Lebensgeschichte National durch und durch

Peter Merseburgers Biografie des »Spiegel«-Gründers Rudolf Augstein rückt manchen Legenden zu Leibe.

Im November 1943 schreibt der Artillerist Rudolf Augstein, dessen Abteilung der SS-Division »Reich« zugeteilt ist: »Man muß es der SS lassen, daß sie sich gut schlägt. Kein Wunder bei den Menschen – und sonstigem Material.« Solche Entdeckungen, wie sie Peter Merseburger in seiner Augstein-Biografie mitteilt, sind nur ein weiterer Beleg für die Verwobenheit der jungen Kriegs- und Nachkriegsgeneration in die mentalen und organisatorischen Strukturen des Nazireichs.

Die Biografie des 2002 im Alter von 79 Jahren gestorbenen Spiegel- Gründers ist eine Mentalitäts- und Mediengeschichte der Bundesrepublik. Merseburger betreibt mit Respekt vor der publizistischen Leistung Augsteins eine Entmythologisierung des Spiegel- Gründers und seines Blattes. Eben weil er keine Legenden fortschreibt, sondern detailversessen die geistigen und journalistischen Positionen Augsteins und den Weg des Magazins beschreibt, kann er der Verlegerpersönlichkeit den gebührenden Platz in der Zeithistorie zuweisen.

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Der Spiegel stand früh für investigativen Journalismus und Meinungsmut. 1962 erschütterte er mit seinem Enthüllungstitel über das Nato-Manöver Fallex und den desaströsen Zustand der Bundeswehr (Bedingt abwehrbereit) das politische System der Adenauer-Epoche. Augstein wurde durch seine mehrmonatige Untersuchungshaft zum Märtyrer der Pressefreiheit. Der vom Spiegel permanent attackierte Verteidigungsminister Franz Josef Strauß stürzte über die Affäre. Das hat das Blatt als »Sturmgeschütz der Demokratie« denkmalswürdig gemacht.

Denkmäler sind Stein gewordene Legenden. Zu diesen Legenden gehört, dass der Spiegel und Augstein auf der linken Seite des politischen Spektrums einzuordnen wären. Das Blatt hatte in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren zwar linke Redakteure, die den Geist der Studentenbewegung in das mit autoritärem Komment geführte Verlagshaus brachten, aber Augstein selbst hat sein Leben lang eine nationale Gesinnung gepflegt. National war seine Position gegen die von Adenauer betriebene Westintegration, von nationalem Denken geprägt waren seine Attacken gegen Franz Josef Strauß, dessen Militärstrategie Deutschland zu einem atomaren Schlachtfeld zu machen drohte, national bestimmt waren Augsteins frühe Hoffnung auf die deutsche Wiedervereinigung und seine damit verbundene Forderung nach Verhandlungen mit der DDR, die er schon vor der Brandtschen Ostpolitik erhob. National bestimmt waren sein Eintreten gegen Helmut Schmidts Pläne zur Stationierung von Pershing-Raketen und sein Anschreiben gegen den Maastricht-Vertrag.

In offene Konflikte geriet der Verleger und Herausgeber mit seiner Redaktion, als er gegen das Holocaust-Mahnmal in Berlin polemisierte und Martin Walsers Behauptung, Auschwitz werde als »Drohkulisse«, als »Moralkeule« und zur »Instrumentalisierung unserer Schande« missbraucht, in einem Kommentar ausdrücklich als »richtig« bewertete. In seinem Kapitel Antisemit, Feind Frankreichs und Fremdkörper im eigenen Blatt zitiert Merseburger auch noch aus einer anderen Augstein-Kolumne: Die Deutschen hätten sich in der Nazizeit »so moralisch verhalten wie die übergroße Mehrheit der jüdischen Opfer auch. Sie haben (bei minimaler Hilfestellung, wo sie konnten) ihr Leben für ihre jüdischen Mitbürger nicht geopfert. Das, und nur das, ist ihre (und unsere) Schuld.« Merseburgers Einschätzung, Augstein setze das Verhalten des Tätervolks mit dem der Opfer gleich, ist genau das Argument, mit dem der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann aus der CDU ausgeschlossen wurde. So eindeutig, wie Merseburger es nahelegt, lässt sich Augstein aber nicht als Antisemit einordnen. Zu offenkundig ist sein Leiden unter der Schuld des Holocaust. Dafür steht sein Essay von 1986, in dem er unter der Überschrift Die neue Auschwitz-Lüge in einer Philippika mit Ernst Noltes Geschichtsrevisionismus abrechnete.

Augstein litt unter dem Spiegel. Er fühle sich »an die Magazin-Technik geschmiedet wie Prometheus an den Kaukasus«, schrieb er dem ZEIT- Verleger Gerd Bucerius. »Wäre ich ein junger Mann von 23 Jahren«, so Augstein, »würde ich, sofern ich Journalist werden wollte, schwerlich zum Spiegel gehen…« Aber alle seine Versuche, neben dem Spiegel eine Tages- oder Wochenzeitung herauszugeben, sich an der ZEIT oder in publizistisch einflussreicher Position am Verlag Gruner+Jahr zu beteiligen, scheiterten. Auch seine Karriere als Politiker war nicht von Erfolg gekrönt.

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