Historie Rheingold verloren
Gibt es so etwas wie die deutsche Landschaft? Der amerikanische Historiker David Blackbourn spaziert durch Rheinauen, betrachtet Moore, Kanäle, Siedlungsprojekte sowie einige Jahrhunderte Geschichte und entdeckt ein großartiges Panorama von Macht, Sehnsucht, Seele.
Die Schwingung eines Hügels, die Rücken einer Bergkette, der Saum eines Waldes, das Mäandern eines Baches, oder die Leere von Meer und Wüste, das Unergründliche von Mooren entfalten eine große Faszination auf Menschen. Landschaften sind geografische Zustände, sie sind auch Sehnsuchtsorte. Nicht selten, dass begehrte Körper als Landschaft beschrieben werden, in denen man eine Heimat finden will, andere zieht es aus ihrer Heimat fort in Landschaften, die in der Ferne liegen – weil sie sich dort, auf eine unerwartete, ja manchmal schmerzliche Weise, ganz zu Hause fühlen, in den Wäldern von Schweden oder in der Anmut Südenglands. Warum das so ist? Ein Rätsel! Wie dieses, warum ausgerechnet in Deutschland die Vorstellung einer urwüchsigen, mit sich im Einklang schwingenden Natur so wirkungsmächtig sein kann, dass sie die eifrigste Ökologiebewegung Europas befeuert – »herauszufinden, wie die Deutschen dazu kamen, Landschaft als etwas Harmonisches oder Geordnetes oder etwas zutiefst Deutsches anzusehen«, das hat sich der englische Historiker David Blackbourn vorgenommen. Blackbourn hat vom Olymp der Universität Harvard aus, wo er lehrt, den Blick auf uns gerichtet und Die Eroberung der Natur hierzulande untersucht. Herausgekommen ist eine fulminante, historisch weit ausholende und gleichzeitig methodisch tief schürfende, eine äußerst unterhaltsame, mit rund 600 Seiten fast kurz wirkende Studie darüber, wie die deutsche Landschaft aus politischen und ökonomischen Szenerien heraus entstanden ist und auf unsere Seelenlandschaft zurückweist.
Sechs Kapitel durchstreifen viel Gelände. Das Oderbruch zur Zeit Friedrichs des Großen und die vor etwa 200 Jahren verlorenen Rheinauen. Die Trockenlegung der Moore im Jadebusen vor 150 Jahren und die Zähmung von Wasser durch Talsperren. Die Verquickung von Bodengewinnung im Osten mit Naturmetaphorik und Völkermord im letzten Jahrhundert. Die Entfaltung harmonischer Naturbilder in der heutigen grünen Bewegung.
Der Text führt gedanklich in Gegenden, die man sich nicht in den kühnsten Träumen auszumalen wagte. Malariaverseuchte Niederungen, bei Jever! Ausgemergelte Männer, die zu Tausenden auf gigantischen Baustellen mit Schubkarren Erde bewegen, so sieht man es sonst nur in schockierenden Fotoreportagen von Salgado aus Südamerika. Glücksritter – nicht im Wilden Westen, sondern am deutschesten aller Flüsse, am Rhein, in jenen Tagen, als dort die Kiesel lustvoll glänzten, »Heiajaheia, Rheingold…« So klingt heute nur noch eine Oper, vielleicht die deutscheste aller Opern in der musikalischen Landschaft dieser Republik, alljährlich zelebriert, vor magisch angezogenen Pilgerscharen. Es geht Blackbourn um Prägung und Veränderung von dem, was er »Denkhorizonte« nennt. Damit meint er zunächst die gigantomanischen Projekte zur Gestaltung von Natur, die er beschreibt, aber der Terminus passt auch wunderbar auf das, was gute Wissenschaft wie diese tut: den Blick weit zu stellen.
David Blackbourn ist ein Forscher, der den Deutschen nicht das erste Mal zeigt, wer sie sind. Seine Studie über Marienerscheinungen in Marpingen untersucht am Beispiel dreier kleiner Mädchen, die beim Beerensammeln die Mutter Gottes gesehen zu haben glauben, das Ineinanderspiel von Katholizismus, preußischer Obrigkeit, nationalliberalen Strömungen und den Ängsten und Sehnsüchten einer bedrängten Bevölkerung im späten 19. Jahrhundert, ein Buch, das 1996 von der American Historical Association als »Bestes Buch zur deutschen Geschichte« ausgezeichnet wurde. Blackbourn hat Studien über die Gedankenwelt des Wilhelmismus und die Mythen deutscher Geschichtsschreibung vorgelegt. Diesmal hat er sein Forschungsgebiet in festen Wanderschuhen höchstpersönlich abgeschritten und war erstaunt: »Wohin wir auch blicken, Flüsse, Moore und Fenne wurden zu Sinnbildern für größere, abstraktere Dinge: Eroberung und Verlust natürlich…, von Schönheit und Hässlichkeit, Überfluss und Mangel, Eintracht und Zwietracht.«
Die Natur in Deutschland ist vermintes Terrain, nachdem der Nationalsozialismus das Vergnügen in der Natur politisch instrumentalisiert hat und den Begriff des Natürlichen, seit der Frühromantik sehnsuchtsvoll gestaltete Projektionsfläche für das Begehren nach Ursprünglichem, ideologisch mit Fantasien einer völkischen Reinkultur besetzte. Blackbourn zeigt, wie ein so missbrauchter Naturbegriff eingesetzt wurde in der Beschreibung der Landschaften des Ostens, die erst durch Ausrottung der Bevölkerung die gewünschte Leere gewannen, es sei »die Eroberung der Natur in Deutschland allzu sehr mit der Idee einer Eroberung von anderen verbunden«. Sein Argument ist, dass es Natur an sich nicht gibt, dass alle Wildnis, die wir zu finden glauben, sowieso immer schon eine historisch geformte ist. Die Landschaften, auf die er weist, sind wie Flöße auf einem Strom der Zeit, werden im Mahlstrom der Geschichte geformt, überspült, gehen unter, hinterlassen manchmal so wenig Spuren wie jene Dörfer, die in den Talsperrenprojekten der Moderne versinken. Es gebe, so Blackbourn, »keine plausible Nulllinie zur Messung der Welt, die durch Kultivierung verloren gegangen sei«. Selbst die schönsten Naturszenen Breughels, so argumentiert er mit einem typischen Anflug von Spott, haben ja immer schon als Voraussetzung den Betrachter, der sie festhält.
Er schreibt »als ernüchterter Anhänger des Fortschritts«. Denn die Natur ist keineswegs so wohlwollend ausbalancierend, wie sich das mancher Naturschützer ausmalt. Blackbourn macht deutlich, dass es Gründe gab, jene gewaltigen Eingriffe in die Landschaft zu wagen, die wir heute, sicher geborgen, bedauern. Im Oderbruch lebten vor den Kolonialisierungsprojekten Friedrichs des Großen die Fischer vom Handel mit Karpfen, Flussbarschen, Hechten, Brassen, Barben, Schleien, Lampreten, Quappen, Aalen und Flusskrebsen – aber kümmerlich, während die urbar gemachten Sümpfe später mit fetten Feldern viele Menschen ernährten, bis heute. Die Fluten der Nordsee forderten in den Jahrhunderten viele Äcker und Weiden, ganze Dörfer und pralle Marktstädte. Julianenflut, Clemensflut, Marcellusflut! Sie hinterließen apokalyptisch wirkende Szenerien der Verwüstung, aufgequollene Kadaver, geschleifte Häuser, in der Weihnachtssturmflut von 1717 starben über 8000 Menschen. Artenvielfalt war auch Bedrohung: Im Preußen des Jahres 1700 erlegten die Jagdgesellschaften 4300 Wölfe, 229 Luchse und 147 Bären. Die Natur, schrieb schon Aldous Huxley, war nicht so handlich, wie William Wordsworth sie bedichtete.
Blackbourn lässt sich faszinieren von Biografien derer, die es mit der Natur aufnehmen, Männern wie Johann Gottfried Tulla, 1770 in Baden geboren, »der Bändiger des wilden Rheins«, wie auf seinem Grabstein in Paris steht. Der Mann hat gegen Widerstände von Politik, Bevölkerung, Bodenbeschaffenheiten, Wetterkatastrophen etwas so Irrsinniges gewagt wie die Begradigung des Rheins, die Verkürzung des Flusslaufes um ein Drittel, die Beseitigung von 2200 Inseln, die Aufschüttung von Hunderten von Kilometern an Deichen, die Bewegung von Millionen Kubikmeter Erde. Das macht Blackbourn Eindruck. Jenseits der Frage, wie verträglich so ein Charakter war. Oder ob das alles sinnvoll war, was er sich vornahm, Fragen, die Blackbourn keinesfalls links liegen lässt. Er zeigt die Hybris, aus der die Idee zu solchen Unternehmen erwächst, die Vorstellung vom Menschen als Krönung, ja Bezwinger der Schöpfung, die viel älter ist als Tulla, und auch die politische und ökonomische Macht, die solche Pläne ermöglicht. Er benennt den Preis.
Dem faustischen Gestus der Naturbeherrschung tritt die Natur entgegen mit großartiger Unregierbarkeit. »Die Eroberung der Natur war eine Art Pakt mit dem Teufel«, schreibt Blackbourn. Er spricht auch von der »Logik der unbeabsichtigten Konsequenzen«. Jeder Eingriff bringt eine neue Wirklichkeit hervor, auf die der Mensch antworten muss. Eine Deicherhöhung hier bedeutet eine Überflutung weiter flussabwärts. Die Abtragung von Sediment womöglich die Zerstörung der Laichgründe von Fischen, von denen ganze Dörfer lebten. Den Goldwäschern hat der begradigte, beschleunigte Fluss die glitzernden Kiesel weggetragen: Rheingold verloren!
Blackbourn entwickelt Historie als Schnittstelle von Akteuren, die Rollen sind vielfältig besetzt, vom Egomanen über Technokraten bis hin zu den Opfern, den Ärmsten und Machtlosesten. Will man Blackbourn einen Vorwurf machen, wäre es dies: dass er für sie kaum mehr als Zahlen anführt. Ansonsten orchestriert er virtuos eine Forschung, die sich aus vielfältigsten Quellen speist – vertieft sich in Biografien, pflückt Zitate aus Tagebüchern, liest Urkunden vor, analysiert Baupläne, nimmt mal den Baedeker fürs Generalgouvernement in die Hand, berichtet von der Lektüre zeitgenössischer Belletristik, greift da ein Gerücht auf, ordnet es ein in das, was der Realitätsrahmen wäre.
Was Blackbourns Buch so überaus lesenswert macht, so vergnüglich, sind jenseits der Methodenvielfalt die Virtuosität des Stils, die gut platzierten Anekdoten, die ironischen Abfederungen, die lakonischen Gesten. Schon nett, wie sich da Prinz Adalbert, auf der Spur preußischer Großmachtsfantasien von der Beherrschung der Meere, im Jahre 1854 auf einem Pferdekarren durch Schneestürme quält, um in einem zugigen Zelt auf Marschboden die Besitzurkunde über den Jadebusen in Empfang zu nehmen. Da hat ihn der erträumte Flottenstützpunkt schon eine Million Taler gekostet, bevor die erste Schaufel in den sumpfigen Boden sticht. Solcher Wahnsinn wiederholt sich in der Geschichte, aus der deutsche Landschaft entsteht. Es ist dies vielleicht das Verdienstvollste an Blackbourns Unternehmen: wie er die Flugbahn von Motiven, Schlüsselbegriffen, Argumentationssträngen und Begehren durch die Zeiten verfolgt, den Finger auf jene Punkte legt, an denen sich Diskurse überlagern, widersprechen, verstärken. Eine atemlose Lektüre.
Die blühenden Landschaften, die erst jüngst wieder Geschichte machten, haben schon vor vielen Jahrhunderten die Menschen betört. Als Versprechen, gerne auch als Rechtfertigung. Schon das Oderbruch mit seinen malerischen Schilfen sollte, so der Wille des großen Friedrichs, als blühende Landschaft erobert werden, dergleichen Metaphorik verteidigte die Beseitigung der Rheinauen. Noch die Begehrlichkeiten, im Rahmen der nationalsozialistischen Feldzüge die Pripjetsümpfe trockenzulegen, versteckten sich hinter diesem Klischee, das unter der Hand, als Strategie der »Trockenlegung«, zum Deckbegriff für mörderische Arbeitseinsätze wurde, mit denen Häftlinge dezimiert werden sollten. Gleichzeitig wurden alle stinkenden Sumpfmetaphern bemüht, um die einheimische Bevölkerung als minderwertig abzustempeln, Metaphern, die auf die kollektive Psyche, schreibt Blackbourn, wie »ein Cocktail von rassischer Überheblichkeit, politischem Ressentiment und geopolitischer Phantasie« wirkten. In den Pripjetsümpfen wurden die Metaphern, Ironie der Geschichte, zuletzt Wirklichkeit. Die Trockenlegung der Sümpfe scheiterte, und sie wurden Zuflucht für vertriebene Bauern, gejagte Juden, alle Verzweifelten und waren endlich so bedrohlich für die verblendeten Eroberer, wie diese unterstellt hatten, um ihre Begehrlichkeiten ideologisch zu verhüllen.
Wenn es Einwände geben könnte gegen dieses Buch, dann diesen: dass der »deutsche« Aspekt nicht immer überzeugt. Die Bändigung der Feuchtgebiete wäre ohne Hilfe holländischer Kanalexperten nicht gelungen, es sind die Franzosen, die Vorarbeiten für die Staudammprojekte verfassen, viele Begriffe kennen keine Grenzen, schon gar nicht die heutigen. Und wer an der Seine steht, sieht dort, wie am Rhein, an der Themse oder der Weser – begradigte Schiffbeförderungsstrecken. Es sei denn, er konzentriert sich auf die Sehnsuchtsbilder, die auf seiner inneren Leinwand ablaufen, die von der schönen Natur.
- Datum 05.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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