogen, Homosexualität oder Gewalt gegen den Staat, drückte die Intoleranz dieser Jahre ebenso deutlich aus wie das stillschweigende Einverständnis seiner liberalen Mutter mit der Todesstrafe. Das dokumentierte er, ohne Kommentar, so wie unser Beitrag über die Beerdigung und die Trauerfeiern auch ganz auf die Kraft der Bilder, der Montage und der Musik vertraut. Das ist nicht nur inhaltlich, sondern vor allem ästhetisch anders als die Fernsehroutine, die alles mit erklärenden Kommentaren zukleistert. Jedes Wort wäre zu viel oder nicht genug gewesen, abgesehen davon, dass wir gar nicht gewusst hätten, was dazu zu sagen gewesen wäre.
Der Filmregisseur Volker Schlöndorff arbeitet derzeit an seiner Autobiografie, die im Herbst 2008 im Hanser Verlag erscheinen wird. Dem entstehenden Buch ist dieser Text zum »Deutschen Herbst« entnommen
Volker Schlöndorff
wurde 1939 in Wiesbaden geboren. Er hat rund dreißig Filme gedreht, darunter »Die Blechtrommel«, für die er einen Oscar erhielt. 1977 hat Schlöndorff zusammen mit zehn anderen Regisseuren den bis heute Maßstäbe setzenden Film »Deutschland im Herbst« realisiert. Das kleine Bild oben zeigt Schlöndorff (Mitte) in der von ihm inszenierten Szene: Er spielt einen Regisseur, der Sophokles’ Tragödie »Antigone« inszeniert und als Terror-Sympathisant verdächtigt wird
- Datum 03.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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vgl.
Der zweite Tod
Seit 30 Jahren verhindert der bundesdeutsche Staat eine lückenlose Aufklärung der letzten Lebensstunden der RAF-Mitglieder im Stammheimer Hochsicherheitstrakt. Wer die offizielle Selbstmordthese in Zweifel zieht, wird diffamiert
von Ron Augustin
--> http://www.jungewelt.de/2...
sowie
Das Kleingedruckte
Stammheim, der Staat und die RAF (1)
Von Wolfgang Hänisch
In diesem Monat jährt sich zum 30. Mal die Nacht von Stammheim. Am Morgen des 18.10.1977 wurden die Gefangenen aus der RAF Andreas Baader und Gudrun Ensslin tot, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller schwer verletzt in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis von Stuttgart-Stammheim gefunden. Bis heute ist unklar, was damals genau geschah. Zum besseren Verständnis veröffentlichen wir in den kommenden Tagen das, was für die Vorgeschichte wichtig ist. (jW)
--> http://www.jungewelt.de/2...
Die Nacht von Stammheim: Mord oder Selbstmord?
Von Kai Ehlers
Am Morgen des 18. Oktober 1977 wurde die Welt durch die Nachricht überrascht, in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim seien die RAF Gefangenen Jan Carl Raspe angeschossen und sterbend, Andreas Baader erschossen, Gudrun Ensslin erhängt und Irmgard Möller durch Messerstiche schwer verletzt in ihren Zellen aufgefunden worden.
Die offizielle Erklärung lautete schon um 9 Uhr früh, noch bevor die gerichtsmedizinischen Untersuchungen überhaupt eingeleitet waren: Selbstmord. Ähnlich vier Wochen später beim Tod Ingrid Schuberts. Während die deutsche Presse weitgehend die offizielle Version übernahm, schrieb die internationale Presse: »Mord!« In Deutschland blieb es eine Minderheit linker und autonomer Blätter, die Zweifel gegenüber der Selbstmord-These anmeldeten wie auch die Anwälte der Toten, an ihrer Spitze Otto Schily. Der »Arbeiterkampf« des Kommunistischen Bundes listete minutiös die »Wunder von Stammheim« auf, all die Widersprüche, Ungereimtheiten und blanken Erfindungen, die im Laufe der nächsten Tage, Wochen und Monate von BKA, Staatsanwaltschaft, Regierung und einer ihnen sklavisch folgenden Presse produziert wurden.
Forts. unter
http://www.neues-deutschl...
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