Kumulative Dissertation : Doktor auf Raten

Bislang führte eine große wissenschaftliche Arbeit zum begehrten Titel. Doch mehr und mehr junge Forscher promovieren mit einer Sammlung von Aufsätzen

Aus Florian Krick wurde vor wenigen Wochen Dr. Florian Krick – zwei zusätzliche Buchstaben, die den 29-Jährigen viel Arbeit gekostet haben. Fast drei Jahre beschäftigte er sich mit seiner Doktorarbeit zu Evaluation und Qualität im Sportunterricht, jetzt steht sie fertig gebunden im Regal, und Krick kann sich entspannt zurücklehnen. Nicht nur, weil das Großprojekt endlich abgeschlossen ist, sondern auch, weil er weiß: Seine Doktorarbeit wird nicht – wie so viele andere – in der hintersten Ecke einer Uni-Bibliothek verstauben, sondern von den Fachkollegen gelesen werden. Florian Krick hat keine herkömmliche Doktorarbeit angefertigt: Er hat »kumulativ promoviert«, als erster Promovend der Sportwissenschaften an der Uni Frankfurt am Main.

Seine Fakultät erlaubt diese neue Form der Promotion erst seit einem halben Jahr. Drei Einzelaufsätze reichte Krick hierzu als Doktorarbeit ein, alle zu dem gleichen übergeordneten Thema. Die gegenseitigen Bezüge der Arbeiten musste er zusätzlich in einer kurzen Rahmenschrift erläutern. Das Besondere: Zwei der Aufsätze hatte er bereits in Fachzeitschriften veröffentlicht, einen weiteren zur Veröffentlichung eingereicht. Im Zusammenhang mit der herkömmlichen Form der Promotion, einer Monografie, wäre das unmöglich gewesen, denn diese muss neue, noch unveröffentlichte Erkenntnisse enthalten.

Mehrere Jahre schreiben Doktoranden mitunter an solch einer klassischen Promotionsschrift, dem »Opus Magnum«. Am Ende kann sie einige hundert Seiten umfassen. »Doch wie viele Leute lesen so was, abgesehen vom Doktorvater und den Gutachtern?«, fragte sich Florian Krick damals. Ist das Werk erst einmal abgeschlossen, muss es zwar in geringer Auflage und auf eigene Kosten in einem Verlag veröffentlicht werden – aber an anderen Forschern geht das oft unbemerkt vorüber.

Die wissenschaftliche Kommunikation läuft fast ausschließlich über Aufsätze und Forschungsberichte in Fachzeitschriften. Für Florian Krick hat es sich gelohnt, dort schon früh Schriften zu veröffentlichen. Aufgrund seiner ersten Publikationen sei er als Doktorand mehrfach zu Kongressen eingeladen worden, um seine Arbeit vorzustellen, sagt er. Eine Monografie jedoch hätte er in einer sehr renommierten Verlagsreihe veröffentlichen müssen, damit sie in ähnlicher Weise von anderen Forschern rezipiert worden wäre.

Das Renommee eines Wissenschaftlers misst sich heutzutage vor allem an der Länge seiner Publikationsliste. Wer hier früh punktet, hat im weiteren Verlauf seiner Karriere bessere Karten. Das Anfertigen einer herkömmlichen Promotionsschrift jedoch könne die spätere Publikation des Inhalts in Fachzeitschriften verzögern, befürchtet eine Expertenkommission, die sich dafür einsetzt, dass die deutsche Forschung im Fach Psychologie internationaler wird.

Leiter der Kommission ist Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Auch viele Senior-Forscher aus anderen Fächern, die selbst noch eine klassische Doktorarbeit geschrieben haben, plädieren daher inzwischen für ein publikationsorientiertes Vorgehen, idealerweise mit Veröffentlichungen in englischsprachigen Fachzeitschriften.

Die Veröffentlichung mehrerer kleiner Artikel in Fachzeitschriften – das klingt übersichtlich und einfach. Doch längst nicht jeder Artikel, der bei dem Herausgeber einer Zeitschrift eingeht, wird auch gedruckt. Erst muss er ein komplexes Gutachterverfahren, die sogenannte Peer-Review, durchlaufen, dessen Mühlen oftmals langsam mahlen. In der Regel sind nach der Begutachtung eines Artikels Nachbesserungen oder grundlegende Überarbeitungen notwendig; wenn er nicht sogar abgelehnt wird und der Autor sein Glück bei einer anderen Zeitschrift suchen muss. Bei einer solchen Prozedur kann die Zeitplanung eines Doktoranden kräftig ins Wanken kommen.

Kommentare

3 Kommentare
Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Der Kommentarbereich dieses Artikels ist geschlossen. Wir bitten um Ihr Verständnis.