Michael Moore, der amerikanische Dokumentarfilmer, ist nicht zu beneiden. Man traut ihm nicht mehr über den Weg. Kritiker werfen ihm vor, er habe der angeprangerten Wirklichkeit schnitttechnisch gern auf die Sprünge geholfen, kräftig nachgewürzt und nachpoliert. Linke Freunde witterten das Gift der Demagogie und wandten sich enttäuscht ab. Für die Neocon-Sekte und ihre deutschen Ableger waren die Vorwürfe ein gefundenes Fressen, denn sie bekämpfen ihn bis aufs Messer. Der begnadete Polemiker hatte ihnen die geistige Einstimmung auf den Irakkrieg verhagelt und seine Majestät, den Präsidenten, beleidigt. Seitdem sitzt Moore auf der »Achse des Bösen« ganz weit vorn.

Auch wenn die Regierung Bush längst zu der Karikatur geworden ist, als die sie Michael Moore von Anfang beschrieben hat – der Zweifel an seiner Wahrheitsliebe bleibt, auch bei seinem neuen chirurgischen Eingriff in den amerikanischen Gesellschaftskörper, dem in Cannes zu Recht gefeierten Film Sicko. Moore hat sich das malade US-Gesundheitssystem vorgenommen, das laut Weltgesundheitsorganisation ziemlich weit unten rangiert, knapp über Slowenien. Alt wird man nicht darin; die Lebenserwartung der US-Bürger liegt unter der der OECD-Staaten. Natürlich hätte es nahegelegen, jene armen Schlucker vor die Kamera zu zerren, die keine Krankenversicherung haben und sich schon mal eine Fleischwunde mit Muttis Strickzeug zunähen (solch einen Heimwerker zeigt der Film auch). Aber die Panik dieser Selbstversorger bleibt am Rande. Moore interessieren viel mehr die Tragödien, die sich innerhalb des Systems ereignen, also bei denjenigen, die eine Versicherung abgeschlossen haben und trotzdem auf der Strecke bleiben. Warum? Weil das amerikanische Gesundheitssystem überwiegend privatwirtschaftlich organisiert ist und die großen Versicherungskonzerne mit dem Wohl und Wehe ihrer Klienten Geld verdienen wollen. So wird aus jedem »Kunden« bilanztechnisch ein Schadensfall, woraus folgt: Je mehr Kosten die Konzerne (zum Beispiel »wg. Vorschäden«) abwälzen können, desto gesünder ist es für ihr Geschäft.

Man weiß nicht, wie repräsentativ die Fälle sind, die Moore bei der Vivisektion des US-Gesundheitssystems präsentiert. Doch was der Zuschauer zu sehen bekommt, ist unendlich traurig und verweist auf einen Überlebenskampf, dessen Erbarmungslosigkeit einer so reichen Nation unwürdig ist. Der Film erzählt von knochenharter Profitgier und zynischer Beutelschneiderei, von verschleppten oder verweigerten Krebstherapien, von Kindern, die noch leben könnten, wenn Versicherungen nicht auf Zeit gespielt hätten, von fast 80-Jährigen, die als Müllentsorger arbeiten müssen, um ihre Medikamente bezahlen zu können. Kurzum, Sicko ist eine große Anklage gegen unterlassene Hilfeleistung, gegen all die pathologischen Schändlichkeiten, die entstehen, wenn öffentliche Güter für ein Geschäft auf Leben und Tod schamlos privatisiert werden.

Unweigerlich keimt aber der Verdacht, Moore führe sein Publikum an der Nase herum oder habe dramaturgisch nachgeholfen. Doch die Aussagen seiner Belastungszeugen klingen wasserdicht, zum Beispiel die Selbstbezichtigung einer ärztlichen Gutachterin, die bei einer öffentlichen Anhörung unter Tränen gesteht, im Auftrag ihres Versicherungsunternehmens jahrlang gegen den hippokratischen Eid verstoßen zu haben. Ihr Gehalt bestand zum größten Teil aus den Prämien, die sie für erfolgreich verweigerte Kostenübernahmen kassiert hatte.

In den Vereinigten Staaten ist die Kluft zwischen Arm und Reich wieder so gewaltig wie zuletzt in den Zeiten der Großen Depression. Die Schicht der Superreichen, die oberen fünf Prozent, steigerte ihr Einkommen in den vergangenen 25 Jahren um 80, das unterste Fünftel gerade einmal um 10 Prozent. Dies sollte man wissen, wenn Moore Mitschnitte einer Überwachungskamera zeigt, auf denen eine Frau im Patientenkittel hilflos über eine befahrene Straße irrt. Diese Frau ist buchstäblich Entsorgungsmasse, sie ist »Ausschuss«. Weil sie ihre Behandlung nicht mehr bezahlen konnte, wurde sie von einer privaten Klinik »aussortiert« und vor der Tür eines öffentlichen Krankenhauses abgesetzt – ihr Armband zeigt noch die alte, sorgfältig abgekratzte Patientennummer. Wenn die Aussonderung Schwerkranker, wie Moore suggeriert, kein Einzelfall ist, dann wäre es ein Beleg für das, was der Philosoph Giorgio Agamben in der ihm eigenen Besessenheit immer wieder behauptet: Am Ende der kapitalistischen Verwertungskette, nachdem das ökonomische Paradigma alle sozialen Poren durchdrungen hat, steht der Ausschluss aus dem System, die Negation der Person. Sie hat kein Recht mehr, Rechte zu haben, und gilt nur mehr als Biomasse – als lebendiger Müll, der in der Wüste der Großstadt abgeladen wird in der Hoffnung, ein barmherziger Samariter möge sich ihrer gnädig annehmen.

Und doch – mit diesen trostlosen Bildern aus dem amerikanischen Fiebertraum will Moore seine Landsleute nicht in die Freiheit entlassen. Er möchte ihnen zeigen, dass man woanders besser, glücklicher und gerechter leben kann als in God’s own country. Dafür reist er nach Europa, singt dem Sozialstaat ein Ständchen und trägt sehr dick auf. Old Europe ist für ihn der Himmel auf Erden und die Insel der Seligen. Moore stellt sich unter den Eiffelturm, lobt das französische Gesundheitssystem über den grünen Klee und präsentiert eine »Durchschnittsfamilie«, die ersichtlich der oberen Mittelschicht angehört. Corriger la fortune. Das englische Gesundheitssystem feiert er so ausdauernd (und witzig), als hätte es soeben die Schlacht bei Trafalgar gewonnen. Deutschland kommt gar nicht vor. Irgendjemand muss ihm davon abgeraten haben, das Vermächtnis rot-grüner Politik in Augenschein zu nehmen, jene landestypische Hartz-IV-Familie, die ihr Kind mit 2,90 Euro am Tag durchbringen muss. Doch so oder so – der amerikanische Zuschauer muss den Eindruck gewinnen, er selbst friste sein Dasein in einem bis unter die Zähne bewaffneten Entwicklungsland, während Europäer wie die Made im Speck des Sozialstaats leben, unbehelligt von Konzernen, Pharmariesen und anderen Plagegeistern.

Am Schluss, der nicht verraten sein soll, fließen die Tränen, ohne den Verstand befragt zu haben. Moore inszeniert, so hinreißend wie gerissen, einen krachledernen Propaganda-Coup, der einem Hugo Chávez alle Ehre gemacht hätte. Danach wird er friedfertig wie der Wolf im Schafspelz. Einfühlsam, sozusagen minimalinvasiv, redet Moore mit Marx- und Engelszunge auf sein Land ein und beschwört seine Bürger, sie säßen doch alle »in einem Boot«. Das klingt so, als sei der amerikanische Patient ein bockiges Kind, das unablässig seine Playmobil-Figuren in den Rinnstein befördert und glaubt, diese hätten ihr Schicksal nicht anders verdient. Der Polemiker versucht es zur Abwechslung einmal mit gutem Zureden. In Amerika hat der Wahlkampf begonnen, und die Hoffnung stirbt zuletzt.