Roman Vital wie das Tote Meer

John von Düffel erzählt von späten Eltern und diesem ganzen Fertilitätszauber

Es ist der Roman passend zu unserer Zeit, das Buch, auf das wir gewartet haben wie ein Paar mit Kinderwunsch auf den erlösenden Strich im Schwangerschaftstest. Wir, das sind in diesem Fall die Forty-Somethings, die Kinderlosen oder Spätgebärenden, die immer nur an sich gedacht, die jahrzehntelang künstlich verhütet und verhindert haben, was auf natürlichem Weg plötzlich nicht mehr gelingt: Kinder.

Beste Jahre, John von Düffels fünfter Roman, ist gewissermaßen das Buch zur Geburtenrate, ein Generationenporträt, eine Éducation sentimentale, wenn man so will, ein Männerroman. Er beschreibt das absurde Lebensgefühl einer Generation, die Zeuge wurde, wie innerhalb einer Lebensspanne aus einem Geburtenüberschuss ein Fruchtbarkeitsproblem wurde, aus einer Medizin, die erst die Fortpflanzung ausgehebelt hat, eine Reproduktionsindustrie, deren Erfolge sich an der »Baby-take-home-Rate« messen lassen müssen.

Der Protagonist, dessen Namen wir nicht erfahren, hat den Zenit seines Lebens überschritten und bemerkt plötzlich, jenseits der vierzig, dass ihm das Dramatische in seinem Leben völlig abhanden gekommen ist. Für einen Schauspieler eigentlich eine schlimme Erkenntnis, die ihn aber nicht weiter zu beunruhigen scheint. Er findet sich ab mit den kleinen Zipperlein der zweiten Lebenshälfte und begrüßt den »größeren Abstand zu sich selbst« als eine der angenehmsten Alterserscheinungen, weil sich das eigene Treiben plötzlich »aus der Vogelperspektive« betrachten lässt. Das Zusammenleben mit seiner Ehefrau Lisa, auch sie ist Schauspielerin, auch sie ist kurz über vierzig, beschreibt er als eine Art »Truman Show des Alltags«, ein Kartenhaus, das jederzeit zusammenbrechen kann. Doch dann kommt das Kind. Besser gesagt: »Obsklappt«. So nennen sie das Wesen, dessen Zeugung sie dem Chefgynäkologen des »Zentrums für Kinderwunschbehandlung«, also dem üblichen Programm von Fertilitätshämmern und Masturbationen an halb öffentlichen Orten unter anregenden Titeln wie »Königsmasturbation« oder »Helden zeugen« verdanken.

Die Schwangerschaft entwickelt sich zu einer Art Krankheit

Obsklappt ist also unterwegs und wird sich im Verlauf des Romans, der sich mit einigen Rückblenden ins frühere Leben des Protagonisten zeitlich auf Lisas Schwangerschaft beschränkt, zum eigentlichen Regisseur dieser anderen Truman Show entwickeln: Ob es klappt, davon wird alles abhängen. Die Schwangerschaft entwickelt sich für das Paar, das sich seinen späten Kinderwunsch erst angesichts des im Grundriss der neuen Wohnung aufgeführten Wortes »Kinderzimmer« eingestand, zu einer Art Krankheit, die jederzeit einen unglücklichen Ausgang nehmen kann. Das neue Leben wirkt wie ein Damoklesschwert, das über dem alten hängt. Denn was, wenn es nicht klappt?

Von Düffel, Spezialist des Familienromans, dekliniert in Beste Jahre sein Thema Familie neu durch. Es geht in diesem Fall um die Versuchsanordnung »späte Familie« und alles, was damit einhergeht: das »Killer-Kriterium Furchtbarkeit«, die Gonadotropin-Spritzen, die Schuldgefühle, die auftauchen, wenn das Sperma »so vital ist wie das Tote Meer« oder die Glücksgefühle über ein Spermiogramm, auf das man so stolz ist, dass man es sich am liebsten in den Ausweis kleben würde.

Selbst wenn einem dieser ganze Fertilitätszauber und Reagenzglaskosmos fremd ist, kann man doch das Porträt einer Generation entdeckten, die im Begriff ist, sich anhand der Kinderfrage in zwei unversöhnliche Parteien aufzuspalten. In die »Alles-richtig-Macher«, die es auf den letzten Drücker gerade noch so geschafft und den werdenden Eltern mit düsteren Wartet-mal-ab-Prophezeiungen die Zukunft ausmalen, wenn das jahrzehntelang gepuderte Ego plötzlich hinter einem Schreihals zurückstehen muss. Sie sind es auch, die sich das späte Recht erworben haben, die zweite Partei, die immer noch oder ewig Kinderlosen, als »verantwortungslose Doppelverdiener« zu denunzieren.

Beste Jahre hätte ein komisch-melancholisches Buch sein können; eines, das dem Leser einen Spiegel vorhält und ihn trotz des Anblicks, den er darin entdeckt, bestens unterhält. Bei der Lektüre stellt sich aber sehr schnell dasselbe Obs-klappt-Gefühl ein, das diese werdenden Eltern beschleicht: Man will verstehen, warum sich der Autor stilistische Ausreißer erlaubt, die keinen Sinn haben.

Sind die Stilblüten des Erzählers eine besonders gewiefte Technik?

Immer wieder wechselt er die Erzählperspektive, wechselt er den auktorialen Erzähler mit einem Icherzähler ab, springt ins »Wir«, was zweifellos die Rückkehr des Dramatischen anzeigen soll, den Verlust der Nähe des Protagonisten zu sich selbst, aber auf den Leser ein wenig wirkt wie Heldenmasturbation. Sollen hier sämtliche Erzählebenen so verwischt werden, dass es am Ende aussieht, als seien die Stilblüten des Erzählers eine besonders gewiefte Technik, die Figuren zu charakterisieren? Anika Evernich zum Beispiel, junge Frau aus Stendal, »ihres Zeichens frischgebackene Redakteurin der Altmark-Zeitung«, dürfte so vielleicht in derselben schreiben, könnte dann aber ihre Stilblüten im »Hohlspiegel« aufgespießt wieder lesen. Ob es klappt, fragen wir uns in der Angst vor der nächsten Sprach-Fehlgeburt: »›Wird schon schief gehen‹, gab ich mich zuversichtlich.«

Der werdende Vater ist also guter Hoffnung, der Leser indes stellt betroffen fest, dass von Düffels Dialoge mehr und mehr wirken wie Fallbeispiele aus Bastian Sicks Sprachglossen: »›Und warum seid ihr euch dann so lange aus dem Weg gegangen?‹ wedelte sie ihre Hände über der Spüle trocken.« Wir wissen es auch nicht.

Ihr, damit meint Lisa übrigens HC, einen Jugendfreund ihres Mannes. Für den wird Letzterer einen »Fertilisationsseitensprung« machen, während seine Frau mit Frühwehen im Krankenhaus liegt. In diesem unerwarteten Showdown gelingt von Düffel ein schönes Schlussbild mit der vermutlich traurigsten Sexszene der Gegenwartsliteratur, wenn Lisas Mann die Ehefrau seines Schulfreundes besamt und dieser Liebesakt in gewisser Weise zum Mord gerät. Gott sei Dank wird dabei nicht viel geredet.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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    • Schlagworte Literatur | Belletristik
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