An seinem 21. Geburtstag im März 1918 macht Josep Pla ernst. Obwohl er eigentlich für das Jurastudium büffeln müsste, beginnt er ein Tagebuch. Auf den ersten Seiten denkt er noch darüber nach, ob seine Mutter die Notizen wohl beim nächsten Großreinemachen in den Müll werfen wird. Kurz darauf stellt er sich schon einen entfernten Verwandten vor, dessen Blick dereinst voller Erstaunen auf die hinterlassenen Aufzeichnungen fällt. Ein gutes Jahr und Hunderte Seiten später das Juraexamen ist nahe ist Pla mit seinen Gedanken noch einen Schritt weitergekommen: Irgendwann, mutmaßt er, könnten seine jugendlichen Notate sogar veröffentlicht werden. Das selbst auferlegte creative writing-Programm hat also gefruchtet. Der schreibende junge Mann hält sich inzwischen für einen jungen Schriftsteller.

Und er täuscht sich nicht. Mitte der sechziger Jahre gehört Pla zu den bekanntesten Autoren katalanischer Sprache, und Das graue Heft wird endlich publiziert, als erster Band einer Werkausgabe. Der Autor versieht das Buch aus diesem Anlass mit einer Vorbemerkung, die seine Freude über die nachgeholte Veröffentlichung ausdrückt. Dabei verschweigt er allerdings etwas Wesentliches: Die Aufzeichnungen der Jahre 1918/19, die Das graue Heft vermeintlich ausmachen, sind von Pla im Nachhinein erheblich aufgestockt worden. Erst als reifer Mann gibt der Autor seinem Jugendwerk jenes Volumen, jene »Größe« mit, die es mittlerweile völlig zu Recht zu einem Klassiker der katalanischen Literatur gemacht hat.

Trotzdem ist die monumentale Nachbesserung nicht einfach ein Betrug am Leser, denn als strategisches Manöver gehört sie unmittelbar zum thematischen Kern des Buches. Im Grauen Heft baut sich ein Autor seine schriftstellerische Identität auf in Auseinandersetzung mit der familiären und regionalen Prägung, durch das Ausprobieren verschiedener Stilmittel, im Abgleich mit literarischen Vorläufern.

Ins Hadern und Herummeditieren des frühreifen Ich fühlt sich später das ältere Ich offenbar mühelos ein. Nicht zufällig: Pla ist zeitlebens ein Mann gewesen, der mit seinem Selbstverständnis im Unreinen war. Und es macht einen Teil der Faszination des Grauen Heftes aus, dass die widerstreitenden Energien seines Wesens hier in großer Klarheit aneinandergeraten.

Pla stammt aus Palafrugell, einer Kleinstadt nahe der Costa Brava.

Seine Familie gehörte zum gehobenen Bürgertum. Im Grauen Heft blickt er ausführlich auf die Verwandtschaft und deren individuelle Züge zurück. Über die Vorfahren entwirft er sich eine »eigene Genealogie«, vor deren Hintergrund die höchstpersönlichen Züge besser zur Geltung kommen. Dabei ist er gar nicht auf Selbstlob aus. Im Gegenteil macht er immer wieder Bemerkungen über die eigene Schwäche, die Untauglichkeit für einen ordentlichen Beruf, seine eitlen Träumereien.

Ein bisschen Pose ist zweifellos dabei, wie man dem folgenden, großartig anmaßenden Satz anmerkt: »Wenn ich mir nüchtern vor Augen halte, dass meine Eltern noch an mich glauben, schaudert es mich bei dem Gedanken an die Gewalt, die der Glaube in dieser Welt haben kann.«