Sieht so der Barde der digitalen Boheme aus? Vielleicht. Zumindest taucht er oft auf, wo sich die dazugehörige Szene versammelt. Groß, schmal, fast jungenhaft schlaksig in den Jeans und der rot-schwarzen Sportjacke, ein bisschen nachlässig, ein bisschen glamourös, so steht er auf der Bühne. »Jens Friebe, der Superstar!«, sagt die Moderatorin des Abends, Supatopcheckerbunny genannt, mit lustig übertriebener Geste. Vor ihr sitzt ein Haufen Berliner Laptopbesitzer mit schwarzen Kreativ-Brillen und applaudiert eifrig.

Wir befinden uns im schick renovierten Berliner Veranstaltungsort Radialsystem mit Sonnendeck zur Spreeseite. Jens Friebes älterer Bruder Holm, einer der zentralen Denker des Berliner Medienmachernetzwerkes Zentrale Intelligenz Agentur und Autor des Buches Wir nennen es Arbeit, hatte zum gleichnamigen Kongress gerufen. Man »infotaint« über das Leben jenseits der Festanstellung, gerade haben zwei adrette Unternehmensberaterinnen die Grenze zwischen Slapstick und modernem PowerPoint-Sprech auf das Interessanteste ins Rutschen gebracht. Dann zückt Jens, der überschwänglich angekündigte Superstar, seine Gitarre und singt in hellem, entspannten Slacker-Ton: »Ich hab jede Menge Ziele / Ihr habt vielleicht mehr / Aber ich hab auch ganz viele / Ich verrat sie euch bloß erst hinterher«.

In einer anderen Zeit hätte man das, worauf dieser Song von Jens Friebes zweiter Platte Hypnose zielt, vielleicht Protest genannt. Heute wird die Distanzierung von der Geld- und Karrierenummer subtiler verpackt: als kindlicher Außenseiterscherz. Ein Scherz, der durchaus als Piekser in die sich rundenden Bäuche der Thirtysomethings verstanden werden kann, die sich »Digitale Boheme« nennen und gerade herausfinden, wie man aus Blogs Geld und aus Medienwissen bezahlte Kongressauftritte machen kann. Das Publikum im Radialsystem lässt sich gern von so einem bisschen Kritik am Business kitzeln. Wenn diese Generation eines verbindet, dann die Fähigkeit, in jeder Lebenslage kurz neben sich zu treten, sich selbst als Abziehbild zu erkennen und auszulachen.

»Irony is over«,hat es mal geheißen. Aber wer ein gewisses Maß an humoristisch unterfütterter Selbstreflexion erreicht hat, kann dahinter nicht mehr zurückfallen. Das immer schon schief sitzende Etikett der »Generation Golf« ist da noch in seiner Lächerlichkeit symptomatisch, denn die Jahrgänge, die es bezeichnen will, leben seit ihrem Eintritt in die Nicht-ganz-Erwachsenenwelt mit der grundkomischen Situation, die kleinere Kopie von etwas zu sein. Superstars, Emphase, Revolte, selbst Punk war früher; was bleibt, ist ein mehr oder weniger ehrgeizig betriebenes Rollenspiel. Und genau das spiegelt Jens Friebe, Ich-AG-Musiker mit verschiedenen Projekten mittlerer Reichweite, mit seinen kleinen, feinen, distanzierten Liedern wunderbar. Für eine bestimmte Szene zu sprechen verböte einem wie ihm schon das Stilempfinden. Das wäre wie einen schlecht sitzenden Anzug zu tragen, der alle ständig zum Lachen reizt: den, der ihn trägt, und alle, die ihn damit sehen.

Man möchte ihn gar nicht nach Bruder Holm und der Zentralen Intelligenz Agentur fragen, als Jens Friebe einige Wochen später bei einer Pizza im Garten eines Restaurants im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sitzt. Und erntet die erwartete Antwort, als man es doch tut: Man solle Holms enthusiastische Beschreibung der freigesetzten Kreativarbeit nicht als gesamtgesellschaftlichen Entwurf missverstehen – das funktioniere eben nur für einen kleinen Teil, für Werber oder Medienleute. Der kulturoptimistische Ton, den die Öffentlichkeit Holm Friebe und den Seinen oft so übel nimmt, der müsse vielleicht sein, wenn man ein Buch verkaufen will. Der Zwang zur guten Laune, der den Boom des deutschsprachigen Pop zwischen Juli und Wir sind Helden begleitete, habe ihn zwar auch gestört in den letzten Jahren. »Deutsche Musik musste plötzlich so fürchterlich erbaulich sein. Die Schimpfworte waren immer ›verkopft‹ und ›Gejammer‹«, stöhnt Friebe. Bei Jens Friebes eigener Musik würden einem keine dieser Vokabeln einfallen – allerdings auch nicht das Gegenteil, denn dumm und fröhlich klingt er auch nicht. Vielleicht eher: witzig, intelligent, ironisch, verspielt? Oder auch nur zu gut darin, Klischees auszuweichen, als dass man überhaupt Lust hätte, Adjektive dranzukleben.

Sein Weg in die Öffentlichkeit lief über das im aktuellen Popzeitalter wichtigste Einfallstor deutschsprachiger Musik, über Hamburg. Der Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer soll Friebe bei einem Auftritt dort gesehen und gleich an sein Label ZickZack empfohlen haben. So veröffentlicht Friebe nun im Dunstkreis der sogenannten Hamburger Schule, doch eigentlich hat er nie dazugehört. Vor Berlin wohnte er in Köln, und aufgewachsen ist er im kleinen Lüdenscheid im Sauerland – wieder ein Beleg dafür, dass eine gutbürgerliche Provinzherkunft eine gute Voraussetzung für die Entwicklung einer Boheme-Existenz ist. Lüdenscheid also, knapp 80000 Einwohner, Berge drumherum, ein Jugendzentrum in der Mitte. Dort hatte die Mutter eine Kunstgalerie, zu Hause stand das Klavier, auf dem er sich selbst das Spielen beibrachte. »Ja, wenn es das noch gäbe, wäre das sicher ein bildungsbürgerlicher Hintergrund.«

Vorher Nachher Bilder hieß Friebes Debüt 2004, wechselnd zwischen leichten Britpop-Gitarren, melancholisch-pathetischen Klavierballaden und überdrehtem Elektropop. »Junger Mann, junger Mann / Haben sie mir was zu sagen / Oder ist es nur ein Katzensprung / Von hier nach Westernhagen« heißt es in einem Song, und im Refrain dazu: »Ein Lied ohne Botschaft / Ist wie ein Land ohne Botschaft / Eine Stadt ohne Plan«. Und wieder weiß man nicht so genau: Ist ein Land ohne Botschaft nicht eigentlich besser? Es ist dieser Zwischenraum, in dem sich Jens Friebe aufhält: Etwas zu sagen haben, ja. Aber eine Botschaft? Nein. Denn die klingen doch meist plump wie Marius Müller-Westernhagen.