Weltreisender Arzt ohne Grenzen

Farin Urlaub, Sänger der Band »Die Ärzte«, hat 100 Länder dieser Welt bereist. Ein Gespräch über angolanische Häuptlinge, Humboldt und ein Blinddarmentfernungsbuch

DIE ZEIT: Herr Urlaub, Sie sammeln Länderpunkte. Wie geht das?

Farin Urlaub: Das ist ein Wettbewerb zwischen einem Freund und mir. Es gibt einen Punkt für jedes Land, in das man zum ersten Mal reist. Und Reisen heißt nicht einfach, einen Stempel von der Zollkontrolle zu kriegen, aus dem Flughafen rauszulaufen und wieder rein. Zwei, drei Tage Aufenthalt sind das Minimum. Ich habe jetzt genau 100 Punkte. Der letzte war Kuba.

ZEIT: Sie sind schon durch Ihre Konzerttourneen beruflich viel unterwegs, und dann noch Reisen als Hobby…

Urlaub: …kotzt einen das nicht irgendwann an?

ZEIT: Genau.

Urlaub: Mein Rekord war: in einem Jahr nur drei Wochen daheim. Das war nur Wäsche waschen, Finanzamt erledigen, Rechnungen bezahlen und wieder weg.

ZEIT: Bekommen Sie da denn kein Heimweh?

Urlaub: Nein. Fernweh kenne ich aber, extrem, wirklich mit Schmerzen. Wenn ich zu lange hier bin, werde ich nervös. Unterwegs wird der Jeep mein Zuhause – klein, aber mein.

ZEIT: Sie reisen meistens allein. Warum?

Urlaub: Wenn man zu zweit reist, unterhält man sich in seiner Sprache, und kein Einheimischer versteht es. Wenn man gute Laune hat, dann lacht man auch. Das wird oft so empfunden, als würde man die Menschen auslachen. Wenn du alleine reist, dann stehen dir die Leute anders gegenüber. Selbst als 1,94 Meter großer, blond gefärbter Mann bin ich dann keine Bedrohung. In Indien war es unvorstellbar für die Leute, dass jemand alleine unterwegs ist. Das sei doch gefährlich, wegen der Gangster und wegen der Geister.

ZEIT: Aber es ist ja auch manchmal gefährlich.

Urlaub: Ich bin in Indien tatsächlich überfallen worden, aber das war das erste Mal, dass mir so etwas passierte. Die größere Gefahr ist, irgendwo nicht weiterzukommen. Ich war einmal in Mosambik unterwegs, kurz nach Ende des Bürgerkriegs. Es gab eine Strecke, über die ich nur wusste, dass sie über 500 Kilometer durch unbewohntes Gebiet führte und Teile der abgehenden Pisten vermint waren. Wäre ich mittendrin liegen geblieben, dann hätte ich 250 Kilometer zu Fuß weiter gemusst.

ZEIT: Haben Sie irgendeine Sicherung dabei? Satellitentelefon?

Urlaub: Nein. Das wäre kein Reisen mehr, wenn dauernd Leute anriefen und sagten: Hey, das Ärzte-Album ist jetzt auf Platz 47.

ZEIT: Was nehmen Sie mit in Ihrem Jeep?

Urlaub: Ich habe natürlich Sachen, die nicht jeder hat und nicht jeder braucht. Ich habe einen Computer dabei, wegen meiner Digitalkamera. Ich habe einen Kühlschrank, das ist der größte Luxus, den ich mir leiste. Ansonsten Klopapier, Konservendosen, ein paar Klamotten und einen Schlafsack. Das war’s.

ZEIT: Nichts zu lesen?

Urlaub:Where There is No Doctor – ein Buch, das zum Beispiel erklärt, wie man sich selbst den Blinddarm entfernt. Ansonsten: Landkarten, manchmal einen Reiseführer – und wenn es geht, nicht den Lonely Planet. Der macht uns alle zu Pauschalreisenden. Das Konzept ist fantastisch, sie recherchieren sehr gut, aber man kann wirklich nicht mehr individuell reisen, wenn alle dieselben Routen nehmen und in denselben Restaurants sitzen.

ZEIT: Mussten Sie das Blinddarmentfernungsbuch schon benutzen?

Urlaub: Nein, das ist eher ein Talisman. Ich bin allerdings auch vorsichtig. Ich filtere mein Wasser und schmeiße hinterher immer noch eine Micropur-Tablette hinein. Und, noch wichtiger: Jeder kleine Schnitt wird sofort desinfiziert und zugeklebt. Ich habe manchmal pro Hand fünf Pflaster.

ZEIT: Sie haben einen Bildband über Ihre siebenmonatige Reise durch Indien und Bhutan veröffentlicht. Lesen Sie klassische Reiseliteratur?

Urlaub: Das beste Reisebuch überhaupt, weil es einen so wachen und gebildeten Geist verrät, ist Die Reise nach Südamerika von Humboldt. Er hat wirklich alles aufgeschrieben: Wie hoch ist der Berg? Wie steil sind die Hänge? Welche Tiere, welche Pflanzen? Großartig!

ZEIT: Sie führen unterwegs Tagebuch, haben aber verfügt, dass nach Ihrem Tod alles verbrannt werden soll. Warum?

Urlaub: Es stehen in diesen Büchern ein paar sehr private Sachen, die gehen niemanden etwas an. Aber das Meiste handelt von ganz praktischen Dingen: Wo gibt es Wasser, wo Benzin, wo sind die Leute freundlich? Über herzzerreißende Sonnenaufgänge schreibe ich selten.

ZEIT: Warum ist dort, wo die Leute am ärmsten sind, die Gastfreundschaft am größten?

Urlaub: Das stimmt nicht in allen Kulturen, aber als Faustregel gilt es. Meine Theorie dazu ist: Arme Regionen sind häufig wegen der Knappheit natürlicher Ressourcen so arm. Da musst du ein gewisses Maß an Zusammenarbeit an den Tag legen, sonst stirbst du. Wenn du heute genug zu essen hast und deinen Nachbarn einlädst, ist das in vier Wochen vielleicht schon wieder umgekehrt.

ZEIT: Sie sind Vegetarier und trinken keinen Alkohol. Wie schlagen Sie entsprechende Einladungen höflich aus?

Urlaub: Ich sage, dass in meiner Kultur das Fleisch den Gastgebern vorbehalten ist. Einmal in Angola war ich bei einem Häuptling zu Gast, er war sehr enttäuscht, dass ich die ganzen guten Speisen verschmähte. Ich habe stattdessen den halben Nachtisch alleine gegessen, da war er dann zufrieden. Auf Kreta hätte mich allerdings beinahe mal ein Gastgeber verprügelt, weil ich nicht mit ihm Raki trinken wollte.

ZEIT: Was sagen Sie unterwegs, wenn jemand nach Ihrem Beruf fragt?

Urlaub: Ich sage immer: Messebau. Damit ist zumindest erklärt, warum du so viel frei hast und eigentlich nicht wirklich etwas kannst. Ich habe das mal in Argentinien erzählt und bin an einen echten Messebauer geraten, mit dem ich mich dann drei, vier Stunden über Brandschutznormen unterhalten musste.

ZEIT: Warum verschweigen Sie, dass Sie Musiker sind?

Urlaub: Das würde zu viele Fragen aufwerfen. Musiker sind ja das Unterste, das sind die, die auf Hochzeiten spielen und kein Geld haben. Da fragen sich die Leute: Wie kann das sein, dass der ein Auto hat?

ZEIT: Das Konzept des Popstars ist in den meisten Kulturen auch gar nicht bekannt.

Urlaub: Ja. Im günstigsten Fall halten sie dich für verrückt.

Interview: Philipp Schwenke

Farin Urlaub: »Indien & Bhutan« bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, 500 S., erschienen am 1. Oktober

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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    • Schlagworte Tourismus | Bildband
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