Orchideenfächer Die guten Manager

Diesen Satz kann Heinz Schmidt auswendig, so oft muss er ihn wiederholen: »Was wir machen, ist eine Mischung aus Ethik und Management«, sagt er, wenn ihn jemand nach seinem Beruf fragt. Der 64-Jährige ist in Heidelberg Professor für Diakoniewissenschaft ein klassisches Orchideenfach. Nur 40 bis 80 Studenten sind gleichzeitig in der Disziplin eingeschrieben.

Ein einfacher Job ist es nicht, der auf die Diakoniewissenschaftler wartet. Seelsorger müssen sie sein und gleichzeitig Manager, Juristen und Pädagogen. Wegen des starken kirchlichen Bezugs ist das Fach zweigeteilt: Diakoniewissenschaft heißt es bei den Protestanten, Caritaswissenschaft bei den Katholiken. Der Inhalt ist trotz der unterschiedlichen Verpackung weitgehend identisch. Die Entwicklung des Fachs begann in den fünfziger Jahren. » Damals ist der Sozialstaat aufgebaut worden. Das hat in vielen Branchen einen Professionalisierungsschub ausgelöst, von der Altenpflege bis hin zur Heilpädagogik«, sagt Schmidt. Um ausreichend Führungskräfte auszubilden, wurde die Diakoniewissenschaft gegründet. Die meisten Absolventen finden Arbeit in den Diakonischen Werken, bei der Caritas und in anderen sozialen Trägerverbänden.

»Wer ein Altenheim leitet oder einen Kindergarten, braucht andere Fähigkeiten als ein Manager in der freien Wirtschaft«, so Schmidt.

Nicht nur auf Ziffern, Bilanzen und Paragrafen kommt es an, sondern auf das Wissen um ethisches Handeln und theologische Hintergründe. Das Studium besteht deshalb aus mehreren Blöcken, in denen Bibelkenntnisse mit Managementfertigkeiten kombiniert werden. Praktika in diakonischen Einrichtungen gehören zum Pflichtprogramm für alle Studenten.

Auf den Praxisbezug sind die Diakoniewissenschaftler stolz. Vor allem die kirchlichen Fachhochschulen, die für das Fach die meisten Studienplätze anbieten, sind eng mit den örtlichen Altenheimen, Kindergärten und Krankenhäusern vernetzt. Mit einer klassischen Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger ist das Studium allerdings nicht zu verwechseln: Die Absolventen arbeiten meistens auf der Leitungsebene. » Gerade in der Sozialbranche ist es aber wichtig zu wissen, wie der Alltag aussieht und welche Probleme die Patienten und die Mitarbeiter haben«, sagt Diakoniewissenschaftler Schmidt.

Er hat beobachtet, dass es häufig Quereinsteiger sind, die sich für das Fach entscheiden. Viele sind angehende Pfarrer, die sich auf die Gemeindearbeit vorbereiten wollen, aber auch Betriebswirte, die mit einem Spezialfach ihre Jobchancen verbessern wollen. Eine Führungposition in der Sozialbranche klingt für viele verlockend. Ganz so einfach ist es aber nicht: »Wer Diakoniewissenschaft studieren will, braucht eine große Affinität zum sozialen Bereich«, sagt Klemens Dittberner, der gerade seine Abschlussarbeit schreibt. » Für Karrieristen ist das Fach nicht geeignet, man muss mit Herzblut dabei sein.« Der 27-Jährige hat schon während des Zivildienstes im Altenheim seine Entscheidung für die Diakoniewissenschaft getroffen. An der Uni belegte er Theologievorlesungen, dann nahm er die Diakoniewissenschaft als Schwerpunkt dazu. » Ich sehe die Chance, mit dem christlichen Glauben gezielt zu arbeiten und Gutes zu tun.« Um seine erste Stelle muss sich Dittberner keine Sorgen machen: Seine Vorgänger aus dem Heidelberger Studiengang sind allesamt gut untergekommen.

Orchideenfächer

Als Orchideenfächer werden Studiengänge bezeichnet, die sich auf Nischen konzentrieren und nur wenige Studienplätze anbieten. Schon die Namen klingen oft exotisch: Ägyptologie, Sorabistik, Altgriechisch oder Russistik. Viele der Studenten sind mit großer Leidenschaft dabei. Sie müssen sich aber früh auf dem Arbeitsmarkt orientieren, damit sie später eine Stelle finden. Seit der Einführung von Bachelor und Master entstanden eine Reihe neuer Spezialdisziplinen. An einen Maschinenbau-Bachelor etwa lässt sich jetzt ein Master in Solartechnik oder Windenergie anschließen. Oder Virtual Design: Wer sein Studium mit Architektur angefangen hat, kann sich in seinem Master auf den Entwurf von Computeranimationen spezialisieren.

 
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