O felix culpa!

Wozu es angesichts des Überandrangs von Dokumentationen, Analysen und Debatten zur Geschichte des deutschen Linksterrorismus einer weiteren zusammenfassenden Geschichte der RAF bedarf, erschließt sich nicht von selbst. Zumal jeder derartige Versuch bei Erscheinen immer schon den neuesten Enthüllungen hinterherhinkt in diesem Falle etwa den jüngsten Recherchen in Stefan Austs Spiegel- und TV-Dokumentationen über die mutmaßlichen Abhöraktionen in Stammheim.

Willi Winklers Darstellung hat zunächst einmal den Vorteil, in die Überfülle der Informationen eine Schneise zu schlagen. Es ist ein frisch geschriebenes, informatives Buch, das im Kern der Darstellung zuverlässig versammelt, was man heute wissen kann, und fast wieder etwas mehr, als man wissen muss. Anders als in Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex wird hier die Geschichte der zweiten und dritten Generation der RAF auch in ihren Verflechtungen mit den Parallelorganisationen wie der Bewegung 2. Juni und den Revolutionäre Zellen in eine Gesamtdarstellung integriert. Und anders als im Enthüllungs-Stakkato von Butz Peters RAF-Chronik Tödlicher Irrtum handelt es sich nicht um eine reine Kriminalgeschichte, sondern um den Versuch, ein Stück bundesdeutscher Zeitgeschichte zu rekonstruieren und zu deuten.

Winkler sieht die RAF als direkte Fortsetzerin, sogar als ein (wenn auch selbst ernanntes) »Werkzeug der Studentenbewegung der sechziger Jahre« mit all ihrem Idealismus und all ihrer Hybris. Und so kann er mit vollen Händen in die Zitatenkammer der geistigen Vordenker und Weggefährten dieses Jugendradikalismus greifen, ohne die die Bewegung nicht zu denken war, von Enzensberger bis Fried, von Weiss bis Böll, von Haffner bis Biermann. Und umgekehrt liefert natürlich das trübe Arsenal der Bild-Schlagzeilen und -Kommentare, ohne die die Geschichte verbaler und faktischer Eskalationen ebenfalls nicht zu denken gewesen wäre, einen dankbaren Gegenpart.

Auch Winklers erneute Lektüre der RAF-Texte im Zeitkontext gibt erhellende Einblicke. So wenn Ulrike Meinhof in ihren Selbstgeißelungen vor ihrem Selbstmord 1976 das immer wieder zitierte »Traktpapier« aus ihrer frühen Haftzeit in Köln-Ossendorf selbst als »dreck« denunziert, und zwar wegen »der identifikation mit schriftstellern und intellektuellen, die dadrin zum ausdruck kommt«.

Damit macht sie noch einmal deutlich (was Winkler allerdings entgangen ist), dass es sich bei diesem fast kanonisch gewordenen Text keineswegs um ein Protokoll ihrer unmittelbaren Hafterfahrungen handelte, sondern um eine nachträgliche, literarisch ausgestaltete Erinnerung für die Zwecke der großen Hungerstreik-Kampagnen.

Weniger überzeugend ist Winklers Darstellung, wo sie die Geschichte der RAF in die der Bundesrepublik einbettet. » Sie hat ihre Wurzeln in den fünfziger Jahren und wäre nicht möglich gewesen ohne das Dritte Reich, ohne die staatlich organisierte Judenvernichtung, gegen die sich kein Widerstand regte«, heißt es axiomatisch. Die RAF habe diesen Widerstand stellvertretend nachholen wollen. Das ist sicher nicht falsch, aber doch arg vereinfacht. Kann man wirklich sagen, dass bis in die Zeiten der Studentenbewegung »die ehemaligen Mitglieder von NSDAP, von SA und SS Schule, Universität, Verwaltung und Regierung beherrschten«? Beherrschten?! Winkler nimmt die Pauschalisierungen dieser Jahre allzu sehr beim Wort, ohne erklären zu können, wie es wohl kam, dass die zentralen Konfrontationen der Studentenbewegung sich vorzugsweise mit Vertretern der linken Sozialdemokratie von Albertz bis Brandt oder auch mit Emigranten wie Richard Löwenthal abspielten. Es war nicht einfach der »Nachfolgestaat des Dritten Reiches«, sondern es war auch die unter alliierter Aufsicht neu gegründete, spießbürgerliche Bundesrepublik als solche, die die Verachtung eines größeren Segments ihrer gebildeten Jugend auf sich zog.

Ähnlich linear ist denn auch Winklers Kritik an den ideologischen Begründungen des beginnenden Terrorismus. Kunzelmanns Tupamaros mit ihrem Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin am 9.

November 1969 erscheinen ihm »nicht weniger antisemitisch als die Nationalsozialisten«. Und Ulrike Meinhofs furchtbare Eloge auf den Anschlag des Schwarzen September gegen die israelische Olympiamannschaft in München 1972 ist schlicht »beim Antisemitismus der Elterngeneration angekommen«. Solche scheinbar geradlinigen Bewertungen binden sich allerdings kaum schlüssig mit dem universellen Auschwitz-Thema, das gerade die Meinhof wie das Gros der jungen Radikalen vor und nach 1968 anschlug ein Leitmotiv der Selbsterhöhung und Selbstermächtigung einer Neuen Linken, das Hannah Arendt schon 1964 mit dem Seufzer »O felix culpa!« kommentiert hatte.

Auch eine andere hellsichtige Vermutung Arendts aus dem Jahr 1969 wonach die Gefahr bestehe, »dass entweder die Studenten oder die Exponenten der Macht Amok laufen« verwandelt Winkler in eine bequeme Gleichung: »Es waren dann beide.« Dass die RAF sich auf einen langen Amoklauf begab, belegt seine Darstellung schlüssig genug. Dass »die Exponenten der Macht« dasselbe getan hätten, belegt er nicht, sondern widerlegt er gerade beim Zentralthema der angeblichen »Vernichtungshaft«.

Was bleibt, ist ein Leitmotiv des Argwohns gegenüber möglichen geheimdienstlichen Fingereien. Die Bildung des bewaffneten Untergrunds 1969/70 wäre demnach unter der mehr oder weniger direkten Regie des Verfassungsschutzes vermittels seines Agenten Peter Urbach erfolgt.

Und: »Dass niemand von dem Waffen- und Sprengstoffarsenal wusste«, das die Stammheimer Häftlinge im Laufe der Zeit akkumuliert hatten, erscheint Winkler »äußerst unwahrscheinlich«. Fraglich bleibt ihm auch, wie es »der personell, finanziell und technisch erledigten RAF« zwischen 1982 und 1992 noch gelingen konnte, die letzte Serie unaufgeklärter Anschläge auszuführen. » Eine Frage, mehr nicht.«

Fragen wie diese sind mehr als legitim, solange sie sich nicht zu einem neuen Orakel verdichten. Eine Historisierung der RAF könne nicht gelingen, schreibt Winkler abschließend, »solange der Zusammenhang zwischen dem Sündenfall des Staates und der Feindschaft gegen den Staat nicht eingestanden wird«. Dieser Sündenfall des Staates soll die ewig »unbewältigte Vergangenheit« gewesen sein, die sich in der Geschichte der RAF nur fortgeschrieben habe. Und diese Feststellung, schreibt Winkler, werde auch dadurch nicht falsch, dass sie von Horst Mahler stamme. Es waren aber gerade solche götterdämmerhaften Großzusammenhänge, die einen wie Mahler erst in die RAF und seit zehn Jahren in den Neonazismus getrieben haben. So kompliziert waren die Irrsale und Wirrsale dieser Generation dann schon.

Willi Winkler: Die Geschichte der RAF

Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2007 - 527 S., 22,90

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.41 vom 04.10.2007, S.L54
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