Familienfreundlichkeit Wo ist es am besten?
Die 439 Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands im Vergleich: Was haben sie Familien zu bieten in puncto Arbeit, Wohnung, Schule, Freizeit, Kindergarten? Der »Familienatlas« gibt Auskunft
In der Familienpolitik erleben wir gegenwärtig eine empirische Wende. Ministerin Ursula von der Leyen lässt nicht nur wissenschaftlich untersuchen, ob die 180 Milliarden Euro staatlicher Leistungen, die jährlich in Form von Ehegattensplitting, Kindergeld, Sozialversicherung oder Jugendhilfe für Familien reserviert sind, wirkungsvoll bei der Zielgruppe ankommen. Ihr Haus versucht auch, sich ein Bild davon zu machen, wie Familien in Deutschland tatsächlich leben. Das Sozialforschungsinstitut Prognos hat, in Kooperation mit der ZEIT und im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, einen »Familienatlas« erstellt, der alle 439 Kreise und kreisfreien Städte des Landes auf ihre Familienfreundlichkeit hin untersucht. Die Ergebnisse der Studie ziehen die grundgesetzlich garantierte »Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse« im Lande eindrucksvoll in Zweifel.
»Familienfreundlichkeit« ist dabei natürlich ein schwammiger Begriff, dem sich das Institut nähert, indem es eine gewaltige Datenmenge in vier Bereiche sortiert, die für das (angenehme) Familienleben von Bedeutung sind – und lokal beeinflussbar, durch Kommunalpolitiker, Lokalzeitungen, Wohnungsbaugesellschaften, Unternehmen, Vereine. Die Daten stammen aus ganz unterschiedlichen Quellen, etwa von statistischen Ämtern, Kultusministerien, Landessportbünden, dem Bundesamt für Bau- und Raumordnung oder der Deutschen Bibliotheks- und der Polizeilichen Kriminalstatistik.
Verglichen wurden die Kreise erstens in Bezug auf die Frage, wie gut Familie und Berufstätigkeit sich dort vereinbaren lassen, welche Betreuungsangebote bestehen und ob die Erwerbsquote von Männern und Frauen ähnlich ist. Zweitens untersucht Prognos die Wohnqualität, und zwar anhand von Grundstückspreisen, dem Vorhandensein ausreichend großer Wohnungen, dem Grünflächenangebot, der Fahrtstrecke zur nächstgrößeren Stadt und den Gefährdungen durch Straßenverkehr und Kriminalität. Der dritte Teil der Erhebung betrachtet die Situation der schulischen Bildung und Ausbildung – mit zum Teil dramatischen Unterschieden bei Lehrerversorgung und Klassengröße. Das vierte näher in den Blick genommene Feld bilden die Kultur- und Freizeitangebote für Kinder: die Beteiligung von unter Achtzehnjährigen in Sportvereinen, der Musikschüleranteil, die Nutzung öffentlicher Bibliotheken, die Kino-dichte.
Diese vier Aspekte – Beruf und Familie, Wohnen, Bildung und Freizeit – setzt Prognos dann noch einmal in Beziehung zu den demografischen und den Arbeitsmarkt-Daten der Kreise – denn die schönste Kinderbetreuung kann wenig familienfreundliche Wirkung entfalten, wenn sich für die Eltern keine Arbeit findet. Nach wie vor ist dies das Hauptproblem vieler ostdeutscher Regionen. Die Kreise mit den schlechtesten Gesamtaussichten sind allerdings allesamt westdeutsch und finden sich sowohl in den ehemaligen Stahl- und Kohlerevieren des Ruhrgebiets als auch entlang der früheren innerdeutschen Grenze. Der Rundumgewinner in Sachen Familienfreundlichkeit heißt Potsdam. Und die gottverlassenste Stadt – die Sozialforscher würden freundlicher sagen: diejenige mit den größten Entwicklungsmöglichkeiten – ist Unna (siehe Porträts unten).
Welche größeren Trends und Tendenzen lassen sich aus der Untersuchung ablesen?
Zum einen diejenige, dass Geburtenrate und Kinderbetreuungsquote in keinem zwingenden Zusammenhang stehen. Die meisten Kinder kommen in der Betreuungs-Diaspora des westlichen Niedersachsens zur Welt. Das ist kein Argument gegen den Ausbau von Krippen und Horten, aber es ruft in Erinnerung, dass die Bereitschaft zur Familiengründung auch von Traditionen, Moden und gesellschaftlichen Stimmungen abhängt.
Zum Zweiten wird deutlich, welch extreme Unterschiede Eltern bei der schulischen Versorgung ihrer Kinder hinnehmen müssen. Klassengrößen schwanken zum Beispiel in der Grundschule zwischen 16 und 25 Schülern. Man sollte diesen Wert als qualitätsbestimmendes Merkmal für den Unterricht nicht absolut setzen, aber von Einheitlichkeit der Lernverhältnisse lässt sich hier kaum noch sprechen.
Beunruhigend ist, drittens, die vollkommen unterentwickelte Vereinsstruktur in manchen ostdeutschen Landstrichen: Während sich in einigen westdeutschen Regionen mehr als 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Sportvereinen tummeln, sind es in etlichen Ost-Kreisen weniger als 20 Prozent. Daraus müssten sich unter anderem zwingende Fragen für die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus ergeben: Nämlich, ob es nicht vor aller »antifaschistischen« Arbeit einer Stärkung der Angebote im Bereich des ganz normalen sozialen Miteinanders bedarf.
Viertens wird das gute Leben in Deutschland, das nicht ausschließlich oder überwiegend berufsbezogen ist, nicht in den harten, schnellen, schicken (und teuren) Großstädten gelebt, sondern auf dem Lande, wo der Wohnraum günstig ist, und in den kleineren und mittleren Städten, die beim Freizeitwert überdurchschnittlich abschneiden. Sie sind groß genug dafür, dass vom Theater bis zur Bücherhalle alles vorhanden ist, und klein genug, dass jedermann etwas davon haben kann.
Nun besteht die Absicht, die die Auftraggeber mit dem »Familienatlas« verbinden, nicht darin, Städte wie Unna zu kränken. Es geht vielmehr darum, den Kreisen ihre Stärken und Schwächen vor Augen zu führen und den Bürgern Vergleichsmöglichkeiten an die Hand zu geben, die sie privat nur höchst aufwendig recherchieren könnten. Die Familienministerin macht sich darüber hinaus stark für ein Politikinstrument, das vor Ort dabei helfen soll, nötige Veränderungen auch zuwege zu bringen: die Lokalen Bündnisse für Familie. Bundesweit haben sich bisher 437 dieser Zusammenschlüsse gegründet, um diejenigen, die familienpolitisch handeln, wenigstens gelegentlich an einen Tisch zu bringen: also kommunale Stellen, soziale Träger, Unternehmen, Kirchen, Vereine. Ihre Arbeit profitiere sehr von der verbesserten Kommunikation, sagt zum Beispiel Andrea Kiefer von der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH, die sich an einem solchen Bündnis beteiligt: Zunächst hatte sich die örtliche Industrie- und Handelskammer mit den Anliegen von Unternehmen und Beschäftigten befasst. Dabei kam heraus, dass die meisten berufstätigen Eltern den Alltag einigermaßen organisiert bekamen – Probleme traten auf, wenn lange Schulferien und viel kürzerer Arbeitnehmerurlaub unversöhnlich aufeinandertrafen. Also organisierte Kiefers Projektteam Feriencamps für Grundschulkinder. Zusammen mit Sportvereinen wird inzwischen eine ganztägige Ferienbetreuung für 900 Kinder angeboten. Zum Programm gehört Fußball ebenso wie Hockey, Klettern oder Rudern.
Auch Thomas Ziegler vom Frankfurter Kinderbüro sieht seine Arbeit durch die Vernetzung erleichtert: Mit Vertretern einer Schule, einer Kindertagesstätte und eines Sportvereins gelang es seiner Projektgruppe, einen Schulhof mit altem Baumbestand für die Bewohner des Stadtteils zu öffnen – wegen Vandalismus, Lärm und Vermüllungsgefahr normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Jetzt aber stellt der Verein Vollzeitbetreuer, die Kinder zur Bewegung anregen, nach dem Rechten sehen und auch Erwachsene zum Sport verlocken.
Das Billenetz in Hamburg hat es mit dem zusätzlichen Etikett des Lokalen Bündnisses auf inzwischen 70 öffentliche und private Partner gebracht, die sich für die Verbesserung der schulischen und der Ausbildungssituation in sozial schwierigen Hamburger Stadtbezirken einsetzen. In Zusammenarbeit mit dem Rauhen Haus bietet die Organisation unter anderem sozialpädagogisches »Übergangsmanagement« für den Wechsel vom Kindergarten in die Grundschule an – gerade Eltern mit Migrationshintergrund können auf diesem Weg für die Wichtigkeit des Schulbesuchs sensibilisiert werden.
Wie dringlich die Gründung eines Familienbündnisses erscheint oder auch die Aufnahme eines ganz traditionellen kommunalpolitischen Engagements, darüber gibt der »Familienatlas« Aufschluss: Kreis für Kreis.
Die Spitzenreiter in den vier Handlungsfeldern zeigt die Grafik links; »Tops« und »Flops« bei einzelnen Aspekten die Grafik rechts. Die Liste der nach ihrer Familienfreundlichkeit geordneten Kreise findet sich im Internet unter www.prognos.com/familienatlas
- Datum 04.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Vergleicht man die Sieger der bisher vorgestellten Rubriken des Familienatlas mit dem Zufriedenheitsatlas von Perspektive Deutschland, so deutet sich eine etwas andere Interpretation für zumindest einige "Sieger" an:
Wirtschaftlich schwache Region bedingt Abwanderung und somit niedrige Immobilienpreise und wenig Kinder im Verhältnis zu den vielen Betreuungsangeboten in Schule und Kindergarten/hort. Die hohe gemessene Unzufriedenheit dürfte auch die dort ansässigen Familien betreffen.
Wenn Sie dann noch fragen, wieviele der dort doppelt erwerbstätigen Eltern einen Job gerne an den Nagel hängen würden, wenn sie mit dem Hungerlohn aus einer Berufstätigkeit finanziell zurechtkämen, dann wäre der ernüchternde Einblick in die tatsächliche Familienfreundlichkeit vielleicht hergestellt.
Es ist nicht alles Gold was glänzt!
Die schreiben: "..dass Geburtenrate und Kinderbetreuungsquote in keinem zwingenden Zusammenhang stehen... das ist kein Argument gegen den Ausbau von Krippen und Horten, aber es ruft in Erinnerung, dass die Bereitschaft zur Familiengründung auch von Traditionen, Moden und gesellschaftlichen Stimmungen abhängt."
Wieder einmal wird hier, bewußt oder unbewußt, eine blanke Vermutung zur Wahrheit erklärt. Einmal durch das Wort AUCH, das suggeriert: die Verfügbarkeit öffentlich finanzierter Krippen- und Hortplätze spielt jedenalls AUCH eine wichtige ROlle für die Geburtenzahlen. Dabei ist das nicht bewiesen, im Gegenteil: sowohl der innerdeutsche als auch der weltweite Vergleich (etwa USA, Irland) zeigen eben gerade KEINEN solchen Zusammenhang. Vielmehr wird immer wieder aus der Tatsache, daß einige Länder mit Rundum-Betreuung eine relativ hohe Geburtenrate haben, auf eine Ursache-Wirkungs-Beziehung geschlossen, unter Ausblendung der Ländern, für die das Gegenteil gilt.
Schlimmer aber: Gaschke suggeriert, daß NEBEN der Krippen/Hortfrage nur noch, gewissermaßen, der Zeitgeist die Fruchtbarkeit beeinflußt. "Traditionen" und "Stimmungen". Daß ganz andere Faktoren ausschlaggebend sein könnten, allen vor an die wirtschaftliche Situation von Familien, wird verschwiegen - warum wohl? Dabei sind die Hinweise darauf immens und die ökonomische Erklärung der Geburtenrate ist wissenschaftlich weit verbreitet. Umfragen zeigen, daß bei der Entscheidung insbes. gegen das dritte Kind finanzielle Fragen weit im Vordergrund stehen (und die Bevölkerungsforschung weiß längst, daß die Quote dritter Kinder die Fruchtbarkeit entscheidend beeinflußt). Die Sozialsysteme werden längst als "Versicherung gegen Kinderlosigkeit" beschrieben. Das geltende Unterhaltsrecht läßt vor allem Männer extrem vorsichtig bei der Familiengründung werden. Wohnraum für Familien mit ihren knapperen Ressourcen ist gerade in Regionen, wo es Arbeitsplätze gibt, sehr teuer. Undsoweiter.
Gaschke ignoriert das alles komplett - vermutlich würde sie jetzt entgegnen, daß eine Kindergelderhöhung die Geburtenrate auch nicht verbessert. Auf die Art kann man freilich auch beweisen, daß Wasser kein Feuer löscht: wirf einen Tropfen in die Glut, und das Feuer schwelt weiter wie bisher.
Letztlich läßt sich für kinderreiche Länder stets feststellen, daß der "Wohlstandsverlust" durch eine Familiengründung geringer ausfällt als in solchen mit niedriger Geburtenrate. Diese Korrelation ist weitaus größer als jene mit der Betreuungsrate oder der Frauenerwerbstätigkeit. Letztlich findet in den geburtenstarken Ländern, wie Frankreich oder Skandinavien, entweder über die Steuer- und Sozialsysteme eine sehr starke Belastung Kinderarmer statt, oder aber (wie in den USA) das Fehlen solcher Systeme bewirkt einen viel höheren Stellenwert der Familie und eigener Kinder.
Große Teile der veröffentlichten Meinung wollen davon weiter nichts hören. Warum? Weil das Mantra heute lautet: Schuld am Kindermangel sei der Wunsch der modernen Frau nach mehr Gleichstellung im Beruf. Leztere ist das eigentliche Ziel, die Geburtenrate nur das vorgeschobene Argument. Nichts erscheint schrecklicher als die Vorstellung einer Politik, die Frauen -- gerade auch gut ausgebildeten, kluge Frauen -- eine ECHTE WAHL läßt, die berufliche Selbstverwirklichung hinter der familiären zurückstehen zu lassen und insb. nur so viel Erwerbsarbeit zu verrichten, wie eine Familie es erlaubt.
Wäre das möglich, OHNE gewaltige wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen, dann - Gottseibeiuns! - könnte das ja Mode werden.
Da betreiben wir doch lieber weiter gender mainstreaming. Titanic auf Kurs halten und lieber absaufen als umdrehen.
Der springende Punkt ist, was man unter familienfreundlich versteht. Familienfreundlich in diesem Sinne ist nicht unbedingt kinderfreundlich, sondern eher elternfreundlich. Wenn man unter familienfreundlich das versteht, dass man mit den Kindern möglichst wenig zu tun hat (weil man sie in "Einrichtungen" abschieben kann) und sie möglichst wenig von dem zur Verfügung stehenden Familieneinkommen abzwacken (weil das Geld für Auto, Urlaub, ... dringend benötigt wird), mag das Ergebnis ja stimmen. Kinder würden anders entscheiden.
Es hängt meines Erachtens weniger an den genannten Umständen, als an einem falschen Wertesystem, das aber in Fernsehen, Politik und Gesellschaft ständig verbreitet wird: Wenn einem Kinder nichts mehr wert sind, dann ist es schwer, durch Änderung der äußeren Umstände die Leute zu bewegen, trotzdem Kinder zu haben.
Eine erschütternde Ausgrenzung Älterer.
Ist es schon so weit gekommen, dass Menschen nach Abschluss ihres Erwerbslebens nicht mehr zur Familie gehören? Welch eine Realitätsverdrängung! In unzähligen Familien behüten und versorgen die Großeltern die Kinder der berufstätigen Eltern oder unterstützen ihre erwachsenen Kinder finanziell. Und von den Pflegebedürftigen werden immer noch über 50 % in der Familie von pflegenden Angehörigen versorgt. Das sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass die Alten weiterhin ein Bestandteil der Familie sind. Auch wenn beim Prognos Institut der Demographische Wandel noch nicht angekommen ist, hätte ich mir von der ZEIT mehr Generationengerechtigkeit gewünscht.
Ernst-G. Zeschmann
Mitglied des Seniorenrats Wentorf bei Hamburg.
Diese Frage stelle ich der Autorin, die zu wundersamen Schlüssen aus der Studie kommt.
Susanne Gaschke beunruhigt, dass das Vereinswesen in "ostdeutschen" Landstrichen unterentwickelt sei. Mich beunruhigt das auch! Allerdings in der Hinsicht, dass nur die angebliche Folge dessen - Rechtsextremismus - thematisiert wird, nicht aber der Grund dafür.
Wie soll(te) sich denn eine "Vereinsmeierei", wie sie auch heute noch genannt wird, entwickeln? Die Eltern können es kaum vorleben oder gutheißen, in der DDR gab es diese quasi nicht sondern dafür die staatlich organisierte Freizeitbeschäftigung.
Als viel hilfreicher würde ich es ansehen, zu hinterfragen, wie dieses 17-millionenfache Loch seit 1990 gestopft wird. Aber das ist wohl eher was für "Perspektive Deutschland" als für eine wieder mal sehr vieldeutig auslegbare Studie ...
So ein Familienatlas ist ja eine tolle Sache, aber letztlich auch nicht mehr als eine topographische Karte der Malediven mit einer Höhenauflösung von einem cm. Da gibt es dann gewaltige Höhenunterschiede, weil man ignoriert, dass die beiden Extremwerte noch nicht einmal um 10 m auseinander liegen. Die Geburtenziffer streut auch gar nicht so gewaltig innerhalb der Republik (vorausgesetzt man vergleicht ähnliche Sozialstrukturen an verschiedenen Standorten, Großstadt mit Großstadt, Land mit Land).
Dafür ist wie immer auffällig, dass die Herren und Damen Journalisten genauso wie die Herren und Damen Politiker - und das unterscheidet wohl die gegenwärtige Journalistengeneration von ihren Vorgängern - an einem Tunnelblick leiden - d.h. sie nehmen Ursachen, Bedenken, Überlegungen, Befindlichkeiten nur insoweit wahr, wie sie im eigenen Lebengefühl des Betrachters nachvollziehbar sind.
Zur niedrigen Geburtenrate ist folgendes zu sagen:
a) Vielleicht rettet das unseren Globus noch mal, bzw. es erspart es uns ein Massensterben durch Verhungern, Erfrieren, Hitzetod (ohne Klimaanlagen) oder was auch immer, weil die nachwachsenden Energiereserven in Deutschland auch für 80 Millionen nicht ausreichen (es sei denn sie führen ein ziemlich armseliges Leben).
b) Die Ursachen der niedrigen Fertilität sind multikausal, d.h. es müssen viele Voraussetzungen SIMULTAN erfüllt, damit sich (potentielle) Eltern zu (weiteren) Kindern entschließen, Das ist so, sobald Kinder nicht mehr allein deshalb in die Welt gesetzt werden, weil die Eltern ihre sexuellen Triebe nicht mehr unter Kontrolle haben.
b1) Für diese potentiellen Kinder muss eine ökonomische Perspektive vorhanden sein (Aber wo sind die Arbeitsplätze Lehrstellen, Praktikumsplätze, wenn der aktuelle Aufschwung wieder zum Abschwung wird).
b2) Damit Eltern sich auf das Unternehmen Kind einlassen, brauchen sie ökonomische Sicherheit über 25 Jahre (und welcher Arbeitsplatz ist heutzutage schon sicher).
b3) Eltern müssen wissen, dass ihre Kinder nicht schon vorneherein die Verlierer-Straße gepachtet haben (als Pisa-Verlierer, Schulversager, als Generation Praktikum, Zeitarbeiter, Hartz4-Opfer).
b4) Eltern brauchen eine stabile Beziehung, weil "Elter-sein" einen Einzelnen bis an die Grenze seiner Kräfte aufzehren kann.
b5) Man muss das Elternsein organisieren und leben können (Berufstätigkeit der Mutter ist da weniger Selbstverwirklichung als der Versuch zu Überleben, ohne dass einem die Decke auf den Kopf fällt.
Und da wird gar nichts helfen, weder das berühmte Erziehungsgeld noch eine großzügige Krippenversorgung, wenn gleichzeitig Hochschulgebühren eingeführt werden, Beförderungskosten ins Haus stehen, der Eintritt ins Schwimmbad oder die Teilnahme an der Klassenfahrt unbezahlbar wird, Arbeitsverhältnisse volatiler werden, ein Großteil der Bevölkerung immer ärmer wird. Letztlich wird sich nur dann was ändern, wenn die Leute den Eindruck haben, das Leben wird in den nächsten 25 Jahren eher besser denn schlechter und sie und ihre Kinder bleiben nicht außen vor.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren