Die maximale Bremsverzögerung eines Motorrads oder eines Autos ist relativ unabhängig von der Geschwindigkeit, bei hohem Tempo erhöht der Luftwiderstand den Wert nur geringfügig. Diese Verzögerung liegt für beide Fahrzeugarten bei etwa 10 m/s². Das Problem besteht darin, diesen Maximalwert auch tatsächlich zu erreichen. Beim Auto ist das relativ einfach: Wenn man ein Antiblockiersystem hat, latscht man einfach mit voller Kraft aufs Bremspedal. Ohne ABS versucht man den Druck aufs Pedal so zu dosieren, dass die Räder gerade noch rollen und nicht blockieren.

Viel schwieriger ist das beim Motorrad, jedenfalls wenn das Fahrzeug nicht über ein ABS verfügt (und das haben leider die wenigsten Motorräder). Der Fahrer hat zwei Bremsen, eine für jedes Rad. Fast das gesamte Gewicht verlagert sich aufs Vorderrad, sodass vorne stärker gebremst werden muss als hinten. Sobald ein Rad blockiert, fängt das Motorrad nicht nur an zu rutschen, sondern es geht auch der stabilisierende Kreiseleffekt verloren – ein Sturz ist praktisch unabwendbar.

Hirnforscher sind sich einig, dass diese Feinregulierung von zwei Bremsvorgängen selbst vom Gehirn eines erfahrenen Fahrers nicht zu bewältigen ist. Das heißt: Man bremst vorsichtig, um nicht hinzufallen, und der Bremsweg wird länger. In der Praxis wird daher fast immer das Auto früher zum Stehen kommen als das Motorrad. Nur mit ABS hat der Kradfahrer eine faire Chance. Christoph Drösser

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