Mittelalter Hinter den Buchstaben

Cornelia Funke festigt mit dem letzten Teil ihrer mittelalterlichen Tintenwelt-Trilogie ihren Ruf als große Erzählerin und klärt wie nebenbei den Unterschied zwischen lesen und lesen.

esen! Lesen! Lesen! Um jeden Preis? Von jedem Drei-D-Buchaufkleber verführt, jedem silbernen Glitzerstäubchen und jedem relieferhöhten Schlangen- und Schatzkisteneinband? Wer sich durch die nur nach Zentimeterdicke zu messenden Schmöker der Büchertische in den Buchhandlungen blättert, der stolpert über Weltenretter, die den Riss im Raum-Zeit-Kontinuum kitten, gefährliche Namenlose, deren Bestimmung darin besteht, die Erde ins Nichts zu stürzen, oder flott geschriebene Wechselbäder aus Drunten- und Drobenwelten. Wichtig für den Jugendlichen sei das Viellesen, sprechen die Fachfrauen aus Bibliothek und Buchhandel, Verschiedenstes zu lesen, um die Urteilskraft zu stärken, und sie deuten stolz auf das ewiggleiche Stapel-Einerlei, das sich mit austauschbaren Namen schmückt.

»Unsinn, absoluter Unsinn!«, würde Fenoglio rufen, fiktiver Erzähler einer Saga, die sich »Tintenwelt« nennt, Schöpfer einer mittelalterlichen Welt voller zwiespältiger Fabelwesen und schillernder Charaktere, und deutete auf einen winzigen Glasmann, der wieder einmal nicht will, wie sein Autor denkt, auf seinen Lieblingshelden, den Schwarzen Prinzen, der leider immer müder wird, oder Resa, eine Frau, die er nicht genau genug beschrieben hat und die nun unberechenbar ihr Eigenleben führt. »Unsinn«, riefe der alte Dichter Fenoglio, »die Bücher müssen leben und atmen«, und verwiese schaudernd auf Kopisten wie den Schreiber Orpheus, der sich in seine Geschichte geschlichen hat und sich nach Bedarf eine goldene Nase zusammenklaut: Auftragsarbeiten eben, was so in Mode ist und sich auf dem Markt erfolgreich verkaufen lässt.

Es ist der dritte Band aus der Tintenwelt, den die Erzählerin Cornelia Funke nun vorlegt, Abschluss und zugleich Huldigung ans Geschichtenerzählen und seine wunderschönsten Skrupel. Neu war der Plot nicht, den sie 2003 in Tintenherz ausbreitete, jener Geschichte vom Buchbinder Mortimer, der mit seiner Zauberzunge seine Frau Resa in ein Buch hinein- und dafür finstere Gestalten aus dem Mittelalter herauslas, Mordgesellen und Verbrecher, die alle Exemplare des Buches von Fenoglio vernichten wollten, um nicht wieder in ihre Vergangenheit zurückkehren zu müssen. Ungewöhnlich waren die Motive nicht, die Mortimers Tochter Meggie in Tintenblut veranlassten, dem glutäugigen Farid ins Mittelalter zu folgen, auf den Spuren jenes Staubfingers, der mit seinen Feuerkunststücken die Herzen aufflammen ließ, oder die Sehnsucht, die schließlich auch Mortimer in jene andere Welt hinüberzog, in der all das Wirklichkeit wurde, was bisher Papier war. Unüberlesbar war aber schon in den beiden ersten Bänden der Trilogie die unbedingte Liebe der Autorin zum Buch, zu den Buchstaben, zu den Stimmen, die zwischen den Zeilen warten, um der Geschichte Leben einzuhauchen. (Dass der amerikanische Schauspieler Brendan Fraser zur Inspiration und Stimme für »Zauberzunge« Mortimer und Rainer Strecker zur faszinierenden deutschen Hörbuchstimme wurde, gehört beinahe zur Geschichte der Trilogie.)

»Tintentod«, der dritte opulente Band, spielt nun fast vollständig in jener dunklen Welt des Mittelalters, die ebenso schrecklich wie schön ist. Mortimer, der in die Rolle des Räubers Eichelhäher geschlüpft ist, kämpft an der Seite des Schwarzen Prinzen gegen die Übermacht des Bösen, gegen den unsterblichen, grausamen Natternkopf, gegen Pfeifer, den Rußvogel, gegen den Dichter Orpheus, der sich auf die Seite der Mächtigen geschlagen hat und die Geschichte umschreiben will – zu seinem Vorteil, mit seiner Blut-Tinte. »Am Anfang war das Wort«, und so entwickelt sich das Buch auch zu einem Zweikampf der Schöpfer, dem müden, etwas selbstgefälligen Fenoglio, der sich damit begnügt, seiner etwas missratenen Welt ein paar schöne Lieder hinterherzudichten und dem ehrgeizigen abgefallenen »Engel« Orpheus, der mit geliehenen Worten die Schöpfung in seine Richtung zu lenken versucht.

Wer ist hier der Autor? Wer hat diese unsere Geschichte geschrieben? Und wie viel Platz bleibt für uns, den eigenen Weg darin zu finden? Cornelia Funke, die in Los Angeles lebt und vermutlich die bekannteste deutschsprachige Autorin ist, verknüpft auf beinahe spielerische Weise die alten Prädestinationsspiele um den freien Willen des Menschengeschlechts mit den spannendsten Abenteuergeschichten samt Ross und Reiter. »Das habe nicht ich ihm ins Herz geschrieben«, sagt Fenoglio der Tochter Meggie über ihren Vater Mortimer, »das war schon immer dort. Vielleicht verändert ihn diese Geschichte, aber er verändert auch die Geschichte.« Zwischen diesen Polen bewegt sich der Roman, springt über viele Cliffhanger zwischen den Müttern und Töchtern hin und her, zwischen Feuerschluckern und hässlichen Königinnen, zwischen lästigen Feen und eifersüchtigen Glasmännern. Es sind die Wege, die angedeutet werden, die andere Geschichten ergeben hätten, es sind die Gefühle, die nicht so eindeutig sind, als dass man sie in Erzählschablonen pressen könnte, die Tintentod auszeichnen. Zwei Herzen wohnen in Mortimer dem Buchbinder alias Eichelhäher dem edlen Räuber, der sich das Blut immer selbstverständlicher von der Klinge wischt, ein warmes und ein kaltes, welche Rolle entspricht ihm mehr?

»Mir wäre es lieb, meine Bücher lägen in den Buchhandlungen nicht neben den anderen, sondern von ihnen entfernt … damit sie unvorbereitete Leser nicht anstecken: denn es kommt einen teuer zu stehen, eine Lüge zu suchen und eine Wahrheit zu finden«, schrieb der portugiesische Dichter António Lobo Antunes, und so spricht auch die Tintenwelt-Trilogie nicht nur von den Märchen der Einbildungskraft, sondern auch von den Gefahren des Lesens. Dinge über sich zu erfahren, die man nicht wusste, etwa von der Faszination der weißen herzergreifenden Frauen, die der Tod schickt, oder den Abstand zu einer Welt zu entdecken, die einem bisher selbstverständlich erschien. Man darf aber auch die Realität an der Fantasie messen, das heißt die Wirklichkeit neu sehen, wenn man in einer anderen Welt war.

Man mag es kaum wahrhaben, aber man frisst die letzten 200 Seiten, obwohl das gute Ende greifbar ist, da man spürt, dass die weißen Frauen vergeblich Staubfinger und Eichelhäher berühren, obwohl Cornelia Funke lieber Knoten knüpft, Fäden spinnt und Tableaus malt, als Showdowns genüsslich auszubaden. Ob Mortimer, Resa, Meggie oder Elinor schließlich in ihre alte Welt zurückkehren, mag jeder selbst lesen. In jedem Fall bleibt die unstillbare Sehnsucht nach einer anderen Welt, in die man sich hinüberträumen kann. Zu denen, die dort warten und einen aufnehmen werden. Es ist auch ein großes Trostbuch geworden, ein Abschied von Träumen und zugleich deren Erfüllung. Es ist die Sehnsucht, die uns lesen lässt, und das ist etwas anderes als lesen, lesen, lesen.

 
Leser-Kommentare
  1. Um Büchern zu huldigen, hätte es nicht noch zwei weiterer Bände bedurft. Teil eins der Tintensaga ist sicherlich ein herausragendes Buch,  eines der besten (Kinder)bücher überhaupt. Tintenblut fällt dagegen schon etwas ab. Und Tintentod, ja was stört mich eigenlich an diesem Buch? Der zwischen Größenwahn und Selbstmitleid hin- und hergerissene Schöpfer der Tintenwelt mit Burn-Out-Syndrom und die ewige Frage, wer denn nun diese Geschichte erzählt? Der mordende Handwerker oder eben buchbindende Mörder aus Not, auf dessen Konflikt Cornelia Funke nicht müde wird, hinzuweisen? Das Erzähltempo, das gerade gegen Ende unglaublich zäh wird? (Wann scheibt er denn nun endlich die drei Worte, die das Ende des Natternkopf besiegeln? Los Mo, mach hinne, sonst gibt es noch mehr Tote...)  Die Pendelei zwischen Toten- und Tintenwelt, die irgendwann die Illusionsbildung der geneigten Leserin massiv stört? Hin ist eben hin und der drohende Tod auch im Roman ein Spannungselement. Die dauernde Tranzendenz mit dem Jenseits macht das Lebensende  doch etwas beliebig. Obwohl Staubfinger meine Lieblingsfigur ist und ich natürlich froh bin, aber das ist eine andere Geschichte ... Das Ende, das ähnlich wie beim letzten Potter, auf zwei Seiten die Fragen klärt, die man als Leser lieber unbeantwortet wüßte? Das alles würde das Lesevergnügen nur unwesentlich trüben.Vor allem sind es die geschilderten Grausamkeiten, die ich schon in Tintenherz für ein Kinderbuch als grenzwertig empfunden habe und die mir hier einfach viel zu weit gehen. Man stelle sich das verfilmt vor, brr, lieber nicht, das wird ein opulent ausgestatteter Action- oder Splatterfilm. Diese Brutalität wäre nicht nötig, um diese zweifellos betörende Geschichte zu erzählen und ich nehme es Frau Funke fast ein wenig übel, daß meine Tochter nun noch ein paar Jahre auf die Lektüre warten muss. Schade, denn eigentlich schreibt sie ja hervorragende Kinderbücher ...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Literatur | Kinderliteratur
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service