SACHBUCH RELIGION
Was zum Himmel schreit
Hat dieser Mann nicht recht? Wäre eine Welt ohne Religion und Glaubenseifer nicht ein besserer Ort und dem Paradies näher als die Hölle? Eine Welt ohne den teuflischen bin Laden, ohne blutrünstige Gotteskrieger, ohne den Horror der islamistischen Antimoderne? Eine Welt ohne die Heuchelei der Evangelikalen, die unter der Kreuzritterflagge der Religionsfreiheit gegen Schwule und Gottlose hetzen? Ohne einen wiedergeborenen US-Präsidenten, der eine selbst erfundene »Achse des Bösen« bekämpft und fremde Länder überfällt?
Richard Dawkins heißt der britische Evolutionsbiologe, der genau das in seinem atheistischen Manifest behauptet. Wir alle, schreibt er in seinem Buch Der Gotteswahn, könnten besser und friedlicher leben, wenn uns all das Unglück erspart bliebe, das Glaubensfanatiker aller Himmelsrichtungen über die Welt bringen.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Dawkins beschreibt die Wiederkehr der Religion nicht als politisches Phänomen, daran verschwendet er keinen einzigen Gedanken. Er beklagt auch nicht ihre Instrumentalisierung für irdische Zwecke. All das nicht. Er will der Religion, und zwar jeder, das Wasser abgraben, all den Frömmlern und Eiferern, den Fundamentalisten und Fortschrittsfeinden, deren Hirne durch das evolutionär überflüssige Gottesvirus verseucht seien. Die Religionen sollen die Bühne der Weltgeschichte verlassen und auf immer im Kehrichthaufen der Anachronismen verschwinden, sozusagen als kriminelle Fehlform der Evolution, die mehr Unheil angerichtet habe als alle Atheisten zusammen.
Gotteshypothese? Hokuspokus? Null Toleranz!
Wie jeder Religionskritiker vor ihm, so glaubt Dawkins an die Götter der Rhetorik, was sein Buch bisweilen zu einem frechen Witz verhilft, zu göttlicher Blasphemie und viel Schmiss. Auch manches Körnchen Wahrheit fällt dabei ab. Doch wo andere mit Tinte schreiben, benutzt Dawkins reines Gift. Immer wieder klingt sein pamphletistischer Dauerton hämisch, höhnisch und auf eitle Weise verächtlich. Dawkins kämpft nämlich nicht nur militant gegen die Weltreligionen, sondern auch gegen den kulturellen Respekt, den westliche Kulturen deren Anhängern entgegenbringen. Deshalb verdienen Gläubige, also unbelehrbare Anhänger des Gotteswahns, in seinen Augen keinen Millimeter mehr Achtung als jede andere Bekennergruppe auch, sagen wir: Modelleisenbahner, Schnäppchenjäger oder Pornostars. Null Toleranz gegenüber Gotteshypothese und Hokuspokus. Keinen gesteigerten Respekt für jene Menschen, die glauben, hinter den Wundern der Natur, hinter der Diskretion des Absoluten oder dem Schweigen der Räume verberge sich eine übernatürliche Macht oder gar ein persönlicher Gott.
Das Christentum: Ein grausam- archaischer Irrtum
Hat Dawkins erst einmal richtig Fahrt aufgenommen, verschafft er dem Leser das frivole Gefühl, einem Schauprozess beizuwohnen, den kein Menschenauge je gesehen hat. Tatsächlich kennen Gläubige wie Ungläubige seine Anklagepunkte gegen die Schwerverbrecherin »Religion« hinlänglich aus der Feder berühmter Atheisten. Doch gemessen an ihrem sittlichen Ernst, an ihrer Menschenliebe und Herzenswärme, ist Dawkins nur ein Winkeladvokat in den weiten Fluren des Weltgerichts.
Juden mag er nicht, Muslime sind ihm eine Plage, und von Christen hat er so grandiose Einsichten gewonnen wie diese: Wenn Jesus vor zwanzig Jahren gestorben wäre, dann trügen seine Anhänger heute elektrische Stühle statt Kreuze um den Hals. An solchen Stellen ist das intellektuelle Niveau, auf dem dieser renommierte Gelehrte das Neue Testament in die Tonne tritt, nur noch durch ihn selbst zu unterbieten und weckt melancholische Zweifel an den gerühmten Standards der angelsächsischen Wissenschaftskultur.
Kurzum, Dawkins versteht das Christentum als sadomasochistische Sühnereligion, die sich als archaischer Irrtum durch die Geschichte wälzt und jedem, dessen sie habhaft wird, die Dornenkrone aufs Haupt drückt, bis sein Blut in Strömen fließt. Der einsame Höhepunkt dieser Bibeldeutung besteht übrigens in dem Versuch, den Katholizismus als Adolf Hitlers spirituelle Hauptantriebsquelle zu entlarven. Hitler, so darf man daraus folgern, war der Ministrant seines erfundenen Gottes.
Wie beruhigend.
Kein Wunder, dass sich Dawkins die bitterste aller Fragen entgehen lässt: Die nämlich, warum das christliche Kreuz so oft als Schwert missbraucht wurde, warum Heerscharen von Kreuzrittern, Teufelsaustreibern und Hexenjägern in Gottes Namen halbe Erdteile zerstörten und die Seelen ihrer Schutzbefohlenen verwüsteten. Wie konnte eine radikale Friedensbotschaft in eine Kriegserklärung verwandelt werden? Warum pinseln amerikanische Christenmenschen infinite justice auf ihre Bomben, mit denen sie afghanische Dörfer in Friedhöfe verwandeln? Solche Fragen schreien zum Himmel, aber Dawkins ist dafür taub. Weil aus dem Monotheismus außer Mord und Totschlag ohnehin nichts Gutes kommen kann, bleibt ihm der Distanzschmerz zwischen Wahrheit und Wirklichkeit fremd. Alles falsch, alles verworfen, von Anfang an. Was an Moral in der Bibel stecke, habe nur dazu gedient, den Blutrausch der Gotteskrieger zu mäßigen, damit sie Luft holen konnten für den nächsten Völkermord. Verglichen mit dem Gott der Bibel, ist für Dawkins selbst der Teufel noch ein Engel.
Unbedingt wahr ist nur die Evolutionslehre
Aber im Ernst niemand wird in diesem gnadenlosen Atheismus theologische Feinheiten vermissen, einen leisen Hauch exegetischer Gerechtigkeit, den Dawkins einem fundamentalistischen Kritiker Darwins völlig zu Recht abverlangen würde. Theologische Finessen wären allerdings auch unerheblich, weil das Buch über weite Strecken unerheblich ist. Es ist nur als Dokument von Interesse, nämlich als Tatbeweis für die nassforsche Gesinnungslage jener viel gerühmten »Dritten Kultur«, die von dem amerikanischen Literaturagenten John Brockman weltweit vermarktet wird und die sich in die akademische Szene mit der Behauptung einschmeichelt, sie strebe nach nichts anderem als nach der zärtlichen Versöhnung von Geistes- und Naturwissenschaften.
Wer dieser süßen Leimrute bislang gefolgt ist, sollte Dawkins Dämonologie lesen. Ihm gebührt das Verdienst, die Arglosen darüber in Kenntnis zu setzen, wie man sich diese »Dritte Kultur« vorzustellen hat nämlich als krude Mischung aus eifernder Wissenschaftsreligion und Rabiataufklärung, die in der Welt nur das duldet, was ihre Erkenntnistheorie zuvor amtlich erlaubt hat. Heraus kommt ein ausnehmend hochmütiges, neodarwinistisches Weltbild, das im Vollgefühl seiner allein selig machenden Wahrheit den Gott des Naturalismus anbetet und am Ende die Frage aufzwingt, ob Dawkins biologistische Kirche nicht ein gut Teil Schuld daran trägt, dass die neue amerikanische Pest, der Kreationismus, so erfolgreich die geistige Landschaft verstrahlt.
Und warum versprüht die »Dritte Kultur« so viel Gift? Warum straft sie selbst jene Wohlmeinenden mit Verachtung, die sie doch auf ihre Seite bringen müsste? Zum Glück lässt Dawkins die Katze rechtzeitig aus dem Sack und gibt zu erkennen, was seinen säkularen Zorn auf Touren bringt: Die religiöse Orthodoxie spucke den Naturwissenschaftlern zu oft in die Suppe und mache ihnen das Leben zur Hölle. Wie man das verstehen darf? Vielleicht so: Gut bestallte, vom Gottesvirus befallene Theologen, die nichts beweisen können, nicht einmal sich selbst, hocken mit moralisierendem Jammerblick auf den Endmoränen ihrer Ahnungslosigkeit und wollen mitreden, anstatt bei einem guten Glas Messwein auf die neuesten Entdeckungen der allmächtigen Genforschung anzustoßen.
Das ist wenigstens ehrlich. Dawkins schlägt den Sack des Fundamentalismus, um den Esel, die religiöse Moral, zu treffen. Daraus spricht die gekränkte Eitelkeit des Evolutionsbiologen und Genforschers, der die Weisheit mit Darwins Löffeln gefressen und die Wahrheit seines (Forscher-)Lebens gefunden hat. Diese Wahrheit zu vertreten ist sein gutes Recht und verdient allen Respekt. Der Streit beginnt dort, wo Dawkins seiner Evolutionslehre eine unbedingte Wahrheit entnimmt, die jede andere, nichtbiologische Wahrheit ausstechen soll. Eine dieser seltsamen Wahrheiten lautet, dass kulturelle und religiöse Weltbilder als »Meme« zu verstehen sind, die sich analog zu den Genen in menschlichen Hirnen weiterverbreiten und dann, falls etwas schief läuft, viel Unheil anrichten so wie die abgelebte Religion, die sich einer memetischen Fehlverbreitung verdankt, gegen die man, so wäre zu folgern, die Menschen eigentlich impfen müsste.
Die andere, für Dawkins evolutionär unabweisbare Wahrheit ist der Zwang zur gentechnischen Selbstverbesserung der Menschheit, vulgo zum Basteln im Körper des anderen. Wie man aus seinen älteren Einlassungen weiß, ergibt sich diese Forderung zwingend aus dem Stand der Evolution. Es ist eine evolutionäre Notwendigkeit, die Menschheit genetisch auf Vordermann zu bringen - es ist evolutionär unabweisbar, der Schöpfung auf die Sprünge zu helfen und ihre Geburtsfehler zu korrigieren. Nur Theologen und andere Geisteskranke können daran zweifeln.
So ist am Ende das Komplizierte wieder ganz einfach. Als Genforscher, der er auch ist, verfolgt Dawkins ganz eigene Interessen. Weil seine Forschungsdisziplin endlich frei schalten und walten möchte, Pardon: weil sie selbst Gott spielen will, ist ihr der Gott der Moral massiv ein Dorn im Auge. Religiöse »Bedenkenträger« hemmen den Fortschritt und beleidigen die unergründliche Weisheit der Evolution. Also weg mit ihnen.
Richard Dawkins: Der Gotteswahn
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel - Ullstein Verlag, Berlin 2007 - 576 S., 22,90
- Datum 13.3.2009 - 13:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.41 vom 04.10.2007, S.L63
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