Anderthalb Takte sind es nur, bis die Violine mit dem ersten Thema einsetzt, als stieße jemand eine leichte, spitze Klinge in samtenen Stoff: ein Augenblick absoluter Schönheit - höchste Bewegung und innigste Ruhe werden eins. Ihm schwirre da ein Konzert in e-Moll im Kopf herum, »dessen Anfang mir keine Ruhe lässt«, schreibt Felix Mendelssohn bezeichnenderweise einmal an den Geiger Ferdinand David, der das Stück nach sieben Jahren »Revisionskrankheit«, wie der Komponist selber einräumt, endlich 1845 im Leipziger Gewandhaus uraufführen darf. Monate zuvor jedoch geht eine andere Fassung an den Kopisten, und auf die stützt sich jetzt Daniel Hope in seiner mitreißenden Interpretation. Abgesehen von später eliminierten Oktavierungen ist vor allem die zwischen Durchführung und Reprise des Kopfsatzes eingesetzte Kadenz bemerkenswert. Hope spielt sie so, wie sie wohl zunächst von Mendelssohn gemeint war: nämlich weniger als Virtuosenstück, sondern vielmehr als dunkle, gedankenschwere Reflexion. Den Rest des ersten Satzes, den man von anderen großen Geigern lebhaft und sehr leidenschaftlich (eben: Allegro molto appassionato) interpretiert kennt, zündet Hope zusammen mit dem Chamber Orchestra of Europe unter Thomas Hengelbrock einfach an, schließlich steht über der Fassung von 1844 eine andere Satzbezeichnung als in der dann endgültigen: Allegro con fuoco.

Mit dem Mendelssohn-Konzert hat es für Daniel Hopes Leben eine ganz eigene Bewandtnis. Er ist fünf Jahre alt und zusammen mit seinen Eltern erst ein paar Jahre wieder aus Südafrika zurück, als sie ihn in die Londoner Royal Festival Hall mitnehmen, wo Pinchas Zukerman mit dem e-Moll-Konzert gastiert. » Die Musik«, notiert Daniel Hope gut dreißig Jahre später, »verführte meine Ohren, mein Herz und meine Seele.« Und da er schon Geige spielt und bereits beeindruckend gut für einen Knirps , sagt er seinem Vater, dass als Nächstes wohl Mendelssohn auf dem Plan stünde. Natürlich antwortet der Vater, was Väter dann so antworten, nämlich: »Alles zu seiner Zeit.« Bis Daniel Hope sich an Mendelssohn herantrauen darf, vergehen noch Jahre. Auf Probe jedoch lässt sich der Junge monatelang Abend für Abend von einer schnell besorgten Aufnahme in den Schlaf singen.

Die Mendelssohn-Episode ist nicht die einzige faszinierende Geschichte, der Hope in seinem Buch Familienstücke. Eine Spurensuche nachgeht. Liebevoll beschreibt er sein Verhältnis zu Yehudi Menuhin, das sich anbahnt, als Hopes Mutter bei dem weltberühmten Violinisten in Highgate Village im Londoner Norden Arbeit als Sekretärin findet.

Eleanor Hope, geborene Klein, ernährt mit ihrem Job die Familie, während der Vater, Christopher Hope, an einem später viel beachteten und reichlich geschmähten Anti-Apartheids-Roman A Seperate Development schreibt. Der junge Daniel geht derweil ein und aus bei Menuhins, wo am einen Tag Mstislaw Rostropowitsch und am anderen Ravi Shankar aufkreuzen, um Musik zu machen. Das Kapitel heißt nicht von ungefähr Es lag in der Luft. Hope ist es gleichwohl weniger daran gelegen, eine frühe Autobiografie abzuliefern. Hauptsächlich rekapituliert er die verwickelte Historie seiner Familie, ausgehend von einem Satz, der ihm von seinen Urgroßeltern, den Juden Margarete und Wilhelm Valentin, überliefert worden ist. Er hört sich fast an wie Tania Blixens Beginn von Out of Africa in einer großbürgerlichen deutschen Variante: »Wir hatten einst diese Villa in Dahlem.« Die Valentins wurden 1935 zum Verkauf und zur Emigration genötigt. Sie zogen nach Südafrika.

Jahrzehnte später sucht Hope das Haus in Berlin auf und entdeckt, dass in den Mauern von 1936 bis 1939 die Jüdische Waldschule Kaliski untergebracht war. Später zieht das Reichsaußenamt unter Joachim Ribbentrop ein - heute dient es dem Deutschen Archäologischen Institut.

Hope beginnt nun selber zu graben, Wurzeln freizulegen. Er fühlt sich heute als Brite, obwohl er (aufgrund der irischen Vorfahren väterlicherseits) einen Pass der Inselrepublik hat. Im Übrigen ist er katholisch getauft, aber protestantisch konfirmiert worden und hat schließlich eine deutsche Frau geheiratet. Wenn er also gefragt wird, wer er sei, wäre es das Beste für Daniel Hope, er bezeichnete sich als Weltgeiger, der er ist. Noch besser wäre es wahrscheinlich, er sagte nichts, sondern spielte den langsamen Satz aus dem e-Moll-Konzert. Es ist Musik, so wundervoll, dass sie wirklich jeder versteht.

Felix Mendelssohn: e-Moll-Violinkonzert