Exzellenz Im Höhenflug

Erst zwei deutsche Nobelpreise, am Freitag neue Elite-Unis - die Wissenschaft jubelt. Doch wie forscht und lehrt es sich eigentlich an einer Siegeruniversität?

So stellt man sich eine Elitehochschule eigentlich nicht vor: In der Ludwig-Maximilians- Universität München (LMU) – vergangenes Jahr zu einer von drei deutschen »Spitzen-Unis« gekürt – krachten im Mai während einer Vorlesung mehrere Quadratmeter Stahlgitter und Putz herunter. Zum Glück kam niemand zu Schaden. Aber der Hörsaal musste tagelang gesperrt werden.

»Das Gebäude ist eine einzige Baustelle« , klagt der Asta-Vorsitzende Thomas Honesz. »Alles ist marode.« Während die Forschungszentren in Garching oder Martinsried mit Neubauten in Glas und Stahl glänzen, verfällt in den alten Gebäuden in der Stadtmitte die Bausubstanz. Rund drei Milliarden Euro beträgt der Sanierungsbedarf an den 40 bayerischen Universitätsstandorten in den nächsten zehn Jahren. Und da will man künftig mit den besten Hochschulen der Welt konkurrieren?

Der Vorfall an der LMU wirft ein bezeichnendes Licht auf die Situation der deutschen Universitäten. Einerseits sind sie – nicht nur in Bayern – seit Jahren chronisch unterfinanziert, klagen über renovierungsbedürftige Gebäude, bürokratische Fesseln und überfüllte Vorlesungen. Die LMU beispielsweise ist für 25000 Studierende ausgelegt und ächzt derzeit unter dem Ansturm von 45000. Andererseits sollen dieselben Unis dank der Exzellenzinitiative nun plötzlich Anschluss an die Weltspitze finden.

»Brain up!« hieß der verkorkste Slogan, unter dem die frühere Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn vor drei Jahren den Elitewettbewerb einläutete. Der schräge Anglizismus war getilgt, als 2006 die ersten Sieger des Uni-Castings gekürt wurden. Der Anspruch ist geblieben: Die Exzellenzinitiative soll »Leuchttürme« identifizieren, die aus der deutschen Universitätslandschaft herausragen und im internationalen Wettbewerb um die klügsten Professoren und Doktoranden mithalten können. Zwar werden dabei ausschließlich Forschungsleistungen prämiert; die Lehre – das ist das größte Manko des Wettbewerbs – bleibt außen vor, und die meisten Studierenden haben von der Exzellenzinitiative gar nichts. Dennoch hat sie einen Prozess angestoßen, der auf lange Sicht das deutsche Hochschulsystem grundlegend verändern wird.

Zeit für eine erste Bilanz, bevor am 19. Oktober die Sieger der zweiten Runde bekannt gegeben werden. Während acht neue Kandidaten um den Titel »Spitzen-Uni« buhlen, empfiehlt sich der Blick auf die letztjährigen Gewinner. Wie ist es ihnen ergangen, was haben die Fördermillionen gebracht – und wie gerechtfertigt ist die Warnung vor dem »akademischen Kapitalismus«, die der Bamberger Soziologe Richard Münch in der ZEIT (Nr. 40/07) artikulierte ? Für Kritiker wie Münch ist der Wandlungsprozess der Anfang vom Ende: »Nun also sollen Universitäten zu Unternehmen gemacht werden«; aus Forschern würden »Punktejäger«, und an Stelle der bisherigen Vielfalt des Wissens schaffe man eine »wissenschaftliche Monokultur«.

Die Bayern sonnen sich in ihrem Triumph und üben Headhunting

Wenn dieser Vorwurf jemand treffen muss, dann ist es Wolfgang Herrmann. Der Präsident der Technischen Universität (TU) München hat seiner Hochschule schon vor Jahren einen radikalen Reformkurs verordnet und ist im Elitewettbewerb mit dem zackigen Slogan »TUM. The Entrepreneurial University« angetreten. Die »unternehmerische Universität« hat ein Corporate Concept entwickelt, das auf Headhunting und Fundraising setzt und als Glanzlicht das TUM Institute for Advanced Study vorsieht, in dem exzellente Forscher – frei von bürokratischen Zwängen – kreative Ideen entwickeln dürfen.

Für dieses Konzept wurde die TU – neben der LMU und der TH Karlsruhe – zu einem der deutschen »Uni-Leuchttürme« gekrönt und bekam 150 Millionen Euro zugesprochen. Und der ebenso krachlederne wie pfiffige Herrmann (Motto: »Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg«) durfte sich wieder einmal in einem Triumph sonnen, der ihn an anderen Hochschulen seit Langem suspekt macht.

Es gehe gerade nicht, wie der Soziologe Münch schreibe, um »Monokulturen«, sondern im Gegenteil um die Möglichkeit, frei und unabhängig neuen Ideen nachzugehen, sagt Herrmann. Dazu aber müsse man »Forschergruppen aufbauen, die so groß und vernetzt sind, dass sie international erfolgreich sein können, und sich nicht blamieren, wenn sie auf Kongressen in Japan oder den USA auftreten«.

Begeistert schwärmt der TU-Präsident von den Optionen, die sich seinen Wissenschaftlern nun eröffneten: angefangen von den neuen Forschungsschwerpunkten in den »Exzellenzclustern« zu Kosmologie, künstlicher Intelligenz oder Nanoforschung bis hin zu einem idyllisch gelegenen Study & Residence Center in einem ehemaligen Zisterzienserkloster. Bei der Umsetzung solcher Pläne habe das Elitelabel seiner Hochschule einen Schub gegeben. Sponsoren und Mäzene ließen sich nun leichter gewinnen. Unternehmen haben die Uni flächendeckend mit WLAN-Zugängen ausgestattet oder Stipendien für die Graduiertenschule bereitgestellt; der Autobauer BMW finanziert den Bau des Institute for Advanced Study sogar gleich mit zehn Millionen Euro.

Wer an der falschen Uni sitzt, der hat Pech gehabt. Er gehört zum Bodensatz

Nun könnte man nach solchen Hymnen auf den eigenen Großerfolg den Eindruck gewinnen, Kritiker wie Münch hätten doch nicht ganz unrecht, und die Mittel der Exzellenzinitiative dienten letztlich nur der Stärkung des »technisch-industriellen« Komplexes, der als ebenso geistlos wie marktverliebt gilt. Wäre da nicht Hannemor Keidel. Die Vizepräsidentin der TU München, eine ruhige und zurückhaltende Dame, repräsentiert als Politikwissenschaftlerin eher die nachdenkliche Fraktion in der TU. Doch auch sie lobt die Reformen – wobei sie vor allem die Frauen- und Familienförderung im Sinn hat. Denn ein dicker Batzen der Exzellenzmittel, rund sieben Millionen Euro, stehen einem neu gegründeten Gender Board zur Verfügung, das nun Sozialpädagoginnen einstellen, Kinderbetreuung finanzieren oder Gleichstellungsprogramme anstoßen kann.

»Solche Aktivitäten gab es zum Teil zwar schon vorher, aber sie wurden meist nicht so ernst genomen«, sagt Keidel. »Seit dem Exzellenzprozess hat sich das definitiv geändert.« Gerade auf solche Programme legten die internationalen Gutachter großen Wert; schließlich sind Frauen im deutschen Wissenschaftssystem seit Jahren unterrepräsentiert, und Professorinnen haben es sehr viel schwerer als ihre Kolleginnen im Ausland. Dass ausgerechnet die TU München in diesem Bereich eine Vorreiterrolle übernimmt, darf als kleine Sensation gelten.

Doch wie sieht es bei den Verlierern der Exzellenzinitiative aus? Sucht man nach kritischen Stimmen, macht man schnell die Erfahrung, dass selbst jene den Elitewettbewerb loben, die noch nicht auf dem Siegertreppchen standen. Allerorten wird die Aufbruchstimmung gepriesen, jeder Uni-Präsident schwärmt von den Projekten, die im Zuge der Bewerbung an seiner Hochschule entstanden seien. »Der Exzellenz-Wettbewerb ist schon deswegen ein außerordentliches Ereignis, weil er Universitäten dazu provoziert, das zu tun, wofür sie eigentlich da sind: denken«, betont Christoph Markschies, Präsident der (bislang wenig erfolgreichen) Humboldt-Universität Berlin.

Wie ehrlich sind solche Bekenntnisse? Schließlich wird niemand einen Wettbewerb schlecht reden, in dem er sich (wie die Humboldt-Universität) noch Hoffnungen auf einen Sieg ausrechnen kann. Nur wenige wagen offene Kritik. Einige dieser Stimmen versammeln die Berliner Gegenworte (Heft 17). Dort beklagt zum Beispiel der Geologe Gregor Markl von der Universität Tübingen die »Kollateralschäden« im Kampf um den Exzellenzstatus. Plötzlich habe man eine »aus drei Klassen bestehende Universitätslandschaft«, in der es neben einer von Gutachtern ernannten Ivy League auch einen umfangreichen Bodensatz, »fast möchte man sagen: den Abschaum« gebe.

Zwar hält auch Markl den inhaltlichen Wettbewerb um originelle Ideen für Graduiertenschulen und Exzellenzcluster für »gelungen und unterstützenswert«; doch die sogenannte dritte Förderlinie, in der Universitäten als Ganzes ausgezeichnet werden, führe dazu, »dass man eine große Zahl von bislang hervorragenden Wissenschaftlern zum ausdrücklich nicht elitefähigen Rest degradiert hat, nur weil sie an der ›falschen‹ Universität sitzen«.

Um diese Nebenwirkungen wissen auch jene, die derzeit auf der Sonnenseite stehen. »Der Elitewettbewerb setzt das System gewaltig unter Spannung«, sagt Bernd Huber, der Präsident der LMU München, und es sei nicht einfach, diese Spannung auszuhalten. »Natürlich gibt es auch in Tübingen hervorragende Wissenschaftler«, betont Huber, und der Erfolg im Wettbewerb hänge oft an sekundären Faktoren – »ob man die richtigen Leute zur richtigen Zeit zusammenbringt, ob es bereits eine Kultur der Kooperation an der Uni gibt, ob das Umfeld stimmt«. Aber solche Härten gegenüber dem Einzelnen seien nun einmal der Preis, den der jetzt angestoßene Profilbildungsprozess fordere. »Der Wettbewerb ist extrem reputationsfördernd – aber bei Misserfolg auch extrem reputationsschädigend.«

Welche Schlussfolgerung man daraus zieht, hängt wohl von der Perspektive ab. Aus Tübinger, Hamburger oder Kölner Sicht mögen die Kollateralschäden überwiegen. Dort mustern schon erste Nachwuchswissenschaftler ab, um nach München oder Karlsruhe zu gehen. Aus internationaler Perspektive ist das allerdings genau der Effekt, der mit der Exzellenzinitiative intendiert war. Denn im globalen Wettbewerb um exzellente Professoren und Studenten können nur jene mithalten, die weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus Strahlkraft entwickeln. Und dazu braucht es, wie Bernd Huber sagt, einfach eine »kritische Masse«.

Der Präsident der LMU hat bereits erfahren, welche Wirkung der Wettbewerb im Ausland entfaltet. Vor wenigen Wochen hat er den ersten Kooperationsvertrag mit der kalifornischen Eliteuniversität Berkeley geschlossen, der den Austausch und die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern erleichtert. Weitere Partnerschaften sollen folgen. »Ohne den Sieg in der Exzellenzinitiative wäre uns das kaum gelungen«, sagt Huber. Dass die LMU nun auch zur Elite zählt, hatte man in Berkeley genau registriert.

Es zeugt von diplomatischem Geschick, dass der Wirtschaftswissenschaftler Huber den Schwerpunkt dieser »Schlüsselkooperation« zunächst auf die Geisteswissenschaften legt. Denn diese gingen bislang – an der LMU wie bundesweit – in der Exzellenzinitiative weitgehend leer aus. Unter insgesamt 17 bewilligten deutschen Exzellenzclustern nur ein einziges geisteswissenschaftliches Forschungsvorhaben, unter drei Spitzen-Unis zwei mit technischer Ausrichtung – verheerender hätte das Ergebnis aus Sicht der Geisteswissenschaften kaum ausfallen können.

Dass diese Disziplinen insgesamt nur wenige Anträge gestellt hatten, dass ihnen die Arbeit in großen Forschungsverbünden nicht so liegt und dass die geisteswissenschaftlichen Gutachter mit ihresgleichen härter ins Gericht gegangen waren als die Naturwissenschaftler – all das mochte das Ungleichgewicht verständlich machen. Akzeptabler wurde es dadurch nicht.

Dass nun, in der zweiten Runde, wesentlich mehr geisteswissenschaftliche Anträge in die Endausscheidung gekommen sind, registriert man allseits mit Erleichterung. Auch die LMU – die im vergangenen Jahr gleich drei naturwissenschaftlich-technische Exzellenzcluster gewonnen hat – hofft auf einen Erfolg ihrer Geisteswissenschaftler. Das sei für ihn »von ganz zentraler Bedeutung«, sagt LMU-Präsident Huber. Nicht nur, weil jeder Gewinn eines Clusters mit 30 bis 40 Millionen Euro zu Buche schlägt, sondern auch, weil das den Status einer exzellenten »Volluniversität« besonders unterstreichen würde.

Den Titel gab es nicht für Geleistetes, sondern für vollmundige Versprechen

Vielleicht sollte man die Münchner U-Bahn-Linie 6 in »Exzellenzlinie« umbenennen. Denn jeweils an ihren Endpunkten, in Garching und Martinsried, liegen die Hightech-Campus der TU respektive der LMU, dort sind die neu eingerichteten Exzellenzcluster beheimatet. Wobei der Begriff Heimat etwas übertrieben ist: Noch ist von den geplanten Forschungszentren kaum etwas zu sehen. Denn für Baumaßnahmen dürfen die Exzellenzgelder nicht ausgegeben werden, die Forscher müssen sehen, wo sie unterkommen. Für die Nanosystems Initiative Munich wurden behelfsmäßig ein paar Wohncontainer aufgestellt, der Cluster Origin and Structure of the Universe residiert in einer kleinen Baracke, die auf dem Gelände des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik leer stand.

Dort sitzt, etwas verloren, der erste Nachwuchsgruppenleiter an seinem Computer und rechnet sich schon einmal warm. Rund vierzig Jungforscher sollen einmal die Kosmologiebaracke mit Leben füllen und den Kern des Weltallclusters bilden. Aber bis das Haus voll ist, wird es noch dauern. »Wirklich gute Leute sitzen meist auf längerfristigen Stellen. Die bekommt man nicht so schnell«, sagt Andreas Burkert. Seit über einem Jahr arbeitet der Astrophysiker an der Organisation dieses Forschungsverbunds, in den einmal mehrere Hundert Forscher eingebunden sein werden – aus der TU, der LMU, vier Max-Planck-Instituten und weiteren Einrichtungen.

Unzählige Details müssen Burkert und sein Kollege Stephan Paul klären. Wie verteilt man die Kosten zwischen den verschiedenen Partnern? Wer finanziert Umbaumaßnahmen, wer kommt für die Wartungsarbeiten an den Computern auf und, und, und. »Was früher einfach war, wird kompliziert«, fasst Burkert seine Clustererfahrung zusammen.

Er selbst ist schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr zum eigenständigen Forschen gekommen. Nichtsdestotrotz ist er von den neuen Möglichkeiten begeistert. »Wir hatten hier in Garching schon bisher viele exzellente Gruppen, in der Astrophysik ebenso wie in der Kern- oder Elementarteilchenphysik. Aber den großen Wurf, sie alle einmal miteinander ins Gespräch zu bringen, schaffen wir erst jetzt«, schwärmt Burkert. Das interdisziplinäre Arbeiten könnte zu ganz neuen Einsichten führen, glaubt der Forscher und zitiert als Beleg den Astrophysiker Jeremiah Ostriker von der Universität Princeton, einen der einflussreichsten Theoretiker der Gegenwart. »Ostriker hat hier kürzlich in einem Vortrag gesagt, in München könnte das neue Zentrum der Kosmologie entstehen – und das sagt der nicht aus Höflichkeit. Für den war bisher einzig und allein Princeton das Zentrum«, erzählt Burkert stolz.

Freilich haben die Kritiker in einem Punkt recht: Was der Exzellenzwettbewerb prämiert, sind im Wesentlichen Pläne; die Sieger hätten »nicht aufgrund des bisher Geleisteten« ihren Titel bekommen, schreibt Markl, »sondern wegen der vollmundigen, gut durchdachten, aber eben nur angekündigten Versprechung«.

Auf dem Papier nehmen sich die geplanten Münchner Kooperationen eindrucksvoll aus. Die TU und die LMU haben ihre lokalpolitische Konkurrenz überwunden und viele Cluster gemeinsam geplant; und sie haben das exzellente Münchner Umfeld genutzt, mit einem knappen Dutzend Max-Planck-Instituten, diversen Großforschungseinrichtungen, Gründerzentren und Industrielabors. Diese geballte wissenschaftliche Kraft hat ihre Wirkung auf die Gutachter nicht verfehlt. Aber eine Garantie für neue, originelle Ideen bieten selbst solche Monsterkooperationen nicht. Man darf in diesem Zusammenhang ruhig wieder einmal an Albert Einstein erinnern, der die revolutionärsten physikalischen Ideen des vergangenen Jahrhunderts im Alleingang, ganz ohne Forschungsnetzwerk und Corporate Concept , entwickelt hat.

Auch für Exzellenzforscher gilt der bundeseinheitliche Besoldungstarif

In Karlsruhe bezieht sich das Zukunftsversprechen auf die Vereinigung mit der dort ansässigen Großforschungseinrichtung zum KIT, dem Karlsruher Institut für Technologie. Das Kürzel, das an das berühmte MIT erinnert, zeigt den Anspruch: Hochschule und Forschungszentrum, beide mit einem Etat von rund 300 Millionen Euro, sollen zu einer gemeinsamen finanzstarken Institution zusammengeführt werden.

Geplant ist damit nichts weniger als eine Revolution: Zum ersten Mal würde die strikte Trennung zwischen der Forschung außerhalb der Universitäten (die vom Bund finanziert wird) und der Forschung innerhalb des Hochschulbetriebs (die in die Zuständigkeit der Länder fällt) aufgehoben. Doch ob das Projekt am Ende wirklich so revolutionär wird, ist noch nicht entschieden. Der Bund möchte seinen Einfluss genauso wenig aufgeben wie die Helmholtz-Gesellschaft, in deren Zuständigkeit das Forschungszentrum fällt. Und so könnte es statt einer echten Fusion nur eine »strategische Partnerschaft« geben, und statt eines Chefs, der das alleinige Sagen hat, könnten sich am Ende zwei Führungsspitzen um den rechten Kurs streiten.

Die Stunde der Wahrheit kommt daher in vier Jahren, wenn die im vergangenen Jahr bewilligten Projekte evaluiert werden. Dann wird sich zeigen, ob die Gutachter sich vom zur Schau gestellten Vernetzungsaufwand haben blenden lassen – oder ob die schwungvoll geplanten Kooperationsverbünde wirklich auch wissenschaftlichen (und nicht nur ökonomischen) Mehrwert geschaffen haben. Der Weg zur Höchstleistung wird den beteiligten Universitäten allerdings nicht eben leicht gemacht. Die Bewilligung der Exzellenzgelder ist an enge rechtliche Rahmenbedingungen geknüpft; man hat den Eindruck, als ob die Politik nicht einmal jenen Universitäten traue, denen sie selbst den Exzellenzstempel verpasst hat.

Weder dürfen die Universitäten darüber bestimmen, in welchem Zeitraum sie wie viele Fördermillionen ausgeben (der jährliche Abfluss der Mittel ist genau vorgeschrieben), noch dürfen sie begehrte junge Spitzenforscher mit entsprechenden Gehältern locken (auch in Exzellenzclustern gilt der bundeseinheitliche Besoldungstarif). »Das ist manchmal schon etwas peinlich, wenn man gute Leute für den Exzellenzcluster gewinnen will, ihnen aber nur bescheidene Gehälter zahlen kann«, berichtet zum Beispiel Andreas Burkert. Horst Hippler wird deutlicher: »Das deutsche System der W-Besoldung kann im Ausland niemanden locken.«

Völlig offen ist zudem, was in vier Jahren, am Ende der offiziellen Förderzeit, geschieht. Nach welchen Kriterien wird die bis dahin geleistete Arbeit bewertet, und was blüht jenen Projekten, die keine zweite Förderung bekommen? Müssen die Universitäten sie dann aus eigener Tasche weiterfinanzieren (und dafür an anderer Stelle schmerzlich sparen)? Finden sich bis dahin andere Geldgeber? Oder werden sie einfach dichtgemacht? An diese Möglichkeit wagen Wissenschaftler wie Andreas Burkert kaum zu denken. »Dann wäre die jetzt geleistete Arbeit weitgehend umsonst.« Das Einzige, was bliebe, wäre die (hoffentlich exzellente) Ausbildung, die die Nachwuchsforscher in den Clustern und die Doktoranden in den Graduiertenschulen erhalten haben – ausgerechnet der unspektakulärste Teil der Exzellenzinitiative könnte sich somit am Ende als ihr nachhaltigster herausstellen.

»Der Jumbo hebt gerade erst ab«, beschreibt LMU-Präsident Huber sein Bild von der Exzellenzinitiative. »Jetzt müssen wir versuchen, die Reiseflughöhe zu erreichen, um den Flug genießen zu können.« Huber zweifelt nicht daran, dass die jetzt noch spürbaren Bremsklötze – von der Besoldungsstruktur bis zu den engen bürokratischen Fesseln – nach und nach gelöst werden. Ein System wie das deutsche Hochschulwesen zu reformieren dauere eben seine Zeit. Nur vor einem ist dem LMU-Präsidenten wirklich bange: »Wird die Exzellenzinitiative nach fünf Jahren nicht fortgeführt, war sie kontraproduktiv. Dann fügt man dem deutschen System schweren Schaden zu.«

Das wäre in der Tat der GAU. Dann würden nicht nur die jetzigen Verlierer mit leeren Händen dastehen. Dann hätten am Ende möglicherweise auch noch die Sieger verloren.

 
Leser-Kommentare
  1. Für die Studenten ist es völlig egal; die tauchen in dem ganzen Konzept gar nicht auf...

  2. Wolfgang Herrmann hat recht, wenn er das amerikanische Erfolgsstratagem zitiert: "Nichts ist erfolgreicher als Erfolg." Durch Wettbewerbe und Preisausschreiben hat es auch Harvard nicht an die Spitze gebracht. Wer Erfolge erzielt, muss gefördert werden. Hier konfrontiert sich wieder einmal die sozialistische Gleichmacherei unserer Politiker mit der kapitalistischen Bestenauswahl. Typisch deutsche Lösung: Wer der beste ist, wird von einem "Bewilligungsausschuss" entschieden.

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  • Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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