Österreich Übt Demut, Fußballfans
In der Alpenrepublik wird der Ruf laut, auf die Teilnahme an der Fußball-Europameisterschaft 2008 im eigenen Land zu verzichten - wegen schlechter Leistungen der Nationalmannschaft
Für Schriftsteller sind die Wochen, nachdem ein neues Buch erschienen ist, die Zeit der geringsten Gewissheit. Für Fußballer ist es umgekehrt, da ist die Zeit vor einem Großturnier die Phase der großen Selbstzweifel.
Wahr ist, dass Österreich Favorit auf den Fußball-Europameistertitel ist – freilich nur bei dem für nächsten Mai geplanten Turnier der kickenden Autoren, wo auch ich mitspielen darf. Neulich wurde in einem Vorbereitungsspiel die Slowakei mit 18:0 vom Platz gefegt, davor wurden schon Slowenien 6:1 und die Schweiz 7:1 und 2:0 abgefertigt. Gegen die Slowakei waren die meisten Kollegen so ehrgeizig, dass sie die armen zartbesaiteten – oder als Schriftsteller wohl eher zartbeseiteten – Gegner nicht einmal zu einem Ehrentor kommen lassen wollten. Mir war ein derart hoher Sieg ein Eselsohr, zeugt er doch vom österreichischen Großmachtsgefühl, vom hybriden kakanischen Weltmachtsgedanken, der sogar in papierenen Intellektuellen brennt.
Wahr ist aber auch, dass sich eine Vereinigung namens Österreich zeigt Rückgrat gebildet hat, die Unterschriften sammelt, damit Österreich, diesmal das A-Nationalteam, angesichts der desaströsen Leistungen und des ästhetischen Krampfes freiwillig auf eine Teilnahme an der Euro verzichtet, bei der es ja nur deswegen antreten darf, weil es das Veranstalterland vertritt. Schon in der Bundeshymne heißt es »Volk begnadet für das Schöne« – und was die österreichische Nationalelf derzeit bietet, ist unerträglich, alles andere denn schöner Fußball, einer Kulturnation unwürdig.
Während die österreichische Literatur boomt, siecht der Fußball. So komatös, wie dieses österreichische Nationalteam momentan agiert, spielt sonst kaum noch eine Mannschaft in Europa. »Suboptimal«, sagen die Reporter euphemistisch, dabei ist es grauenhaft. Da spielen Scheintote und wandelnde Leichen, die weder laufen, passen, flanken oder den Raum aufteilen, sondern nur seelenlos über das Spielfeld geistern. Das, was diese Mannschaft derzeit zeigt, ist eine besonders perfide Form der Zuschauerfolter, eine Fußball gewordene, peinlich schlechte
Musikantenstadl
-Parodie. Wenn man dieses Gegurke mit den Leistungen des haitianischen Skiteams vergleicht, tut man den Insulanern Unrecht. Selbst ein Basketballteam der Pygmäen könnte vergleichsweise nicht schlechter sein.
In der Weltrangliste ist Austria unter den europäischen Ländern an 40. Stelle – hinter Zypern und Albanien. Gerade einmal Andorra liegt noch weiter zurück. Österreichs Fußball ist so tot, dass die drohende Europameisterschaft eine Europhobie auslöst. Im Gegensatz zur Schweiz, die zu Recht als Mitfavorit gilt, befindet sich Österreich derart im Koma, dass es besser wäre, sagen zumindest die Initiatoren von rueckgrat.cc, gleich auf die Teilnahme an dem Turnier zu verzichten. Also freiwillig die Patschen strecken?
Über 4000 Unterschriften sind für eine österreichfreie Euro bereits gesammelt, und es werden täglich mehr. Tatsächlich wäre eine solche Absage nicht nur einzigartig, überraschend und aufsehenerregend, sondern für das Image des immer um vorauseilenden Gehorsam gegenüber seinen Touristen bemühten Landes auch prestigeträchtig. Eine noble Geste, vergleichbar dem Fleck, den chinesische Gastgeber ins Tischtuch machen, bevor der erste Gast erschienen ist, damit sich alle Eingeladenen heimisch fühlen.
Österreich macht aber keinen kleinen Fleck, sondern ist dabei, sich von oben bis unten anzupatzen. Was aber würden die Gegner in der Gruppenphase sagen, wenn sie dann nicht gegen ein eklig erklecklich angekleckertes Österreich, sondern gegen eine nachnominierte Ukraine oder Türkei antreten müssten? Die würden sich schön bedanken.
Österreich ist katholisch durch und durch, man hat gelernt, dass einem Sünden verziehen werden, wenn man nur beichtet. Das Nationalteam ist die Dauerbuße, die wir tun, und es ist die Plage, mit der Gott uns straft. Der Katholizismus verlangt aber auch Enthaltsamkeit. Hermes Phettberg, der großartig gründliche Laienprediger des unergründlich Abgründigen, hat einmal verkündet, das Beste, was der Mensch vor Gottes Angesicht machen kann, ist, nicht in Erscheinung zu treten, sich nobel zurückzuhalten, sich jede Entäußerung zu verkneifen. Wäre das die Lösung für die Kicker? Freiwilliger Verzicht? Selbstkasteiung?
Im Fußball lernen wir Österreicher, demütig zu sein und klein. Wir erlernen die Niederlage und die Hoffnungslosigkeit, wird uns doch Spiel für Spiel die eigene Unzulänglichkeit und Schwäche vorgeführt. Bei der Euro werden wir uns als guter Gastgeber präsentieren und die Gegner reich beschenken. Alle werden sich wünschen, gegen uns spielen zu dürfen. Das ist die Wahrheit, und deshalb werde ich die Petition für den freiwilligen Verzicht auf eine Teilnahme an der Europameisterschaft nicht unterschreiben.
Ich unterstütze diese Petition auch deshalb nicht, weil ich auf dem Land aufgewachsen bin, in einer Gegend kollektiven Minderwertigkeitsgefühles, einer Gemeinschaft der Verklemmten, wo man nie jemanden lobt, weil »nichts gesagt ist gelobt genug«, wo allen die Sprache im Hals stecken bleibt, die Leute kehlig sprechen und sich ständig schuldig fühlen, überhaupt auf der Welt zu sein. Daher war ich stets für das Existieren, für das pralle Leben und gegen die Enthaltsamkeit und jedes Onanierverbot, für das In-Erscheinung-Treten, für die Selbstbefriedigung – so peinlich das auch immer sein mag.
Allerdings meint man in Österreich nie das, was man sagt. Daher ist vermutlich der freiwillige Euro-Verzicht gleichfalls nicht wirklich ernst gemeint. Ebenso wenig wie die Hoffnungslosigkeit und das Gejammere. Da wir Österreicher ein Problem damit haben, andere Wahrheiten als Skirennen und Speisekarten, auf denen in Tourismusgebieten längst Rührei statt Eierspeis, Filetspitzen statt Lungenbraten und Ähnliches steht, zu akzeptieren, lebt die Zuversicht, so wunziwinzig klein sie auch sein mag, auf eine erfolgreiche Euro nach wie vor. Die Stadien werden voll sein, die Spieler werden laufen, die Leute werden jubeln und Immer wieder Österreich singen, was vielfältig gemeint sein kann. »Der Ball ist rund« und alle anderen blöden Sprüche liegen dann als völlig neue Wahrheiten auf dem Platz.
Und wenn nicht, kann man sich noch immer der Europameisterschaft der Schriftsteller zuwenden, wo Österreich schon deshalb gute Chancen hat, weil nur Mannschaften eingeladen werden, die man in der Vorbereitung hoch bezwungen hat – sofern diese dann noch erscheinen. Und wenn es auch damit nichts wird, gibt es immer noch die Literatur. Da sind wir wirklich gut.
Der Autor lebt als Schriftsteller und bekennender Fußballanhänger in Wien. Zuletzt ist von ihm der Roman
Liebesgeschichte
im Zsolnay-Verlag erschienen.
Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben
- Datum 03.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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