Buchmarkt Mittlere Bücher, mittlere Gefühle
Die aktuelle deutsche Literatur wird von Handwerkerinnen bestimmt, die selten Fehler machen. Vielleicht ist das ihr größter Fehler
Unsere großen Alten sind nicht mehr die Jüngsten. Grass und Walser und Lenz und Harig sind um die 80, und ihr Altersgenosse Kempowski, der unbestechliche Chronist des 20. Jahrhunderts, ist eben gestorben. Eine literarische Epoche neigt sich dem Ende zu.
Aber während die Generation der Kriegskinder langsam von der Bühne abtritt, hat die übernächste sie ganz entspannt betreten. Es sind die Enkel (meist die Enkelinnen), die mit schönem Enthusiasmus an jenem Stoff weiterweben, der schon immer der Anfang allen Schreibens war: die Erzählung vom Schicksal des Menschen. Diese Erzählung stiftet einen Zusammenhang selbst dort, wo keiner zu sein scheint, wo Gewalt und Sinnlosigkeit die Erinnerung bedrohen. Ein erzähltes Leben, selbst das mit unglücklichem Ausgang, ist immer noch tröstlicher als ein unerzähltes, vergessenes, verlorenes Leben, und es kann gut sein, dass viele Leser diese neuen Bücher gerade deshalb mögen. Man findet sie ja seit einiger Zeit auf den Bestsellerlisten, mitten unter den Amerikanern.
Der ewige Vorwurf an die deutschen Dichter, sie dächten so olympisch hoch, dass ihnen kaum jemand folgen könne, hat schon lange keinen Grund mehr. Die heute Dreißig- bis Vierzigjährigen schreiben immer verständlicher. Sie erzählen Familiengeschichten wie Julia Franck in der Mittagsfrau (sie hat dafür eben den Deutschen Buchpreis gewonnen), sie erzählen Liebesgeschichten wie Katja Lange-Müller in Böse Schafe oder Alltagsgeschichten wie Annette Pehnt in Mobbing, Geschichten also, die jeder Leser erlebt hat oder sich vorstellen könnte. Ihre Sprache ist zugänglich und frei von Zweifeln.
Die philosophische Frage nach der Triftigkeit und Wahrheit der Worte scheint die Enkel nicht in derselben Weise zu beschäftigen wie die Generation der Söhne, wie Peter Handke und Botho Strauß etwa, die immer, wenn sie erzählen, auch von den Bedingungen und der Geschichte des Erzählens erzählen. Oder wie Brigitte Kronauer und Martin Mosebach, bei denen die literarische Überlieferung immer mitklingt. In diesen Büchern sind die erzählte Geschichte und die Erzählung nicht identisch. Es gibt eine zweite Ebene. Das findet man in der neuen Verständlichkeitsprosa zu selten.
Unzweifelhaft sind Bücher, in denen unbefangen und frei heraus erzählt wird, allemal bekömmlicher. Aber nicht immer sind sie auch besser. Vielleicht muss man daran erinnern, dass wir Hölderlin oder Kafka oder Kleist nicht deshalb zu den Großen der Welt rechnen, weil sie uns das erzählen, was wir schon mal gehört haben, sondern weil ihre Literatur wahrhaft unerhört ist.
Wahrscheinlich hat es nie eine so große Zahl begabter und intelligenter junger Autoren gegeben wie heute. Die Verlagsprogramme in diesem Herbst, die Titel auf der Frankfurter Buchmesse geben Zeugnis davon. Wir haben in der deutschsprachigen Literatur, um es sportlich zu sagen, ein breites und starkes Mittelfeld, und das ist insofern eine gute Nachricht, als nur daraus Spitzenleistungen entstehen können. Wo aber sind die? Verständlichkeit allein ist kein literarisches Kriterium. Eine Gebrauchsanweisung in poetischer Sprache kann Unglück bringen. Ein literarischer Text in der Sprache einer Gebrauchsanweisung kann kein Glück bringen.
Die deutschen Verlage, das sollte ihnen niemand verübeln, suchen nicht das Glück, sondern zufriedene Leser und einträgliche Auflagen. Deshalb bevorzugen sie das mittlere Buch von mittlerer Länge, das von jenen mittleren Dingen berichtet, die uns vertraut sind. Aber die deutsche Literatur (und nicht nur sie) sprengte, wenn sie gelang, das Maß. Sie brachte das Unerhörte zu Gehör, sie suchte die blaue Blume, sie fand das Zauberwort. Und die Welt hob an zu singen. In Rüdiger Safranskis jüngstem Buch über die Romantik kann man nachlesen, wie sich in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts eine geistige Explosion ereignete, die alles zum Tanzen brachte. Die Texte der Romantiker waren keineswegs alle verständlich (zuweilen konnten die Autoren sich nicht einmal untereinander begreiflich machen), aber sie waren kühn und wollten nicht weniger als alles.
Wollen allein genügt bekanntlich nicht, und man muss den jüngeren Autoren in ihrer Mehrzahl zugutehalten, dass sie ihr Handwerk recht ordentlich beherrschen. Sie können erzählen, und das ist nicht wenig. Aber es ist nicht genug. Sie machen selten Fehler. Das könnte ein Fehler sein.
- Datum 11.10.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Worüber können wir schreiben, wenn alles schon einmal gedacht worden ist. Worüber, wenn nicht von dem Stoff, der „schon immer der Anfang allen Schreibens war: die Erzählung vom Schicksal des Menschen“ – Hölderlin, Kleist, Kafka haben nichts anderes getan. Ich erkenne schon den Unterschied (das Germanistik-Studium wird mich noch zu genüge damit konfrontieren), aber diese Bestandsaufnahme vom Mangel an tiefgründigen Sub-Ebenen bringt uns nicht weiter; nicht die Literatur, nicht das hiesige Forum, nicht manchen Schreiber wie mich selbst, der sich die Frage stellt: Wie kann ich den Rahmen des Erzählens sprengen und der Welt geben, was sie umtreibt und woran sie zehren kann?
Das Problem ist vielleicht erkannt, aber wo sind die Wurzeln?
Zuerst müssen wir realistisch bleiben. Hat denn die Lyrik im ausgehenden 18. Jahrhundert die blaue Blume besungen wie es der moderne Literaturanalyst tut? Hat ein Zauberwort ein etwaiges gehobenes Bildungsbürgertum von seinen literarischen Ketten entfesselt und sich darüber hinaus verbreitet? Hat es wirklich eine geistige Explosion gegeben, die alles und ALLE zum Tanzen brachte? Schön ist der Gedanke, aber illusorisch.
Vielleicht erkennen in zwei Generationen unsere Nachfahren einen Gehalt in unserer Literatur, der uns heute so nicht ersichtlich ist. Vielleicht sind unsere Larifari-Zeilen die einzige Möglichkeit, dem Homo Oeconomicus ein Stück Menschsein zurückzugeben, indem er zumindest davon liest, welche Probleme unsere Gesellschaft eigentlich haben sollte. An einem sonnigen Feierabend wird beizeiten ein Szenario durch deutsche Wohnzimmer kursieren, wie er nämlich die gedruckte Faselei entrüstet im Altpapier versenken lässt – mit Besinnung auf das, was wirklich wichtig ist. Er wird das Rad neu erfinden, sich in irgendeiner postmodernen Form noch einmal sündig machen und auf geistige wie sprachliche Höhenflüge begeben.
Wahrscheinlich ist der (literarische) Mensch eben genau so ein Ikarus, der sich auf langen Kondratjiew-Wellen mal auf, mal ab bewegt.
Aber Sorge braucht die Literaturlandschaft! Wie sollte sie anders vorankommen als dadurch, kritisiert zu werden. Die vorwurfsvolle Charakterisierung dieser besagten Landschaft, durch obenstehenden Artikel und mich selbst, bündelt sich hierin: Fantasie-Welten, Bücher mit Vollidiot-ischen Titeln und ganz viel Alltagswelt. Ich will hier einen Punkt setzen – weniger hinter, als vielmehr erst am Beginn eines zu weiten Feldes, das zu überblicken und kritisieren ich mir nicht herausnehmen kann.
Das Punkt-Zeichen aber nicht ohne Ausruf: Es lebe die Lyrik!
welk
Lieber Herr Greiner, Sie meinen es ja wirklich gut mit der Literatur. Ganz neu sind Ihre Erkenntnisse freilich nicht. Aber Sie haben zweifellos recht, dass man es nicht oft genug sagen kann.
Die Frage ist: WEM sagen Sie das? Den Verlagen, den Kritikern? Die haben, in ostentativer Abwehr der "unverständlichen 70er und 80er Jahre" ziemlich genau seit der Wiedervereinigung eine konzertierte Aktion für das Ansehen der dt. Literatur im Ausland beschlossen, vulgo auf dem anglophonen Markt. Das neue Deutschland, so die Vorgabe, müsse sich wieder als Kulturnation weltwelt darstellen - und das heisst eben auch: präsent sein, mitmischen in London, New York und Tokyo, wo die grossen Märkte sind. Dort soll man auch wieder "deutsche" Namen aussprechen: Schulze und Franck zum Beispiel.
Daher die Sehnsucht nach "Übersetzbarkeit", nach international verständlichem Erzählen, griffigen Formeln. Nach dem, was Don DeLillo einmal "Fahrstuhlmusik" nannte. Es gibt einen einträglichen Zusammenhang zwischen dieser Promotion-Literatur und den zeitweiligen Anstrengungen Deutschlands nach einem Sitz im UN-Sicherheitsrat. Oder auch der Inflation der Kunstbiennalen in aller Welt.
Kultur und Werbung, in der Nachkriegszeit bei uns "sträflich" getrennte Bereiche, sind längst im neumodernen "Mainstreaming" wieder zusammengerückt, was manche, wie der Börsenverein, nun als "Chance für Kultur/Literatur" vekaufen wollen (vgl hierzu Beat Wyss' alt-junges Buch "Die Welt als T-Shirt".) Franck und Co. sind in diesem Werbe-Sinn die neuen Staatsliteraten, mit allen Privilegien, die ein solcher Job nomalerweise eben garantiert. Ein alter Topos, und man mag staunen, dass Autoren sich dafür immer noch hergeben und das Verlage und Kritik (mit Ausnahmen) dabei an einem Strang ziehen.
Aber Sie sehen ja: ganz unüblich ist das ja nun auch wieder nicht. Sie fühlen sich halt bestätigt, alle miteinander. Es ist ein gezieltes Vorgehen, eine Marginalisierung von Qualität, die letztlich der Kontrolle dient, und der Aubildung einer politischen Ikonographie, einer neuen Staatsliteratur, die den Menschen buchstäblich vorschreibt, wie sie denken und fühlen sollen, die Projktionn unhinterfragt betätigt und so auch einordnet, welche Gedanken, Zweifel und Gefühle sich Leser ausserhalb ihres "Hoizontes" besser nicht machen sollen, wenn sie noch weiterhin an der Gesellschaft teilnehmen und für sie verfügbar sein wollen. Allen anderen droht der "sanfte", aber bestimmte Ausschluss.
Und selbst wenn es mehr wirklich grosse AutorInnen gäbe (M. Walser, Grass und Kempowski zähle ich nicht in diesen radikalen Kreis neben Hölderlin und Kleist, den Sie aufmachen): Sie listen ja die Schicksale selber auf. Robert Walser, Hermann Lenz, Kronauer "und Co." hätten als JungautorInnen heute vermutlich nicht einmal einen Verlag. Zur Grösse gehört anscheinend irgendwie das Fiasko (Ausnahmen wie Handkes Erfolge bestätigen die Regel) und natürlich vor allem der sehr weitgehende Widerstand, der sich eben nicht gleich kulturpolitisch wohlfeil vereinnahmen lässt. Da helfen auch keine Buchpreise und "Stiftung Lesen" und alle anderen wohlmeinend aufklärerischen Bemühungen unserer selbstermächtigten Buchmessen-Lese-Hirten um die willige Schafherde der sogenannten "Leser".
Julien Gracq, ein anderer sehr unbekannter Grosser, schrieb vor vielen Jahren diesen lustigen Satz: "Literatur: völliger Wahnsinn, das Beste von einem selbst in eine Kunst zu investieren, deren Medium, die Sprache, dem Gebrauch ausgeliefert ist, den Jahr für Jahr Millionen Analphabeten von ihm machen."
Aber es geht dabei ja nicht nur um blosse "Kompetenz". Es geht auch um den neuen Totalitarismus des Mittelmasses. Man traut sich eben wieder, "ein ganz normales Land" zu sein (M. Walser).
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren