Und wieder entdeckt man den Künstler aus Norwegen, wo man ihn von jeher vermutet: unter freiem Himmel, hoch über dem Fjord, auf einem steinernen Felsplateau, allein mit sich und der Natur. Mit dem Hubschrauber haben sie einen Konzertflügel ins Gebirge gehievt und ganz nahe an eine schwindelerregende Felskante gestellt. Dort sitzt der Pianist Leif Ove Andsnes mit dickem Pullover, die Haare vom Wind gezaust. Damit der Klavierschemel nicht wackelt, hat man ihm schnell noch einen Felsbrocken unters Stuhlbein geschoben. Was wird er gleich spielen? Musik von Edvard Grieg natürlich. Auf dass es für die Fernsehkameras nur ein kleiner Schwenk ist von den Händen, die über die Tasten fliegen, in die grandiose Weite der Landschaft. Für eine Fernsehdokumentation über Leif Ove Andsnes sind diese Aufnahmen gemacht worden, Anlass war der hundertste Todestag von Edvard Grieg am 4. September. Es scheint bis heute unmöglich zu sein, ein Grieg-Jubiläum zu begehen, ohne spektakuläre Peer-Gynt-Sonnenaufgänge, majestätische Felsrücken und ganz viel dunkelgrün sich kräuselndes Fjordwasser ins Bild zu rücken.

Wer einmal in Troldhaugen gewesen ist, dem Anwesen von Edvard Grieg, das am Stadtrand von Bergen liegt, versteht sofort, wie viel der Komponist selbst dazu beigetragen hat, dass an seinem Namen die Norwegen-Klischees hängen wie Moosbärte an den Bäumen. Wie gemalt ist sein rostrotes Komponierhüttchen auf einem Felsvorsprung platziert, mit Schreibtischaussicht auf den Fjord. Und von den unzähligen Fotografien im Wohnzimmer des Haupthauses blickt einem ein ehrgeiziger Inszenator seiner selbst entgegen: Immer frisch gebürstet ist der Seehundbart, der ernste Blick schweift theatralisch in die Ferne, als könne Grieg die Noten für seine Werke direkt von der Landschaft ablesen. Der klein gewachsene Norweger wusste genau, welche Pose die musikalische Welt von ihm erwartete. Schließlich lagen überall in den musikalischen Salons Europas seine Lyrischen Stücke für Klavier auf den Notenpulten. Angenehm leicht waren sie zu spielen und trugen stimmungsvolle, die Fantasie der höheren Töchter anregende Titel wie Abend im Hochgebirge, Zug der Trolle oder Hochzeitstag auf Troldhaugen. Zehn Bände hat Grieg im Laufe seines Lebens mit den Klavierminiaturen gefüllt, die so erfolgreich waren, dass sein Verleger Peters in Leipzig jedes Mal eine Fahne hissen ließ, wenn wieder eine neue Lieferung aus Bergen eingetroffen war. Klar, dass Grieg seinen Ruf als naturverbundener Nordkomponist pflegte, wo er nur konnte, zumal ihn seine Landsleute im Kampf um politische Unabhängigkeit zum Nationalheroen stilisierten. Und es findet sich ja auch tatsächlich viel Heimatliches in seiner Musik, von der Bordunbegleitung bis zu herb-weitschweifigen Melodiefloskeln.

Aber es gibt auch den Edvard Grieg, der sich so sehr in sein Komponieren vertiefte, dass die Naturbetrachtung gar keine Rolle mehr spielte im Ringen um die große Form, im abenteuerlichen Erkunden der alten Kirchentonarten, im Ertüfteln kühn ausgreifender harmonischer Wendungen. Es gibt den Grieg, der sich an damals avancierten Komponistenfiguren wie Robert Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Richard Wagner viel mehr abgearbeitet hat als am Dudelklang der Hardangerfidel. In Hauptwerken wie der Klaviersonate, dem Streichquartett und der g-Moll-Ballade klingt nur wenig Folkloristisches mit. Und genau diesem Grieg ohne Fjord und Troll ist der Pianist Leif Ove Andsnes, der selbst in Bergen zu Hause ist, auf der Spur.

Dass Andsnes sich fürs Fernsehen open air in Szene setzen lässt und naturburschenhart in eisigem Gletscherwasser badet, ist nur Marketingroutine, unvermeidlich, mit professionellem Gleichmut lässt er so etwas über sich ergehen. Sitzt er erst am Klavier, ist alles nordisch Genrehafte weit weg. Ihm schwillt beim Spiel nicht nationalstolz die Brust. Romantisches Pathos liegt ihm sowieso nicht, genauso wenig wie die hochgekitzelte Virtuosengeste. Andsnes interpretiert ruhig, konzentriert, unspektakulär, gleichwohl kraftvoll und technisch souverän. An Griegs Todestag hatte er die Ehre, auf Troldhaugen die g-moll-Ballade zu spielen in der guten Stube des Jubilars, auf dem originalen, schon etwas mürbe klingenden Steinway, den der Komponist von seinem Lieblingsklavierbauer zur Silberhochzeit geschenkt bekommen hatte. Aber Andsnes macht aus dem Auftritt keine huldvolle Grieg-Séance in heiligem Angedenken, da kann die spätsommerliche nordische Nachmittagssonne noch so stimmungsvoll durch die geklöppelten Spitzenvorhänge scheinen. Distanziert und fast ein bisschen skeptisch durchschreitet er das Stück, das zu den gewichtigen Spätwerken Griegs zählt ein volksliedhaft gesangliches, düster ausharmonisiertes Hauptthema, dem vierzehn Variationen folgen.

Andsnes hat die Ballade auch ins Zentrum seiner jüngsten CD gerückt und arbeitet dort eindrucksvoll ihren Rang als bedeutenden Klavier-Variationszyklen des 19. Jahrhunderts heraus. Mit groß dimensionierten Spannungsbögen überwölbt er die Variationen, kontrastiert sie gleichermaßen maßvoll und prägnant, bewältigt alle technischen Kniffligkeiten wie nebenbei und entwickelt alles strukturklar auf die dramatische Schlusssteigerung in der vierzehnten Variation hin der finale, ausweglose (an den Zusammenbruch im Adagio von Schuberts C-Dur-Symphonie erinnernde) Absturz eines frenetischen Tanzes ins Kontra-Es, dem die resignative Rückkehr zum Hauptthema folgt.

Klischeehaft Norwegisches wird man in dieser Interpretation nicht finden. Andsnes interpretiert Griegs Musik als Musik und will auch nicht viel wissen von den biografischen Mutmaßungen, die sich um das Werk ranken. Der Komponist, so heißt es, habe in der Ballade seiner großen Lebenskrise Ausdruck verliehen, den plötzlichen Tod beider Eltern und Eheprobleme verarbeitet. Dass Grieg selbst die g-moll-Ballade aus persönlicher Betroffenheit nie öffentlich gespielt hat, hält Andsnes für Unsinn. Wahrscheinlich, so sagt er, war ihm das Stück einfach nur zu schwer.

Edvard Grieg: Ballade in g-Moll, op.24 - Klavierkonzert op.16, 6 Lyrische Stücke