Spanischer Bürgerkrieg

Der Geruch nach Alltag

Mit Maria Barbals Roman liegt ein großartiger katalanischer Klassiker erstmals auf Deutsch vor.

Sie war mitgegangen. Ohne Frage, ohne Widerstand, zuerst ins Gefängnis, später in ein Lager, die Töchter neben sich. »Ich fühle mich wie ein Stein im Geröll. Wenn irgend jemand oder irgend etwas mich anstößt, werde ich mit den anderen fallen und herunterrollen; wenn mir aber niemand einen Stoß versetzt, werde ich einfach hierbleiben, ohne mich zu rühren, einen Tag um den anderen.« Schon einmal war Conxa verpflanzt worden – fast 25 Jahre zuvor, als die 13-Jährige, fünftes von sechs Kindern, an Tante und Onkel ein paar Dörfer weiter gegeben wurde, weil diese keine eigenen Kinder bekamen und auch eine Hand, die zupackte, gut brauchen konnten.

Dasselbe also – ganz anders. Denn die »andere Conxa«, die diesmal aus dem Verlust hervorgeht, nach anderthalb Monaten Verschleppung durch die Franco-Truppen und nach dem Mord an Jaume, ihrem Mann, kann sich nicht mehr erholen. Die Liebe ihres Lebens ist tot, und alles, was übrig ist, schmeckt nach Verlust. »Die Jahre nach dem Krieg, das war alles eins, nichts hatte sich bewegt, nichts verändert. Ich war einfach an jenem Morgen stehengeblieben, an dem die Soldaten an die Tür gepocht hatten, oder vielleicht hatte ich mich in diesem Lager in Aragonien verloren.«

Maria Barbals Roman, der seit seinem ersten Erscheinen 1985 in Katalonien in 50 Auflagen erschienen ist, ist weder so politisch noch so traurig, wie diese knappe Skizze glauben machen kann. Zwar gibt einer der dramatischsten Momente der katalanischen Geschichte im 20. Jahrhundert – der Spanische Bürgerkrieg samt Vor- und Nachgeschichte – den Hintergrund ab. Zwar zieht sich ein großer Bogen namens Verlust durch Conxas Leben. Darunter aber breitet Conxa, die rückschauende Ich-Erzählerin, eine Landschaft von autonomer Schönheit aus: ihr Leben in der neuen Welt bei Onkel und Tante; die Arbeit auf den Feldern, wo sie die Wiese von Tres Aigues am liebsten hat, weil sie dort während des Heuens das Kopftuch der Tante sehen kann; das Umarbeiten eines ersten richtigen Kleides fürs erste Tanzfest als Frau. Conxa erzählt sich selbst als Teil einer Landschaft; als lebendige Antwort auf die strikten Ordnungen von Natur, Arbeit, Tradition, Religion. Und wie erstaunlich auch immer, sie erzählt ihr Leben weniger als Ansammlung von Verlusten als von – Momenten: Geheimnissen also, in denen sich, wie widersprüchlich auch immer, bündelte, was ihr Leben war.

Die Kinder wurden von selbst und nebenbei groß

Jaume mit den lachenden Augen zum ersten Mal sehen, den rührigen Handwerker, »freier und von daher auch sorgloser als die meisten anderen«, den sie, die zukünftige Erbin des Hofes, heiraten darf. Elvira wird geboren und wenig später Angeleta, und zwei Seiten weiter ist Elvira schon eifersüchtig auf ihre Schwester, und wenn man sich fragt, was diese Sprünge und Auslassungen enthalten, die das Buch ebenso charakterisieren wie das Erzählte selbst, scheint die Antwort leicht: Sie erzählen, dass Kinder von selbst und nebenbei groß werden, im Rhythmus unentwegten harten Arbeitens; dass die Liebe ihrer Eltern sich verändert hat und doch sie selbst geblieben ist. »Ich kann nicht sagen, ob unsere Töchter uns einander noch näher brachten oder ob sie eher zwischen uns standen, ich weiß nur, dass ich oft das Gefühl hatte, wir würden uns über die beiden lieben. Wenn ich auf den Weiden von Solau das Vieh hütete, eine Masche rechts, eine Masche links, dann musste ich immer an diese unbändige Freude denken, die mich einfach mit sich gerissen hatte, damals, als ich mich in Jaume verliebte, und sie kam mir vor wie ein verlorenes Paradies.«

Einmal fährt die Tante nach Barcelona, zur Weltausstellung, und Conxa notiert ihre Begeisterung bei der Rückkehr ebenso aufmerksam wie den Neid des Onkels, »weil sie in der Lage war, sich für etwas zu interessieren, das so weit weg war und so fremd…« Zu Conxa selbst kommt das, was weit weg ist und fremd, in Jaumes leuchtenden Augen: als Euphorie über die Ausrufung der Republik, als Unruhe über die politische Zukunft der Bergbauern. »Wenn wir auf solche Dinge zu sprechen kamen, passierte mir immer dasselbe. Ein dichter Nebel umhüllte mein Gehirn und schlich sich von dort runter bis ins Herz. (…) Jaumes Augen leuchteten immer, wenn er mir von den Dingen da draußen erzählte, und vielleicht geriet mir ja deshalb die Welt dann so ins Wanken. Um mich herum drehte sich alles, und anstatt dass ich die Tiere nach Hause führte, waren sie es, die mir den Weg zeigten.«

Barcelona ist ein kleines Brot, das jeden Tag aufgegessen wird

Jaumes Tod ist nicht der letzte Verlust in Conxas Leben. Zwei weitere Jahrzehnte später zieht Conxas Sohn nach Barcelona, womit ihr die Grundlage entzogen ist, selbst weiter im Dorf bleiben zu können. Man meint diese Welt mit Conxas Weggehen selbst untergehen zu sehen und wundert sich fast, dass ab und an Nachbarn aus dem Dorf nach Barcelona kommen, unter deren Fingernägeln »noch ein wenig von diesem Geruch nach Alltag« gespeichert ist.

Überhaupt wundert man sich: Dass ein Text von 100 Seiten es schafft, ein Leben zu erzählen. Dass man das Wort »Einfachheit« aus dem eigenen Nachdenken über dies Buch nicht mehr entfernen kann, was keineswegs »naiv« meint; ist es doch eine selbstbewusste Stimme, die Conxa ihre Haltung zur Welt in präzise Bilder fassen lässt. »Einfach«, weil ein Mensch sich erzählt, der sich selbst nicht über den Raum hinaus, der ihm zugewiesen wurde, denkt und entwirft; nicht über die Liebe hinaus, die ihr zugefallen ist. Diese Sphäre, innerhalb deren Conxa ihr erfülltes Leben lebt, auch sprachlich genau zu vermessen ist eine der Leistungen des Romans. Eine Sprache, die mit großer Leichtigkeit zwischen Fülle und Kargheit hin und her geht; deren Emphase immer scharf ans Schweigen grenzt. Als ob das Ungesagte, das die Wörter umgibt, in sie eingezogen wäre, und sie also reicher macht, dichter, nahrhafter.

Mit Wie ein Stein im Geröll ist die 1949 geborene, selbst zwischen den Pyrenäen und Barcelona aufgewachsene Maria Barbal erzählerisch zur Generation ihrer Großeltern zurückgekehrt; zu einem Zeitpunkt, als »Erinnerungsliteratur« im Spanien der frischen Wunden und des Bedürfnisses nach Versöhnlichkeit noch kein Thema war.

Barcelona, wo Conxa ihre letzten Jahrzehnte lebt, gehören von den 100 Buchseiten nur zwei. »Barcelona, das ist ein kleines Brot, das jeden Tag aufgegessen wird, und da ist Milch aus einer Flasche, ganz weiß, ohne Rahm, und ganz dünn im Geschmack.«

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    • Von Bernadette Conrad
    • Datum 5.10.2007 - 10:13 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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