Hirnforschung Ich war es nicht!
Hirnforscher legen uns nahe, dass es weder persönliche Schuld noch Freiheit gibt. Wie kommt es, dass sich die Gesellschaft an dieser Nachricht jubelnd berauscht?
Und sie tun es schon wieder. Heerscharen leichtgläubiger Leser strömen auf die Frankfurter Buchmesse und suchen in schönen Büchern nach Wahrheit und Sinn. Hirnforscher können darüber nur lächeln. Sie wissen, dass der Leser den rettenden Sinn nicht finden wird, denn er existiert ebenso wenig wie der freie Wille. Sinn ist Täuschung, ein cerebraler Effekt, vorgespielt von dem größten Komödianten der Weltgeschichte: dem menschlichen Gehirn.
Mögen Hirnforscher und Evolutionsbiologen mit solchen Provokationen vor Jahren noch sehr einsam gewesen sein, heute sind sie es nicht mehr. Die Verlagsprogramme quellen über von Aufklärungsschriften, in denen naturwissenschaftliche Forschungen ausgeweidet, popularisiert und wie eine befreiende Botschaft unters Volk gebracht werden: Wir Menschenwesen, so heißt es vollmundig, tun nicht, was wir wollen. Sondern wir wollen, was wir tun. Das abendländische Subjekt, dieser kleine Wichtigtuer, besitzt keinen freien Willen und glaubt an Fiktionen. Er ist der Leibeigene seines Hirns, der Sklave am Königshof der Synapsen.
Glaubt man diesen Traktaten, dann sind auch Ideen und kulturelle Weltbilder bloß Illusionskulissen, mit deren Hilfe der Mensch werdende Affe sich an seine feindliche Umwelt anpasst. Richard Dawkins heißt der Stichwortgeber dieser Theorie, und derzeit ist der englische Biologe mit seiner Kampfschrift Der Gotteswahn (Ullstein) in aller Munde. Der scharfzüngige und, zugegeben, ziemlich witzige Forscher betrachtet kulturellen Sinn als funktionale Größe, sozusagen als einen semantischen Überlebenshelfer auf dem dornigen Weg zur menschlichen Selbstbeheimatung. Je nach Stand der Evolution sind kulturelle Fabeln nützlich oder – wie im Fall der Religion – gemeingefährlich. Dann gehören sie abgeschafft.
Beim Publikum findet die Expedition ins Tierreich des Menschen großen Anklang. Mündige Leser verspüren offenbar tiefe Genugtuung, wenn sie erfahren, dass sie aus Sicht des Gehirns gar nicht vorhanden sind, höchstens als Wärmefleck im subzellulären Bereich. Und man spürt förmlich die Bugwellen der Erleichterung, wenn die Liebeskranken dieser Welt darüber aufgeklärt werden, ihr romantisches Brennen sei eine chemisch induzierte Verrücktheit – ein »Irresein«, wie die hohen Scheidungsraten bewiesen.
Die naturalistische Mode ist ansteckend, und selbst einige Germanisten entdecken in sich plötzlich den lesenden Affen. Neuerdings sollen Hirnforscher ihnen erläutern, warum es nützlich ist, wenn der moderne Mensch Bücher liest. Würden bei der Lektüre von Hänsel und Gretel, so fragte der Literaturwissenschaftler Thomas Anz jüngst auf dem Germanistentag, im Hirn nicht ähnliche Prozesse in Gang gesetzt wie in echten Angstsituationen? »Leser üben Verhaltensweisen ein, die ihnen im realen Leben später einmal begegnen könnten.« Wie praktisch.
Um einem Missverständnis vorzubeugen: Es schadet nicht, wenn Geisteswissenschaftler in ihren akademischen Herrgottswinkeln daran erinnert werden, dass sie ebensolche Naturwesen sind wie andere Menschen auch. Es ist überfällig, sich dem naturalistischen Blick auf die Welt auszusetzen und anzuerkennen, dass der Kognitionsforschung die vermutlich größte Revolution seit der Atomphysik gelungen ist.
Erklärungsbedürftig allerdings sind die glitzernden Erlösungshoffnungen, die von naturalistischen Weltbildern geweckt werden. Woher rührt die masochistische Ergriffenheit angesichts der Erkenntnis, der Altmensch sei nichts anderes als ein komplexes informationsverarbeitendes System? Und seine Träume seien nur bunte Strohpuppen, die eine gnädige Evolution vor seinem inneren Auge errichtet hat, damit er nicht am Schweigen der Räume und der Sinnlosigkeit der Welt verzweifelt?
Gewiss, Wissenschaftshistoriker werden naturgemäß abwinken und erklären, ein alter Streit gehe nur in eine neue Runde. Tatsächlich musste bereits Friedrich Schiller die Freiheit gegen den Determinismus verteidigen, während der französische Aufklärer La Mettrie seine Zeitgenossen mit der Behauptung ärgerte, der Mensch sei bloß eine in »aufrechter Haltung dahinkriechende Maschine«. Ganz zu schweigen von Friedrich Nietzsche, dessen Frohlocken über die Fiktionen der Menschenmoral noch heute über den Alpentälern hängt. Unvergessen ist auch der Triumph eines Ernst Haeckel, der den »Geist« restlos biologisieren und damit alle Welträtsel lösen wollte.
Leider haben Wissenschaftshistoriker keine Erklärung dafür, warum gerade heute, sozusagen auf dem Ackergrund einer globalisierten Gesellschaft, die Saat des Naturalismus auf fruchtbaren Boden fällt. Vieles spricht dafür, dass die Biowissenschaften ein Versprechen mit sich führen, das niemand sonst im Angebot hat, nicht einmal die wirkmächtigste Diesseitsreligion, die Ökonomie: Es ist das Versprechen, uns von den Strapazen der Freiheit zu entlasten, von den Mühen der Autonomie. Denn im Gegensatz zu den sonnigen Zeiten der Achtundsechziger ist »Freiheit« heute weniger ein Zauberwort als eine Einschüchterungsformel. In Freiheit, so forderte schon die rot-grüne Umverteilungs-Agenda 2010 zusammen mit gut getarnten Unternehmerinitiativen, möge der Einzelne sein Schicksal in die Hand nehmen. In Freiheit solle er nicht mehr fragen, was der Staat für ihn, sondern was er selbst für seine eigene Optimierung tun könne.
Überspitzt gesagt: Der politische Diskurs der Gegenwart definiert Freiheit als Pflicht, sein eigener Lebensunternehmer zu sein und das angeborene Humankapital zu maximieren. Innovativ, mobil, flexibel, multioptional, durchsetzungsfähig, karriere- orientiert – aber teamfähig. Oder mit einem Wort des Soziologen Ulrich Bröckling, der der ökonomisch abgerichteten Freiheit eine wohltuend kritische Studie gewidmet hat (Das unternehmerische Selbst, Suhrkamp): Wer nicht als Ladenhüter im Supermarkt des Lebens verschimmeln wolle, der müsse sich als »Geschäftsführer seiner selbst« in Szene setzen. Die »Geschäftsführung des eigenen Lebens endet erst mit dem Tod«. Der Mensch ist für den Markt geboren, und der Markt wird sein Schicksal besiegeln.
Worin sich diese Zeitdiagnose mit der stürmischen Nachfrage nach biologischer Letztaufklärung berührt, ist nicht schwer zu sagen. Sozialpsychologisch betrachtet, stellen die Naturwissenschaften Tröstungsreserven für eine Gesellschaft bereit, in der Marktmechanismen immer stärker in die individuelle Lebensführung eingreifen. Sie mildern den Stress, ein »Selbstunternehmer« zu sein, sie entlasten von Angst und Schuld, von Selbstanklage und Reflexionsmelancholie. Ist es im Fall einer Niederlage nicht tröstlich, dass wir aus Sicht des Gehirns unfreie Freie sind und gar nicht gewinnen konnten? Dass wir kein schlechtes Gewissen haben müssen, weil das Gewissen evolutionär überholt ist? So schenkt uns die Hirnforschung, jedenfalls in ihrer Populärversion, einen Freispruch erster Klasse. Denken und Gefühle, alles Moleküle. Nicht das Ich hat entschieden, sondern das limbische System.
Doch ein naturalistischer Blick auf die Welt leistet noch mehr. Er beteuert nicht nur, dass in unserem Inneren alles mit rechten Dingen zugeht; er versichert uns auch, dass in der äußeren Welt alles seine Ordnung hat. Selbst dann, wenn es mit dem Teufel zuginge, müssten wir uns keine Sorgen machen, denn die Gesellschaft sei ja ebenfalls Teil der biologischen Natur, eine »Ausfaltung« der Evolution. Was immer geschieht, die törichte Menschenwelt bleibt eingebettet in ein sinnvolles Gesamtgeschehen.
Ob es ihr nun bewusst ist oder nicht, so spendet die naturalistische Lehre all jenen Gemeinwesen Trost, deren Modernisierungsoptimismus verflogen ist und die von der Panik verfolgt werden, ihre politischen Moleküle seien zum Stillstand gekommen und alles Staatshandeln erschöpfe sich in der Anpassung an ökonomische Zwänge. Der Eindruck ist nicht falsch. Denn wenn die Handlungsketten immer länger werden, wenn alles mit allem zusammenhängt und eine amerikanische Immobilienkrise deutsche Häuslebauer zittern lässt, dann wird das Gesellschaftliche an der Gesellschaft opak: Es wird immer schwieriger, im Naturschein des Faktischen die zentralen Schaltstellen für Chancenverteilung, für Ungleichheit und Ungerechtigkeit überhaupt noch zu erkennen.
Die Pointe liegt auf der Hand. In dem Maß, wie unsere globalisierte Gesellschaft als kybernetischer Organismus erscheint, als unkontrollierbares »Naturgeschehen«, haben evolutionsbiologische Deutungen gute Chancen, als neue Weltformel Karriere zu machen. Sie könnten den ausgezehrten Zukunftsentwürfen den Todesstoß versetzen, erst recht den theologischen Denkfiguren, diesem spekulativen Blendwerk für »Leichtgläubige« (Dawkins). Keineswegs erschöpft sich der Naturalismus dabei in leerer Kritik. Er präsentiert sich selbst als rechtmäßiger Nachfolger der alten Utopien und fordert uns auf, unsere Ichnatur einfach als Teil der Evolution zu betrachten, deren »Geist« alles Leben sinnvoll durchströmt. Wenn wir erkennen, dass die Evolution den Faden der Notwendigkeit ins Chaos der Erscheinungen webt; wenn wir alles Tun als ein Geschehen und uns selbst als Partikel einer kosmischen Natur begreifen, die sich durch unsere Augen selbst beobachtet, dann ist die moderne Leidensgeschichte überwunden, die Trennung von Ich und Welt, Augenblick und Ewigkeit. Wir sind immer schon erlöst, und keine Utopie muss uns sinnlos vertrösten. Was wollen wir mehr?
Das ist politisch gesehen natürlich erzkonservativ. Die Evolution kann man nicht kritisieren, sie nimmt keine Beschwerden entgegen und kennt keine Moral, nur ihr darwinistisches Prinzip. Auch für die Natur der Gesellschaft gilt: Man muss sich eben anpassen. Kurzum, würde sich ein harter Naturalismus als neue »Erzählung« etablieren und als allein zuständiges Weltbild Karriere machen, dann ginge die kritische Spannung zwischen Kultur und Gesellschaft verloren. Die kulturellen, von den Biowissenschaften vorgegebenen Deutungen würden nur noch bestätigen, was in den kapitalistischen Funktionssystemen naturwüchsig ohnehin schon geschieht. Damit wäre der Naturalismus die neue »Metaphysik« der Moderne.
In diesem Punkt haben die Alarmisten recht. Ein von den Medien politisch in Dienst genommener Naturalismus, der den Menschen als plappernde Biomasse betrachtet, dessen Gefühle und Verletzungen neuronal erzeugt sind, müsste auf Dauer unser Selbstverständnis als mündige Bürger beseitigen und die Demokratie gleich mit. Was bliebe, wäre Sozialdarwinismus. Andererseits ist eines auch gewiss: Naturwissenschaftler können in ihrer Außenperspektive zwar Neuronenfeuer im Hirn beobachten; die sprachgebildete »Natur« unserer Gesellschaft, unsere Binnenperspektive als verständige Wesen, bekommen sie damit nicht in den Blick. Wir leben nun einmal in einem intersubjektiven Raum, in dem wir uns im Bewusstsein von Freiheit gegenseitig Rechenschaft schulden und gar nicht umhinkönnen, als zu argumentieren und mit guten Gründen etwas zu tun oder zu lassen. Mit jedem Satz, mit jeder Stellungnahme zu den Aussagen anderer bestätigen wir die Möglichkeit, Ja oder Nein sagen zu können. In der Kommunikation öffnet sich der Raum der Freiheit stets aufs Neue. »Die Erfahrung«, so Friedrich Schiller vor gut zweihundert Jahren, »beweist die Freiheit. Wie kann die Theorie sie verwerfen?«
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- Datum 10.10.2007 - 02:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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Entschuldigung: Sie waren es doch, Herr Assheuer, wir sind ja nicht per Du und wollen deshalb die Form wahren. Sie waren es! Sie haben in ihrem Artikel ungebührlich polemisiert, da sie a) mehrere Dinge wie Hirnforschung und Evolutionsforschung mal eben vermischen und b) dann gerade Richard Dawkins etwas vorwerfen, was er gar nicht will. In Sätzen wie:
Sozialpsychologisch betrachtet, stellen die Naturwissenschaften Tröstungsreserven für eine Gesellschaft bereit, in der Marktmechanismen immer stärker in die individuelle Lebensführung eingreifen. und: Was immer geschieht, die törichte Menschenwelt bleibt eingebettet in ein sinnvolles Gesamtgeschehen.
unterstellen sie den 'Naturalisten', wie Sie dann alle in einen Topf Geworfenen nennen (gehört das IPCC da nicht eigentlich auch rein?), sie würden ihre naturwissenschaftlichen Ergebnisse blindlings in gesellschaftliche, philosophische oder soziologische Bereiche transferieren und so 'Sinn' oder 'Trost' anbieten. Es mag immer wieder solchen Missbrauch geben, aber der ist nicht den Naturwissenschaftlern anzukreiden. Darwin selbst kann nun mal nichts für seinen Missbrauch durch alle möglichen 'Sozial-Darwinisten'.
Wenn Richard Dawkins nun ein sehr intelligentes Buch über die Frage vorlegt, ob es in der Evolution des Menschen eine Selektion in Richtung Religiösität gegeben hat, dann stiftet er zunächst mal weder Trost noch Sinn - und erst recht keine 'Erlösungshoffnung'. Er erklärt aber, warum es eine so starke Prä-Disposition gibt, auf religiöse Sinnstifter und Trostspender hereinzufallen. Das zu erkennen ist eine wichtige Voraussetzung sich der Freiheit und Selbstverantwortung zu stellen. Die sind nämlich durch die Erkenntnis der Hirnforschung weit weniger gefährdet als durch das verstärkte Vordringen evangelikaler Strömungen, die den Kreationismus bis in manches Kultusministerium gespült haben.
Wenn auf so üble Art gegen einen der intelligentesten und konsequentesten Gegner des Kreationismus und seiner neuesten Spielart, des intelligenten Designs, polemisiert wird, dann mache ich mir ja doch einige Sorgen um den Zustand der Zeit...
Könnte es sein, daß unsere tollen Hirnforscher, bevor sie zu weitschweifigen Schlußfolgerungen ihrer Testergebnisse und zu philosophischen Betrachtungen über Willen und Freiheit ansetzen, erstmal ihre Methodik hinterfragen sollten?
Könnte es sein, daß unseren gegenwärtigen Hirnforschern etwas ganz Wesentliches entgeht? Zum Beispiel, daß vielleicht doch nicht alle Denkaktivität ausschließlich im Kopf stattfindet? Daß im Bauch mehr Nervenzellen vorhanden sind als im Gehirn? Daß da noch etwas ist, was sich der jetzigen "Wissenschaft" noch nicht erschlossen hat, nämlich daß der Mensch eine Seele hat, die irgendwie ja auch mitwirkt an seinen Entscheidungen und Entschlüssen?
Oder nicht?
Alle Menschen hängen auch an unsichtbaren Fäden, denn sonst würden sie umfallen beim Laufen. Jetzt sagen Sie nicht, das wäre Unfug. Die sind nämlich aus dem Selben Material wie die Seele.
Alle Menschen hängen auch an unsichtbaren Fäden, denn sonst würden sie umfallen beim Laufen. Jetzt sagen Sie nicht, das wäre Unfug. Die sind nämlich aus dem Selben Material wie die Seele.
Die Naturwissenschaften haben zweifellos in letzter Zeit viele Entdeckungen über die Funktionsweise unseres Gehirns gemacht. Das Gehirn ist eines der erstaunlichsten Organe unseres Körpers. Dass es funktioniert, war dem Menschen schon immer bewusst. Die Erkenntnis "mein Gehirn funktioniert" ist dermaßen selbstverständlich, dass es keiner Erwähnung bedarf. Die Wissenschaftler, die sich mit der Funktionsweise des Gehirns beschäftigen und dessen Funktion zu verstehen beginnen, teilen uns als wichtigste Botschaft nicht mit, wie das Gehirn funktioniert, sondern dass es funktioniert.
Zugleich überschreiten sie, was völlig legitim ist, die Grenzen ihres Faches und werden zu Psychologen und Philosophen. Gefährlich werden sie dann, wenn sie zu neuen Welt- und Menschenbildern anregen. In einer seiner letzten Ausgaben proklamierte zum Beispiel der Spiegel das Ende der Schuld. In das gleiche Horn bläst die Überschrift dieses Artikels mit dem Satz "ich war es nicht". Auch wenn im weiteren Text genau dieser These widersprochen wird, entsteht genau der Eindruck, als wären wir nicht frei, da unser Gehirn Handlungsstrukturen vorgäbe.
In der Diskussion wird die Funktionsweise eines komplexen Organs mit seiner Auswirkung verwechselt, also die Frage "wie funktioniert ein Organ?" mit der Frage "welche Auswirkungen haben diese Funktionsweisen?" Zum Beispiel kann man die Funktionsweise eines Computers verstanden haben, ohne zu wissen, welche Programme sein Anwender installiert und nutzt. Ähnlich verhält es sich mit unserem Gehirn, egal wie es funktioniert, wie wir es programmieren ist letztlich unsere Verantwortung.
Wir Menschen haben immer eine Wahl, sind in der Lage, Schlüsse zu ziehen und bei induktiven Überlegungen neue Wahrheiten zu entdecken. Ob wir ein uneigentliches Leben führen oder unser Leben selbst gestalten, immer ist es der Mensch, der sich selbst formt. Dass ihm dabei körperliche Grenzen gesetzt sind, ist trivial. Unser Gehirn kann ein Buch nicht wörtlich abspeichern, Sprachen zu lernen ist mühsam, ab einer gewissen Komplexität können wir Rechenoperationen nicht im Kopf rechnen, aber wie gut wir das alles können und was wir wissen, hängt von uns ab. Wir wählen, womit wir uns beschäftigen, was wir eintrainieren. Diese Wahlmöglichkeiten werden in der Diskussion völlig ausgeblendet! Sie sind es jedoch, die uns Menschen zu dem machen, was wir sind. Platon hat in seinem Höhlengleichnis die menschliche Wahrnehmung vereinfacht dargestellt, indem er den Menschen durch Fesseln in seiner Wahrnehmung einschränkte. Die beschränkte Wahrnehmung führte dabei zu einer ganz eigenen Wirklichkeit. Die Fesseln unserer Zeit sind die Wahlmöglichkeiten und die Verführungen durch ein vielfältiges Angebot an Medien. Das Ergebnis sind völlig unterschiedliche Menschen, geprägt nicht durch ihr Gehirn, sondern durch das, womit sie sich in ihrem Leben beschäftigen.
Natürlich sind alle von vielen externen Einflüssen abhängig und niemand kann für sich beanspruchen, sich gänzlich frei zu entwickeln. Die Behauptungen der Gehirnforscher schicken jedoch die Menschen zurück in die Unmündigkeit, aus der sie sich in der Aufklärung mühsam befreit haben. Gleiches gilt für Gesellschaften, die am Ende immer durch die Menschen geprägt sind, aus denen sie bestehen.
Noch sträflicher sind die Versuche, die moralischen Aussagen und Werte auf die Biologie zurückführen zu wollen. Es gibt Handlungsmuster im Menschen, die sich durch die gesamte Geschichte beobachten lassen. Liebe, Ängste, Freude und ein Hang zur Nachdenklichkeit, anders gesagt zum Philosophieren, sind Beispiele. Unter welchen Paradigmen dies geschieht, ist das Resultat von langen Prozessen. Angefangen von Platons Höhlengleichnis, über Rene Descartes' beginnenden Rationalismus bis zu Heidegger verändern Denker unsere Art, die Welt zu sehen. Heidegger stellt das aktive Denken in den Mittelpunkt seiner Überlegungen, und nun wird dies alles ignoriert, wenn die Gehirnforschung feststellt, wie das Gehirn funktioniert und zu Interpretationen ansetzt. Diese Forscher und mit ihnen die Medien würden die Artikelüberschrift von "Ich war es nicht" in "mich gibt es nicht" umwandeln. Dass diese Behauptungen irrational sind, liegt auf der Hand. Die Gefahr besteht darin, dass, sollte sich ein vergleichbares Denken durchsetzen, die Folgen unabsehbar sein können, ähnlich wie es bei der Geschichtsdialektik von Hegel war. Unabhängig davon, dass der Gedanke falsch war, bereitetet er den Nährboden, auf dem die Ideologien ihre Massenmorde rechtfertigten. Hier besteht die Gefahr darin, dass der Mensch nicht nur unmündig wird, sondern auch noch ohne substantiierte Werte leben muss.
Wie gesagt, das alles geschieht auf der Basis völlig unlogischer Schlussfolgerungen aus Forschungsergebnissen, die beweisen, dass und wie unser Gehirn funktioniert.
war schneller, und ich stimme ihm zu.
Wie sie nun Richard Dawkins Thesen mit der Aussage "Wir Menschenwesen, [...] tun nicht, was wir wollen. Sondern wir wollen, was wir tun." in Verbindung bringen, ist mir ein Rätsel Herr Assheuer. Ich empfehle in diesem Zusammenhang auch einmal das Interview mit Dawkins im Tagesspiegel nachzulesen.
http://tinyurl.com/374owb
Wenn ich Assheuer richtig verstehe, zieht er die grundlegenden Erkenntnisse der Naturwissenschaften der vergangenen 150 Jahre nicht in Zweifel. Nämlich, dass es auch unter der menschlichen Schädeldecke mit rechten Dingen zugeht, also letztlich nach den Gesetzen der Physik. Es gibt wohl keine ernstzunehmende Forschungsarbeit, die anderes nahelegen würde.
Ob aber dieser uralte Befund, der in den letzten Jahrzehnten lediglich weiter untermauert wurde, derzeit von der Gesellschaft - und zwar besonders von den ökonomischen Verlierern - bejubelt wird, wie Assheuer meint, möchte ich denn doch bezweifeln.
Aber es stimmt schon: Es kann tröstlich sein zu wissen, dass es nicht unbedingt die eigene "Schuld" sein muss, wenn man nicht zu den Gewinnern der Gesellschaft zählt. Allerdings kommt es hier vor allem auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns an und weniger auf den "freien" Willen.
Natürlich ist jeder für seine Entscheidungen bzw. für die seines "limbischen Systems" selbst verantwortlich - wer denn sonst? Da gibt es keinen Dissens. Aber da Geist und Bewusstsein die Folge feuernder Neuronen sind und nicht umkehrt, kann man schon fragen, ob hier der herkömmliche Begriff der "Schuld" noch greift. Doch ob wir nun von Verantwortung oder Schuld sprechen, spielt im Endeffekt keine große Rolle (also etwa vor Gericht - Theologen mögen das anders sehen).
Im Übrigen scheint Assheuer ein merkwürdiges Verständnis von dem zu haben, was Evolution wirklich ist. Wenn er nämlich im Zusammenhang mit dem Evolutionsgeschehen von einem "darwinistischen" statt von einem darwinschen Prinzip spricht, offenbart dies ein gewisses Unbehagen an den natürlichen (naturalistischen?), unvermeidlichen Prozessen unserer Umwelt. Es kann aber nicht schaden, wenn man die evolutionäre Herkunft des Menschen im Auge behält und diesen Aspekt bei der sozialpsychologischen Analyse gesellschaftlicher Vorgänge mit einbezieht. Die Entwicklung komplizierter Kulturtechniken hat den Menschen keineswegs der Natur enthoben, Leben ist und bleibt den Mechanismen der Evolution unterworfen. Insofern ist die menschliche Kultur in der Tat nur ein Teilaspekt der evolutionären Entwicklungen auf diesem Planeten.
Wir sind nicht mehr oder weniger als der reflektierende Objektträger des in der Natur liegenden Geistes.
Ob und wie wir überflüssig werden, sobald wir ihn nicht nur extrahierend Verwirbeln, sondern auch übergeben haben an eine neue Form der autark intelligenten Existenz – und wir wollen jetzt nicht unbeholfen von KI, von Pseudointelligenz, von Rechnern und Programmen sprechen, werden wir dann erfahren.
Verbleibt bis dahin: An nichts glauben und vieles in Erwägung ziehen können.
Im zweiten Schritt schwingen wir uns flink-lings rüber auf die intro-humanoid-vertierte Seite. Fummeln, Forschen und Fechten uns einen, bis die Kinnlade für immer klappt.
Ab in den intersubjektiven Raumgleiter und trotzend Glauben, liebend Lassen oder die Tassen von unten fassen. Jedenfalls gilt es, Gesellschaft und Werte zu bilden, mitten in der Absurdität des teilchenbeschleunigten Spendens von zarten Gedanken für die erste Welt, die am sich selbst isolierenden Marktmechanismus überschwitzt. Und auch schon länger herbeigesehnt und beschworen zu egozentrieren droht.
Genug geschwurbelt.
Dies zu erkennen und anzuerkennen, um sich umgehend mit der unseren Zeit eigentümlichen Erkenntnislust, gefärbt durch Quantentum und Globalum, vollkommen befreit vom Zweifel an allen Sinnen, ins Leben zu begeben.
Die Wenigen, die dies annähernd schaffen, sind die wahrhaft Glücklichen unserer Zeit.
Sich zur menschlichen Gesellschaft und zur - auch eigenen - Natur zu bekennen, sozial zu handeln, wird dann nicht nur möglich. Der Zweiklang von Materie(ll) und Geist-Gemeinschaft verbleibt mehr denn je als einzig wahrhaft sinnstiftendes Moment.
Gibt’s eigentlich was Neues?
Alle Menschen hängen auch an unsichtbaren Fäden, denn sonst würden sie umfallen beim Laufen. Jetzt sagen Sie nicht, das wäre Unfug. Die sind nämlich aus dem Selben Material wie die Seele.
Kaufentscheidungen sind reine Gefühlssache. Diese und andere Erkenntnisse aus dem so genannten Neuromarketing finden zunehmend Eingang in die Verkaufsstrategien der Markenartikelhersteller. Dabei spielt die Verpackung eine entscheidende Rolle. Sie kann besonders stark Emotionen auslösen - vor allem, wenn sie alle Sinne gleichzeitig anspricht. Welche Gefühle entscheiden über Bestseller und Ladenhüter und was macht Verpackungen unwiderstehlich "sexy"?Die Verpackung ist weit vor der Werbung das wichtigste Kommunikationsmittel überhaupt. Allein die Art der Packungsgestaltung sowie die Farb- und Formensprache lösen im Gehirn sehr unterschiedliche Reize aus. Vorder- und Rückseite, Beschreibungen und Bilder, die orchestrierte Sinnesansprache beziehungsweise Multisensorik der Verpackung - all das spielt eine ungeheuer große Rolle, weil die Reize alle in den unbewussten Zentren unseres Gehirns verarbeitet werden. Dabei hat sich gezeigt, dass der Konsument von den Zeichen und Symbolen einer Verpackung direkt auf den Produktwert schließt. Das heißt: Verpackungen können die Produkteigenschaften im positiven Sinne dramatisieren, das Produkt also sexy, begehrenswert und wertvoll machen. Andererseits können sie das Produkt aber auch gewaltig abwerten. Harte Formen und dunkle Farben sind dabei eher Symbole für das Dominanzsystem und sprechen Männer an. Weiche, fließende, sinnliche Formen und helle Farben entsprechen hingegen eher der weiblichen Sexualität, weil sie für Liebe, Harmonie und Partnerschaft stehen.Die Hirnforschung der vergangenen zehn Jahre hat gezeigt, dass unser ganzes Gehirn mehr oder weniger emotional ist. Objekte, die keine Gefühle auslösen, sind für das Gehirn nahezu wertlos. Je stärker dagegen die Emotionen sind, die ein Produkt auslöst, desto wertvoller ist es für das Gehirn, und desto größer ist auch die Kaufbereitschaft des Konsumenten. Rationale Gründe geben dagegen nur selten den Ausschlag, denn 70 bis 80 Prozent aller Kaufentscheidungen fallen ganz und gar unbewusst. Trotzdem funktionieren nicht alle Konsumenten gleich. Obwohl sich in jedem Gehirn die drei großen Emotionssysteme "Stimulanz", "Dominanz" und "Balance" finden, gibt es gewaltige Unterschiede. Menschen mit einem stark ausgeprägten Balancesystem sehnen sich nach Sicherheit und Stabilität. Sie sind besonders vorsichtige Konsumenten und beleiben gerne beim Bewährten. Bei anderen überwiegt das Stimulanzsystem und damit auch die Neugier. Diese Menschen interessieren sich besonders stark für neue Produkte und kaufen sie auch. Konsumenten mit einem prägnanten Dominanzsystem haben dagegen eine starke Vorliebe für Statusprodukte. Das sind die drei Grundformen jeder Zielgruppe und stellen die Idealtypen dar, die hingegen in der Realität häufig als Mischformen auftreten. Allerdings kommen weitere Einflussfaktoren hinzu, beispielsweise das Alter. Mit zunehmendem Alter verlieren die im Gehirn für "Dominanz" und "Stimulanz" verantwortlichen Bereiche an Einfluss, während das Balancesystem in den Vordergrund tritt. Auch das Geschlecht hat einen gewaltigen Einfluss auf unsere Emotionen. Männer sind im Durchschnitt dominanter, Frauen stärker an "Fürsorge" und "Bindung" interessiert. Selbstverständlich bewirken diese unterschiedlichen Ausprägungen auch unterschiedliche Produktvorlieben.Insbesondere die sexuelle Stimulierung spielt beim Kauf vieler Produkte eine ganz entscheidende Rolle, wenn auch nicht bei allen. Einige Kaufentscheidungen und Produktgruppen werden allerdings ganz eindeutig von der Sexualität dominiert. Für Frauen beispielsweise ist die Sexualität beim kauf von Kosmetik- oder Modeprodukten der eigentliche Treiber. Die männliche Sexualität ist hingegen eng mit dem Dominanzsystem verbunden und eine entscheidende Triebfeder bei Statusprodukten wie dem Auto. Außerdem wird die männliche Sexualität stärker durch das Hormon Testosteron bestimmt. Dadurch kommen zusätzlich die Themen Macht und Aggressivität ins Spiel. Kaufen ist hier praktisch gleichbedeutend mit Erobern. Bei Frauen hingegen überwiegt das Östrogen. Dadurch zielt die weibliche Sexualität eher in Richtung Verführung. All das spielt bei der Ansprache von Produkten eine große Rolle. www.allaboutdirk.de
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