Und sie tun es schon wieder. Heerscharen leichtgläubiger Leser strömen auf die Frankfurter Buchmesse und suchen in schönen Büchern nach Wahrheit und Sinn. Hirnforscher können darüber nur lächeln. Sie wissen, dass der Leser den rettenden Sinn nicht finden wird, denn er existiert ebenso wenig wie der freie Wille. Sinn ist Täuschung, ein cerebraler Effekt, vorgespielt von dem größten Komödianten der Weltgeschichte: dem menschlichen Gehirn.

Mögen Hirnforscher und Evolutionsbiologen mit solchen Provokationen vor Jahren noch sehr einsam gewesen sein, heute sind sie es nicht mehr. Die Verlagsprogramme quellen über von Aufklärungsschriften, in denen naturwissenschaftliche Forschungen ausgeweidet, popularisiert und wie eine befreiende Botschaft unters Volk gebracht werden: Wir Menschenwesen, so heißt es vollmundig, tun nicht, was wir wollen. Sondern wir wollen, was wir tun. Das abendländische Subjekt, dieser kleine Wichtigtuer, besitzt keinen freien Willen und glaubt an Fiktionen. Er ist der Leibeigene seines Hirns, der Sklave am Königshof der Synapsen.

Glaubt man diesen Traktaten, dann sind auch Ideen und kulturelle Weltbilder bloß Illusionskulissen, mit deren Hilfe der Mensch werdende Affe sich an seine feindliche Umwelt anpasst. Richard Dawkins heißt der Stichwortgeber dieser Theorie, und derzeit ist der englische Biologe mit seiner Kampfschrift Der Gotteswahn (Ullstein) in aller Munde. Der scharfzüngige und, zugegeben, ziemlich witzige Forscher betrachtet kulturellen Sinn als funktionale Größe, sozusagen als einen semantischen Überlebenshelfer auf dem dornigen Weg zur menschlichen Selbstbeheimatung. Je nach Stand der Evolution sind kulturelle Fabeln nützlich oder – wie im Fall der Religion – gemeingefährlich. Dann gehören sie abgeschafft.

Beim Publikum findet die Expedition ins Tierreich des Menschen großen Anklang. Mündige Leser verspüren offenbar tiefe Genugtuung, wenn sie erfahren, dass sie aus Sicht des Gehirns gar nicht vorhanden sind, höchstens als Wärmefleck im subzellulären Bereich. Und man spürt förmlich die Bugwellen der Erleichterung, wenn die Liebeskranken dieser Welt darüber aufgeklärt werden, ihr romantisches Brennen sei eine chemisch induzierte Verrücktheit – ein »Irresein«, wie die hohen Scheidungsraten bewiesen.

Die naturalistische Mode ist ansteckend, und selbst einige Germanisten entdecken in sich plötzlich den lesenden Affen. Neuerdings sollen Hirnforscher ihnen erläutern, warum es nützlich ist, wenn der moderne Mensch Bücher liest. Würden bei der Lektüre von Hänsel und Gretel, so fragte der Literaturwissenschaftler Thomas Anz jüngst auf dem Germanistentag, im Hirn nicht ähnliche Prozesse in Gang gesetzt wie in echten Angstsituationen? »Leser üben Verhaltensweisen ein, die ihnen im realen Leben später einmal begegnen könnten.« Wie praktisch.

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Es schadet nicht, wenn Geisteswissenschaftler in ihren akademischen Herrgottswinkeln daran erinnert werden, dass sie ebensolche Naturwesen sind wie andere Menschen auch. Es ist überfällig, sich dem naturalistischen Blick auf die Welt auszusetzen und anzuerkennen, dass der Kognitionsforschung die vermutlich größte Revolution seit der Atomphysik gelungen ist.

Erklärungsbedürftig allerdings sind die glitzernden Erlösungshoffnungen, die von naturalistischen Weltbildern geweckt werden. Woher rührt die masochistische Ergriffenheit angesichts der Erkenntnis, der Altmensch sei nichts anderes als ein komplexes informationsverarbeitendes System? Und seine Träume seien nur bunte Strohpuppen, die eine gnädige Evolution vor seinem inneren Auge errichtet hat, damit er nicht am Schweigen der Räume und der Sinnlosigkeit der Welt verzweifelt?