Feinstaub Mär von der sauberen Wärme
Kamine und Holzöfen sind klimaneutral. Aber sie pusten mehr gefährlichen Feinstaub in die Luft als alle Dieselfahrzeuge zusammen. Nun will die Bundesregierung handeln
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) jubelte über die »Wende im Feinstaubstreit«. Anlass ihrer Freude war ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig am vergangenen Donnerstag. Es ging um den Streit des Münchner Grünen-Politikers Dieter Janacek mit seiner Stadt. Seit mehr als zwei Jahren kämpft er, unterstützt von der DUH, gegen die massive Überschreitung der Feinstaubrichtwerte in seiner Wohnstraße, der Landshuter Allee, am viel befahrenen Mittleren Ring.
Die Stadt hatte sich geweigert, mit Fahrverboten für rußende Dieselfahrzeuge die Staubbelastung zu verringern. Ihre Begründung: Zunächst müsse der Freistaat Bayern einen Aktionsplan zur Luftreinhaltung aufstellen. Das fand auch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof rechtens. Falsch, urteilen nun die Bundesrichter: »Der Betroffene kann verlangen, dass die Behörden bei gesundheitsrelevanten Grenzwertüberschreitungen einschreiten.« Sie verweisen den Streit zurück nach Bayern.
Die Umweltschützer sind stolz auf ihren Erfolg, erstmals gebe es ein »höchstrichterlich einklagbares Recht auf saubere Luft«. Bürger könnten nun »in bis zu 70 Städten wirksame Maßnahmen bis hin zu Fahrverboten für ungefilterte Dieselstinker kurzfristig einklagen«. Die DUH kündigte weitere Musterklagen an, um Kommunen auf Trab zu bringen. Politiker fast aller Parteien begrüßten das Leipziger Urteil, und es wäre gewiss ein großer Fortschritt, bekäme der Gesundheitsschutz juristisch einen höheren Stellenwert.
Bevor jedoch das vollständige Urteil vorliegt und sich in der Praxis bewährt, bleibt Skepsis angebracht, ob tatsächlich die erwartete Wende eintrifft. So haben die Bundesrichter »offen gelassen, ob an der Wohnung des Klägers die Gefahr einer unzulässigen Grenzwertüberschreitung besteht«. Janaceks Wohnung liegt fast einen Kilometer entfernt von der Messstation – also wäre nun bei ihm zu messen.
Oder ein näher am Messpunkt wohnender Kläger springt ein. Es dürfte also dauern, bis ein neues Gerichtsurteil ergeht. Dann sind wahrscheinlich die seit Jahren umkämpften Aktionspläne zur Luftreinhaltung in hoch belasteten Städten bereits in Kraft – der anvisierte Stichtag ist der 1. Januar 2008. Die Bundesrichter verlangen auch keinen radikalen Gesundheitsschutz, sondern nur, dass die Kommunen »unter mehreren rechtlich möglichen – insbesondere verhältnismäßigen – Maßnahmen eine Auswahl treffen«. So komme »beispielsweise eine Umleitung des Lkw-Durchgangsverkehrs in Betracht«.
Das würde zwar am hoch belasteten Messpunkt die Werte etwas senken, aber die Luft nicht nachhaltig säubern. Der Effekt entspräche der überholten »Hohen-Schornstein-Politik«, die Schadstoffe weit verteilt, statt sie an der Quelle zu eliminieren. Denn Umleitungen sind meist länger und zeitaufwendiger als direkte Wege, die »Dieselstinker« liefen somit länger. Und Feinstaub ist hoch mobil: Er kann über Hunderte Kilometer fliegen. Deshalb sind sich die Fachleute weitgehend einig, »dass Umleitungen das Problem kaum lösen werden«, wie Wolfram Jörß vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) bestätigt.
Jörß und sein Kollege Volker Handke haben im Auftrag des Umweltbundesamtes (Uba) eine Studie mit dem Titel Emissionen und Maßnahmeanalysen Feinstaub erstellt. Ihre jüngst veröffentlichte Analyse umfasst den Zeitraum von 2000 bis 2020 und zeigt, dass die Welt der Feinstäube wesentlich komplexer ist, als die öffentliche Diskussion sie wiedergibt. Dort dreht sich die Debatte überwiegend um »Dieselstinker« und deren Säuberung mit Partikelfiltern.
Doch der Straßenverkehr ist neben der Industrie und Hausheizungen nur eine der Hauptquellen für Feinstäube. Wer effektiven Gesundheitsschutz will, der muss möglichst viele Quellen stopfen. Hier jedoch klafft eine enorme Lücke: Laut Bundesumweltministerium (BMU) nimmt das Heizen mit Holz zu und übertrifft beim Feinstaubausstoß bereits den Dieselruß. Zwar ist der rußfreie Auspuff unbedingt erstrebenswert. Doch bereits jetzt ist klar, dass auch gefilterte Fahrzeuge in Sachen Straßenstaub nur eine Teillösung bieten: Gemäß der Uba-Studie wird schon 2010 jener Feinstaub, der durch Abrieb von Straßen, Bremsen und Reifen entsteht, die Emissionen aus dem Auspuff übertreffen.
Dass auch das wünschenswerte Nachrüsten von Lkw und Pkw mit Rußfiltern bald an Grenzen stößt, zeigt eine weitere Zahl: Dies werde 2010 die Gesamtemissionen nur noch um 0,2 Prozent verringern. Viel effektiver seien dann beispielsweise »Maßnahmen bei Holzfeuerungen«. Diese hätten 2010 »schon ein mehr als fünfmal höheres Minderungspotenzial«.
Höchste Zeit also, sich mit Kohle- und Holzheizungen als den notorischen Dreckschleudern zu befassen. Nach Angaben des BMU haben 2005 Öfen und Kamine rund 24.000 Tonnen an Feinstaub in die Luft gepustet, »Tendenz steigend!«. Brennholz erfreue sich wegen hoher Öl- und Gaspreise wachsender Beliebtheit. Dagegen emittierten alle Diesel-Pkw und -Lkw 2005 rund 21.000 Tonnen Feinstaub. Tendenz sinkend.
Milliardeninvestitionen in die Reinigung einer extrem regulierten Fahrzeugflotte werden offensichtlich konterkariert durch Heizen nach Herzenslust mit Holz und Kohle. Die Gesamtemission steigt, statt zu sinken. Das Problem privater Holzfeuerungen ist seit drei Legislaturperioden bekannt, inzwischen sieht das BMU »dringenden Handlungsbedarf«. Um auch die Schornsteine zu säubern, treibt die Bundesregierung eine Novellierung der Ersten Bundesimmissionsschutzverordnung voran. Im BMU liegt bereits ein Entwurf der neuen »1. BImschV« vor, im November soll das Kabinett darüber beschließen.
Laut BMU gilt es, hauptsächlich zwei Schwachpunkte zu beseitigen: Die Grenzwerte für Emissionen aus Holzheizungen von 1988 »sind veraltet«. Für kleinere Öfen, die einzelne Räume beheizen, gelten sogar überhaupt keine Grenzwerte. Dies wird sich ändern. So sollen beim Inkrafttreten der Verordnung Grenzwerte für die Staubemissionen neuer Geräte gelten, die in einer zweiten Stufe von 2015 an verschärft werden. Für die kleineren Öfen und Kamine genügt es, wenn sie eine einmalige Typprüfung durchlaufen haben. Nach der Installation werden diese »Einzelraumfeuerungsanlagen« vom Schornsteinfeger nicht mehr kontrolliert. Eine fragwürdige Großzügigkeit, denn die Emissionen von Öfen hängen entscheidend davon ab, wie sie betrieben werden: Häufiges Anfeuern, Nutzen von feuchtem Holz, viel Betrieb bei niedriger Leistung – Bedienungsfehler können die Emissionen mehr als hundertfach nach oben treiben. Doch vorgesehen ist nur eine einmalige Beratung des Hobbyheizers.
Etwas strengere Vorschriften sind für größere Hausheizungen geplant. Zunächst sollen für Neugeräte Grenzwerte gelten, »die von modernen Anlagen heute eingehalten werden können«. Für bestehende Heizungen gelten großzügige Übergangsfristen. Von 2015 an soll dann ein Grenzwert von 20 Milligramm pro Kubikmeter Abluft gelten. Einen solchen Wert erreichen heute nur wenige modernste Anlagen, etwa Pellet-Heizungen. Zum Vergleich: In der Atemluft dürfen laut EU-Tagesgrenzwert nur 50 Mikrogramm Staub stecken – ein Vierhundertstel dessen, was 2015 maximal aus dem Schornstein quellen darf. Selbst um diesen Abluftwert zu erreichen, bedarf es weiterer Entwicklungen in der Anlagentechnik. Insbesondere mit Scheitholz betriebene Geräte brauchen dann Filter – die es heute noch nicht gibt.
Das ist ein gewisses technisches Wagnis. Aber auch diese Vorschrift bringt noch keine reine Luft. Würde die Novelle nur für neue Anlagen gelten, dann wäre selbst im Jahr 2025 der Nettoeffekt gleich null. Dann würden die häuslichen Schornsteine immer noch »rund 23 Millionen Tonnen Staub emittieren. Das wäre der gleiche Stand wie heute«, heißt es in einer Hintergrundinformation des BMU. Also müssen auch Altanlagen nach jahrelangen Übergangsfristen modernisiert werden. Mit Holz heizende Hausbesitzer können heute stolz darauf sein, sich klimaneutral zu wärmen. Mittelfristig aber müssen sie mit Zusatzkosten rechnen, auch für den Schornsteinfeger. Die angeblichen Glücksbringer messen derzeit emissionstechnisch am falschen Ende: Sie kontrollieren supersaubere Gas- und saubere Ölheizungen regelmäßig gegen satte Gebühr. Die Ferkeleien im Schornstein für feste Brennstoffe haben sie noch nicht zu interessieren. Auch dieser Unfug soll sich ändern. Ohnehin fordert die EU, das deutsche Schornsteinfegermonopol abzuschaffen.
Der zuständige Abteilungsleiter im BMU, Uwe Lahl, weist Kritik an der Novelle zurück. Nach jahrelangem Stillstand sei sie ein klarer Fortschritt. Er stimmt allerdings zu, dass die herkömmlichen Holzfeuerungsanlagen »Steinzeittechnik« darstellen. Auch die Novelle führe feuerungstechnisch »nicht ins Raumzeitalter. Aber immerhin ins Mittelalter.« Ein großer Schritt für die Menschheit.
- Datum 04.10.2007 - 02:00 Uhr
- Serie audio
- Quelle DIE ZEIT, 04.10.2007 Nr. 41
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Es geht den Klagenden doch nicht um Feinstaub. Dieser wird nur als Mittel zum Zweck mißbraucht. Es handelt sich um einen ideologisch motivierten Kampf gegen das böse, böse Automobil bzw. den ganz besonders bösen, bösen LKW. Eigenartigerweise ist noch niemand auf den Gedanken gekommen, gegen die Belastung durch Pollen zu klagen. Und an Heuschnupfen leiden über 20% der Bevölkerung.
Die angeblich supersauberen Öl- und Gasheizungen emittieren jede Menge des Treibhausgases Kohlendioxid. Und der Kohlenstoff stammt aus fossilen Lagerstätten. Wenn ich solche mutmaßlich tendenziösen Artikel lese, habe ich immer den Verdacht, dass die Mineralölbranche Einfluss nehmen will. Da steht viel Geld zur Verfügung und das wird auch von Hochschulen sehr gern als Drittmittel genommen, um Forschungsarbeiten finanzieren zu können. Und dafür muss man natürlich auch Gefälligkeiten erweisen und wissenschaftliche Arbeitsergebnisse ensprechend modifizieren.
Solle man nicht konsequent sein und die Bäume in Nachbars Garten fällen lassen, die im Frühjahr soviel Feinstaub abgeben? Oder das Getreidefeld zubetonieren, bei dem man im Frühsommer die Feinstaubwolken davonziehen sieht?
Die Überschrift weckt den Eindruck hier gänge es mal wieder um Holz-Heizungs-Bashing.
Wenn man sich die Mühe macht und den langen Artikel liest, wird man aber zu der (wahrscheinlich) absolut gerechtfertigten Forderung nach Grenzwerten für Holzheizungen kommen. Solange diese nur schrittweise und über Jahre verschärft werden, ist dagegen sicher nichts einzuwenden. Solange keine K.O-Werte definiert werden, die den wirtschaftlichen Tod dieser Heizungsform mit sich bringen, habe ich nichts dagegen.
Was die Einzelöfen betrifft, so müsste die Regelung EIGENTLICH mit der von Öl-Einzelöfen harmonieren, denn diese sind, trotz sau-niedrigem Wirkungsgrad und null Filterung nach wie vor erlaubt. Ich weiß wovon ich spreche, denn ich heize selbst noch mit welchen, weil mir zZ. schlicht noch das Geld für eine neue Zentralanlage fehlt. Das dürfte auch der eigentliche Grund sein, warum es diese überhaupt noch gibt. Vor allem alte Leute heizen noch dauerhaft mit derart unbequemen und langfristig unrentablen Öfen.
Mittelfristig werden deshalb alte Öl-Einzelöfen von selbst aussterben, schon wegen dem Gestank, während solcher Luxus wie Kaminöfen einen ähnlich depremierenden Boom zu haben scheint, wie die ebenso ökologisch unsinnigen Luxus-Vans. Bevor hier also noch mehr schwer korrigierbare Tatsachen geschaffen werden, sollten für neue Öfen dieser Art, so schnell wie möglich, verträgliche Grenzwerte her.
MfG
AKu
PS: Ach, und ja, liebe ZEIT-Autoren, macht euch doch mal die Mühe zwischen den Feinstaub-Arten (Korn-Größe und Zusammensetzung) zu differenzieren und ihre gesundheitliche Wirkung entsprechend zu betrachten. Ist Holz-Feinstaub überhaupt genauso bedenklich wie der von Diesel? Diese Frage sollte zuerst geklärt werden, bevor man einen Artikel drüber schreibt.
Zitat:"In der Atemluft dürfen laut EU-Tagesgrenzwert nur 50 Mikrogramm Staub stecken – ein Vierhundertstel dessen, was 2015 maximal aus dem Schornstein quellen darf."
Was soll dieser dumme Satz? Atmet der Autor gerne direkt
aus dem Kamin? Oder denkt er an Leute die mit dem Kopf im Kamin stecken geblieben sind? Dieser Satz ist der geistige Tiefpunkt eines auf Desinformation und Stimmungsmache ausgelegten Artikels. Er unterscheidet sich nur unwesentlich von einem 2005 erschienenen Artikel. Wie damals kann ich mir die Frage nicht verkneifen: Wer hat dafür bezahlt?
P.S. Ich liebe meinen Kamin.
Herr Schuh ist offenbar schlecht informiert: http://www.ruegg-cheminee.com/ww/de/pub/produkte/partikelabscheider.htm
Natürlich kein deutsches Produkt, denn hierzulande wird lieber über Probleme gestritten und gegenseitiges Fingerzeigen praktiziert, als nach Lösungen gesucht...
Erst wird das Rauchen verboten, dann der Feinstaub, dann der Alkohol, dann die Depression, die sich einstellt, wenn alle merken, dass alle Maßnahmen nicht dazu geführt haben, das Sterben zu verhindern.
"Alkohol und Nikotin raffen die halbe Menschheit hin, doch ohne Nikotin und Rauch stirbt die andere Hälfte auch". Und das finde ich sehr tröstlich. Eine gewisse Schadenfreude stellt sich ein.
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