Musik der Welt Legenden leben länger

Das Orchestra Baobab aus dem Senegal mischt afrikanische und kubanische Klänge und verwaltet seinen Kultstatus auf höchstem Niveau

Bevorzugen Sie die lange oder die kurze Version?« Balla Sidibe mustert einen nachsichtig, als wolle er andeuten, Letzteres sei angesichts der Temperaturen die bessere Wahl, Ersteres aber das, worauf es hinauslaufen muss. Es ist ein schwüler Nachmittag in Dakar, das Hemd, in dem er zu unserer Verabredung erschienen ist, hat er vorsorglich ausgezogen und um den Nacken geschlungen, was ihm das Aussehen eines gelassenen Veteranen verleiht. Sein Mienenspiel signalisiert, dass ihm und seinen Gesprächspartnern an diesem Nachmittag alle Zeit der Welt zur Verfügung steht. Fast meint man, so etwas wie Mitleid in seinem Blick auszumachen: Mitleid mit den Europäern, die mit ihren Mikrofonen angerückt sind, weil sie glauben, auf diese Weise etwas vom Geist einer Legende einzufangen.

Wir befinden uns in einem Club am Rand der Innenstadt. »Ce soir Baobab« steht in Kreidelettern außen angeschrieben, drinnen haben die Techniker mit dem Aufbau für den Abend begonnen. In wenigen Stunden wird hier ein samstägliches Tanzspektakel steigen, bei dem Balla Sidibe und seine Mitstreiter vom Orchestra Baobab die gefeierten Hauptfiguren sind. Die ersten Zuschauer haben sich bereits eingefunden, plaudern und stoßen mit einem Bier der Marke Flag an, während sie auf das Ereignis warten. Auch für die Journalisten aus dem Ausland steht ein Tisch bereit, doch Balla ist mit seinen Ausführungen längst nicht am Ende. Noch eine Episode will erwähnt sein und noch ein Umstand berichtet. Es sind die Geschichten, die an diesem Septembertag der Musik vorausgehen. Legenden kann man nicht einfangen, man muss sie erzählen.

Geschichten sind noch immer das Gedächtnis Afrikas, und vom Orchestra Baobab gibt es so viel zu erzählen, weil hier vier Jahrzehnte westafrikanischer Musikhistorie in einer Riege eigenwilliger Charaktere zusammenkommen. Rudy Gomis, neben Balla einer der vier Sänger, steht am deutlichsten für die vorherrschenden afrokubanischen Einflüsse. Drummer Mountaga Koite beruft sich auf die Ensembles von Charlie Parker und Dizzy Gillespie. Barthélemy Attiso, der aus Togo stammende Gitarrist, gibt an, von James Brown beeinflusst zu sein, und Saxofonist Issa Cissoko, ein Spaßvogel und begnadeter Performer, spielt einen autodidaktischen Jazz mit lokalen Einfärbungen. Jeder der zehn Musiker bringt einen anderen Hintergrund in die Bandgeschichte ein, und jeder vertritt ihn auf eigene Weise. Gemeinsam ist ihnen nur zweierlei: dass die meisten aus Griot-Familien stammen, in denen das Erbe immer schon mündlich weitergereicht wurde. Und der Ort, der sie zum Ensemble machte.

Es muss ein rauschendes Nachtlokal gewesen sein, der Club Baobab. Im Herzen Dakars gelegen, zog er nicht nur Amüsierwillige an, hier verkehrten in den Siebzigern Minister und hohe Staatsgäste. Der Champagner floss in Strömen, wenn sie sich in Spendierlaune getrunken hatten, und zu besonderen Gelegenheiten kehrte sogar der Staatspräsident ein, der berühmte Léopold Senghor. Das Baobab war eine Schule des Lebens für das nach ihm benannte Orchester, das an vier Abenden die Woche zum Paartanz aufspielte. Hier fand es zu seinem Repertoire, hier entstanden sehnsüchtige Liebesschlager mit lateinamerikanischen Einschlag wie Colette oder Coumba, Rudy Gomis’ Abgesang auf ein untreues Mädchen. Vielleicht hat es aber auch sein Gutes, dass der Club am Ende eines bewegten Jahrzehnts geschlossen wurde. Befreit von den Fesseln der Realität, wird in der Erinnerung alles noch ein wenig goldener, als es in Wirklichkeit war.

Man kann die Bandhistorie auch nüchterner erzählen: als Geschichte eines kulturellen Aufbruchs, dessen Möglichkeiten und Grenzen kein Ensemble so perfekt verkörpert wie das Orchestra Baobab. Damals, in den ersten Jahren der Unabhängigkeit, verlangte die Situation nach einer neuen Form der Unterhaltung. Balla und seine Mitmusiker spielten die Begleitmusik für die postkoloniale Elite, Geschäftsleute, Ministerialbeamte und windige Spekulanten, deren Spielwiese das erste Etablissement der Stadt war. »Wir mussten gut angezogen sein«, erzählt er, »es war ein sehr stilvoller Ort.« Clubs wie das Baobab mit seinen Wandmalereien und einem künstlerisch gestalteten Affenbrotbaum als Theke repräsentierten die panafrikanischen Ideen des Dichterpräsidenten und kulturellen Nationalisten Senghor. Doch nach der ersten Begeisterung machte sich bald Unmut breit: Unabhängig zu sein hieß für die meisten nicht, weniger arm zu sein. Wie seine Nachbarstaaten versank der Senegal im Sumpf einer korrupten Oligarchie.

Immerhin bescherte die Nähe zur Macht den Musikern eine delikate Rolle: Sie wurden zu Botschaftern ihres Landes. Auf Fotografien aus den Siebzigern sieht man sie mit beachtlichen Afrofrisuren aus Flugzeugen steigen und im befreundeten Ausland aufspielen – Jetset in einer afrikanischen Variante. Sie bereisten Guinea, Kamerun, einmal sogar Tunesien. Der Horizont erweiterte sich und mit ihm das Repertoire. Die Gesangslinien wurden irisierender, Barthélemy Attissos Gitarrensoli wagten sich gelegentlich ins Psychedelische vor – ohne den Grundgedanken einer gepflegten Abendunterhaltung je zu verlassen. So blieb man eine ganze Dekade lang gut im Geschäft. Die aufbrechenden Widersprüche der senegalesischen Gesellschaft allerdings waren mit solch gediegenen Sounds nicht mehr zu besänftigen. Als ein neuer Stil namens Mbalax die Jugend ergriff, der vom jungen Youssou N’Dour angeführte Punk des Senegal, wirkte das Orchestra Baobab mit einem Schlag antiquiert.

An diesem Punkt hätte die Erfolgsstory zu Ende sein müssen, wäre nicht Nick Gold aufgetaucht, der Mann, der schon dem Buena Vista Social Club zu spätem Ruhm verhalf. Nick hat sie alle wieder ausfindig gemacht, erzählt Balla, den einen hier, den anderen dort, Attisso in Togo, wo er wieder seinem ursprünglichen Beruf als Anwalt nachging, ihn selbst bei seinem bescheidenen Brotjob als Hotelbarmusiker. Nach zwei Jahren der Telefonate und Recherchen war fast die gesamte Originalbesetzung wieder beisammen, bloß der bei einem Autounfall ums Leben gekommene Laye Mboup musste durch einen jüngeren Griot-Sänger ersetzt werden. Natürlich waren da anfangs gewisse Verständigungsschwierigkeiten: Nick Gold musste den Tatendurst der frisch Reformierten, die Neues ausprobieren wollten, unter Verweis auf ihr riesiges Repertoire dämpfen. Ein wenig schade war das, doch der Erfolg hat ihm recht gegeben. »Ich bitte Sie«, sagt Balla Sidibe, »ein Auftritt im Londoner Barbican ist etwas anderes als eine Reise nach Guinea-Bissau.«

Ohnehin haben die Frontlinien, die damals zur Auflösung des Orchesters führten, ihre Schärfe verloren. Youssou N’Dour, einst Kontrahent um die Gunst des Publikums, tritt heute als Förderer der Band auf, und Salsa, die Kubawelle der Neunziger beweist es, wird überall auf der Welt begeistert gespielt und gehört. Warum also nicht auf Bewährtes vertrauen? Mit Youssou N’Dours und Nick Golds Segen entstand vor sechs Jahren Specialist In All Styles, die auch im Ausland gefeierte Comeback-CD, und in ein paar Minuten werden wir die Aufführung von Made In Dakar erleben, dem Versuch, den Erfolg zu verstetigen. Wieder hat man gemeinsam im Fundus von fast vier Jahrzehnten Bandgeschichte gegraben und Liedgut hervorgeholt, das viele in Westafrika noch aus dem Radio kennen. Aline etwa, einen Evergreen auf Rumbabasis, oder Nijaay, eine schmissige, von Wahwah-Attacken auf der Gitarre vorangetriebene Ermahnung an weibliche Fans, für den Samstagabend die besten Kleider aus dem Schrank zu holen. Nijaay, sagt Balla, sei einer ihrer ersten großen Hits gewesen. »Aber ich glaube, wir hatten fast nur große Hits.«

Tatsächlich scheint das Orchestra Baobab heute im Senegal ein ähnlich altersloses Publikum anzuziehen wie in Europa. Als das Konzert gegen Mitternacht endlich beginnt, wird der Raum vor der Bühne auf der Stelle von Tänzern okkupiert, und vom gebatikten T-Shirt über die Baseballkappe bis hin zum Grand Boubou in Dolce-&-Gabbana-Optik ist alles vertreten. Das reformierte Ensemble selbst glänzt mit originalgetreu rekonstruierten Varianten ihrer großen Erfolge, ergänzt um einige neue Stücke ähnlicher Machart. Nein, Innovation ist hier nicht gefragt, sondern Verwaltung des eigenen Kultstatus’ auf höchstem Niveau. Immerhin: In der Live-Situation ist nicht nur deutlicher hörbar, wo die Einflüsse liegen – beim Son nämlich, beim Bolero und beim nigerianischen Highlife sowie beim Rocksteady und Roots-Reggae –, man erkennt auch, wo das Orchester selbst seine Spuren hinterlassen hat: im Salsa, den es kubanischer interpretiert als manche Kubaner, vor allem aber im Latin Rock eines Carlos Santana.

Einmal, es war nach einem Konzert in San Francisco, erzählt Balla zum Abschied, sei Carlos Santana höchstpersönlich hinter die Bühne gekommen. Es herrschte großes Durcheinander, man habe ihn erst richtig erkannt, als er seinen Hut abgenommen hatte. Attisso, der schon immer ein großer Anhänger von dessen Musik war, sei auf die Knie gegangen, um dem Meister zu huldigen, doch der habe es nicht zugelassen, sondern das Orchestra Baobab als die wahren Meister bezeichnet. »Das war natürlich ein Moment großen Stolzes für uns«, sagt Balla Sidibe. Wer weiß, vielleicht wird Carlos Santana auf einer ihrer nächsten Platten mitspielen. Angefragt ist er schon, und ausschließen soll man im Leben nichts. Aber das wäre noch mal eine andere Geschichte.

Orchestra Baobab: Made In Dakar, World Circuit/Indigo

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Leser-Kommentare
  1. Man kann in diese Art von Entertainment natuerlich alle moeglichen Sachen hineininterpraetieren. Nur eines nicht:
    Kultur. Der Klangmischmasch von Baobab ist im besten Fall Folklore. Aber damit kann man auch gutes Geld verdienen, wenn das Marketing stimmt.

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  • Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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  • Schlagworte Jazz | Senegal
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