KATALONIEN

Im Kongo, im Kongo

Wenn ein Raubmörder, sein Strafverteidiger und ein Autor von Schundromanen gemeinsam ein Buch herausbringen, muss man sich auf einiges gefasst machen. Etwa darauf, dass sich der Mörder als unschuldig erweist. Dass er die Menschheit vor einer überlegenen fremden Rasse gerettet hat, die in einer unterirdischen Riesenstadt lebt. Und natürlich, dass er sich in eine exotische Schöne verliebt, aber seine Liebe am Ende dem Gemeinwohl geopfert hat. Man ist davon nicht überrascht, weil man Ähnliches schon in Rider-Haggards Roman She und in Bulwer-Lyttons The Coming Race gelesen hat. Und tief im Inneren von Piñols neuem Roman fühlt man sich an dessen international erfolgreiche Vorläufer erinnert. Was in Im Rausch der Stille eine einsame Insel im Südmeer war, ist nun eine Lichtung im »grünen Ozean« des Kongo. Was dort aus dem Meer gekrochen kam, kommt hier aus den Tiefen der Erde menschenähnliche, schrecklich fremde Wesen, die den Helden erbitterte Schlachten liefern. Selbst die Liebe zu einem exotischen weiblichen Wesen wiederholt sich.

So könnte man meinen, der 1965 in Barcelona geborene Albert Sánchez Piñol wolle an seinen Bestsellererfolg anknüpfen, indem er das Gleiche in Grün präsentiere, und man läge damit auch gar nicht so falsch. Doch das Spiel mit erzählerischen Stereotypen gehört zu den erzählerischen Grundprinzipien Piñols. Fühlte man sich bei Im Rausch der Stille an Conrad und Lovecraft erinnert, so variiert Pandora im Kongo die Vorbilder von Rider Haggards und Bulwer-Lyttons exotischen Abenteuergeschichten, die im Zuge ihrer Kommerzialisierung und Serialisierung bis aufs Groschenheftniveau abgesunken sind. Das ist genau das Niveau, auf dem der Erzähler Thomas Thomson zu Beginn der Geschichte gelandet ist.

Thomson ist der Lohnschreiber eines Lohnschreibers eines Lohnschreibers. Er ist das letzte Glied einer Kette literarischer Serientäter, an dessen anderem Ende ein gewisser Doktor Luther Flag steht. Er schreibt nach dessen Exposés und Anweisungen. » Sparen Sie nicht an Adjektiven« lautet eine, die er seinen als »Neger« bezeichneten und kärglich entlohnten Schreibsklaven gerne gibt. Eines Tages wirft Thomson seinem Herrn ein Manuskript an den Kopf. Damit ist ihr Arbeitsverhältnis beendet, doch er hat schon einen neuen Auftraggeber, einen Strafverteidiger. Dem hat Thomsons erstes Machwerk gefallen Pandora im Kongo. Genau dort nämlich soll ein Klient von ihm zwei Männer ermordet haben. Thomson soll dessen Version in eine öffentlichkeitswirksame Form bringen, um die Verteidigung des Angeklagten zu unterstützen. Also schreibt er auf, was Marcus Garvey angeblich 1912 im Kongo widerfahren ist.

Garvey war der Diener zweier Herren, verlorenen Söhnen der Oberschicht, die sich zu Hause unmöglich gemacht hatten und ihr Glück nur noch im Kongo suchen konnten. Mit einer Sklavenkarawane waren sie als Goldsucher in den Urwald gezogen, und nur Garvey war daraus zurückgekehrt. Mit zwei riesigen Diamanten, die als Tatmotiv auch für die Anklage von unschätzbarem Wert sind. Und damit hat die Geschichte in der Geschichte begonnen, die sich inhaltlich kaum von Thomsons bisheriger Produktion unterscheidet.

Diese Geschichte verwundert vielleicht manche Leser, aber nicht den Erzähler. Er bemerkt nicht einmal, wie unlogisch sie ist. Kaum nämlich sind die ersten Unterirdischen aus ihrer steinernen Pandorabüchse ans Tageslicht gekrochen, verliebt sich Thomson unsterblich in eine bleiche, katzenäugige, langgliedrige Schöne namens Amgam. Nun schreibt er Garveys Geschichte mit wahrer Hingabe auf, mit Liebe, mit Eifersucht und mit geheimen Fantasien. Er beneidet Garvey um Amgams Liebe, nötigt ihm immer weitere Details dazu ab, identifiziert sich mit dem Helden seines eigenen Buchs, ist zugleich Autor und begierigster Leser. Längst hat er vergessen, dass er im Bann einer simplen Story steht, und hat nur noch ein Ziel vor Augen. Er hofft, die Geschichte so umzubiegen, dass Amgam am Ende nicht für immer in der Tiefe verschwunden ist, aber deren einziger Zeuge zeigt sich in dieser Hinsicht sehr unsensibel. Doch als Thomson wieder einmal Garvey im Gefängnis besucht, fällt ihm eine rätselhafte, außergewöhnlich hochgewachsene und verschleierte Frau auf. Ist Amgam in London? Hat man ihm ein mögliches Happy End unterschlagen, seine Chance gar, endlich selbst in die Rolle des Helden zu schlüpfen?

Pandora im Kongo ist ein Buch über die Leidenschaften und Begierden des Lesens, die aus beschriebenem Papier Geschichten hervorwachsen lassen, die jeder Mensch für sich selbst und auf eigene Weise erlebt.

Albert Sánchez Piñol appelliert dabei an unsere niederen Lese-Instinkte. Er erzählt jenen Schundroman, den wir schon immer lesen wollten, und enthüllt zugleich das subtile Spiel von Fantasie und Identifikation, das Leser zu Koautoren macht, die dem Verfasser bisweilen gern die Regie abnehmen würden, um der Handlung die ersehnte Richtung zu geben. Pandora im Kongo beschreibt das flüchtige Glück, eine erfundene Geschichte für wahr halten zu können, aber am Ende ist eine Geschichte eben doch nur eine Geschichte.

Albert Sánchez Piñol: Pandora im Kongo

Roman - aus dem Katalanischen von Charlotte Frei - S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2007 - 478 S., 19,90

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  • Von Ulrich Baron
  • Datum
  • Quelle DIE ZEIT Nr.41 vom 04.10.2007, S.L37
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