Parteisekretär Luo Yimin trägt ein weißes Hemd mit offenem Kragen. Er ist ein großer, kräftiger Mann mit strahlendem Lächeln. Ein Politikertyp, 55 Jahre alt, der jedem sofort die Hände schüttelt. Er steht im Empfangssaal seines neuen Rathauses. Drei Bilder sind hier zu sehen, eine Dorfszene aus dem alten China hält die Tradition wach, ein Feuerwerk über der Skyline seiner Stadt Nantong illustriert den ungebremsten Wachstumsglauben der Partei. Zur Linken des Parteisekretärs aber steht eine grüne Fotowand mit dem neuen botanischen Garten von Nantong. In diesen Garten will er den Reporter jetzt führen. Er will demonstrieren, wie chinesische Kommunisten heute Umweltpolitik machen.

Zum ersten Mal hat er einen ausländischen Journalisten zu einem parteiinternen Treffen geladen. Gewöhnlich ist ein solcher Blick in die Kulissen der KP-Herrschaft untersagt. Propagandawelt und Parteialltag sind in China meist streng getrennt. Doch Luo hat nichts zu verstecken. Auch jetzt nicht, wenige Tage bevor in Peking der 17. Parteitag beginnt. Normalerweise ist das die Zeit, in der Chinas Kommunisten in tiefes Schweigen verfallen, weil sie auf die neuen Direktiven des Parteitags warten. Wer schon vorher den Mund aufmacht, bekommt hinterher oft Schwierigkeiten. Aber Luo macht sich keine Gedanken. Der Reporter solle ruhig im Pekinger Politbüro nachfragen, was die Herren dort von Nantong hielten, rät er. »Die wissen, was sie an uns haben.«

Luo regiert den prosperierenden Verwaltungsbezirk Nantong nördlich von Shanghai. Der Bezirk zählt acht Millionen Einwohner. Nantong hat einen riesigen Containerhafen, die Schiffswerften hier sind die modernsten des Landes. Das Rathaus der Stadt ist größer als das Berliner Bundeskanzleramt.

Doch das ist es alles nicht, was Luo zeigen will. Er lässt den Reporter in den Stadtbezirk Baihua führen. Baihua besteht aus heruntergekommenen Hochhaussiedlungen sowie einem riesigen, rauchenden Industriegebiet. Baihua bedeutet »hundert Blüten«. Der Fluss, der durch die Wohnanlagen fließt, sei früher schwarz gewesen, sagen die Anwohner vom kommunistischen Straßenkomitee. Kein Lebewesen hätte sich mehr im Wasser gerührt, sagen sie und zeigen auf ihren Fluss: Er ist heute grün, und man kann in ihm Fische schwimmen sehen. Am Ufer steht ein Junge mit einem gelben Netz und angelt. »Die alte Stahlseilfabrik ist umgezogen, und die anderen Fabriken filtern jetzt ihr Abwasser«, erklären die Anwohner. Sie sagen aber auch, dass durch den Umzug der Fabrik tausend Arbeitsplätze verloren gegangen seien. Es bleibt unklar, ob sie sich nun über den sauberen Fluss freuen oder eher den Verlust der Arbeitsplätze beklagen.

Klar ist nur, wie Parteisekretär Luo die Lage sieht. »Keiner kann sich mit uns vergleichen«, sagt er. Das sei eben das »Nantong-Phänomen«, von dem die Partei jetzt rede: grüne Flüsse mit Fischen darin. Was daran so außergewöhnlich ist: 80 Prozent der chinesischen Flüsse sind heute tote Flüsse. Die Umweltkrise ist in China längst eine Systemkrise. Ihre Folgekosten belaufen sich auf zehn Prozent des Bruttosozialprodukts, sagt das Pekinger Umweltministerium. Ob die sehr hohe Zahl stimmt, weiß man nicht. Aber sie gibt das entscheidende politische Signal: Die Umweltkosten liegen so hoch wie das Wirtschaftswachstum. Sie sind also genauso wichtig.

Chinas neue urbane Mittelschichten verlangen nach sauberer Luft in den versmogten Städten. 650000 Chinesen sterben jährlich laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation an den Folgen der Luftverschmutzung. Die bäuerliche Bevölkerungsmehrheit verlangt sauberes Trinkwasser. 95000 Chinesen sterben jährlich an verunreinigtem Trinkwasser. Die Partei versteht die Nöte, denn damit hat sie Erfahrung: Früher waren es 400 Millionen, die hungerten. Heute sind es 300 Millionen, die verschmutztes Wasser trinken. Grundbedürfnisse befriedigen: Das war immer kommunistische Politik. Das hat aus Sicht der Partei nichts mit Demokratie zu tun. Nur braucht es diesmal eine neue Lösung. Wachstum allein reicht nicht mehr. In Peking hat die Parteiführung deshalb den Kurs geändert. Nachhaltigkeit soll Vorrang vor Wachstum haben. Parteichef Hu Jintao sagt: »Für eine gesunde und schnelle Entwicklung der Nationalökonomie ist es das Wichtigste, bedeutende und neue Fortschritte bei der Veränderung der ökonomischen Entwicklungsweise zu erzielen.« Mit dieser Vorgabe will der Parteichef China von der Entwicklungs- in die Ökodiktatur führen. Das Versprechen der KP, China von Hunger und größter Armut zu befreien, ist eingelöst. Jetzt soll die Partei ihren Bürgern eine saubere Umwelt versprechen. Der 17. Parteitag wird Hus Kurs absegnen. Und Luo wird als einer von 2217 Delegierten für den Rechenschaftsbericht seines Parteichefs stimmen.

Luos Stimme ist für die Partei nicht unwichtig. Im Grunde ist die Ökopriorität in der Partei noch längst kein Konsens. China wird in diesem Jahr zwar Deutschland als drittgrößte Wirtschaftsmacht ablösen, aber der durchschnittliche Monatslohn liegt nur bei 120 Euro. Trotz Smoghusten und verschmutztem Trinkwasser – wer von den vielen Menschen, die reich werden wollen, denkt mit so wenig Geld zuerst an die Umwelt? Dennoch hat das Land kaum eine andere Wahl. Und die Partei muss den ökologischen Kollaps verhindern, um selbst zu überleben. In der Provinz dagegen wird nicht selten gegen Peking rebelliert. Umweltvorschriften werden missachtet, Flüsse weiter verdreckt, die Korruption blüht. © Gisela Breuer/ZEIT GRAFIK BILD