Katalonien Auf dem Weg ins Offene

Die katalanische Kultur denkt seit Langem schon europäisch. Jetzt endlich kann sie sich Europa zeigen.

Die Entscheidung, Katalonien als Gastland der Buchmesse einzuladen, hat für einigen Argwohn gesorgt. Zwar sind das Land und seine Hauptstadt Barcelona beliebt genug, um zu den gefragtesten Urlaubsregionen zu zählen. Aber wie so oft hat der breite Besucherstrom nicht zu einer breiten Kenntnis katalanischer Kultur geführt. Was Barcelona zu einer bemerkenswerten Stadt macht, ist das Nebeneinander zweier bedeutender Traditionen: der katalanischen und der spanischen. Die katalanische Literatur hat bereits im Mittelalter eine außerordentliche Blüte erlebt. Dabei ist das Katalanische schon damals eine Sprache ohne eigenen Staat. Und so wird es bleiben. Wie viele andere »nationale« Kulturen, erfährt es im Zuge der romantischen Bewegung eine Renaissance. Doch anders als etwa das Okzitanische (eine wiederbelebte Sprache, in der Fréderic Mistral 1904 sogar einen Literaturnobelpreis erringt), überwindet die katalanische Literatur bald ihre traditionalistische und ländlich-sentimentale Phase, modernisiert und urbanisiert sich. Parallel hat die spanischsprachige Literatur in Katalonien Fuß gefasst, eine Literatur mit ungleich größerer internationaler Ausstrahlung. Durch Autoren wie Manuel Vázquez Montalbán, Eduardo Mendoza oder Enrique Vila-Matas, deren Bücher auf Spanisch erscheinen, ist Barcelona als literarischer Schauplatz berühmt geworden. Mit Namen wie diesen sind heute zugleich kritische Fragen verbunden: Warum will Katalonien in Frankfurt nur eine seiner zwei Kulturen vorstellen? Was kann eine lokale Kultur Europa schon vorzeigen? Wäre es nicht besser, die bekanntesten und am besten verkauften Autoren in die erste Reihe zu stellen?

Die Vorurteile der katalanischen Literatur gegenüber fußen auf verschiedenen Stereotypen. Zunächst ist sie schlicht unbekannter als die spanischsprachige Literatur. Das wird, mag sich der misstrauische Leser denken, schon seine Gründe haben: Womöglich handelt es sich schlicht um lokalistische Literatur, um Literatur, deren mentaler Horizont kaum über ihren sprachlichen hinausreicht, allem Zeitgenössischen gegenüber eher verschlossen, stattdessen befeuert von den Idealen eines ranzigen Nationalismus.

Kein Eindruck könnte falscher sein. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war der Katalanismus eine Bewegung, die – auch in Abkehr von der maroden Madrider Monarchie – nach Leitbildern in Europa Ausschau hielt. Ihre Renaixença erlebte die katalanische Kultur zuerst im spätromantischen Geist, schloss später zu den fortschrittlichsten Strömungen des europäischen Symbolismus auf, läutete im Übergang zum 20. Jahrhundert eine Art neoklassische Periode ein, hatte bald darauf Teil an den literarischen Avantgarden und orientierte sich, als Franco nach dem Bürgerkrieg bereits die gesamte spanische Kultur in den Würgegriff genommen hatte, abermals in Richtung auf Frankreich, Italien und Deutschland. Die Offenheit, ja die Ausrichtung gen Europa gehört zu den Wesenszügen der katalanischen Kultur. Dass davon lange Zeit nur wenig nach außen drang, hatte mit der Repression zu tun, unter der Katalonien nach dem Bürgerkrieg 1936 bis 39 zu leiden hatte, mit Exodus und Exil der meisten bedeutenden Autoren, Intellektuellen und Professoren, mit dem Verbot des Katalanischen im öffentlichen Leben. Pere Gimferrer, einer der wichtigsten zeitgenössischen Lyriker Kataloniens (und Spaniens), hat das franquistische Regime gegen die katalanische Kultur einen versuchten Genozid genannt. Vor diesem Hintergrund wirkt es besonders bitter, wenn einer Kultur, die oft hilfesuchend nach Europa blickte, nun Traditionalismus und Beschränktheit vorgeworfen werden.

Die Schriftsteller sind noch nicht so bekannt wie die Maler

Dank der Buchmesse kann man nun einen neuen Blick auf diese Kultur werfen, die sich parallel zur spanischen entwickelt hat, aber durchaus mit einem unabhängigen Selbstverständnis und mit einem anderen Bezug zum europäischen Raum. Viele potenzielle Leser kennen diese Kultur längst aus anderen Sparten. Wenn nicht das Sprachproblem dazwischen läge, dann wären die großen Namen der katalanischen Literatur ebenso bekannt wie die der Maler – Joan Miró, Salvador Dalí, Miquel Barceló – oder die der Musiker – Pau Casals, Jordi Savall, Carles Santos. Aus der Reihe von Neuveröffentlichungen ragen die mittelalterlichen – Ramon Llull, Joanot Martorell – und die modernen Klassiker – Josep Pla, Josep Maria de Sagarra, Llorenç Villalonga und Mercè Rodoreda – heraus. Zugleich ist eine Tour d’Horizon der zeitgenössischen Literatur möglich: Sie reicht von Maria Barbals Neuinterpretation des ländlichen Romans über die hoch verdichteten urbanen Kurzgeschichten von Quim Monzó bis zu Albert Sánchez Piñols allegorischen Adaptionen fantastischer Literatur mit Blick auf die culture clashes der Jetztzeit.

Ein unerforschter literarischer Kontinent ist zu entdecken

Die thematische Bandbreite ist beachtlich. Denn eine Kultur wie die katalanische, die sich nun einer Globalisierung gegenübersieht, der manche lokale Identität zum Opfer fallen wird, läuft natürlich Gefahr, sich selbst beständig zum Thema zu machen und nur noch um die eigenen Probleme zu kreisen. Demgegenüber verknüpfen Kataloniens moderne Klassiker, wie es alle große Literatur tut, jeweils einen lokalen Rahmen mit einem universellen Fluchtpunkt. Josep Plas Das graue Heft betreibt die schrittweise Modellierung einer (Autoren-)Identität mit Hilfe einer jugendlichen Chronik und erzählt zugleich von der Modernisierung einer Gesellschaft, deren archaisches Erbe noch offen daliegt. In Privatsachen schildert Josep Maria de Sagarra das Barcelona der dreißiger Jahre und zeigt dabei, wie die Keime der Konsumindustrie und eine ihr zuarbeitende Mentalität die Spielregeln der Oberschicht untergraben. Llorenç Villalongas Bearn handelt vom Niedergang des mallorquinischen Adels und von der zwiespältigen Identität eines ihrer letzten schillernden Vertreter. Mercè Rodoredas Auf der Plaça del Diamant erzählt vom Verlust aller Illusionen und den Abgründen der Einsamkeit in einem der großartigsten Romane über den Bürgerkrieg und dessen Folgen. Diese Autoren sollten längst europäische Klassiker sein wie Gide oder Huxley, wie Dürrenmatt oder Lampedusa.

Kataloniens Kulturpolitiker preisen den Buchmessen-Auftritt schon seit Jahren als einmalige Chance. In der Tat haben viele Leser nun Gelegenheit, einen nahezu unerforschten literarischen Kontinent, der – wie vor Kurzem die griechische oder die portugiesische Literatur – fast überraschend wieder auf der Bildfläche erscheint, endlich ernsthaft zu entdecken.

Was kann die katalanische Literatur zum europäischen Panorama beisteuern? Eine lokale Geschmacksrichtung mehr? Eine literarische Landschaft als komplementäres Lektüreangebot zur Urlaubsreise? Einen exzentrischen Blick? Die katalanische Literatur ermöglicht es, ein paar universale Themen auf ungewohntem Terrain neu zu denken. Vielleicht geht man dazu am besten von dem aus, was Joan Daniel Bezsonoff, ein katalanischer Autor russischer Herkunft mit französischem Pass, den »Tanz der Identitäten« nennt: die Veränderung der Lebensformen auf einem traditionell fest umrissenen Territorium in einer Zeit demografischer Verwerfungen und multikultureller Migrationen. Für Schriftsteller wird es schwieriger, inmitten aller möglichen Moden und Einflüsse die Grenzen der eigenen Kultur genau zu bestimmen. Jenseits von Fragen nach einer gemeinsamen Tradition oder einem gemeinsamen Bezugssystem landet man noch immer: bei einer gemeinsam geteilten Sprache. Das Überleben der katalanischen Sprache und Literatur, ihre Qualität und Vielfalt sind ein Triumph der europäischen Kultur. Wenn die katalanische Kultur rund um die Frankfurter Messe dazu beiträgt, deutschen Lesern das verständlich zu machen, dann ist das zugleich ein Triumph für Katalonien.

Aus dem Spanischen von Merten Worthmann

Julià Guillamon (geboren 1962) ist der bekannteste katalanische Literaturkritiker. Er ist Mitarbeiter der Zeitung La Vanguardia und hat mehrere Bücher über katalanische Literatur veröffentlicht

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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    • Schlagworte Literatur | Katalonien | Kulturbetrieb | Buchmesse
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