Nobelpreis Mister Festplatte
Der Physiknobelpreis geht nach Deutschland – welch ein schönes Beispiel für den Transfer von Wissen aus dem Labor auf den Markt! Ein Kommentar
Es ist ein Triumph, wie er symbolhafter kaum sein könnte. Der Physiknobelpreis des Jahres 2007 geht zur Hälfte nach Deutschland, an den Jülicher Festkörperphysiker Peter Grünberg .
Sie verstehen nichts von Physik? Macht nichts. Über Grünbergs Arbeit müssen Sie nur wissen, dass ohne sie dieser Text so nicht entstanden wäre. Ohne sie gäbe es kein digitales Familienalbum auf Ihrer Computerfestplatte, keine tragbare Musiksammlung – und keine pünktlich erscheinende moderne Wochenzeitung.
Die dazu notwendigen Daten werden auf Computerfestplatten in Form magnetischer Felder gespeichert. Wenn Festplatten immer mehr Daten aufnehmen und nach Möglichkeit auch noch immer kleiner werden sollen, müssen die Informationen dichter gepackt werden. Die Magnetfelder werden dabei kleiner und schwächer, sie zu lesen wird schwieriger. Ende der neunziger Jahre etablierte sich eine völlig neue Lesetechnik. Sie basiert auf einem physikalischen Effekt, den eben der Deutsche Peter Grünberg und der Franzose Albert Fert 1988 unabhängig voneinander entdeckt haben, dem Riesenmagnetowiderstand, auf Englisch giant magnetoresistance oder kurz GMR.
Der Nobelpreis ist symbolträchtig, weil er zeigt, dass in Deutschland allem Gerede über die amerikanisch-asiatische Übermacht zum Trotz konkurrenzfähige Spitzenforschung stattfindet. Der deutsche Elektrotechniker Karlheinz Brandenburg wird für seine Entwicklung eines Verfahrens zur Datenkompression weltweit als Mr. MP3 gefeiert. Peter Grünbergs Titel müsste Mr. Festplatte lauten. Zwei deutsche Forscher liefern die Grundlagen für die Speichertechnik des Informationszeitalters.
So bedeutend ist der Nobelpreis auch deshalb, weil er an einen deutschen Forscher verliehen wird, der in Deutschland forscht. 1998 wurde Horst Störmer ausgezeichnet. Er arbeitete damals an der Columbia University in New York. Günter Blobel, Preisträger 1999, forschte an der New Yorker Rockefeller University. Im Jahr 2000 ging die Auszeichnung an Herbert Krömer, University of California in Santa Barbara, 2002 an Wolfgang Ketterle vom Massachusetts Institute of Technology in Boston. Auch Theodor Hänsch, Physiknobelpreisträger 2005, hatte fast zwanzig Jahre an der Stanford University verbracht.
Peter Grünberg hat in Frankfurt und Darmstadt studiert und 32 Jahre lang am Forschungszentrum Jülich gearbeitet. Er beweist: Ein wissenschaftlicher Durchbruch ist auch ohne amerikanische Umwege möglich.
Der Jülicher Erfolg zeigt aber ebenso, dass es gelungen ist, das ehemalige Kernforschungszentrum in einen modernen Wissenschaftscampus zu verwandeln, den größten in Deutschland. Grünbergs Fachgebiet, die Festkörperphysik, war eines der Felder, das dem Forschungszentrum nach dem Wegfall seiner alten Aufgabe neues Profil verleihen sollte. Die Strategie geht auf.
Der Preis ist jedoch nicht nur eine Genugtuung für jene, die den Forschungsstandort Deutschland schon immer für besser hielten als seinen Ruf. Er ist auch eine Handlungsanweisung für die künftige Forschungspolitik.
Peter Grünberg ist ein Musterbeispiel für den oft angemahnten Wissenschaftstransfer vom Labor auf den Markt. Der Physiker hat seine Entdeckung 1988 gemacht und sogleich zum Patent angemeldet – noch vor den Franzosen; das erste Produkt kam bereits neun Jahre später auf den Markt. Sein wirtschaftlicher Erfolg liefert ein schlagendes Argument für die Bedeutung der Grundlagenforschung, die manchmal schneller als erwartet zu lohnenden Anwendungen führt.
Emeritierte Forscher sollten nicht zu rasch aufs Altenteil abgeschoben werden, auch das lehrt dieser Preis. Physiknobelpreisträger Theodor Hänsch kann – so die Zwänge des deutschen Dienstrechts – nur mit Hilfe privater Stifter in München weiterarbeiten. Peter Grünberg hat in Jülich größere Freiheiten und verbringt auch nach seiner Emeritierung noch immer zwei Tage in der Woche im Labor.
Eine bittere Nachricht aber hält auch dieser Preis bereit: Spitzenforschung findet in Deutschland vor allem außerhalb der Hochschulen statt, an Max-Planck-Instituten oder wie in Jülich an Helmholtz-Zentren. Deshalb ist die Auszeichnung auch eine Mahnung: Forschungszentren und Universitäten müssen enger zusammenarbeiten, die Hochschulen besser ausgestattet werden. Jülich und Aachen haben entsprechende Pläne geschmiedet. Die werden jetzt beispielhaften Auftrieb erhalten.
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- Datum 10.10.2007 - 02:00 Uhr
- Serie audio
- Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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