Beruf und Alltag

Zwischen Kind und Krieger

Annette Pehnts »Mobbing« ist ein kluger, kompakter Roman über unsere Arbeitswelt.

Über die heutige Arbeitswelt erfahren wir aus der neuen deutschen Literatur nicht allzu viel. Gelegentlich begleiten wir einen Agenturbetreiber oder Werbetexter, der aus Traditionen Trademarks, aus Sinn Sentenzen und aus Werten Worthülsen macht. Meist mündet die semantische Befreiungsarbeit in schieren Zynismus, und es kommt zur Katastrophe. Zwischendurch haben wir bestenfalls die industrielle Verfertigung des modischen Bewusstseins im Spiegel eines Einzelnen gesehen. Die alte Arbeit existiert in der Literatur nicht mehr – zu viel politischer Kulturauftrag wurde einstmals hier abgearbeitet. Die neuen flexiblen, elektronisch gestützten Freelance-Kulturen suchen sich ihre eigene Ausdruckssphäre. Doch gelegentlich kommen Arbeit und Literatur glücklich zusammen. So hat Rainer Merkel die futuristisch-fließende Sphäre der Arbeit an Firmenimage und Corporate Identity in dem Roman Das Jahr der Wunder ganz wolkig wundersam in seiner Prosa weitergetrieben. Hier verschwinden alle konkreten sozialen Bedingungen in illusionsfördernder Überbelichtung. Keine Hierarchien, feinste Glücksströme, alles fließt.

Annette Pehnt nun tut in ihrem neuen Roman Mobbing das genaue Gegenteil: Hier ist alles Hierarchie und Erstarrung, Misslingen und Strafe, Trennung und Ausschluss. Eine bittere Form des Kommunikationsverlustes. Um welchen Beruf geht es? Joachim Rühler ist Verwaltungsangestellter einer mittelgroßen Stadt, zuständig für solche extrem kommunikationsfordernden und -fördernden Bereiche wie Städtepartnerschaften, Kultur- und Jugendaustausch. Er ist also Teil des hierzulande gegenüber privaten Dienstleistern gern als altbacken abqualifizierten öffentlichen Dienstes. Ist es das, was die Arbeitsverhältnisse blockiert und zu Joachims Ausschluss führt, zu seiner zeitweiligen Entlassung und anschließenden Totaldemontage?

Nein, auch die kommunale Verwaltung kann es locker. Dafür hat sie eigens eine hochmoderne Cappuccinomaschine fürs Büro angeschafft. Man steht locker mit dem Becher voll Aufgeschäumtem beim Kollegen und treibt seine Projekte in einer Mischung aus Smalltalk und Brainstorming voran. Die Cappuccinomaschine wird im Verlaufe des Romans zum Dingsymbol der Verfehlung: der puren Heuchelei einer kooperativen Arbeitsweise, in der Privates, Berufliches und Öffentliches zwanglos miteinander zu verquicken wären.

Tatsächlich aber passiert, der Titel sagt es: Mobbing. Ein modischer Anglizismus, der seit etlichen Jahren neben Begriffen wie Burnout oder Cocooning zum psychosozialen Basisvokabular kritischer Arbeitsplatzdarstellungen gehört. Aber was ist das? Nun gibt es viele Untersuchungen und Reportagen über dieses Phänomen, aber man darf nach der Lektüre von Annette Pehnts Roman sagen, Literatur ist entgegen vielen ästhetischen Zweifeln bestens geeignet, ins Innere eines solchen gesellschaftlichen Miniaturorkans wie zum Beispiel Mobbing vorzudringen.

Schon mit ihrem vorigen Roman Haus der Schildkröten hat Annette Pehnt gezeigt, dass sie einen ganz konkreten, problemzentrierten Ausschnitt unserer sozialen Realität realistisch genau und psychologisch einfühlsam gestalten kann. Dort war es die Realität des Altersheims und des Generationenkonflikts. Die Grundfrage hier wie dort ist die nach Perspektive. In Mobbing erzählt Annette Pehnt aus der Sicht der zweifachen Mutter und Ehefrau des Mobbingopfers. Sie hat als Übersetzerin aus dem Französischen gearbeitet, locker sozialisiert in der Verlagswelt. Mit der Geburt der Kinder hat sie ihren Beruf aufgegeben und widmet sich der familiären Nahwelt. Man hat ein Reihenhaus, Freunde, ein Konzertabo, man wird gegrüßt und geachtet und freut sich auf den Urlaub. Fast wirkt die etwas biedere Bürgerlichkeit übertrieben, wenn ausgerechnet an einem Valentinstag die grausame Exkommunikation des Ehemanns in Erinnerungsschüben memoriert wird.

»›Das war’s‹ sagte Jo. Ich musterte sein Gesicht und sah trotzige Erleichterung. ›Ich bin erledigt‹ sagte er, aber es klang nicht so.« So beginnt der Roman und erzählt in Bruchstücken abwechselnd und in zunehmender Durchdringung vom Leben im Büro und den Gesprächen zu Hause. Es herrscht Krieg. Das ist eine Vokabel Jos, die von seiner Frau keineswegs toleriert wird. Wie unangemessen diese Metapher doch ist! Das meinen auch die Freunde. Doch nach und nach, wenn das Verhältnis von Jo und seiner Frau in den Strudel von Misstrauen, Missverständnis und Schweigen hineingezogen wird, kann auch sie sich dieser agonalen Deutung des Geschehens nicht mehr entziehen. Die Verzweiflung und der existenzielle Kraftaufwand fragen nicht mehr nach öffentlicher Angemessenheit.

Wir erleben die Entwürdigungsgeschichte Joachim Rühlers vollständig durch die Augen seiner Frau. Und es wird bald klar, dass seine soziale Vergiftung auch zu Hause weiterwirkt, dass sie infektiös ist, dass nicht einmal die kleinen Kinder davon verschont bleiben. Zur materiellen gehört die soziale und psychische Beraubung, ja Letztere wirkt im Effekt weitaus gravierender. Wir Leser werden nicht einmal in die Lage versetzt, den beruflichen Ausschlussprozess vollständig nachzuvollziehen – so wenig nämlich wie Joachims Frau, die keinen Klartext zu hören bekommt, weil es den eben nicht geben kann. Denn im Büro wird ebenfalls eine Scheinwelt errichtet, eine cappuccinomaschinenhafte Schaumwelt, hinter der sich Entscheidungen der Sichtbarkeit entziehen.

War Joachim zu aufsässig, hat er sich der neuen Abteilungsleiterin gegenüber unbotmäßig verhalten, wurde er von den Kollegen A und T denunziert, und wenn ja, zu welchem Zweck? Ist er selbst arglos und blauäugig gewesen, zu »nett« für das berufliche Haifischbecken? Ist das womöglich ein Fehler? Ist die Chefin einfach nur böse? Oder gibt er etwas nicht preis? Ist das alles überhaupt so passiert? Die Ehefrau darf nicht an ihrem Mann zweifeln, es würde ihn zerstören; aber sie kann auch nicht nicht zweifeln. So gerät sie in die schwierigste Situation: Sie muss bei eklatanter kommunikativer Unterversorgung den praktischen Familienbetrieb und die Psychoökologie zu Hause garantieren.

Es gehört zu den starken Seiten dieses Buches, wie Annette Pehnt das sehr konkrete soziale Dilemma über eine Logik misslingender und entzogener Kommunikation entfaltet. Joachim bekommt keinen Zugang mehr zu seiner Vorgesetzten; selbst wenn er sie trifft, fordert sie ihn beim Schließen der Tür auf, E-Mails zu schreiben. Seine Kollegen reden mit ihm freundlich, aber intrigieren hinter seinem Rücken. Joachim Rühler arbeitet sich in die Rolle des tief verletzten Kriegers hinein, teils kämpferisch, teils resigniert, doch nicht in der Lage, sich wirklich mitzuteilen: »Wenn du das nicht erlebt hast, weißt du nicht, wovon ich spreche.« Genau diese immer wiederholte Haltung, von der erzählenden Ehefrau beklagt, übernimmt sie schließlich selbst in ihren aggressiver werdenden Fluchtgesprächen mit ihrer letzten verbliebenen Freundin. Vergiftung, Infektion.

Auf der anderen Seite hat die Frau noch ständig das Infans, das nicht sprechende Kleinstkind auf dem Arm, das seine ersten »Konsonantencluster« ausprobiert. Es gibt also ein Vor und ein Nach der verständigen Rede. Das Baby und der Krieger. Lallen und Verstummen. Und es kommt noch drastischer und deutlicher: Nach einem ersten Prozess vor dem Arbeitsgericht wird Joachim wieder eingestellt. Damit beginnt der kurze zweite Teil des Romans. Er wird in einen sommerlich überhitzten Container gesteckt, ein Lager für ausgemusterte Bürokommunikationsmöbel! Mit Steckdose, doch ohne Telefonanschluss, wie es heißt. Und was hat er, der Mann einer Übersetzerin aus dem Französischen, der selbst kein Französisch kann, zu tun? Er muss hoch kommunikativ ausgelegte Texte aus dem Französischen übersetzen wie die Protokolle der Konferenzen über mediale Vernetzung. Die Chefin wird seine Texte am Ende der Woche wegwerfen, »so Jo«.

Und trotzdem reißt der Familienfaden nicht endgültig. So scheint es. Aber an dieser Frage ist Annette Pehnt nicht mehr wirklich interessiert. Sie hat kein Drama geschrieben, sondern eine erzählerische Etüde über die alle sozialen Bindungen gefährdenden Exzesse beruflicher Kommunikation. Am Ende fährt das sich in Verzweiflung übende Ehepaar für zwei Tage zum Wandern. Auf ihre Feststellung hin, das Konto sei ziemlich leer, antwortet er: »Trotzdem bin ich froh.« Daraufhin sie: »In diesem Moment gab ich auf« – was uns ein schönes Rätsel aufgibt.

Annette Pehnt, die ihre literarischen Mittel immer sehr gut verwaltet, hat sich in diesem Roman klug beschränkt. Jede Wendung dient der Kerngeschichte. Keine Abschweifungen, keine Introspektionen, alles ist szenisch und dialogisch konkret, bis es einrastet und ein scharfes Bild ergibt. Dennoch glaubt man einen gewissen Überschuss an Energie zu spüren, eine Empörung und eine Wut und einen Trotz. Abwehr von Wehleid. Und die Anstrengung, dies rational zu kontrollieren. Viel weiter und viel mehr wäre nicht gegangen. Deshalb ist der abrupte Schluss doch plausibel.

Es ist bemerkenswert, welche Entwicklung die 40-jährige Annette Pehnt in den sieben Jahren ihrer schriftstellerischen Arbeit genommen hat. Man könnte sagen: von fantastischen Fluchten zum sozialen Realismus. In ihrem Erstling Ich muß los flieht der charmant-anarchische Kauz Dorst bis zur Selbstbeschädigung jede soziale Festlegung. In Insel 34 verliert sich ein hochbegabtes Mädchen an den Sehnsuchtsort einer fremden Insel. Dann der Umschwung: Fluchten und Sehnsüchte sehen im Altersheim-Roman Haus der Schildkröten auf einmal ganz erbärmlich rührend nach unserer sozialen Realität aus; gedeihen sozusagen im Dunstkreis von Seniorenwindeln. Und jetzt das: der Mobbing-Roman. Ist das noch Ausdruck von Schmerz oder schon Beginn der Heilung? Und: Ist das überhaupt eine ästhetische Frage? Mobbing jedenfalls ist ein kluger kompakter Roman über einen beispielhaften Ausschnitt unserer Gesellschaft.

Belletristik roman

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    • Von Hubert Winkels
    • Datum 5.10.2007 - 09:27 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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