Birma
Komm mit, sagt der Mönch
Reise in ein verschlossenes Land: Die Generäle in Birma haben für den Moment gesiegt. Aber das Unglück des Volkes wird den Herrschenden keine Ruhe lassen
Rangun - Der Wahrsager betreibt sein Geschäft nebenher, im Hauptberuf ist er Regierungsbeamter. Sagt er. Jetzt lächelt er verlegen. Die Zukunft generell könne er ja voraussagen, aber diese Frage … Er kratzt sich am Kopf. Wie die Zukunft seines Landes aussieht? »Kann ich nicht sagen. Viel zu gefährlich.« Drei Dollar kostet »einfache Astrologie«, »das ganze Leben im Allgemeinen« neun Dollar. Auf der Sule Pagoda Street drängen sich die Handleser und Sterndeuter, doch keiner mag sagen, wie es in Birma weitergeht.
Zwei Wochen ist es her, dass das Regime die Demonstrationen in Birma gewaltsam niederschlug. Die Mönche, die zuerst auf der Straße gewesen waren, hatten die Rücknahme der drastischen Preiserhöhungen für Gas und Benzin gefordert. Bald kamen andere hinzu, die den Sturz der »Soldatenkönige«, der regierenden Militärjunta, wollten. Was als geistig-soziale Bewegung begonnen hatte, wandelte sich und weitete sich aus zum politischen Protest. Viele Mönche waren darüber nicht glücklich: Wären sie allein auf der Straße gewesen, wäre das Regime nicht eingeschritten, glauben sie.
Wie wirkt das Land, wie wirkt seine Hauptstadt, nachdem der Protest zum Schweigen gebracht wurde – wie sieht es aus, wie fühlt es sich an? Wird der Widerstand wieder aufleben, oder ist alles vorbei, die Friedhofsruhe gesichert, die sich die Generäle für ihre Diktatur wünschen? Birma ist nicht Nordkorea, kein totalitärer Orwell-Staat, in dem die Herrschenden ihre Untertanen bis in die letzte Hirnwindung kontrollieren. Man kann DVDs mit Hollywood-Filmen kaufen, al-Dschasira empfangen; wer clever ist (und nicht zu den Armen gehört), findet für sein Leben eine Nische. Ausländische Journalisten dürfen nicht frei arbeiten, kritische internationale Nichtregierungsorganisationen sind unwillkommen, aber das Land ist nicht hermetisch abgedichtet. Am Flughafen wartet man endlos lange auf den Koffer, im Augenblick wird alles genauestens untersucht, auch beim Zoll. Von dem »Touristenführer«, der sich so aufmerksam nach dem Beruf und den Interessen des Besuchers erkundigt, hält man sich besser fern.
Alltag in Rangun? Am Hafen spielen die jungen Männer chine lone, treten einen kleinen aus Schilf geflochtenen Ball in die Luft. Den longyi , den traditionellen Wickelrock, haben sie bis zu den Schenkeln hochgekrempelt, Tätowierungen winden sich um ihre Brust. Liebespaare liebkosen sich in den Parks. Auf den Märkten prüfen die Frauen Stoffe, wickeln sich in prächtige Blumenmuster und posieren darin vor ihren Freundinnen. Schön? Wunderschön. Alles wie immer? Lange nicht.
Still ist der Morgen in der Shwedagon-Pagode, noch trauen sich nur wenige Gläubige hierher. Aus dem Nichts ist der junge Mönch aufgetaucht. Komm mit, ich muss dir was erzählen. Der Mönch ist 21 Jahre alt, auf seiner Oberlippe wächst weicher Flaum. Er ist untergetaucht, aus Angst vor den Soldaten, die nachts in sein Kloster kamen. Am nächsten Tag wird er seine Robe ablegen und nach Hause fahren. Die meisten Äbte haben ihre Mönche zurück in die Heimatdörfer geschickt. Auf Wunsch der Regierung. »Ich hasse sie«, sagt der Mönch, ganz unbuddhistisch.
Draußen die Soldaten, drinnen die Spione. Vor den Klöstern und Pagoden wacht das Militär, drinnen machen aufmerksame Herren in Zivil ihre Runden. Die meisten Soldaten warten am Osteingang der Shwedagon-Pagode. Hier liegen viele Klöster, hier konzentrierte sich der Widerstand. Die Soldaten langweilen sich. Der eine spielt mit seinem Gewehr, der andere betrachtet andächtig die Karpfen im Klosterteich. Zwei Militärpolizisten haben sich heimlich in einer Pagode schlafen gelegt. Doch die Ruhe trügt. Nachts kamen sie, um Menschen abzuführen, um sie zu verhören. Tausende wurden festgenommen.
Die Suche nach den Rädelsführern geht weiter
Die Hälfte sei inzwischen wieder auf freiem Fuß, behauptet die Staatszeitung New Light of Myanmar. Keiner kann sagen, ob das stimmt. Die Regierung hat nicht mehr als zehn Todesopfer zugegeben. Selbst Ibrahim Gambari, der Birma-Gesandte der normalerweise vorsichtigen Vereinten Nationen, hat von seiner Furcht gesprochen, die wahre Zahl von Toten könne viel größer sein. Ein birmanischer Diplomat, der in einem Brief an die Botschaft seines Landes in London sein Ausscheiden aus dem Auswärtigen Dienst erklärte, hat in einem Interview mit der BBC sein Entsetzen über die Brutalität der Prügelexzesse und Verhaftungswellen ausgedrückt: »In meinem ganzen Leben habe ich solche Szenen noch nicht gesehen.« Und die Suche nach den Rädelsführern geht weiter.
Die Menschen haben Angst. Und sie sind wütend. Was wird stärker sein: die Furcht oder die Empörung? Die Wut, sagt eine Wissenschaftlerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. »Wenn sich nicht bald etwas ändert, gehen die Menschen wieder auf die Straße.« Sie wollen den Wandel, doch wer sollte ihn bringen? »Viele warteten während der Proteste darauf, dass die Nationale Liga für Demokratie der Regierung Verhandlungen anbietet«, meint sie. Vergeblich. Die Liga, kurz NLD, ist blockiert. Seit die Junta ihr im Jahr 1990 den überwältigenden Wahlsieg aberkannte, ist sie die stärkste Oppositionspartei. Schwach ist sie trotzdem. Ihre Anführerin Aung San Suu Kyi wird verehrt wie eine Heilige. Die Partei erstarrt vor ihrer Größe, keiner traut sich, ohne sie eine Entscheidung zu fällen. Aung San Suu Kyi steht seit vielen Jahren unter Hausarrest.
Das Regime hat viele Gegner, doch sie sind sich nicht einig. Den ethnischen Minderheiten, deren Teilstaaten weit mehr als die Hälfte der Staatsfläche ausmachen, ist es verhasst. Sie freilich kämpfen vor allem um ihre Minderheitenrechte und nicht für Demokratie. Der letzte große nationale Protest fand 1988 statt und wurde blutig niedergeschlagen. Die Führer des Aufstandes von damals sind im Gefängnis, im Exil oder untergetaucht. Noch vor wenigen Wochen, im August, wurde einer von ihnen, Min Ko Naing, der schon Jahre in Haft verbracht hatte, erneut eingesperrt. Eine jüngere Generation von politischen Oppositionellen ist nicht nachgewachsen. Auch das erklärt die Fixierung auf Aung San Suu Kyi, die Ikone des freien Birma, die in ihrer vom Regime erzwungenen Isolation dann doch keine Akteurin, schon gar keine Organisatorin sein kann, sondern nur ein Symbol.
Es gibt Inseln der Hoffnung in Birma, eine Zivilgesellschaft, die vor der staatlichen Repression und Gleichgültigkeit nicht kapituliert. Der Pfarrer steht vor seinem Altar und hebt die Hände gen Himmel. »Du kannst in diesem Land alles machen. Außer Politik.« Der Pfarrer scheint so viele Arme zu haben wie eine Shiva-Figur. Er holt Kekse, zeigt Fotos, plaudert mit dem Gast und ruft seine Tochter, alles gleichzeitig. Er hilft den Armen, Kranken und Waisen, er gibt ihnen Essen, Obdach und Medizin. Und er unterrichtet sie. Denn ohne bessere Bildung werde Birma nicht weiterkommen, meint er. »In diesem Land kannst du in zwölf Monaten Arzt oder Ingenieur werden«, sagt er. »Du musst nur die Zeit im Hörsaal absitzen.«
Die Menschen hoffen auf das Ausland, aber wie es sich genau verhalten sollte, darüber sind sie geteilter Ansicht. Sanktionen oder Einbindung? Die Sanktionen der letzten Jahre haben wenig gebracht, schließlich machten die asiatischen Nachbarn gute Geschäfte mit den Generälen. Die Amerikaner und Europäer mögen das Land boykottieren, Singapur oder Thailand, Indien und China werden es auch nach den jüngsten Übergriffen nicht tun – obwohl die Asean, die Vereinigung südostasiatischer Staaten, mit nie dagewesener Klarheit erklärte, man sei »abgestoßen« von der Brutalität des Regimes. Die NLD-Opposition ist traditionell für Sanktionen eingetreten. Andere fragen sich, ob es wirklich richtig ist, die herrschenden Generäle durch Visasperren von jedem Kontakt mit einer westlichen Außenwelt abzuhalten, in der sie verunsichernde oder horizonterweiternde Erfahrungen machen könnten.
Auf Drängen des UN-Botschafters Gambari hat sich das Regime zu Verhandlungen mit Aung San Suu Kyi bereit erklärt, unter der Bedingung, dass sie keine Sanktionen mehr fordert. Ein Minister wurde bestellt, der Kontakt mit ihr aufnehmen soll. »Sie sitzt ganz weit oben und muss nun in die Niederungen der Politik springen«, sagt die Gelehrte, mit der wir sprechen. »Das wird schwierig.« Die Generäle verhandeln aus einer Position absoluter Stärke. Und es mag sein, dass sie, bei aller Korruption und allem Machtegoismus, sich sogar im Recht fühlen. Die Junta hat das Land durch ihren Putsch von 1962 aus den Händen einer chaotischen zivilen Regierung übernommen. Das Regime steckt voller Misstrauen bei der Aussicht auf eine Selbstregierung des Volkes, sein Motto ist: Wir oder die Anarchie.
In der Zeitung wird weiterdemonstriert. Allerdings nicht gegen, sondern für die Generäle. Tag für Tag druckt das New Light of Myanmar Fotos der Demonstrationen gegen die Demonstrationen. Ein wohlorganisierter Zug in blütenweißen Hemden. Die Proteste der Mönche und ihrer Anhänger hingegen verstehen die Generäle als vaterlandsfeindliche Umtriebe, vorangetrieben von »internen und externen subversiven Elementen«. Eine Verschwörung, angezettelt von Auslandssendern wie BBC, Voice of America, Radio Free Asia. Tag für Tag warnt das New Light of Myanmar ihre Leser vor den »Mördern im Äther«: »Sie verbreiten einen Himmel voller Lügen!«
Was wollt ihr denn?, fragen die Generäle ihr Volk – wir sind doch schon auf dem Weg zur Demokratie. Es wird nämlich in Birma derzeit eine Verfassung erarbeitet, das heißt: schon seit 14 Jahren. Und sie ist noch lange nicht fertig. Sieben Schritte sieht die Roadmap zur Demokratie vor. Soeben wurde der erste abgeschlossen, der Nationalkonvent einigte sich auf die Prinzipien der Verfassung. Sie sieht ein Zwei-Kammern-Parlament und freie Wahlen vor. Ganz möchten die Generäle nicht von der Macht lassen: Ihnen soll ein Viertel der Sitze in jeder Kammer vorbehalten sein. Auch wollen sie weiterhin über Verteidigung und Innere Sicherheit bestimmen. Und der Präsident soll militärische Erfahrung haben.
»Nicht gerade ideal, aber besser als gar nichts«, meinen die meisten Birmanen. Die Regierung allerdings organisiert Veranstaltungen, bei denen die Leute mehr als solch ein laues Einverständnis mit den politischen Aussichten vorführen sollen. Die Zeitung zeigt dann Bilder, auf denen brave Bürger die Arme mit geballten Fäusten exakt im gleichen Winkel in die Luft strecken: spontane Freude über den Verfassungsprozess. Findet so ein Treffen statt, erzählen die Gesprächspartner in Rangun, muss jede Familie zwei Mitglieder schicken, zum Mimen kollektiver Begeisterung.
Letztlich werden die Generäle das Land kaum befrieden können, weil sie ihren Bürgern keine Lebensperspektiven zu bieten haben. Das ist anders als in China, wo der Partei die Legitimität fehlen mag, aber die Wirtschaft boomt, anders als in arabischen oder zentralasiatischen Rohstoff-Diktaturen, die ihre Untertanen dank der hohen Ölpreise bestechen können. »Es tut mir leid, wenn ich pessimistisch sein muss«, sagt die Mitarbeiterin einer birmanischen Nichtregierungsorganisation. »Doch fast jeder junge Mensch möchte das Land verlassen.« Dorthin gehen, wo das Leben einfacher ist und voller Verheißungen, nach Japan, Thailand oder Malaysia. Denn in Birma reicht das Gehalt eines einzigen Jobs oft nicht zum Leben, viele verdingen sich in zwei oder drei Jobs. Birma ist eines der ärmsten Länder der Welt. Und die Lage ist in den letzten Jahren schwieriger geworden. Denn die Preise steigen weiter.
»Die Macht liegt ganz bei der Nummer eins«
Und dann das Gesundheits- und Bildungssystem. »Sehr schlecht«, sagt ein Gelehrter in Rangun. Die Beine hat er in seinem Sessel verschränkt, auf seinem Schoß liegt ein buntes Kissen. Er trägt den longyi, hat dunkle Augenringe, er arbeitet zu viel. »Die Demonstrationen sind ein Ausdruck der humanitären Krise, und ich hoffe sehr, dass die Regierung diese Botschaft versteht.« Oft schon haben er und andere Briefe an die Generäle geschickt, haben plädiert für wirtschaftliche Entwicklung und Reformen. Manchmal schreiben die Beamten höflich zurück, doch haben sie wenig zu entscheiden. Der Spielraum von Beamten und Ministern ist gering, die Entscheidungen kommen von oben. Von dem Ort, an den fast keiner gelangt. Weder Diplomaten noch Professoren und das einfache Volk schon gar nicht. »Die Macht liegt ganz bei der Nummer eins, bei General Than Shwe«, dem Chef der Junta, meint der Wissenschaftler. Der General aber bekommt nur gute Nachrichten, Berichte werden geschönt, wie es in der Sowjetunion und in der DDR geschah. Von Wirtschaft versteht er wenig, er holt auch keinen Rat ein. Denen, die sich ihm zu nähern versuchen, ergeht es wie in Kafkas Schloss . Sie rennen über Treppen und durch Gänge, sie putzen Klinken, doch sie kommen nicht an.
Ohne die Klöster, Kirchen und Nichtregierungsorganisationen, ohne die kleine, aber aktive Zivilgesellschaft hätten die Ärmsten der Armen gar keine Chance. Sozialhilfe gibt es nicht, im Krankenhaus muss jedes Medikament bezahlt werden. Auf die politische Situation der Gegenwart haben die Organisationen wenig Einfluss, die Zukunft aber wollen sie mitbestimmen. So unterrichten sie die Jungen im Bloggen, in friedlicher Konfliktlösung und demokratischen Werten. 40 Jahre Militärdiktatur haben die demokratischen Institutionen zerstört, sie müssen von unten nachwachsen. »Langsam werden wir dieses Land aufbauen«, meint die Frau von der NGO, die eben noch fast verzweifelt über Birma gesprochen hatte. »Durch die Demonstrationen«, so macht sie sich Mut, »interessiert sich die Welt für Birma. Hoffentlich bleibt das so.«
- Datum 15.10.2007 - 08:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
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dass Birma ein Hort des Buddhismus ist und Soldaten per se aus buddhistischer Sicht keine Chance auf eine gute Wiedergeburt haben: Den Soldaten können wir allenfalls unser Mitleid und unsere Sympathie schenken; sie haben doch sowieso schon das Wesen des Hierseins verloren und die Erleuchtung wird ihnen, folgt man dem achtfachen Pfad, nicht zuteil.
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