Walter Kempowski, Zeitgenosse, Schriftsteller, poetischer Chronist der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist tot. Er starb an Krebs - in seiner zurückhaltenden, schmucklosen, doch lapidaren Sprechweise gestand er unlängst mit einem verschmitzten Lächeln, seine Lebensarbeit habe er unter Dach und Fach gebracht.

1929 als Sohn eines Reeders in Rostock geboren, erlebte er die Zeit des Nationalsozialismus als unwilliger Schüler und unüberzeugter Hitlerjunge, arbeitete nach dem Krieg in einem Versorgungsbetrieb der U. S. Army in Wiesbaden, wurde auf dem Weg zu einem Besuch in Rostock wegen angeblicher Spionage verhaftet und zu 25 Jahren Haft verurteilt.

Acht Jahre verbüßte er in Bautzen, bevor er Volksschullehrer wurde und sich im niedersächsischen Nartum niederließ.

Orte, Daten, Ereignisse eines Lebens, das ein leidenschaftlich Schreibender zur Sprache brachte und auf suggestive Weise ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte beschwörte. Zu Beginn seines Romans Uns gehts ja noch gold erfahren wir vom Einzug der Sowjetarmee in seine Heimatstadt: In knapper Sprache, spannend und wirklichkeitsgesättigt, erzählt Kempowski diese Begebenheit, hebt sie jedoch mitten im Text durch einen Vers aus dem Gedicht Hunnenzug von Börries von Münchhausen in eine gespenstische Dimension. Jäh verwandelt sich das Bild in eine neu erfundene Realität. Walter Kempowski ist ein unnachgiebiger Zeuge seiner Zeit, ein Schriftsteller, der in seinen autobiografischen Romanen nichts erklärt, sondern erzählt.

Er beschreibt Realität nicht, er jagt sie durch die Mühle des Denkens

Obwohl die Einzelgeschichten der fünf Romane seiner deutschen Chronik alle in historisch geortetem Raum und in einer historisch festgelegten Zeit spielen, die Personen mit realen Namen genannt und mit verbürgten Ereignissen verbunden sind, könnte uns Kempowskis Motto »Alles frei erfunden!« irritieren. Manche Leser fragen: Versteckt er sich listig hinter den Tatsachen? Suggeriert er uns, Erfundenes sei weniger ernst zu nehmen als das Tatsächliche, die vorstellbaren Augenblicke des Wohlbefindens weniger tiefgreifend als die konkreten Glücksmomente, das Miterleiden fiktiver Greuel weniger erschütternd als das Hörensagen realer Grausamkeiten? Unsere frühen Begegnungen haben uns gemeinsame Einverständnisse entlockt: Uns beide reizt es, dem Seriösen das Heitere, dem Tragischen das ihm innewohnende Komische abzugewinnen. Walter Kempowskis Bemühung, seine »verlorene Lebensprovinz Kindheit und Familie wieder in eine reale Existenz zu erzählen« wie Manfred Dierks es ausdrückt , verlangt nach offener Erzählung, die keinen absoluten Gesetzen gehorcht oder nach Logik oder gar nach Wahrheit schreit.

Fest im Gedächtnis geblieben sind mir die Nartumer Literaturtage mit ihren Lesungen und Diskussionen in Kempowskis Kreienhoop. Bei schönem Wetter und es war zumeist allerschönstes Wetter saßen wir mit Schriftstellern und Schriftstellerinnen hinter dem Haus und lasen uns gegenseitig unsere jüngsten Ergüsse vor. Walter hielt sich meist mit einem süffisanten Lächeln zurück, seine Frau Hildegard brachte Kaffee und Kuchen, wir aßen, tranken und schwadronierten, und wenn Walter mich bat, mit ihm durch die kleine Allee zu spazieren, unterhielten wir uns stets angeregt und immer auf treffende Beispiele bedacht über das, was uns nach wie vor stark beschäftigte. Wir sprachen nie über politische Tagesereignisse oder verirrten uns in gesellschaftliche Grundprobleme: Wir plauderten über unsere Zeit als Volksschullehrer.