Familie Vaterseelenallein
Eberhard Rathgeb hat, ohne Brei zu verkleckern, das ultimative Vaterbuch geschrieben. Und kein Wort über Windeln verloren!
Dieses Buch wird es schwer haben. Schon so viele Journalisten haben so viele Väterbücher geschrieben (oder auch nur eilig ihre diesbezüglichen Kolumnen aneinandergeheftet), dass man fast den Verdacht hegen konnte, sie hätten ihr Kind nicht zuletzt deshalb gezeugt, um ihrem Leben endlich einmal Stoff für ein ganzes Buch entreißen zu können. Für diese Männer schien die Vereinbarkeit von Beruf und Familie jedenfalls kein Problem zu sein – und das bisschen Sandkastensand im Getriebe eher förderlich. Übertroffen wurde die Zahl dieser Vaterbücher in jüngster Zeit nur von der Zahl der Rezensionen, in denen sich andere Journalisten exakt darüber beklagten. Vermutlich aus Neid. Auf das Buch, nicht das Kind.
Nun ist Schwieriges Glück – Versuch über die Vaterliebe erschienen, geschrieben von Eberhard Rathgeb, Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Wieder ein Journalist also. Und wieder ein Vaterbuch.
Dabei ist es gar keines. Oder ist es das erste seit Langem?
Rathgeb, 1959 geboren, ist ein (sogar für heutige Verhältnisse) später Vater und als solcher Teil einer Patchworkfamilie. Er überfällt uns nicht mit Wie-toll-mich-all-die-Spielplatzmamas-finden-Anekdoten, vielmehr versteckt er sein Ich beinahe, und das hinter äußerst denkenswerten Gedanken, denen ein baffes Staunen zugrunde liegt: Wie seltsam, fast unzeitgemäß heute das erscheint, was früher in nahezu jeder Biografie zwangsläufig war. Vater zu werden, zu sein und zu bleiben.
Rathgeb fragt sich und seine Leser in 52 essayartigen Kapiteln: Was ist das überhaupt – ein Vater? Muss da nicht erst einmal geklärt werden, was ein Mann ist? Und um das zu erfahren – sollte man da nicht wissen, wofür der Vater dieses Mannes stand? Und was für ein Sohn dieser Mann einmal war? Weiß man nicht erst dann, was für ein Vater dieser Mann, der auch Sohn ist, einmal sein könnte?
Söhne möchten nicht Väter werden. Wieso eigentlich nicht?
Das ist der Punkt, an dem Rathgebs Buch mehr Gewicht gewinnt als die üblichen Vaterbücher, Allgemeingültigkeit quasi. Denn diese Söhne von früher möchten heute offenbar nicht Väter werden. Vielleicht, mutmaßt Rathgeb, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, wie das ist: Vater zu sein. Oder weil sie sich nichts davon versprechen. Denn was für ein Bild vom Vatersein haben ihnen ihre Väter geboten? Haben die Söhne in den langen Jahren ihrer Kindheit je mit ihren Vätern darüber gesprochen, wie es ist, Vater zu sein? Oder haben sie ein Vaterbild vermittelt bekommen, in dem ausgerechnet das sogenannte Familienoberhaupt eigentlich Rätsel, Fremdkörper, Abwesender war? Unsere Sprache kennt zwar Kinder, die »mutterseelenallein« sind, nicht aber solche, die »vaterseelenallein« sind. Die Vaterseele existiert zwar, aber in der Regel fernab und unkenntlich im Büro.
Nun sind diese Söhne von damals auch Männer und leben in einer Zeit, in der wir, so Rathgeb, der nächsten und übernächsten »Liebeserfüllung« hinterherjagen, »Möglichkeitsmenschen«, zunehmend unfähig (oder zu verängstigt?), irreversible Entscheidungen zu treffen, wie es die für ein Kind wäre.
Manchmal, schreibt Rathgeb, komme ihm die Debatte ums Kinderkriegen, wie sie vor allem in Akademikerkreisen geführt werde, wie ein ins Liebesleben übertragenes Bilanzwesen vor. Im Angesicht mancher Gewinnwarnung im persönlichen Bereich trennen sich vor allem Männer dann lieber von ihrer Freundin als von ihrer Arbeit.
Auf den 160 Seiten seines Buches beschreibt Rathgeb die Liebe und die daraus eventuell wachsende »Beziehung«, aus der wiederum vielleicht einmal Kinder entstehen, als beängstigend fragiles Gebilde. Wenn ein Mann »die Frau des Lebens« treffe, sei sie doch eigentlich nur noch »die Frau des restlichen Lebens«, und das auch nur eventuell. Denn selbst wer heute noch heirate, treffe eigentlich keine Entscheidung mehr, sondern erkläre nur seine guten Absichten. »Das größte Wunder, das Menschen vollbringen können, vollbringen Menschen, die nichts oder wenig davon wissen, was sie selbst sind und was der andere ist, vollbringen Menschen, die nicht wissen, ob sie nicht nur ein Paar, sondern ob sie auch Vater und Mutter sein können.« Diese Einsicht ist zwar nicht neu, hat Mann und Frau aber lange nicht davon abgehalten, Vater und Mutter zu werden, eher angetrieben. In Zeiten der Optionsgesellschaft blockiert sie.
Und was, wenn der lange Weg vom Sohn zum Mann zum Vater doch bis zum Ende gegangen wird? Rathgeb berichtet kein einziges Mal vom Wickeln, er kleckst keinen Brei über die Seiten, das unterscheidet sein Buch kategorisch von den Versuchen seiner Vorgänger. In einer der wenigen Passagen, in denen er direkt von seinem Kind erzählt, schreibt er: »Seit ich eine Tochter habe, empfinde ich eine Scheu vor allen jungen Frauen, sodass ich, wenn ich eine hübsche junge Frau sehe, zwar sofort denke: Was für eine hübsche junge Frau, dann aber eben sofort: Sie ist eines Vaters Tochter, womit sich gleichsam ein unsichtbarer Schleier um sie legt.«
Ein Mann sieht in jungen Frauen plötzlich nur noch Töchter
Wenn ein Mann in jungen Frauen nur noch Töchter sieht, dann muss es sich um eine gewaltige Sache handeln: Vaterschaft. Früher eine Selbstverständlichkeit, heute noch keine Seltenheit, aber mühsam erarbeitet, nicht nur unter widrigen Umständen, sondern auch gegen innere Widerstände. Letztlich ein grandioses Glück, das man nach ein paar leuchtenden Wochen nicht wieder dem Alltag preisgeben sollte, dem man es zuvor mühsam abgerungen hat. Zu groß wäre der Verlust, trotz voller Windeln und durchwachter Nächte.
Das allerdings schreibt Rathgeb so nicht. Das steht ja schon in all den anderen Vaterbüchern.
- Datum 05.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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