BELLETRISTIK ROMANDie Korrektur

Bücher, die man wahlweise mit Mono- oder Stereoeffekt lesen kann, sind eher selten. Im ersten Fall wirkt dieser Roman unterhaltsam, lehrreich, witzig wie eine jener literarisch ausgeklügelten Geschichtsfiktionen, die seit einigen Jahren von Patrick Süskind bis Daniel Kehlmann Erfolge feiern. Will man hingegen den vollen Stereosound dieses Buchs, muss man geistig zu einem zweiten Buch greifen und es im Kopf parallel mitlesen: Rousseaus Bekenntnisse. Denn dieser François Rousseau, den die deutsche Ausgabe das französische Original hieß schlicht Fils unique schon im Titel anführt, ist kein anderer als der Bruder des berühmten Jean-Jacques. Da sein Bruder früh auf Abwege geraten und, wahrscheinlich in Deutschland, spurlos verschwunden sei, schrieb Jean-Jacques in seinen Bekenntnissen, bleibe er der »einzige Sohn« des Genfer Uhrmachers Isaac Rousseau.

Selbst Einzelkind! protestiert Stéphane Audeguy in seinem Roman. Aus dem Verdoppelungseffekt wer ist nun Einzelkind? gewinnt der gut vierzigjährige Autor, der vor zwei Jahren mit seinem Erstlingsroman Der Herr der Wolken auf sich aufmerksam machte, die besondere Stereowirkung seines neuen Buchs. Es eröffnet zwischen Realität und Fiktion einen faszinierenden Klangraum des 18. Jahrhunderts, voll unerwarteter Echoeffekte und kurioser Gegenresonanzen. Wo der Philosoph Rousseau im Licht der Aufklärung idealistisch für das moderne, emanzipierte, nach Transparenz strebende Subjekt steht, führt der Weg seines Bruders im Schutz unseres Nichtwissens über ihn bei Audeguy in die grelle Nacht der Libertinage, des Materialismus, der unmittelbaren Sinneslust, der Fortschrittsskepsis, Provokationsfreude und der Gefängniszelle in der Bastille.

Gelungen ist an diesem Buch vor allem die Art, wie das Doppelmuster komponiert ist. Im Vorspann steht François Rousseau im Oktober 1794 inkognito auf der Pariser Montagne Sainte-Geneviève und beobachtet die Überführung von Jean-Jacques sterblichen Resten ins Pantheon. Er ist fast neunzig Jahre alt und empfindet die ganze Ironie der Situation: Ausgerechnet er, der genusssüchtige Wüstling, wohnt inmitten von lauter Ignoranten der Beisetzung des großen Philosophen der Aufrichtigkeit und der Tugendsamkeit bei eine Figur übrigens, die er als »reine Erfindung der Mörder der Schreckensherrschaft« durchschaut.

Robespierre selbst hatte die Zeremonie veranlasst. Rousseaus Bekenntnisse hat François nach ihrem Erscheinen gelesen, fand sie etwas pompös und in den Fakten ziemlich falsch. Deshalb will er ihnen nun am Ende seines Lebens, postum an den Bruder gerichtet, eine Korrektur hinterherschicken. Dieses vertrauliche »Du«, das sich, schon ans Jenseits gewandt, durchs ganze Buch zieht, fängt auf wunderbare Weise alle Nebenklänge von Ärger, Zuneigung, Bewunderung, Verachtung ein. Via den Bruder François reflektiert der Romanautor Audeguy zwischen Sympathie und Aversion seine eigene ambivalente Vertrautheit mit der Idolfigur der französischen Aufklärung.

Er führt den sieben Jahre älteren Bruder, ein bisschen wie Wolfgang Hildesheimer dies mit seiner fiktiven Figur in Marbot tat, in die Nähe historischer oder hinzufantasierter Figuren des 18. Jahrhunderts. Beim pädophilen Libertin Saint-Fonds lernt der noch Minderjährige in Genf die Grundlagen des enzyklopädischen Wissens und der leiblichen Lust kennen vorn auf dem Bücherregal stehen Fontenelle, Pierre Bayle, die Frühwerke Voltaires, dahinter steht in der zweiten Reihe das, was Europa an obszöner und gotteslästerlicher Literatur schon aufzubieten hatte.

Nach Paris ausgewandert, ist François dann im berühmtesten Bordell der Stadt tätig und stellt als ausgebildeter Uhrmacher kunstvolle Geräte für die Sinnesbefriedigung der feinen Gesellschaft her. Die Jahre vor der Revolution verbringt er als Häftling in der Bastille und verkehrt mit dem dort ebenfalls einsitzenden Marquis de Sade. Den Morgen des 14. Juli 1789 verschläft er zwar in seiner Zelle, weil der Aufruhr in den Tagen zuvor draußen vor dem Fenster ihn stark ermüdet hat. Doch wird er von den Hereinstürmenden als das heroisch befreite Opfer des Ancien Régime gefeiert und beteiligt sich danach bald an einem blühenden Geschäft, das darin besteht, die Steinstücke des geschleiften Gefängnisses in alle Teile Frankreichs zu verkaufen.

All diese Episoden bindet der Autor Audeguy ins feine Beziehungsnetz zum Philosophen Jean-Jacques Rousseau ein. In seinen Bekenntnissen erzählt dieser beispielsweise ausführlich eine Episode, wie er als Kind unschuldig für einen zerbrochenen Kamm der Mademoiselle Lambercier, der Tochter seines zeitweiligen Ziehvaters, bestraft wurde: Es war ein Schlüsselerlebnis für seine spätere Auflehnung gegen alle Formen von Ungerechtigkeit. Nun, gesteht François bei Audeguy in seinem Bericht, er sei es gewesen, der den Kamm aus Rache gegen den schmeichlerisch veranlagten Bruder heimlich zerbrochen habe. Jedes andere Kind, wundert sich François, hätte den Vorfall längst vergessen, nur Jean-Jacques stilisiere ihn von der Bühne seiner Bekenntnisse herab zum Urbild allen Unrechts. Er an seiner Stelle hätte wie jeder vernünftige Mensch eher versucht, dem Rätsel des zerbrochenen Kamms durch Befragung der Nachbarn auf den Grund zu gehen: »Du aber zogst deine Wahrheit vor« und gerade damit habe Jean-Jacques als Einziger gegen seine Zeitgenossen recht behalten.

»Darin lag dein einmaliges Genie, Jean-Jacques«, schreibt der Zurückschauende. Als Erster sei sein genialer Bruder auf den Gedanken gekommen, dass derart unbedeutende Kleinigkeiten es wert seien, berichtet zu werden, dass Geschichte auf Augenhöhe der Menschen stattfinde, dass das große Unrecht in der Welt aus lauter kleinen Ungerechtigkeiten bestehe. Keine zehn Jahre nach Erscheinen der Bekenntnisse habe ein ganzes Land aus ebendieser Empfindung heraus eine Revolution veranstaltet, wie sie zuvor noch nie da gewesen sei.

Man braucht aber Rousseaus Werke nicht unbedingt gelesen zu haben, um die Zusammenhänge erfassen zu können. Stéphane Audeguy liefert alles Nötige mit im Roman. » Ich gestehe es ohne Scham: Ich glaubte an die Revolution« lässt er François sagen. Als junger Mann schon hatte dieser auf dem Weg nach Paris auf den Landstraßen Frankreichs nur ein von Parasiten ausgebeutetes Volk mit gekrümmtem Rücken vorgefunden.

Dass die Revolution daran wenig geändert hat, ist für den zurückblickenden Greis offensichtlich, aber kein Grund, sie zu verleugnen. Schon bei den verregneten Feierlichkeiten am 14. Juli 1790 fiel ihm auf, wie sauber die Hände der Ehrengäste waren: Das Volk war bereits nicht mehr anwesend. Seine Generation habe aber das Ihre getan, andere würden kommen und weiterkämpfen, erfolgreicher oder erfolglos wer weiß es? Die Geschichte sei ein sonderbares Theater: »Nie weiß man, wer im nächsten Akt noch auf der Bühne stehen wird« lautet die weder optimistische noch pessimistische Maxime von Audeguys Helden.

Die Aversion der Figur gegen das theatralische Glücksideal des Rousseauismus gehört zum Feinsinnigsten, was dem Romanautor in diesem Buch gelang. Schon auf der widerlichen Bühne des kleinen Familienglücks habe der kleine Jean-Jacques mit seinen sentimentalen Tränenorgien und den aus der hohen Literatur entlehnten Heldenposen stets das possierliche Musterkind abgegeben, während er, der missratene François, früh begriffen habe, dass es neben der unmittelbaren Lustbefriedigung für ihn kein Ideal gebe, dass er letztendlich allein sei in der Welt. » Fils unique«, einer von der liederlichen Sorte.

Aus dem Kontrastbild des fortschrittssüchtigen Aufklärungszeitalters lässt Audeguy ein anderes 18. Jahrhundert zu Wort kommen, das die pädagogische Emphase der Menschenerziehung auch kennt, aber nicht ganz daran glaubt, das die Blüten des enzyklopädischen Wissens genusssüchtig sofort zerpflückt und die Pionierleistungen der sich entwickelnden Mechanik mehr für die frivole Belustigung der Herrschaften als zur Beförderung der Menschheit nutzt.

Wohl fehlt der Romanfigur des François Rousseau mitunter die nötige Dichte. Die Fäden der literarischen Konstruktion scheinen durch. Das Exemplar etwa von De natura rerum des Lukrez, das der Mann bei all seinen Abenteuern mit sich herumträgt, könnte er sich sparen seine Lebenseinstellung ist uns ohnedies klar. Auch sind manche Nebenfiguren, nicht zuletzt der in der Bastille an seinem Roman Die 120 Tage von Sodom schreibende de Sade, zu schematisch auf ihre Komplizenschaft mit dem Romanhelden hin angelegt. Andere Stellen wiederum gerieten in der detailfreudigen Darstellung Audeguys zu lang, nach der weitschweifigen Masche des Epochenromans gestrickt. Dennoch fesselt das Buch vom Anfang bis zum reizvollen Ende. Seine dem glatten Gestus des 18. Jahrhunderts nachgebildete Sprache, die noch von keinem Exzess romantischer Schwärmerei, Prüderie oder Höllenwonne befallen scheint, wirkt auf derbe Weise elegant. Die Ausdrücke für weibliche und männliche Geschlechtsorgane klingen so natürlich, wie sie im Gebrauch auch funktionieren: Eine heitere Doppelmechanik des Praktizierens und zugleich Benennens schnurrt durch alle drei Kapitel des Buchs.

Elsbeth Ranke, die für ihre Übertragung von Stéphane Audeguys Roman Der Herr der Wolken unlängst den André-Gide-Preis bekam, hat den stilistisch schwierigen Text, abgesehen von einigen kleinen Sinnfehlern, etwa in der Kamm-Szene, mustergültig übersetzt.

Stéphane Audeguy: Das Leben des François Rousseau, von ihm selbst erzählt

Roman - aus dem Französischen von Elsbeth Ranke - SchirmerGraf Verlag, München 2007 - 296 S., 19,80

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.41 vom 04.10.2007, S.L18
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